KONTEXT:Wochenzeitung
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Fummelplatz

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Mehr als 45 Jahre habe ich bei der Tageszeitung gearbeitet, und erst spät ist mir aufgefallen, welche Macken man sich in einem solchen Druck- und Papierleben einhandelt. Der Blick war lange nur auf die Gegenwart fixiert, weil sich die Zukunft auf die Ausgabe des nächsten Tages beschränkt und die Vergangenheit schon mit dem Blatt von gestern wie kalter Kaffee schmeckt.

Das Hier und Jetzt aber sind keinen Fetzen Wegwerfpapier wert, wenn du nicht irgendwann begreifst, dass Gegenwart immer auch Geschichte ist. Dieser Gedanke treibt den Spaziergänger neugierig vorwärts, und auf einmal sieht er mehr als das Sichtbare. Überquert er beispielsweise die Stuttgarter Otto-Hirsch-Brücken, geht er nicht einfach von Hedelfingen nach Obertürkheim über den Neckar. Er landet im KZ Mauthausen, wenn er ermittelt, dass dort 1941 der jüdische Jurist und Flusspionier Otto Hirsch ermordet wurde. Dann schaut er nach, wie viele Leute in Hedelfingen und Obertürkheim zuletzt die heutige Partei der Völkischen gewählt haben – und stolpert mitten hinein in das Gestern unserer Gegenwart.

Der Spaziergänger kickt den Historien-Kitsch weg wie Laub, wenn diverse Medien mit schönen Bildchen aus der Vergangenheit Nostalgie verkaufen nach dem Motto: "Ach, wie schade, dass Krieg war." Nostalgie ist die Sehnsucht nach etwas, das so nie existiert hat. Das lehrt uns jetzt die Pandemie-Krise. Überall kommt der Wunsch hoch, sich in "normale" Verhältnisse zurückzubeamen. Die aber waren weniger gut, als viele sich vorgaukeln.

Corona hat Stillstand erzwungen und gleichzeitig die Zeitmaschine angeworfen. Während die Theater weitgehend geschlossen sind, landet der Kulturbetrieb ungebremst im Vorgestern, kaschiert von der Zeitgeist-Parole: "I have a stream". Scheißegal, digital.

So rollen, gezogen von archaischen Motoren, Event-Hungrige auf den Cannstatter Wasen, um in einem gigantischen Autokino emotional einzuparken. Historisch gesehen ist die Hinwendung zum Rummelplatz eine liebevolle Geste. Der uralte Jahrmarkt hat zweifellos viele Elemente unserer Kunst und Unterhaltung hervorgebracht, darunter nicht nur die Gaukler und Phrasenprediger in den Parlamenten. Auf fast jeder Bühne und Leinwand wird immer auch ein Stück Rummel sichtbar. Schau- oder Showbude, das ist nicht die Frage.

Die Idee, im Fall eines toten Theaters das gute alte Autokino als Abenteuerspielplatz wiederzubeleben, ist nicht neu: Als 2016 ein Technik-Virus Stuttgarts Schauspielhaus lahmgelegt hatte, inszenierte René Pollesch mitten in der Fußball-EM seinen Theater-Film-Zwitter "Stadion der Weltjugend" für das (1969 eröffnete) Autokino Kornwestheim. Das war ein gute Nummer, unter anderem mit dem Schauspielstar Martin Wuttke.

Um uns über die Brücke aus der Geschichte in die Gegenwart zu lotsen, lieferte uns das Staatstheater zu diesem Projekt einen großartigen Begleittext von Markus Metz & Georg Seeßlen über die Vergangenheit des Fummelkinos. Das erste wurde 1933 in der Hafenstadt Camden/New Jersey eröffnet. Mit ihrer Rock'n'Roll-, Kaugummi- und Cadillac-Erotik waren solche Spielstätten später vor allem den Spießern hierzulande ein Dorn im Auge: "Bürgerliche deutsche Familien schätzten es nicht, wenn sich der Nachwuchs an diesen Ort begab, wo auf der Leinwand mindestens ebenso sittliche Gefährdung stattfand wie im Wageninneren", heißt es bei Metz/Seeßlen.

Die sittliche Gefährdung auf der Leinwand erfährst du zweifelsohne auch heute, sobald du unschuldig durch dein Mercedes-Diesel-Fenster blickst und auf einer haushohen Leinwand Oliver Pocher oder Christoph Sonntag herumhopsen siehst. Die moralische Verfehlung im Wageninneren, dem einstigen Pickelnasen-Separee für den schaumgebremsten Teenager-Sex, ist hingegen der Moment, da ich mich verzweifelt am Sack kratze, um zu spüren, ob ich wach bin oder einen Alptraum habe. Erst das Hupkonzert wird dich wieder runterholen.

Das Thema "Kultur" im Sinne beruflich praktizierter Kunst ist seit der Krise politisch mehr präsent, als wenn Stuttgart für eine Milliarde Euro sein marodes Opernhaus reparieren will. Anscheinend spricht sich langsam herum, dass die finanziellen Bedingungen für eine Mehrzahl der Kulturschaffenden bei uns nicht besser sind als die der internationalen Arbeiter in den deutschen Fleischfabriken. Fatal wäre allerdings zu glauben, an dieser Bettleroper habe allein Corona Schuld. Schon vor der Krise war die systemgerechte Behandlung von KünstlerInnen vielerorts eine Schweinerei. So viel zur Sehnsucht nach etwas, das nie existiert hat.

Neulich stieß ich am Ende des 700 Seiten starken Buchs "The rest is noise", dem exzellent geschriebenen Standard-Werk des New Yorker Musikkritikers Alex Ross über die Musik des 20. Jahrhunderts, auf eine ausführliche Würdigung des experimentellen Avantgarde-Komponisten Helmut Lachenmann. Seine "gebrochene Ästhetik", heißt es darin, "verbindet sich mit radikalen, aufrührerischen politischen Überzeugungen".

Wie's der Teufel will: Zwei Tage, nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, fand ich in der "Süddeutschen Zeitung" ein Interview mit diesem Komponisten. Künstler, sagt er, würden bei uns freundlich benutzt und beklatscht, für die Herrschenden aber seien sie "letztlich machtirrelavant". Dem weithin unreflektierten Begriff des Demokratischen traue er nicht mehr über den Weg: Allzu oft erweise sich dieses Wort als im Sinne finsterer Interessen hemmungslos missbrauchbar. "Wenn Demokratie dem Menschen den Rahmen gewährleisten soll, das Beste in sich menschenwürdig zu verwirklichen, dann sollten ihre gewählten Repräsentanten auch in krisenbelasteten Zeiten den Stellenwert der Kunst und die Unverzichtbarkeit der Einrichtungen und derer erkennen, die der Vermittlung dieser Erfahrung dienen."

Helmut Lachenmann, 1935 in Stuttgart geboren, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten weltweit. Heute lebt er in Leonberg-Höfingen, was ich erwähne, weil auf fast jedem Spaziergang vor der Haustür die Welt zu finden ist.
 

Alle 14 Tage stürzt sich Joe Bauer für Kontext ins Straßenleben. Lustvoll folgt er dabei seinem Mantra als Fußreisender: lieber zu weit gehen als gar nicht.


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