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Festival in Corona-Zeiten

"Wir fordern Gemütlichkeit"

Festival in Corona-Zeiten: "Wir fordern Gemütlichkeit"
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 Fotos: Jens Volle und Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Ein Jahr lang haben fünf Stuttgarter Kulturinstitutionen das Festival "Die irritierte Stadt" vorbereitet: 25 Projekte zum Mitmachen erobern den öffentlichen Raum. Die Corona-Auflagen machten das Konzept fast zunichte. Und doch gibt es großartige Momente.

"Die Künste gehen den Dialog mit der Stadtgesellschaft ein", heißt es in der Ankündigung des Festivals "Die irritierte Stadt", sie "begeben sich hinaus in den Stadtraum und entwickeln Perspektiven für ein Zusammenleben in der Stadt." Im Gespräch zwischen Martina Grohmann und Christine Fischer, den Intendantinnen des Theater Rampe und des Veranstalters Musik der Jahrhunderte, entstand vor einem Jahr die Idee. Die Rampe war gerade mit einem Bauwagen auf den Marienplatz gezogen. Musik der Jahrhunderte, bekannt für das Neue-Musik-Festival "Eclat", hatte beschlossen, sein zweites Festival "Der Sommer in Stuttgart" einzustellen. Warum nicht etwas Neues, zusammen?

Dann kamen noch die Freie Tanz- und Theaterszene und das Produktionszentrum Tanz und Performance dazu, die mit dem Tanzpakt Stadt-Land-Bund auch noch den Hauptförderer an Land zogen, und schließlich die Akademie Schloss Solitude. Auf eine Ausschreibung reichten Künstler*innen aus aller Herren Länder 160 Projekte ein, von denen eine Jury 25 auswählte.

"Lassen Sie sich anstecken vom Virus der Kunst", hieß es bei der Eröffnung. Das Ordnungsamt schien dies allzu wörtlich genommen zu haben. Während auf dem Schlossplatz, auf der Königstraße, in Biergärten und Straßencafés die Menschen wieder die Nasen zusammenstecken wie eh und je, darf die Kunst dort nicht hin. Der überwiegende Teil des Programms hat nicht ein offenes Zufallspublikum im Stadtraum erreicht, sondern nur angemeldete Gäste, in begrenzter Zahl.

Moderatorin mit Maskenkopf

"Circles" etwa, eine Choreographie des Komponisten Amir Shpilman für die gesamte Stadt, soll nun erst "in der nach-pandemischen Zeit ab Sommer 2021" stattfinden. Zu erleben war nur eine abgespeckte Version bei der Eröffnung im Saal, ohne Chöre, mit Stimmen und Flötentönen vom Band. Spiralförmig über Distanzen von 1,50 Meter wanderten die Bewegungen durch die Menge nach außen.

Auch die PPNews, ein politisches Puppentheater, hätte an wechselnden Orten stattfinden sollen und blieb nun auf den Vorplatz des Theaterhauses angewiesen. Immerhin muss sich die "Armada of Arts", die bisher vor allem im Raum Dresden gesichtet wurde, vorab im Stadtraum umgesehen haben. Denn die rätselhaften, sehr treffenden Plakate zu den Themen Sicherheit, Rassismus und Migrationshintergrund, über die Kontext in der vergangenen Woche berichtet hat, tauchten auch in der fiktiven Nachrichtensendung wieder auf.

Stuttgart gelte als die drittsicherste Stadt Deutschlands, sagt die mit französischem Akzent sprechende Moderatorin mit ihrem sehr gelungenen großen Maskenkopf. Aber es seien ja nur "kleine weiße Maden", die befragt würden: "Wer sich auf Rumänisch unterhält, muss weg." Undurchdringlich bleibt eine weiße Mauer für einen gesichtslosen, grauen Akteur mit Strumpf über dem Kopf. Bis die Moderatorin am Ende einen Wutanfall bekommt und die papierne Mauer zerfetzt.

Menschliche Nacktschnecken kriechen über den Platz vor dem Theaterhaus. Im Saal Politik: Es spricht die Vorsitzende des Vereins Ndwenga und des Forum Afrikanum, Cathy Nzimbu Mpanu-Mpanu-Plato, Mitglied der Frauen Union. Sachlich referiert sie über die Situation im Osten der Demokratischen Republik Kongo, wo unter gröbsten Menschenrechtsverstößen ein Großteil der für unsere digitale Welt notwendigen Rohstoffe abgebaut werden.

Die Komponistin Meike Katrin Stein veranstaltet mit vier Perkussionist*innen und einem teilweise gehörlosen Chor ein "Stadt:Beben". Es gibt eine Vorschau auf das Stück "Am Anfang" von Marc Sinan, das am folgenden Tag aufgeführt wird, mit etwas wacklig zugeschaltetem Trio aus Bamako. Und am Ende des Abends im Hof die "Belles de nuit": ältere Damen im Flamingokostüm von Justyna Koeke, die sich "unbeschreiblich weiblich" fühlen und sich nicht auf vorgegebene Seniorinnen-Rollen festlegen lassen wollen.

Das ist alles nicht schlecht, aber doch nicht das, was es sein sollte. Auftritte im Stadtraum müssen gröber ausfallen, Aufmerksamkeit erregen, den Lärm übertönen. Dafür haben die Künstler ihre Projekte entworfen, nicht für ein andächtig lauschendes Publikum. Abstand, lange Zeiten beim Platzanweisen, Mundschutz, der halb leere Saal: das alles schafft eine Lücke zwischen Aufführenden und Publikum, die sich nur schwer überbrücken lässt.

Ohne die wenigen Projekte, die dennoch im öffentlichen Raum stattfanden, wäre vom Festival-Konzept kaum mehr als ein schwacher Abglanz geblieben. Oft sind es nur kleinere Interventionen mit wenig Publikum wie die Aktion von Sylvia Winkler und Stephan Köperl, die mit einer Einladung zum Rauchen der Manipulierung der Feinstaub-Messwerte am Neckartor durch Feinstaub-Kleber, Mooswände und Ähnliches entgegenwirken wollten.

Sechs kleine Aktionen hat sich ein Stipendiaten-Quartett der Akademie Schloss Solitude ausgedacht. Aber zum "Slow Walk" am Freitag um 10 Uhr hat nur eine der Angemeldeten rechtzeitig aus dem Bett gefunden. Im Zeitlupentempo bewegt sich eine Gruppe von sechs Personen 40 Minuten lang um einen kleinen Block am Weilimdorfer Löwen-Markt, ganz auf sich selbst konzentriert. Eine sehr erholsame Übung, wenn es gelingt, die ununterbrochenen Fahrzeuggeräusche und die eilig vorbeihastenden Menschen auszublenden.

Der eigentliche Höhepunkt aber ereignet sich 24 Stunden lang ausgerechnet im Europaviertel. "Wir haben uns für euren Standort entschieden", erklärt eine Stimme aus dem Radiogerät, "nachdem wir auf der Karte die größte Graustelle gesucht haben." Das Quartier hinter der Landesbank, ehemals Güterbahnhof, ist unwirtlich, eine Betonwüste. Ein quadratisches Holzgestell, eine tapezierte Raumecke und weitere Stationen säumen die Strecke vom Pariser Platz bis zur Stadtbahnhaltestelle Budapester Platz.

Betongemütlichkeit am Pariser Platz

"Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?", fragt die Stimme im Radio. Da naht eine Gruppe verrückt gekleideter Menschen mit rosa Kisten: ein junger Mann mit bunter Kittelschürze, eine Asiatin im hellgrünen Kimono mit Baseball-Cap, eine andere Frau mit geschuppter rosa Bademütze. "Wir finden eure Umgebung eher bescheiden", deklariert die Frauenstimme im Radio, "und verstehen auch nichts von euren Geschäften."

"Die Mieten liegen hier bei ungefähr 15,35 Euro pro Quadratmeter", fährt sie fort. Inzwischen hat der kleine Trupp begonnen, Duschvorhänge an dem Holzgestell aufzuhängen. "Wir würden dann heute bei euch einziehen", plaudert die Radiostimme nonchalant weiter. "Lasst euch gar nicht stören! Ist o.k., wenn wir ein paar Apfelbäumchen pflanzen?"

"Betongemütlichkeit" heißt das Stück von Anaïs D. Mauptit und Rafael Ossami Saidy, die beide bereits im vergangenen Jahr an Schorsch Kameruns Projekt "Motor City Super Stuttgart" in der Tiefbahnhofs-Baugrube als Regieassistenten mitgewirkt haben. Wer dazugehört und wer nicht, lässt sich nicht so leicht unterscheiden, denn nicht alle sind extravagant gekleidet und neben den Büromenschen in Anzug und Krawatte sind auch Besucher der Stadtbibliothek unterwegs.

"Wir hoffen es ist okay, dass unsere Fragen reine Höflichkeitsfragen sind", redet die Radiostimme weiter. "Wir sind ja schon da." Auf dem Pariser Platz werden Teppiche ausgerollt, Kleiderständer und Sonnenschirme aufgestellt. Einige Büromenschen machen am Rand Mittagspause, ohne sich um das muntere Treiben zu kümmern. Im Radio ist jetzt ein Korrespondent zugeschaltet: "Genau, die bleiben auf der Straße", berichtet er, "die nehmen sich einfach den Raum. Es gibt Möbel, es gibt Sofas."

Demo mit Schirmen und komischen Hüten

"Wir würden dann jetzt für immer bleiben", wagt sich die Radiostimme noch ein Stück vor. "Ihr könnt ja einfach dazukommen, wenn ihr Zeit habt." An der oberen Ecke des Platzes lesen Beteiligte wechselnd aus Richard Sennetts "Verlust und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität". "Boah, ist das trocken", bemerkt eine der Vorlesenden nach wenigen Sätzen. Die Windgeräusche sind stark im Live-Stream zu hören, der Ton kommt verzögert. Der Plan ist zu übernachten, "und wenn wir morgen aufwachen, werden wir uns eine neue Welt herbeigeträumt haben." Stuttgart als autofreie Zone.

Später abends unterhalten sich ein Mann und eine Frau über ihre Großväter. Seiner hat Dixieland und 100 Instrumente gespielt, ihrer in der Zeit nach 1968 einen Kinderladen mitgegründet. "Ich bin an meinem zweiten oder dritten Pils", gibt ein anderer Teilnehmer bekannt, "und das ist tatsächlich ein Selbstversuch, inwieweit ich es dann tatsächlich bis morgen Mittag schaffe."

Am Samstagvormittag um elf versucht ein reichlich müder Vorleser vergeblich, den Sennett zu Ende zu bringen. Mit einem herzhaften Gähnen gibt er auf. Allmählich packen alle ihre Sachen zusammen. Mit einem Transparent, Flugblätter in die Luft werfend, ziehen sie ab in Richtung Bahnhof. "Ich bin jetzt zugeschaltet vom Pariser Platz", quasselt der Korrespondent im Radio, "eine Art Demonstration findet statt, mit Schirmen, komischen Hüten. Ich weiß nicht, welcher politischen Organisation die Menschen angehören." Schließlich fragt er eine Teilnehmerin. "Wir fordern Gemütlichkeit", antwortet sie.


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