Hier fehlt's an neuen Ideen: Liegende vor der Stuttgarter Staatsgalerie. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 309
Kultur

Mehr Geist für die Kunst

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.03.2017
Es überrascht wenig, dass Christiane Langes Vertrag als Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart verlängert wurde. Denn obwohl sie sich viele Feinde gemacht hat – das Problem beginnt nicht mit ihr. Es fehlt an Geld, vor allem aber an kreativen Konzepten.

Wie es um die Beliebtheit der Direktorin Christiane Lange bei der Belegschaft der Staatsgalerie bestellt ist, darüber hat Kontext vor zwei Wochen berichtet. An der Unzufriedenheit, die bis in die höheren Etagen reicht, hat allerdings auch der kaufmännische Direktor Dirk Rieker seinen Anteil. Er lässt die Staatsgalerie vom TÜV zertifizieren, dabei werden die Aufgaben des Museums folgendermaßen definiert: "Die Besucher unterhalten, alle Register der modernen Wissensvermittlung ziehen, um den Bildungsauftrag zu erfüllen, und bei alledem effizient arbeiten". Ob dies ausreicht, um die Staatsgalerie zu einem "Innovationstreiber" zu machen, erscheint mehr als fraglich.

Ein Symposium der Staatsgalerie im November 2015 unter dem Titel "Grenzen des Wachstums " wirkte da wie ein Hilferuf: "Das Rad der Wechselausstellungen dreht sich zunehmend schneller", hieß es in der Ankündigung, "die Preise auf dem Kunstmarkt explodieren, die Marketing-Abteilungen werden ausgebaut, es geht darum, immer neue Zielgruppen anzusprechen." Ausgerechnet das Museum, das dem Sammeln, Forschen und Bewahren verpflichtet sei, scheine "einer Wachstumslogik unterworfen zu sein, die der von entfesselten Märkten gleicht." Zutreffende Beobachtungen, die freilich bei den Städtischen Galerien im Umland die Alarmglocken schrillen ließen. Denn Christiane Lange sprach offensiv die gestiegene Zahl der Museen an, als wolle die Staatsgalerie-Direktorin diesen ihre Existenzberechtigung absprechen.

Dabei sind gerade die Betreiber von Privatmuseen, etwa Reinhold Würth, Alison und Peter W. Klein aus Eberdingen-Nussdorf, Frieder Burda in Baden-Baden oder die Schauflers in Sindelfingen, Freunde und Förderer der Staatsgalerie. Warum sich mit ihnen anlegen? Arbeiten von Sigmar Polke, die derzeit in der Sammlung Frieder Burda ausgestellt sind, können sich die öffentlichen Museen mit ihren geschrumpften Ankaufsetats gar nicht mehr leisten. Darauf hat schon Langes Vorgänger Sean Rainbird hingewiesen. Der aber pflegte einen ganz anderen Stil: Intern wollte er die Arbeitsatmosphäre verbessern, anstatt Gräben aufzureißen. Im Hinblick auf die private Konkurrenz meinte er nur: "In der Vielfalt können wir alle wachsen und gedeihen."

Langes Abneigung gegen "immer neue Zielgruppen" setzte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer auf dem Symposium beherzt eine andere Vision entgegen. "Alle Welt ins Museum!", lautet deren Credo. Museen seien "Orte einer neuen Perspektivgewinnung, Orte der Verständigung in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft", meinte die Ministerin, und: "Ein Zuwachs an vielfältigen Museen ist begrüßenswert, Privatmuseen sind eine Bereicherung für die Kulturlandschaft."

Für die Politik zählen nur Besucherzahlen

In der vergangenen Woche hat Ministerin Bauer den Vertrag der Museumsdirektorin bis 2021 verlängert. Christiane Lange verzeichnet, anders als bei ihren Mitarbeitern, in den Augen der Politik Erfolge, wo Besucherzahlen häufig der einzig relevante Maßstab sind. Bis in die 1970er-Jahre waren diese den meisten Politikern noch völlig egal. Erst als mit dem Neubau von James Stirling plötzlich die Massen ins Museum strömten, verfestigte sich nach und nach die Erwartung, 400 000 bis 600 000 Gäste in der Staatsgalerie müssten es pro Jahr schon sein. Rainbird, 2006 von Günther Oettinger als "Wunderwaffe" von der Londoner Tate Gallery nach Stuttgart geholt, hat oft genug darauf hingewiesen: Bei einem eingefrorenem Etat und explodierenden Versicherungssummen für Leihgaben könne man so viele Besucher nicht länger anlocken. Er fand wenig Gehör und zögerte daher nicht lang, als er 2012 ein Angebot aus Dublin bekam.

Seit Jahren kommen in die Staatsgalerie jährlich kaum mehr als 250 000 Besucher. Erst durch die längst vor Langes Amtsantritt geplante Oskar-Schlemmer-Ausstellung wurden es wieder mehr. Doch auch 2016 blieb die Zahl hoch, bei 354 000: ein Erfolg für Lange, nicht zuletzt aufgrund einer Francis-Bacon-Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Tate Liverpool. Die Homepage der Staatsgalerie spricht von "schwindelerregenden Versicherungswerten".

Die Quotenbringer des Museums sind in der Regel nur Ausstellungen der klassischen Moderne. Ohne die zusätzlichen Mittel einer großen Landesausstellung – wie bei Schlemmer – sind diese aber finanziell kaum noch zu stemmen. Kooperationen sind das Gebot der Stunde: mal mit Privatsammlern, mal mit anderen Museen, wie im Fall der aktuellen Ausstellung "Aufbruch Flora" – die schon an drei anderen Stationen zu sehen war – mit dem Museum Villa Flora in Winterthur. Auch aus den eigenen Beständen, zumal im Grafik-Bereich, lässt sich noch lange Zeit schöpfen. Allerdings hält sich das Publikumsinteresse in Grenzen.

Doch welchen Sinn soll es haben, mit teuren Leihgaben viele Besucher ins Haus zu locken, wenn dies ohnehin nur mit den allseits bekannten großen Namen gelingt? Welche "neue Perspektivgewinnung", in den Worten von Theresia Bauer, sollte davon ausgehen? Wie sollen solche Ausstellungen zur "Verständigung in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft" beitragen? Dazu sind Ausstellungen nur in der Lage, wenn sie Themen ansprechen, welche die heutige Gesellschaft bewegen. 

Mehr Kreativität wagen

Corinna Steimel, die Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, hat mit ihren beiden ersten großen Ausstellungen, ausgehend von der eigenen Sammlung Stuttgarter Maler des früheren 20. Jahrhunderts, zwei Themen angesprochen, die so aktuell sind wie eh und je: in "Vertraute Fremde", wie Künstler Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten wahrnahmen; und mit "Die Klasse der Damen" die Künstlerinnen der frühen Moderne , die immer noch viel zu wenig beachtet werden.

Das Problem liegt nicht in der großen Zahl der Museen. Die städtischen Galerien im Umland leisten allesamt gute Arbeit. Böblingen kümmert sich seit Jahren vorbildlich um die von den Stuttgarter Museen sträflich vernachlässigten Stuttgarter Künstler der Vorkriegszeit. Bietigheim-Bissingen hat mit Ausstellungen zu Marianne Werefkin oder Jean Arp und Sophie Taeuber-Arp sogar Klassiker der Moderne im Programm, die selbst die Staatsgalerie noch nicht gewürdigt hat. Die Villa Merkel in Esslingen erreicht mit Ausstellungen wie "Good Space" in der Nachfolge der Fototriennale ein junges Publikum, von dem die Staatsgalerie nur träumen kann. Und die privaten Museen sind eben vielfach besser ausgestattet.

Christiane Lange hat schon recht mit ihrer Kritik und ihrem Ruf nach einem "zukunftsweisenden Museumsmodell". Doch nur das Wachstum von Sammlungen generell in Frage zu stellen, zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit. Diese müssen wachsen, sonst verlieren sie den lebendigen Bezug zur Gegenwart. Am besten zeigt das die Geschichte der Staatsgalerie selbst, die den Kontakt zur zeitgenössischen Kunst zeitweise fast verloren hat. Rainbird hat hier zuerst gegengesteuert, indem er mit Alice Koegel eine eigene Kuratorin für diesen Bereich eingestellt hat. Mit der Videobox, mit dem Ankauf der Arbeiten von Christian Marclay und Julian Rosefeldt folgt Lange seinen Spuren.

Die Schätze raus aus dem Keller!

Das Stuttgarter Kunstmuseum hat mit seiner Jazz-Ausstellung einen Besucherrekord erzielt; weitgehend ohne berühmte Namen, dafür aber mit innovativen Formaten wie einem eigens entwickelten Audioguide mit Musik zu den einzelnen Bildern. Solche guten Ideen lässt die Staatsgalerie vermissen. Eine Ausstellung zur französischen Karikatur im Frühjahr 2015 ließ zwar einen Bezug zum Charlie-Hebdo-Attentat erahnen. Doch es blieb bei einem Schwerpunkt auf Honoré Daumier, ohne das Thema an die Gegenwart heranzuholen.

Erstmals sind nun im Graphik-Kabinett des Museums mehr als 100 japanische Holzschnitte des 19. Jahrhunderts zu sehen: weil Künstler wie Pierre Bonnard, in der Sammlung der Villa Flora prominent vertreten, ganz verrückt nach ihnen waren. "Manga" nannte der berühmteste japanische Holzschneider Katsushika Hokusai seine Skizzenbücher, er prägte damit einen Begriff, der heute vor allem als Bezeichnung für die japanische Form des Comics geläufig ist.

Die Staatsgalerie besitzt eines von Hokusais Skizzenbüchern. Aus einem ähnlichen, wenngleich größeren Bestand, hat das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe im letzten Jahr eine große Ausstellung gemacht, die bei jungen Manga-Fans sehr gut ankam. In der Staatsgalerie lagerten die Holzschnitte bisher im Depot, und kein Mensch weiß, wie sie dorthin gelangten. Vielleicht durch Otto Fischer, Staatsgalerie-Direktor von 1921 bis 1927, der sich mit einer Arbeit über chinesische Kunsttheorie habilitiert hatte und später Ehrenberater der chinesischen Reichsmuseen wurde.

Es gibt immer aktuelle Themen, denen sich nachspüren ließe. Da streitet die halbe Stadt um den Bahnhof. Und die Museen besitzen zahlreiche Bilddarstellungen von Hermann Pleuer und Reinhold Nägele, die den Bahnhofsumbau vor 100 Jahren dokumentieren, und machen nichts daraus. Da steht die Villa Berg auf der Tagesordnung, in deren Ballsaal einst ein riesiges Gemälde hing: "Fest im Park der Villa Borghese". Das Bild ist verloren, doch die Staatsgalerie besitzt eine kleinere Version, die kürzlich mit einem zweiten, dazugehörigen Bild sogar ausgestellt war. Allerdings ohne jeden Hinweis auf die aktuelle Debatte – und mit vertauschten Schildchen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Schwabe
    am 01.03.2017
    "Arbeiten von Sigmar Polke, die derzeit in der Sammlung Frieder Burda ausgestellt sind, können sich die öffentlichen Museen mit ihren geschrumpften Ankaufsetats gar nicht mehr leisten. Darauf hat schon Langes Vorgänger Sean Rainbird hingewiesen. Der aber pflegte einen ganz anderen Stil: Intern wollte er die Arbeitsatmosphäre verbessern, anstatt Gräben aufzureißen. Im Hinblick auf die private Konkurrenz meinte er nur: "In der Vielfalt können wir alle wachsen und gedeihen."".
    Daraus kann man meines Erachtens eines sehr schön ablesen, und zwar, dass sich immer wieder Menschen finden welche die Drecksarbeit der Politik machen indem sie das neoliberale Kaputtsparen (Politik des Herunterwirtschaftens) vor Ort (meist als Vorgesetzte) umsetzen.
    Wenn man wie Frau Lange schon einen solch, m.E. aufgrund der politischen Vorgaben moralisch verwerflichen Vorgesetzten-Job annimmt, sollte man/frau wenigstens so viel Rückgrat haben, die Schuldigen des Herunterwirtschaftens sprich die herrschende Politik - auch gegenüber den Mitarbeitern (und nicht nur hinter verschlossenen Türen) - beim Namen zu nennen (und damit in Kauf nehmen seinen Job nicht lange "halten" zu können, aber gleichzeitig die von der Politik gewünschte "Kontinuität" zu untergräbt - sofern man/frau das will)!


    Langes Abneigung gegen "immer neue Zielgruppen" setzte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer auf dem Symposium beherzt eine andere Vision entgegen. "Alle Welt ins Museum!", lautet deren Credo. Museen seien "Orte einer neuen Perspektivgewinnung, Orte der Verständigung in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft", meinte die Ministerin, und: "Ein Zuwachs an vielfältigen Museen ist begrüßenswert, Privatmuseen sind eine Bereicherung für die Kulturlandschaft.".
    Aus fachlichem Blickwinkel spricht hier m.E. die Blinde (Theresia Bauer) von der Farbe. Aus politisch bürgerlichem (profitorientiertem - sprich kapitalistisch neoliberalem) Blickwinkel verfolgt sie "Kontinuität" im Sinne der Parteipolitik. Hieraus wiederum ist m.E. sehr schön abzulesen, das Sach-/Fachverstand und politische Interessen an verschiedenen Enden ziehen. Und dies ist nicht "alternativlos" sondern politisch gewollt!

    Verständnis/Interesse für Kunst (in seiner ganzen Bandbreite) ist eine innere Haltung die m.E. selbst "erarbeitet" werden muss um ihre positiven Eigenschaften in einem selbst zu entfalten. Wer - wie Theresia Bauer (stellvertretend für viele andere politisch Verantwortliche) - oder wie der kaufmännische Direktor Dirk Rieker, öffentliche Einrichtungen (hier ein Museum) der Vermarktungs- und Profitlogik unterwerfen, helfen m.E. mit eine Gesellschaft kaputt- und herunterzuwirtschaften!

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