Nicht nur für Tänzer eine besondere Atmosphäre. Mehr Kirchennutzer mit Klick aufs Bild.

Die Gastronomin Martina Schneider kann sich vorstellen, ein Bankett zu organisieren.

Der Kirchenraum bietet viel Potenzial, meinen auch die Architekten Jakob Rauscher und Daniel Schönle.

Mit seinem Visual Piano taucht Laurenz Theinert ...

... den Kirchenraum in Licht.

Loretta Petti hat aufgetischt ...

... und zu "Jazzen und Schmatzen" eingeladen.

Einmal im Monat treffen sich die Stadtlücken ...

... und diskutieren: Wem gehört die Stadt?

In der IBA Summer School beschäftigen sich Architekturstudenten mit der Internationalen Bauausstellung.

Workshop der DJanes. Foto: Nachtsicht e. V.

Workshop des Bildhauers Thomas Putze von der Wagenhalle.

Mit einem Helferessen werden die vielen Mitwirkenden belohnt.

Ausgabe 403
Schaubühne

Tango im Gotteshaus

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Stadtlücken e.V.
Datum: 19.12.2018
Es gibt Hunderte von Kirchen, die entweiht und für andere Zwecke genutzt werden. In St. Maria, der ältesten katholischen Kirche Stuttgarts, findet weiterhin Gottesdienst statt. Aber auch Tangotanz, Trampolinspringen, Theater.

Andréas Hofstetter-Straka ist nun mal Theologe. Es sei ihnen die "ungeheure Gnade" widerfahren, im richtigen Moment mit dem Verein Stadtlücken zusammenzukommen – ein besseres Wort fällt ihm partout nicht ein. Glück vielleicht? Ja, es sei "wirklich nur Glück" gewesen, dass genau zu der Zeit, als die katholische Kirche Stuttgart ein Beteiligungsverfahren zur Zukunft der Kirche St. Maria in Gang bringen wollte, das Architekten-Netzwerk den Raum unter der Paulinenbrücke gleich gegenüber zu erobern begann. Und sich bereit erklärte, mitzumachen. Das war, so der Pastoralreferent, reiner Sauerstoff für die Kirchengemeinde.

St. Maria ist ein neugotischer Kirchenbau, 1879 geweiht, an einem Ort, wo die Widersprüche der Stadtgesellschaft in besonders krasser Form aufeinanderprallen: oben die Paulinenbrücke, Teil der autogerechten Stadt der 1960er Jahre; unten die Tübinger Straße, neuerdings Fahrradstraße, auch wenn der Autoverkehr dort nicht verschwunden ist. Auf zwei Ecken dieser Kreuzung, die keine ist, neue Anlageobjekte im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro: die Shopping Mall Gerber und das Luxuswohn- und Gewerbegebäude Caleido. An der dritten Ecke noch ein Stück Gründerzeit mit einer Institution von Tabakladen und der Franziskusstube für Obdachlose von Schwester Margret.

Auf der vierten Ecke, hinter einem grünen Vorplatz, steht die Kirche. Dahinter das Furtbachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie und das Karlsgymnasium, die traditionsreiche Eliteschule der Stadt. War das Viertel bis vor nicht allzu langer Zeit von Altbauten bestimmt, von eher günstigen Wohnungen und kleinen Läden, so prägen nun zunehmend schwarze, glatte, abweisende Glasfassaden das Bild. Die Kirche ist in diesem Bild noch kein Fremdkörper. Und doch steht sie da wie ein Zeuge einer anderen Zeit, die im Verschwinden begriffen ist.

Noch kommen am Sonntag 60 bis 90 Gläubige zum Gottesdienst, sagt Hofstetter-Straka. In der Kirche hätten 920 Platz. Das Problem kennen viele Gemeinden. Aber bei St. Maria kommt noch etwas anderes hinzu. Die Kirche erlitt bereits im Ersten Weltkrieg einen Bombenschaden. Und wurde im Zweiten Weltkrieg zu 75 bis 80 Prozent zerstört: Eigentlich blieben nur die Türme und die Seitenwand zur Furtbachklinik stehen. Sie wurde schnell wieder aufgebaut, aber eben teilweise nur notdürftig. An die Stelle der Gewölbe trat eine flache Holzdecke. Was heute bei der Statik Probleme bereitet.

Renovieren für 90 Personen?

Seither ist nie wieder groß renoviert worden. Bis 2015 ein großes Stück Putz ziemlich weit oben von der Wand abplatzte. Es war klar: Da musste etwas geschehen. Statt die Kirche zu schließen, hatte ein Architekt im Kirchengemeinderat eine andere Idee: Die Bänke kamen raus. Ein Holzboden wurde verlegt, damit man mit dem Hubsteiger hineinfahren, den Schaden untersuchen und mit einem Taubenschutznetz absichern konnte.

Obwohl weiterhin Gottesdienst abgehalten werden konnte, wenn auch ohne Bänke, stand die Kirche vor einem Dilemma. Die Seelsorge sollte nicht aufgegeben werden. Doch an sechseinhalb Tagen stand die Kirche leer, und die maximal 90 Besucher am Sonntag rechtfertigten kaum den Aufwand für eine Renovierung. Vereinzelt hatten früher schon andere Veranstaltungen stattgefunden, etwa 2009 ein Abend mit frühen Experimentalfilmen und Neuer Musik. Könnte man nicht auf die Stadtgesellschaft zugehen und sie einladen, den Raum zu nutzen? St. Maria steht mitten in einem belebten Quartier, so der damalige Pfarrer Paul Kugler, der inzwischen die Stellung gewechselt hat. Die Kirche könnte ein Ort der Begegnung sein, um Aktivitäten zu entfalten, die anderswo keinen Raum finden.

Und hier kamen die Stadtlücken ins Spiel. Sie wissen, wie Bürgerbeteiligung geht. "Hallo. Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?", schrieben sie auf ein Plakat. "St. Maria als", prangt hoch oben über dem Eingang an der Fassade. Sie stellten Ideenplakate mit den Umrisslinien der Doppelturmfassade und Toolboxes her – flache Schachteln mit den Konturen des Innenraums, in die jeder seine Ideen hineinzeichnen, -schreiben oder -basteln konnte.

Ideenwerkstatt, Spielraum – Sauerstoff für die Gemeinde!

Die Resonanz war überwältigend. Manche malten die Kirchenumrisse einfach bunt aus. Andere hatten ernsthafte oder auch nicht ganz so ernsthafte Vorschläge, Pommesbude etwa. Die einen ließen sich von den kirchlichen Funktionen leiten und schrieben "Ort des Friedens" oder "Columbarium", also eine Urnen-Ruhestätte wie in Köln. Oder wünschten sich einfach einen "Ruhepol in der Stadt" – an dem man auch Schach spielen kann. Die anderen gingen von ihren Bedürfnissen aus oder von Räumen, an denen ein Mangel besteht: sei es ein Familien- und Baby-Café, ein Indoor-Abenteuerspielplatz, Kochen für Senioren, eine Konzerthalle oder ein Bibliotheksraum. "Hüpfburg", steht auf einem Blatt, "denn Gott spürt man in der Luft." Einer schreibt: "Rock on!" Ein anderer wünscht sich ein Gebetshaus für alle Religionen.

Es blieb aber nicht bei Ideen. Zwei Wochen lang gab es ein dichtes Programm. Zum Auftakt tauchte Kurt Laurenz Theinert mit seinem "Visual Piano" den Kirchenraum zur Musik der DJs Herb + Bo in abstrakte Farbmuster. Loretta Petti, die Betreiberin der nahe gelegenen Kulturkneipe, lud zum "Jazzen und Schmatzen". Die Sechs- bis Vierzehnjährigen des MTV Stuttgart nutzten die Höhe des Raums zum Trampolinspringen. Es gab Tango, Konzerte, Yoga, einen Kunstworkshop mit dem Bildhauer Thomas Putze, einen OP-1-Synthesizerworkshop und einen Workshop der Stadtlücken zum Bau einfacher, dreibeiniger Hocker. Und daneben an Sonn- und Feiertagen wie gewohnt weiter Gottesdienst.

Im Juli 2017 fand in St. Maria erstmals eine IBA Summer School statt: Fünf Tage lang erfuhren Studierende von sechs Architekturfakultäten aus Stuttgart und Nürtingen, aber auch Wien und Lissabon, was es mit der Internationalen Bauausstellung Stuttgart und Region 2027 auf sich hat, und fertigten dazu Entwürfe an. Dadurch wiederum wurde der Bund Deutscher Architekten (BDA) auf St. Maria aufmerksam und eröffnete dort seine jährliche Novemberreihe von Architekturveranstaltungen im Südwesten. Vor der Kirche traf sich die Fahrradrundfahrt "Critical Mass" und die Caritas machte auf Wohnungsnot aufmerksam. In nicht mehr ganz so dichter Folge wie anfangs gab es seitdem weitere Tanzveranstaltungen, Konzerte, Theater und vieles mehr. Zuletzt machte der Künstler Michael Saup im Rahmen des Festivals "Drehmomente" der Region Stuttgart den Feinstaub sichtbar.

Eine Kirche ist keine Wagenburg

Hofstetter-Straka ist von dem Prozess begeistert. Doch nicht alle sind seiner Meinung. "Gott möge Euch trösten", führt einer auf der Facebook-Seite den Heiligen Athanasius ins Feld: "Dass die anderen mit Gewalt die Kirche besetzt halten, während Ihr in diesen Zeiten draußen seid, das ist es, was Euch so sehr betrübt. Das sind die 'Realitäten', sie haben die Orte, Ihr aber habt den apostolischen Glauben." Hofstetter-Straka hält dagegen. Er beruft sich auf die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des zweiten vatikanischen Konzils 1965.

"Freude und Hoffnung", so beginnt die Konstitution über die Kirche in der heutigen Welt: "Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi." Das Konzil, heißt es weiter, wende sich "ohne Zaudern nicht mehr bloß an die Kinder der Kirche und an alle, die Christi Namen anrufen, sondern an alle Menschen schlechthin". Aus dem "Auftrag zum Dienst am Menschen" folgert Hofstetter-Straka, die Kirche dürfe sich nicht wie in eine Wagenburg in die Wände des Kirchenraums zurückziehen, sondern müsse sich der Sorgen der Stadtmenschen annehmen – und diese in die Kirche hineinlassen.

Der Pastoralreferent wird hier sehr konkret: Er erwähnt Klimawandel und Mobilität und widerspricht vehement dem Allianz-Vorstandsvorsitzenden Oliver Bäte, der Gerechtigkeit als marxistischen Begriff bezeichnet hat: "Gerechtigkeit ist die Zentralbotschaft des Ersten Testaments" – besser bekannt als Altes Testament. Er kann beinahe wütend werden, wenn er daran denkt, dass im Rücken der Junkies, die sich unweit der Kirche vor der Paulinenbrücke treffen und ohnehin drei Mal am Tag von der Polizei kontrolliert werden, eine Treppe gebaut werden soll. Das wird sie vertreiben, meint er.

"In diesem ganzen Viertel findet ein riesiger Gentrifizierungsprozess statt", stellt Hofstetter-Straka fest. St. Maria war die erste katholische Kirche, die in Stuttgart erbaut wurde. Die Gemeinde bestand vorwiegend aus kleinen Handwerkern und Arbeitern, die von der Ostalb, dann auch aus den Ländern Südeuropas nach Stuttgart gekommen waren. Wer es sich leisten konnte, zog später hinaus in die Vororte. Heute gibt es Besserverdiener, die anderswo arbeiten, sich aber eine teure Wohnung in Innenstadtnähe leisten, um abends ausgehen zu können. Wer nicht so viel Geld hat, sucht dagegen vergeblich nach einer Bleibe.

"Die Haut ist uns zu groß geworden", meint Hofstetter-Straka in Bezug auf die schrumpfende Gemeinde, doch der Kirchenraum sei "viel zu wertvoll, als dass wir ihn nur für die Gottesdienste nutzen können". Es gebe heilige Orte, die respektiert werden müssen, schränkt er ein; wie Tabernakel und Altar. Aber das Projekt "St. Maria als ..." werde "im Rahmen der von den Stadtlücken vorgegebenen Leitplanken" weitergehen. Irgendwann wird die Kirche wegen der Sanierung vorübergehend doch geschlossen werden müssen. Hofstetter-Straka könnte sich vorstellen, dann in den Stadtraum hinaus zu ziehen. In Hildesheim gibt es eine "Pop-up-Kirche" in einem leerstehenden Laden. "Was heißt das für Kirche und Glauben, wenn wir in den öffentlichen Raum gehen?", fragt der Kirchenmann. Und freut sich, dass seine Kirche zum öffentlichen Raum geworden ist.


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