Zwei geniale Markenstrategen nebeneinander in der Staatsgalerie: Selbstbildnis von Rembrandt (l.) und Banksys "Love is in the Bin". Foto: Joachim E. Röttgers

Zwei geniale Markenstrategen nebeneinander in der Staatsgalerie: Selbstbildnis von Rembrandt (l.) und Banksys "Love is in the Bin". Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 416
Kultur

Lockvogel Banksy

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.03.2019
Mit dem halb geschredderten Bild des anonymen Streetart-Künstlers Banksy versucht die Staatsgalerie Stuttgart, wieder mehr Publikum ins Haus zu locken. Das wollen andere Museen auch. Sie gehen dabei verschiedene Wege.

"I can't believe you morons actually buy this shit", steht anstelle eines Gemäldes in einem prunkvollen Rahmen gleich neben dem Auktionator, an dessen Pult ein Zählwerk gerade bei 750 450 Dollar angekommen ist: Ich kann nicht glauben, dass ihr Schwachköpfe diesen Mist tatsächlich kauft. Ein kleiner gezeichneter Kommentar des bekannten Unbekannten Banksy auf seiner Website, der vielleicht verrät, was der Streetart-Künstler von solchen Auktionen hält. Oder jedenfalls, dass er sich damit beschäftigt.

Im vergangenen Oktober wurde eines seiner bekanntesten Motive, ein Mädchen mit herzförmigem Luftballon, bei Sotheby's für 1,2 Millionen Euro versteigert und zerschredderte sich daraufhin zur Hälfte selbst. Wer das unbeeindruckte leichte Schulterzucken des Auktionators in Banksys Bekennervideo sieht und weiß, dass Auktionshäuser bei herausragenden Stücken sich oftmals im Vorfeld umsehen, um wenigstens einen potenten Bieter an Bord zu haben, wird kaum glauben, dass das nicht abgesprochen war. Auch die Käuferin scheint nicht überrascht gewesen zu sein. Jedenfalls erklärte sie umgehend, dies sei das erste Kunstwerk, das während einer Auktion entstanden sei.

Dieses Werk, ein Goldrahmen mit eingebautem Schredder und dem zur Hälfte in Streifen geschnittenen Bild, hängt nun in der Stuttgarter Staatsgalerie: neben dem Selbstbildnis mit roter Mütze von Rembrandt. "Es war uns vom ersten Augenblick an klar, dass es gut in unsere Sammlung passen würde", erklärt Museumsdirektorin Christiane Lange. Was Banksy mit Rembrandt verbindet? Schon Rembrandt sei ein genialer Markenstratege gewesen, meint sie.

"Alle Bürger sollten sich darüber im Klaren sein, dass es neuerdings zu einer Flut von Banksy-Ausstellungen gekommen ist", heißt es dagegen in einer "Rückrufaktion" auf der Banksy-Website: "Sie sind gänzlich ohne Wissen und Beteiligung des Künstlers zustande gekommen. Bitte behandeln Sie sie entsprechend." In Stuttgart handelt es sich nur um eine einzelne Arbeit. Aber kann Banksy sich künstlerisch wirklich mit Rembrandt messen? Diese Frage findet Lange "schwierig".

Es kamen schon mal doppelt so viele

Es scheinen andere Überlegungen im Vordergrund zu stehen. "Wir hoffen einfach, dass es uns auf diese Weise gelingt, auch mal junge Leute in die Abteilung der Alten Meister zu bringen", gesteht Susanne M. I. Kaufmann, die Kuratorin der kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung über Marcel Duchamp. Einen Befreiungsschlag kann die Staatsgalerie wohl gebrauchen. Das Museum geriet kürzlich in die Schlagzeilen, als Lange beschloss, wegen leerer Säle die Öffnungszeiten um eine Stunde zu verkürzen. Nicht mal mehr 200 000 Besucher sind im Vorjahr gekommen. Es waren mal doppelt so viele.

"Banksy passt gut in die Sammlung", findet Staatsgalerie-Direktorin Christiane Lange. Foto: Joachim E. Röttgers
"Banksy passt gut in die Sammlung", findet Direktorin Christiane Lange. Foto: Joachim E. Röttgers

Davon scheint Lange nun ablenken zu wollen. Ganz am Ende der Jahrespressekonferenz möchte eine Journalistin aber dann doch Bescheid wissen. Andere Museen hätten auch nicht mehr Besucher, meint Lange darauf und verweist auf die Hamburger Kunsthalle. Ein schöner Vergleich: Chronisch unterfinanziert laufen dem wichtigsten Hamburger Ausstellungshaus im Jahr seines 150. Jubiläums gerade der Direktor und das Publikum davon. In der Hansestadt durchaus ein Diskussionsthema. Aber sind die Besucherzahlen überhaupt so wichtig? Lange hat schon recht, wenn sie immer wieder betont, ihre Aufgabe sei nicht, ständig Blockbuster-Ausstellungen zu produzieren, sondern Forschen, Sammeln, Bewahren. Die Staatsgalerie ist das größte Kunstmuseum des Landes mit der umfangreichsten Sammlung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Stuttgarter Verkehrsplanung – falls man diesen Begriff ohne Ironie überhaupt verwenden kann – alles getan hat, um den Zugang zu behindern. Der Weg vom 500 Meter entfernten Bahnhof hier her gleicht einem Entdeckerparcours.

Gleichwohl kann Sammeln, Forschen, Bewahren kein reiner Selbstzweck sein. Die Kunst sollte den Museumsbesuchern etwas zu sagen haben. Die Staatsgalerie ist ein öffentliches Museum, der Adressat ist die Öffentlichkeit. Nun erreicht Kunst niemals alle Menschen. Manchen bedeutet sie dagegen sehr viel. Um wen soll sich ein Museum bemühen? Wird das Publikum zwangsläufig immer älter?

Zuletzt lockten nicht einmal mehr große Namen viel Publikum

Um die Digital Natives ins Haus zu locken, gibt es an der Staatsgalerie derzeit ein mit viel Geld gefördertes Projekt mit der Hochschule der Medien und dem Karlsruher Forschungszentrum Informatik. Unter dessen kryptischem Titel "Artification = Kunst & Gamification" kann sich freilich auch auf Nachfrage niemand so recht etwas vorstellen. Ob es hilft, das Museumspublikum zu verjüngen, weiß auch Lange nicht zu sagen.

Auch frühere Publikumsmagneten ziehen nicht mehr so: Schulklasse vor Gemälden Franz Marcs in der Staatsgalerie. Foto: Joachim E. Röttgers
Publikumsmagnet? Schulklasse vor Gemälden Franz Marcs in der Staatsgalerie. Foto: Joachim E. Röttgers

Warum aber ist es der Staatsgalerie 2018 nicht gelungen, mehr Besucher anzuziehen? Lange hat vor allem mit Künstlernamen zu punkten versucht. Wobei selbst Ernst Ludwig Kirchner – zum 80. Todesjahr zeigte das Museum den kompletten eigenen Bestand, vorwiegend Zeichnungen und Druckgrafiken – offenbar nicht der große Publikumsmagnet war, vom Meister von Messkirch zu schweigen. Da kam der Rückblick auf die eigene, 175-jährige Geschichte des Hauses schon besser an.

Symptomatisch ist die Ausstellung zu Wilhelm Lehmbruck: Der mit wichtigste deutsche Bildhauer des frühen 20. Jahrhunderts lebte bis zum Ersten Weltkrieg in Paris, kam dann zurück nach Deutschland, ging in die Schweiz, schuf mit dem "Gestürzten" 1915 ein Monument gegen die Sinnlosigkeit des Krieges und wählte vermutlich aufgrund einer unglücklichen Liebe 1919 den Freitod. Stoff für Romane. Doch was macht die Staatsgalerie daraus? Eine fein säuberliche kunsthistorische Auswertung von Materialien und Vorzeichnungen, über "Lebendgüsse" – die der Künstler selbst angefertigt hat – und Nachgüsse. Das mag Spezialisten interessieren, Bildhauer oder auch den Kunsthandel. Aber sicher nicht das breite Publikum.

Ein Lichtblick war dagegen die Duchamp-Ausstellung. Der Franzose Marcel Duchamp (1887-1968) war zwar ein extrem einflussreicher Künstler, aber seine Arbeiten sind spröde, nicht ohne weiteres zugänglich. Mit einem Frage- und Antwortspiel auf 100 Postkarten hat es die zuletzt gut besuchte Ausstellung geschafft, ganz unterschiedliche Besuchergruppen in die Gedankenwelt des Künstlers hinein zu ziehen.

Mal Überwältigungsstrategie, mal Anknüpfung an Jugendkulturen

Wie gehen andere Museen mit den Herausforderungen um? Das Landesmuseum Württemberg setzt auf eine multimediale Überwältigungsstrategie, bedient sich einer Werbesprache wie im Tourismus-Marketing – Begriffe wie Kunstschätze, Kostbarkeiten, Glanz, Mythos oder Faszination haben dauerhaft Konjunktur – und erklärt in seiner Dauerausstellung einfach alles zu "Legendären Meisterwerken", vom Steinzeitdolch bis zum Porträt der Kronprinzessin Olga von der Hand eines zweitrangigen Künstlers.

Alles so schön bunt hier: Ausstellung "Die Schwaben zwischen Mythos und Marke" 2016 im Landesmuseum. Foto: Joachim E. Röttgers
Alles so schön bunt hier: "Die Schwaben zwischen Mythos und Marke" im Landesmuseum 2016. Foto: Joachim E. Röttgers

Wenn dann noch, mit der Kinder-Ausstellung "Die Ritter", eine ganze Etage für ein halbes Jahr zum millionenschweren Luxus-Spielplatz umfunktioniert wird, zeigt sich, wie fragwürdig es sein kann, möglichst viele junge Besucher erreichen zu wollen. In der medialen Präsentation kann sich die Staatsgalerie ohnehin nicht am Landesmuseum orientieren: Würde neben jedem zweiten alten Niederländer auch noch ein Bildschirm flimmern, würde das auch noch die letzten Kunstinteressierten aus dem Saal treiben.

Besser vergleichen lässt sich das Kunstmuseum Stuttgart, das die Staatsgalerie im vergangenen Jahr mit 223 000 Besuchern in den Schatten gestellt hat. Ein Grund dafür war die Ausstellung "Ekstase", die an die erfolgreiche Jazz-Ausstellung 2015/16 angeknüpft hat. Der damals schon beteiligte Markus Müller, früher Herausgeber des Magazins "Jazzthetik", war auch jetzt wieder mit an Bord. Wieder baute die Ausstellung eine Brücke in den Bereich der Populärmusik und der Jugendkulturen – eine Leidenschaft der Direktorin Ulrike Groos. Und sie beantwortete mit einem breiten Überblick von der Antike bis in die Gegenwart zugleich wie von selbst die Frage nach dem Verhältnis von alten und neuen Medien.

Lokale Künstler wären ein Pfund, mit dem sich wuchern ließe

Bis Jahresende kamen 51 623 Besucher. Jeweils rund 37 000 interessierten sich für die großen Ausstellungen über den schwulen New Yorker Künstler Patrick Angus und über Virtual Reality in der Kunst. Als Magnet erwies sich mit 50 000 Besuchern aber auch die kleine, sehr gut gemachte Reinhold-Nägele-Ausstellung (Kontext berichtete). Sie soll nur zustande gekommen sein, um einem Frankfurter Museum zuvorzukommen. Nägele war einer der herausragenden Stuttgarter Künstler des früheren 20. Jahrhunderts. Doch für die eigene Region zeigen die großen Museen seit Jahrzehnten nur wenig Interesse. Dabei ist die lokale Kunst das, was ein Museum von anderen unterscheidet. Was ihm niemand wegnehmen kann.

In den Magazinen lagert genügend Material, das hervorzuholen sich lohnen würde. Es gibt gewiss keinen Grund, sich in provinzieller Verengung auf die eigene Region zu beschränken. Aber ebenso wenig, lokale Künstler im Keller zu verstecken. Denn mit großen Namen ist es nicht länger getan. Museumsbesucher sind intelligente Menschen, die etwas Neues erfahren wollen: nicht nur über vermeintliche Künstlergenies, sondern auch über sich selbst und ihre Welt, auch vor der eigenen Haustür.

Passt: "Brettl vorm Kopf" von Maria Lassnig, 1967, Sammlung Klewan. Foto: © Maria Lassnig Stiftung
Passt: "Brettl vorm Kopf" von Maria Lassnig, 1967, Sammlung Klewan. Foto: © Maria Lassnig Stiftung

Und was macht nun in dieser Situation die Stuttgarter Staatsgalerie? Sie präsentiert seit 14. März die Österreicherin Maria Lassnig, eine der wenigen Malerinnen, die sich in der Männerwelt der 1960er-Jahre behaupten konnten. Und da diese nun vielleicht doch nicht genügend Besucher hinter dem Ofen hervorlockt, auch gleich noch die vier großen männlichen Heroen: Gerhard Richter, Sigmar Polke, Anselm Kiefer und Georg Baselitz. Um die eitlen alten Herren zusammenzubringen, musste Götz Adriani ran, der Gründungsdirektor der Tübinger Kunsthalle, der sich dort nicht mehr länger in die Arbeit seiner Nachfolger einmischen darf. Und als Schirmherr der Bundespräsident Frank-Walter Steinmaier, der auch zur Eröffnung am 11. April kommt.


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