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Erinnerungskultur

Gerda Taro: Eine aus Stuttgart

Erinnerungskultur: Gerda Taro: Eine aus Stuttgart
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Ein Spaziergänger ist kein Forschungsreisender, nur ein vom Zufall gesteuerter Aufschnapper und Restesammler. Irgendwo an der Straße ist was für ihn übriggeblieben. Sichtbar, existent.

Seit einiger Zeit wohne ich im Süden der Stadt, nur ein paar Schritte entfernt von der Alexanderstraße 170 A. Diese Adresse habe ich schon öfter aufgesucht. Auf dem Weg dorthin schaue ich am Haus Nummer 156 die Fassade hoch und lese: erbaut 1907. Siehst du, Streuner, sage ich mir, dieses Haus stand hier schon, als die Frau, auf deren Spuren du wieder bist, geboren wurde. Und es steht noch immer.

Am Haus Nummer 170 A gehe ich durch ein eisernes Tor und eine Treppe hinunter. Im Hinterhof kann ich durch ein gekipptes Fenster eine Frau sehen, ich rufe: Guten Tag, ich bin doch hier richtig bei 170 A? Wissen Sie ein wenig über dieses Haus? Ja, sagt die Frau, hier hat Frau Taro gewohnt. Treffer. Als ich vor ein paar Jahren da war, wusste niemand etwas von einer Frau Taro.

In einer kleinen Stadt findest du immer was vor deiner Haustür. 1989, fünfzig Jahre nach Georg Elsers Hitler-Attentat im Münchner Bürgerbräukeller, fuhr ich für eine Reportage nach Königsbronn, wo der schwäbische Widerstandskämpfer lebte, bevor er Hitler töten wollte, um den Krieg zu verhindern. Dreißig Jahre später, als ich im Stuttgarter Westen wohnte, traf ich den ehemaligen Kriminalpolizisten Michael Kühner, der privat die Nazi-Verbrechen seiner Vorgänger erforschte. Er erzählte mir, dass er in meiner Nachbarschaft aufgewachsen sei, in der Lerchenstraße 52. Mit seinen Eltern wohnte er im selben Haus wie die Familie seines Schulfreunds Karl-Heinz Hirth.

Wer die Mutter seines Kameraden Karl-Heinz war, erfuhr er erst 2007 beim Blättern in einem Buch: Maria Hirth, Georgs Elsers Schwester, verheiratet mit dem Metzger Karl Heinz Hirth. Der Name Georg Elser war jahrzehntelang tabu, überall.

Als Kühner 2007 von der Geschichte der Hirths erfuhr, reiste ich als Tourist nach New York, im Portemonnaie einen aus dem "Spiegel" gerissenen Hinweis auf eine Ausstellung von Arbeiten des berühmtesten Kriegsfotografen der Welt: "This Is War! Robert Capa at Work". Als ich im International Center of Photography ankam, sah ich zunächst keine Capa-Bilder, nur Fotos von einer gewissen Gerda Taro – "born in Stuttgart". Im Museum fand ich ein Buch über sie in deutscher Sprache, geschrieben von Irme Schaber. Sie hatte die NY-Schau mitkuratiert – und lebt in Schorndorf.

Beim Herumgehen, da bin ich mir sicher, schrumpft die Welt. Der Spaziergänger geht irgendwo hin, und dann ist da was, weil da was war.

19 Jahre lang ist Gerda Taro, geboren am 1. August 1910, unter ihrem ursprünglichen Namen Gerta Pohorylle in der Alexanderstraße zu Hause. Dann zieht sie mit ihrer jüdischen Familie nach Leipzig und muss schon bald vor den Nazis ins Exil fliehen. In Paris begegnet sie dem ungarischen Fotografen Andrei Friedmann. Ihren neuen Lebenspartner tauft sie in Robert Capa um, sich selbst in Gerda Taro. Im Juli 1937 kommt sie als Kriegsfotografin bei der Arbeit im Spanischen Bürgerkrieg ums Leben. Die erste Reporterin, die in einem Krieg fällt. Ihre gesamte Familie wird später im Holocaust ermordet.

Bis 2007 wusste man in Stuttgart von Gerda Taro so viel wie der Polizist Kühner von der Familie Hirth. Das hat etwas mit unserer so viel gerühmten "Erinnerungskultur" zu tun. Was für hartnäckige Prozesse waren es, den Widerstandskämpfer Georg Elser und die antifaschistische Fotokünstlerin Gerda Taro halbwegs aus den Tiefen des Verdrängens und Vertuschens zu befreien. Und meist ist die offizielle Erinnerungskultur nur ein Blick zurück, als wolle man ablenken von der Realität des deutschen Faschismus und der Erkenntnis, dass Geschichte immer auch Gegenwart ist. Erst 1999 widmete die Stadt dem 1945 im KZ Dachau ermordeten Georg Elser eine abgelegene Staffel. 2008 wurde an der Hohenheimer Straße nach einem Antrag des damaligen Grünen-Stadtrats Michael Kienzle hastig eine Hundeklo-Wiese als Gerda-Taro-Platz eröffnet. Die Alexanderstraße führt zu diesem Ort, 2014 wurde er neu und respektabel gestaltet.

Irme Schaber und ich gingen schon Ende 2007 mit dem Thema Gerda Taro in der Stadt regelrecht hausieren – unterstützt übrigens von dem heutigen "Jazz Open"-Chef Jürgen Schlensog, der in einer meiner Flaneursalon-Shows von der Sache erfahren hatte. Trotz der New Yorker Schau und der großen internationalen Resonanz stießen wir auf politische Interessenlosigkeit und Arroganz, bis sich das Kunstmuseum entschloss, die Taro-Ausstellung aus den USA nach Stuttgart zu holen. 2010 wurde sie mit Erfolg gezeigt. Wie dumm und provinziell muss man sein, die bewegende Geschichte einer mutigen jungen Frau aus der eigenen Stadt zu ignorieren. Nebenbei: Ihre Biografie ist gespickt mit legendären Namen wie Ernest Hemingway, Willy Brandt, Pablo Neruda.

Vor Kurzem erst erschien als Hommage Helena Janeczeks Roman "Das Mädchen mit der Leica" (Stuttgart spielt darin keine Rolle, das Buch behandelt Gerda Taros Leben ab Leipzig). In den vergangenen Jahren wurde, vor allem dank Irme Schabers Recherchen und Bücher ("Gerda Taro, Fotoreporterin"), viel über die eigenständige Arbeit der Kriegsfotografin zutage befördert. Und Irme Schaber arbeitet ständig an neuen Projekten. Geplant ist unter anderem eine (spanische) Graphic Novel über die Fotografin. Auch die Verfilmung des Romans ist in Arbeit.

Am Taro-Platz schaue ich zur anderen Straßenseite hinüber. An der Alexanderstraße steht das alte Autohaus Albrecht & Deffner. In diesem Gebäude hat eine Zeitlang Clara Zetkin gewohnt. Die Sozialistin forderte im August 1910, als Gerda Taro geboren wurde, die Einführung eines internationalen Frauentags. In diesem fortschrittlichen Geist wurde die junge Gerta im Stuttgart der Zwanzigerjahre groß. Auf dem Platz mit ihrem Namen kann man heute nachlesen, wie sie mit ihrem Freund Pieter Bote die Kinos der Stadt, die Jazzkonzerte im Kunstgebäude am Schlossplatz und die Spiele der Stuttgarter Kickers auf der Waldau besuchte.

Am 1. August jährt sich Gerda Taros Geburtstag zum 110. Mal. Wir hatten ein Fest geplant, mit einer Swing-Band im Kunstgebäude. Daraus wird aus Corona-Gründen nichts. Ersatzweise sei im Zeichen der Erinnerungskultur daran erinnert, dass es den Frauentag noch immer gibt, genauso wie den Jazz, die Kickers und Gerda Taros Bilder. Und heute wie damals treiben Nazis ihr Unwesen in der Stadt. Nicht wenige sitzen in der Nachbarschaft des Kunstgebäudes im Landtag.


Alle paar Wochen stürzt sich Joe Bauer für Kontext ins Straßenleben. Lustvoll folgt er dabei seinem Mantra als Fußreisender: lieber zu weit gehen als gar nicht.

 

Die Fotos von Gerda Taro und ihrem früheren Wohnhaus sind Irme Schabers Biografie entnommen: "Gerda Taro – Fotoreporterin. Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg", Marburg 2013.


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1 Kommentar verfügbar

  • ExilSchwäbin
    vor 6 Tagen
    Antworten
    Sehr, sehr schön und erhellend geschriebener Text vom Stadtflaneur, danke Joe Bauer.
    Wie er es immer wieder schafft, das Gegenwärtige mit dem scheinbar Vergangenen zu vernetzen, ist einfach wunderbar. Und der AngryYoungMan in ihm hat einfach nur recht, den erwähnten Stuttgter Kulturoberen die…
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