Junge Gegenwartskunst, quer durch alle Medien – mehr davon mit Klick auf den Pfeil.

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Eines der "Versprechen von Glück" in den alten Hallen der Königlich Württembergischen Eisenbahnwerkstätten.

Eines der "Versprechen von Glück" in den alten Hallen der Königlich Württembergischen Eisenbahnwerkstätten.

"Good Spaces" im Merkelpark.

"Good Spaces" im Merkelpark.

Galeriechef Andreas Baur ...

Galeriechef Andreas Baur ...

... und Kuratorin Anka Wenzel ...

... und Kuratorin Anka Wenzel ...

... wollen zum Mitmachen animieren.

... wollen zum Mitmachen animieren.

Ausgabe 434
Schaubühne

Hinterm Bahndamm liegt die Kunst

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 24.07.2019
Ihren Standort abseits des Zentrums nutzt die Villa Merkel, die Städtische Galerie Esslingens, um Räume zu eröffnen: Räume des Nachdenkens und der Fantasie. Die aktuelle Ausstellung "Good Space" weitet sich sogar in den Park und eine spektakuläre Eisenbahnhalle.

Als Andreas Baur, der Leiter der Städtischen Galerie Villa Merkel, vor zwei Jahren die "Esslinger Wagenhalle" zum ersten Mal betrat, dachte er sofort, dass er hier gern einmal eine Ausstellung machen würde. Es war am Tag des offenen Denkmals, und Baur ließ nicht locker, bis er den Eigentümer der Immobilie ausfindig gemacht hatte – der anonym bleiben will und auch Kontext nicht bekannt ist. Dieser schlug ein Treffen in einem Nobelhotel vor. Der Unbekannte sammelt selbst Kunst – wenn auch andere, als in der Villa Merkel ausgestellt ist – und war nicht abgeneigt. So kommt es, dass die Galerie derzeit nicht nur ihr angestammtes Haus, die Industriellenvilla im Merkelpark, bespielt, sondern überdies die riesige Halle des früheren Esslinger Eisenbahnausbesserungswerks (EAW), die einen Kilometer entfernt liegt.

"Good Space" heißt die aktuelle Ausstellung, und im Untertitel gut englisch-deutsch: "Communities oder das Versprechen von Glück". Das klingt verheißungsvoll, und das soll es wohl auch. Wobei, wer da was verspricht oder welche Gemeinschaften gemeint sind, erst mal offen bleibt: "Der Zusammenhalt von Gemeinschaften zeichnet sich durch etwas Verbindendes aus", heißt es im Ankündigungstext, "seien dies geteilte Wertvorstellungen oder Identitätsentwürfe, seien dies Normen oder Regeln. Doch dem Verbindenden inhärent ist immer auch Ab- und Ausgrenzung. Die Frage danach, was das Wir bestimmt, ist voller – auch politischer – Brisanz." Sicher ist in diesem Fall kein nationalistisch-ausgrenzendes Wir-Gefühl gemeint: Die Künstlerinnen und Künstler kommen aus vielen Ländern, von Kanada bis zu den Philippinen.

Ein Sonderetat ermöglicht das große Projekt

Dass die Villa Merkel so ein großes Projekt an zwei Orten gleichzeitig stemmen kann, hängt damit zusammen, dass sie alle drei Jahre für eine Ausstellung mehr Geld zur Verfügung hat als sonst. Im städtischen Haushalt gibt es einen Sonderetat, der im Wechsel mit historischen und anderen Projekten (wie im vorigen Jahr der "Stadt der Frauen") von der Galerie in Anspruch genommen werden kann. Früher war dieser Topf für die Foto-Triennale da, begründet 1989 von Alexander Tolnay. Auf ihn folgte zwei Jahre später Renate Wiehager, die heutige Leiterin der Daimler Kunstsammlung. Mit den Direktoren hat sich das Profil der Galerie immer wieder geändert. Anfangs, in den siebziger Jahren, standen in Vergessenheit geratene Esslinger Künstler der Moderne wie Rolf Nesch, Hermann Sohn, Adolf Fleischmann oder Volker Böhringer im Mittelpunkt. Wiehager setzte dagegen auf abstrakte und konzeptuelle Kunst der Nachkriegszeit wie etwa die Gruppe Zero.

Fürs Lokale ist heute der Esslinger Kunstverein zuständig, der einmal im Jahr eine Ausstellung in der Villa Merkel ausrichtet. Baur, der die Galerie seit 2001 leitet, interessiert sich dagegen für junge Gegenwartskunst, quer durch alle Medien. Viele Künstler arbeiten mittlerweile ganz selbstverständlich mit neuen Medien. Aber genau deshalb erschien es ihm unsinnig, sich wie im Fall der Fototriennale auf ein einzelnes Medium zu beschränken, zumal die Räume der Villa dafür nicht gerade geschaffen sind: Der schöne Lichthof, wenn man das Gebäude betritt, eignet sich etwa viel besser für Skulpturen oder Installationen. Den Esslinger Kulturbürgermeister Markus Raab konnte Baur überzeugen, indem er ihm klar machte, dass die Triennale niemals mit dem aufstrebenden Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg würde konkurrieren können, dessen Werbeetat allein schon die Gesamtkosten der Esslinger Triennale überstieg.

Konsequenterweise führte der Weg 2013 zunächst zur Ausstellung "Crossing Media". Der Titel will sagen, dass Künstler heute oftmals nicht in einem Medium arbeiten, sondern zum Beispiel Videoinstallationen machen, Performances aufzeichnen oder ein Medium in einem anderen reflektieren, dass die Grenzen zwischen bildender Kunst und anderen Künsten fließend geworden sind.

Vandalismus vertreibt Neonskulpturen

Zu jener Zeit geisterten Ideen durch den Gemeinderat, die Stadtbücherei mit dem Stadtmuseum und der Städtischen Galerie in einem Gebäudekomplex im historischen Stadtzentrum zu vereinen. Dazu muss man wissen, dass die Villa Merkel und der Merkelsche Park zwar sehr schön am Neckarufer gelegen, aber von der Stadt durch eine sechsspurige Straße und die Bahnlinie getrennt sind. Gute Ortskenntnisse sind nötig, um vom Stadtzentrum aus den Weg zu finden – über eine Ausschilderung hat sich die Stadt bis dato noch keine Gedanken gemacht. Nur ein sehr enger, langer und dunkler Korridor führt unter Straße und Bahnlinie hindurch. Er war einmal von Neonskulpturen des Konzeptkunst-Pioniers Joseph Kosuth beleuchtet. Doch die wurden so oft zerstört, bis man sie schließlich entfernte.

Die Lage im Merkelpark, hinter der Bahnlinie, hat jedoch auch Vorteile. Der Park wird seit jeher auch als Skulpturenpark genutzt. Immer wieder, wie nun bei "Good Space", greifen die Ausstellungen in den Außenraum hinaus. Ein Höhepunkt bei "Crossing Media" war ein Abend, an dem acht DJ-Stationen mit jeweils verschiedener Musik im Park aufgebaut waren. Jenseits der Bahnlinie und der großen Straße gibt es keine Anlieger, die sich gestört fühlen könnten. Unerwartet kamen so viele Besucher, dass die Veranstaltung dafür gar keine Genehmigung bekommen hätte. Bei anderen Gelegenheiten gab es Mondschein-Picknicks. Einmal spielte Holger Hiller, der Frontmann der Neue-Deutsche-Welle-Band Palais Schaumburg, im Wintergarten der Villa. Bei solchen Veranstaltungen arbeitet die Galerie gern mit dem Jugendzentrum Komma zusammen.

Eigentlich lässt sich der Titel "Good Space" schon auf den schönen Ort beziehen. Der Merkelpark ist der einzige größere Park in Esslingen. Hier lassen sich hier Dinge veranstalten, die in der Stadt sonst nicht möglich sind. Dieses Potential versucht die Galerie noch zu steigern, indem sie Künstler einlädt, ihre Vorstellungen von "Good Space" zu entwickeln. "Politische, ästhetische und urbane Räume" lautete der Untertitel im Jahr 2016. Nach dem Soziologen Henri Lefebvre ist der Raum ein Ergebnis der sozialen Beziehungen. Kontext hat damals über einen Stadtspaziergang der Künstlerin Ülkü Süngün berichtet, der gezeigt hat, was der Stadtraum den Geflüchteten bedeutet. Flüchtlinge, insbesondere aus dem südostasiatischen Raum, kamen seinerzeit aber auch gern in den Merkelpark, um Cricket zu spielen.

Der Weg zur Schönheit führt durch Tristesse

Die Flüchtlingscontainer sind inzwischen Geschichte. In ihrer zweiten Auflage fragt die Ausstellung "Good Space" nun danach, inwieweit Gemeinschaften und gemeinsames Handeln zu einem gelungenen Leben führen. Das ist sehr weit gefasst: Die künstlerischen Arbeiten illustrieren nicht Thesen der Ausstellung, sie stehen für sich. Man kann sich aber umgekehrt fragen, inwieweit sie zum Thema "Good Space" Antworten geben.

Drei Beispiele: Kofi heißt die 430 Kilogramm schwere, fantasievolle Tierskulptur von Lin May Saeed, die auf der Wiese im Park steht. Sie ist aus Styropor angefertigt, dann in Bronze gegossen und weiß angestrichen. Die Künstlerin setzt sich für Tierrechte ein. Geht es da etwa um eine Gemeinschaft von Mensch und Tier? Der annähernd ovale Pavillon im Teich von Rob Voerman ist dagegen nicht nur eine begehbare Skulptur, sondern lädt ein, sich anhand von Geldscheinen mit QR-Code Gedanken zu machen, wie eine Währung aussehen müsste, die bei der Preisgestaltung ökologische Folgekosten mit bedenkt. Unmittelbar sinnfällig wird der Gemeinschaftsgedanke im Community Garden von Gabriela Oberkofler, in großen Laubsäcken vor dem Bahnwärterhaus: Hier kann jeder mitmachen.

Der Weg zur EAW-Halle, die ebenfalls auf der stadtabgewandten Seite der Bahnlinie liegt, führt durch ein unwirtliches Gebiet. Am Landratsamt vorbei stößt man zunächst auf die in sich geschlossenen, von der Stadt räumlich ausgegrenzten Gemeinschaften der griechisch-orthodoxen Kirche und der Moschee. Triste Wohnviertel, heruntergekommene Gebäude, eine riesige Parkhaus-Baustelle, Bagger, die direkt neben dem Gehweg die Straße aufreißen: Von Kunstgenuss oder einem "Guten Raum" ist dieser Parcours weit entfernt. Diese unwirtliche Position dürfte wohl dafür verantwortlich sein, dass zu "Good Space" trotz der spektakulären Halle bisher nicht mehr Besucher gekommen sind als zu anderen Ausstellungen.

Hier zieht Kunst auch junge Leute an

Die abgelegene Lage bringt auch Probleme mit sich: Die Tierskulptur Kofi war am Tag, nach dem sie im Park aufgebaut war, mit rotem Filzstift beschrieben. Und in die EAW-Halle sind einmal, so wird vermutet, Jugendliche eingebrochen und haben einige Kunstwerke umgeworfen.

Dabei spricht die Ausstellung durchaus Themen an, die jüngere Generationen betreffen. Mikhail Karikis zeigt in zwei Videos Jugendliche, im Gebiet eines riesigen Erdwärmekraftwerks in der Toskana und auf der Isle of Grain in Ostengland. Sie, für die dort kein Platz vorgesehen ist, treffen sich zwischen Industrieruinen, rappen mit selbstgefertigten Masken und versuchen, sich eine bessere Welt vorzustellen.

Ebenso wie andere Ausstellungsorte fragt die Villa Merkel ihre Besucher beim Ticketverkauf nicht nach dem Alter. Doch bedingt durch die Offenheit gegenüber neuen Medienwelten, die Auswahl der Themen und die Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Komma, dürfte der Durchschnitt mehrere Jahrzehnte unter dem der Stuttgarter Staatsgalerie liegen. Wobei jung hier besser nicht durch die Zahl der Lebensjahre, sondern durch eine neugierige Haltung definiert werden sollte. Wer die mitbringt, erfährt nicht nur etwas zu realen oder virtuellen, schönen und weniger schönen Räumen. Sondern nebenbei auch etwas über die Esslinger Industriegeschichte und das Verhältnis der Stadt zu ihren Randgruppen.

Mit dem Ende von "Good Space" wird auch die Eisenbahnhalle für die Öffentlichkeit wieder geschlossen. So lohnt ein Besuch der Ausstellung schon für das Vergnügen, dieses Industriemonument bestaunen zu dürfen.


Info:

Die Ausstellung "Good Space" der Villa Merkel läuft bis 1. September und ist dienstags von 11 bis 20 Uhr und mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.


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