Blick in den Konzertkeller namens Stromraum. Mehr Bilder vom Ito mit Klick auf den Pfeil.

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Rikuo Ueda beim Bau seiner kleinen Apparaturen.

Rikuo Ueda beim Bau seiner kleinen Apparaturen.

Eckhart Holzboog genießt die Kühle im leeren Konzertkeller.

Eckhart Holzboog genießt die Kühle im leeren Konzertkeller.

Leere, die zum Meditieren einlädt.

Leere, die zum Meditieren einlädt.

Blick aus dem Gartenpavillon in den Hinterhof.

Blick aus dem Gartenpavillon in den Hinterhof.

Erinnerung an den Bauherrn, einen Viehhändler.

Erinnerung an den Bauherrn, einen Viehhändler.

Ausgabe 431
Schaubühne

Kunst und Tee im Hinterhof

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 03.07.2019
Improvisierte elektronische Musik, Kunst, oft aus Japan, Tee, Meditation: Mit dem Ito ist in Stuttgart-Bad Cannstatt im letzten Jahrzehnt ein kleines Kulturquartier entstanden. Für ein etwas breiteres Publikum gibt es einmal im Jahr die Hinterhofkonzerte.

Peter Granser ist Künstler und Fotograf, mit seinem Werk hat er soeben den Sparda-Publikumspreis 2019 erhalten. Wer seine Fotografien in der dazugehörigen Ausstellung  im Stuttgarter Kunstmuseum gesehen und daran Gefallen gefunden hat, sollte auch einmal im Ito vorbeischauen. Ito ist ein Projektraum, den Granser und seine Frau Beatrice Theil vor vier Jahren an der König-Karl-Straße in Stuttgart-Bad Cannstatt ins Leben gerufen haben. Sie machen dort vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr, ungefähr zur Hälfte mit japanischen Künstlern, bisweilen auch seinen eigenen Fotos.

Und man kann Tee trinken, besser als irgendwo sonst. Denn die Sorten importiert Granser selbst, über persönliche Kontakte. Matcha zum Beispiel, das grüne Teepulver, ist heute weit verbreitet. Doch wer einmal den von Granser selbst aufgequirlten Matcha probiert hat, weiß: Damit lässt sich das, was man anderswo erhält, nicht vergleichen. Ein kleiner Schluck, und die Müdigkeit ist weg. Den Rest des Tages erlebt man ausgeruht, aufmerksam und munter.

Oder liegt es an der speziellen Atmosphäre im Ito? Es ist kein Café, wo man kommt, bestellt, trinkt und wieder geht. Man muss sich anmelden und sollte auch an der Kunst Interesse mitbringen. Maximal vier Personen finden an dem Tisch aus alten Eichenholzbohlen Platz. Granser steht den Besuchern gegenüber, bereitet den Tee zu, möchte sie aber auch kennenlernen. Man unterhält sich, entspannt. Gut und gern können so, ohne dass man es merkt, zwei, drei Stunden vergehen.

Ähnlich verhält es sich mit der Kunst. Der Raum ist nicht groß. Es ist eine ehemalige Wagenremise, eine Garage für Kutschen. Das alte Gebäude – wer die Hofeinfahrt betritt, geht direkt darauf zu – macht mit seinem hölzernen Laubengang in der ersten Etage einen einladenden Eindruck. Viel passt nicht in den Raum, dennoch sollte man sich Zeit lassen. Denn die Ausstellungen sind so konzipiert, dass man die Exponate auf sich wirken lassen muss.

Ueda lässt die Natur für sich zeichnen

So auch bei Rikuo Ueda, dem die aktuelle Ausstellung gewidmet ist. Der 69-jährige Künstler aus Osaka malt und zeichnet nicht selbst, er lässt die Natur für sich arbeiten. Er baut kleine Apparaturen aus natürlichen oder gefundenen Materialien, an denen er Stifte oder Pinsel befestigt, legt Papiere auf Blätter von Bäumen oder lässt sie in einem Bassin schwimmen, sodass sie von selbst, angetrieben durch die Kraft des Windes, kleine Zeichnungen anfertigen.

Dahinter steckt ostasiatische Philosophie, wenn auch in einer völlig eigenen Auslegung. Der Künstler ist nicht das selbstbestimmte Subjekt, das seine Werke ganz aus eigener Kraft hervorbringt. Er versucht vielmehr, mit der Natur eins zu werden. Traditionell heißt das, mit dem Pinsel den Eindruck der Landschaft zu Papier zu bringen. Ueda geht es dagegen nicht um ein Abbild der Natur, sondern, wie Paul Klee gesagt hat: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar. Etwa die Bewegungen des Windes.

Wer sich so auf das Gegenüber der Natur einlässt, kann auch Überraschungen erleben. Einmal wollte Ueda die Schwingungen eines Spinnennetzes aufzeichnen und legte ein Stück Papier darauf, wie seine Hamburger Galeristin Mikiko Sato erzählt. Doch die Spinne räumte das Papier immer wieder beiseite. Ueda musste warten, bis sie anderweitig beschäftigt war, um sein Vorhaben zu Ende zu bringen. Solche Schwierigkeiten betrachtet der Künstler jedoch nicht als störend. Sie schärfen seine Aufmerksamkeit für das, was in der Natur vorgeht.

"I think that we think too much – and fail to see", lautet der Leitspruch des Künstlers: Ich denke, wir denken zu viel, und scheitern daran, die Dinge richtig wahrzunehmen. Den Spruch hat er von einem schottischen Künstler, dem er einmal, als er mit wenig Geld durch die Welt reiste, von seinen letzten Münzen eine Flasche Wein zum Geburtstag besorgt hat. An Uedas Geburtstag wollte sich der Schotte gern revanchieren, war aber völlig pleite. Ueda freute sich auch über ein Lied, das er ihm vortrug, und ein Gedicht, aus dem diese Zeile stammt.

Ihr Japan-Faible entdeckten Theil und Granser durch ein Stipendium

Zu sehen sind nun im Ito nicht nur die fertigen Werke. Man kann auch dem Wind in und außerhalb des Projektraums beim Zeichnen zusehen. Der Raum selbst hat etwas Japanisches, es gibt in ihm auch eine Art Tokonoma-Nische: ein festes Element alter japanischer Architektur, das an einen Altar erinnert, aber keine religiöse Funktion hat. Im alten Japan hinterließen Gäste manchmal Tuschzeichnungen oder Gedichte auf den papiernen Wänden. Wenn Granser Tee zubereitet, geht es ebenso um die persönliche Begegnung. Er folgt allerdings nicht dem strengen Ritual der japanischen Teezeremonie.

Ihr Faible für Japan haben Theil und Granser, nach vorangegangenen Reisen durch China, so richtig entdeckt, als sie 2013 mit einem Stipendium auf der Insel Kyushu im Süden mehr als vier Monate im Land weilten. Dort gibt es den Ort und die Halbinsel Itoshima, wörtlich Faden-Insel. Danach benennt sich der Raum: Granser möchte Fäden knüpfen, zwischen Teekunst und Kunst, zu Künstlern aus aller Welt.

Interessant ist auch die Geschichte der Räumlichkeiten selbst: Die Remise im Hof der König-Karl-Straße hat ein Eisenbahnunternehmer 1879 erbaut, heute gehört sie dem Verleger Eckhart Holzboog, in vierter Generation – sein Urgroßvater war der zweite Besitzer. Holzhoogs Verlag, Frommann-Holzboog, blickt auf eine bald 300-jährige Geschichte zurück. "Ich habe dort schöne Abende verlebt", schreibt Johann Wolfgang von Goethe 1823 an Johann Peter Eckermann über den Verlag Frommann, der seit 1798 in Jena ansässig war: "Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel, und was in Deutschland sonst Namen hat, ist dort gewesen und hat dort gerne verkehrt."

Eng nebeneinander: Verlags-, Kunst- und Musikräume

Seit 1886 in Stuttgart, wurden die Räume des Frommann-Verlags 1943 bei Luftangriffen völlig zerstört. Günther Holzboog, der Vater des heutigen Verlagsleiters, übernahm und machte die Räume in der König-Karl-Straße zum neuen Sitz. Seit zwanzig Jahren leitet Eckhart Holzboog nun mit Sybille Wittmann die Geschäfte. Er gibt aber nicht nur die lateinischen Schriften von Giordano Bruno, das Gesamtwerk von Hegel und Feuerbach und vieles mehr heraus, sondern trifft sich auch gern mit Freunden zu nächtlichen Jam-Sessions.

Die Remise war bis 2014 ein Laden für analoge Synthesizer. Davon ausgehend, hatten Holzboog und Wittmann im Gewölbekeller des Vorderhauses schon seit 2011 ab und zu Konzerte veranstaltet. Der Name des Ladens wie auch des Konzertkellers: Stromraum. Einmal war auch Peter Granser dabei, mit der Serie "Heaven in Clouds", die jetzt im Kunstmuseum ausgestellt war.

Den Synthesizer-Laden gibt es nicht mehr, aber der Konzertkeller Stromraum hat sich immer mehr zur ersten Adresse experimenteller improvisierter Musik in Stuttgart entwickelt, mit auf ihrem jeweiligen Gebiet führenden Musikern wie dem New Yorker Gitarristen Elliott Sharp, dem libanesischen Trompeter Mazen Kerbaj oder dem niederländischen Stimmkünstler Jaap Blonk. Für Eckhart Holzboog besteht die spezielle Kunst darin, erstklassige Musiker einzuladen, die nicht allzu bekannt sind, denn wenn etwa der einige Jahre in Stuttgart ansässige Avantgarde-Gitarrist Fred Frith kommt, platzt der Keller aus allen Nähten.

Ähnliches gilt auch für Peter Granser. Vernissage-Rummel kann er nicht brauchen. Und Klang spielt bei ihm, von der ersten Ausstellung an, eine Rolle. Eine kleine Serie im Ito heißt "Ein Abend für 10": Eine Musikerin oder ein Musiker spielt für zehn eingeladene Gäste. Derzeit stehen aber weder im Ito noch im Stromraum Konzerte an, erst im Oktober geht es dort weiter. Dafür gibt es am 12. Juli die einzige jährliche Veranstaltung, die auch für ein etwas größeres Publikum geeignet ist: das 20. Cannstatter Hinterhofkonzert.

Seit 1999 gibt es die Reihe, ins Leben gerufen von Dirk Altmann, Wieland Kleinbub und Musikern aus dem Umkreis des SWR-Sinfonieorchesters, die in Cannstatt wohnen, und seit 2010 finden die Hinterhofkonzerte im Hof des Frommann-Holzboog-Verlags statt. Gespielt wird überwiegend klassische Musik, aber auch Klezmer oder Jazz. Ursprünglich als Angebot für die Nachbarschaft gedacht, sind die Konzerte für alle offen. Einzige Bedingung: Einen Stuhl muss jeder selbst mitbringen.

Und schon acht Tage danach bietet sich die nächste Gelegenheit: Am zehnten Cannstatter Kulturmenü – eine Initiative des Galeristen Horst Merkle – ist der Hinterhof am 20. Juli mit zwei Konzerten beteiligt: Um 18 Uhr spielt das Chanson-Jazz-Quartett "Les braves cons", um 22 Uhr die Jazzband "Corroded Gangway" um den Trompeter Theo Altmann, den Sohn des Hinterhofkonzert-Organisators Dirk Altmann.

Neben dem Projektraum ist ein Juwel versteckt

Und dann gibt es noch ein besonders Juwel: einen versteckten Raum, der auf den ersten Blick gar nicht zu sehen ist. Neben der Remise, nur durch einen sehr engen Durchgang zugänglich, ist bis zum Zaun des Nachbargrundstücks noch ein schmaler Zwickel übrig geblieben, der sich jedoch nach hinten weitet. Dort hat der japanische Künstler Hideaki Idetsuki mit Architekturstudenten der Universität Stuttgart auf Einladung von Granser einen kleinen, sehr japanischen Gartenpavillon gebaut.

Als Granser und Theil 2013 in Japan unterwegs waren, entdeckten sie im Dorf Kamiyama auf der zweiten südlichen Hauptinsel Shikoku mitten im Wald eine kleine Bibliothek. Die hatte Idetsuki während eines Stipendienaufenthalts im Vorjahr gebaut: für die Dorfbewohner, von denen jeder einen Schlüssel bekam, der Bücher stiftete. Granser lud den Künstler ein, der – was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste – zwölf Jahre zuvor bereits als Stipendiat der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart gewesen war. Wer will und das Vertrauen von Theil und Granser genießt, kann sich nun nach Absprache in den abgeschiedenen Gartenpavillon zurückziehen.


Info:

Die Ausstellung von Rikuo Ueda im Ito läuft bis 20. September und kann freitags von 13 bis 18 Uhr besichtigt werden oder nach Anmeldung unter info--nospam@ito-raum.de. Das Hinterhofkonzert am 12. Juli beginnt um 20 Uhr. Näheres zum Cannstatter Kulturmenü gibt es hier und zum Stromraum hier.


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