"StadtPalais – Museum für Stuttgart" heißt die Einrichtung ganz offiziell. Foto: Joachim E. Röttgers

"StadtPalais – Museum für Stuttgart" heißt die Einrichtung ganz offiziell. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 383
Kultur

Der König guckt ins Kellerfenster

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.08.2018
Endlich hat Stuttgart ein Stadtmuseum. Doch das will keines sein und nennt sich lieber Stadtpalais. Hier feiert sich die Stadt selbst und ein mediales Überangebot macht den Besucher zum passiven Konsumenten. Ganz anders die Ausstellung von Roland Ostertag im Haus Sonnenhalde.

Ja wo ist denn der König geblieben? Das erst 1991 entstandene Bronzestandbild Wilhelms II. mit Stock und Hut und seinen zwei Spitzen ist weg. Es stand vor dem Wilhelmspalais, als dieses noch Stadtbücherei war. Immer wieder lagen Blumen davor. Nun steht der König an der Seite des Gebäudes, hinter einer Hecke verborgen auf der Wiese und schaut in die Kellerfenster.

Stuttgart hatte lange Zeit das Alleinstellungsmerkmal, weder ein Stadtarchiv in einem eigenen Gebäude noch ein Stadtmuseum zu besitzen. Nun hat, sieben Jahre nach dem Stadtarchiv am Cannstatter Bellingweg, auch das Stadtmuseum eröffnet. Das sich allerdings nicht Museum nennt. Ein Palais soll es sein, die Geschichte ist zweitrangig. Die Stadt okkupiert das Palais und schafft den König zur Seite.

Das dezent verwendete Logo verrät es: Hier geht's um Stuttgart.
Das Wappenpferd lässt es erahnen: Hier geht's um Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Innen ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, dass es sich um ein Stadtmuseum handelt. Edles Birkenfurnier bedeckt die Wände: Um zu sehen, wo Türen sind, muss man nach der Türklinke suchen. Am Empfang stehen drei Damen in schwarzem Kostüm und weißer Bluse. Ein Hotel? Ein Unternehmenssitz? Das vielfach wiederholte Wappenpferd am Tresen verweist zumindest auf die Stadt Stuttgart.

Eine Vitrine mit dem Titel "Die Stuttgarterinnen" begrüßt auf der Ebene der ständigen Ausstellung im zweiten Obergeschoss die Besucher. Ein Bronzeschädel von Gottlieb Daimler fällt ins Auge, eine kleine Schiller-Statue, ein VfB-Shirt. War Daimler Stuttgarter, obwohl er in Cannstatt lebte, das damals noch gar nicht zu Stuttgart gehörte, fragt die Inschrift. Lässt sich Königin Olga, die Zarentochter, als Stuttgarterin bezeichnen? Oder Else Weil, die für das Standbild der "Stuttgardia" am Rathaus Modell stand, als Jüdin in Auschwitz ermordet?

Stadtpalais: Von allem etwas, von nichts zu viel

Worte und Sätze rotieren über dem Stadtmodell im Maßstab 1:3500, während einzelne Teile durch Licht hervorgehoben werden, je nachdem, ob der Besucher etwas zu Weinlagen, Höhenlinien, Bodenrichtwerten oder Stadtbezirken erfahren will. Auch die zwölf thematischen Stationen in Schwarz und Weiß sind bespielt mit Medien aller Art, ebenso wie die zwei seitlichen Räume, die, jeweils in drei Abschnitte gegliedert, das 19. und 20. Jahrhundert chronologisch abfeiern. Schwarzweißfotos schweben heran und weichen zurück. Sobald man sich einer Vitrine nähert oder an ihr vorbeigeht, ertönt eine Sprecherstimme: "Amt für unvollendete Bauwerke, guten Tag."

Fancy: Stadtmodell mit Lichteffekten im Stadtpalais. Foto: Joachim E. Röttgers
Fancy: Stadtmodell mit Lichteffekten im Stadtpalais. Foto: Joachim E. Röttgers

"Durchbruch" steht auf der zugehörigen Vitrine. Gemeint ist der Planie-Durchbruch, für den das Kronprinzenpalais am Schlossplatz abgerissen wurde. Ein originales Kapitell ist zu sehen, dazu die Planungen zur autogerechten Stadt. Schubladen lassen sich öffnen und bieten weitere Informationen, wie zuerst im Berliner Kreuzberg-Museum, das seit 1990 die Geschichte der Flächensanierungen und Häuserkampfe dokumentiert und die Besucher ausdrücklich einlädt, historische Zeugnisse zu ihren Häusern vorbeizubringen. Ganz ähnlich fragt auch das Stadtpalais nun die Migranten: "Haben Sie noch Erinnerungsstücke an die Reise nach Deutschland und an die Ankunft hier in Stuttgart?"

Man kann nicht sagen, dass die Ausstellung Problemen ausweicht: Migration und Spracherwerb, Homosexualität, Deportation, Fremdenfeindlichkeit und Gewaltherrschaft im "Dritten Reich" kommen ausführlich zu Wort, ebenso der Protest gegen Stuttgart 21. Ganz aktuell ist auch die Tafel zur Erinnerung an die Kindereuthanasie am ehemaligen Kinderkrankenhaus in der Birkenwaldstraße zu sehen.

Politischen Themen stehen Fußball und Hiphop gegenüber: von allem etwas, von nichts zu viel, es soll bitte nicht einseitig wirken. Die vielen bewegten Bilder und interaktiven Stationen, die auf Knopfdruck einen kurzen Einblick in das Leben des Stuttgarter Oberbürgermeisters Karl Lautenschlager oder der kommunistischen Widerstandskämpferin Lilo Hermann geben, wirken in der Fülle erschlagend, ohne im Detail in die Tiefe zu gehen. "Eine stolze Stadt" steht am Ende des ersten chronologischen Raums zum 19. Jahrhundert unter einem riesigen Tafelaufsatz in vergoldetem Silber aus dem damals ganz neuen Rathaus. Dies scheint, was die Ausstellung vermitteln will: eine Stadt, die auf sich stolz sein kann. Sie feiert sich selbst: im Stadtpalais. Aber ist das die Aufgabe eines Museums?

Detailliert: Stadtmodell in der Villa Sonnenhalde. Foto: Thomas Fütterer
Detailliert: Stadtmodell in der Villa Sonnenhalde. Foto: Thomas Fütterer

Wie anders die Ausstellung, die der im Mai verstorbene Architekt Roland Ostertag in der Villa Sonnenhalde am Gähkopf zur Stadtgeschichte zusammengetragen hat. Auch hier steht am Anfang ein großes Stadtmodell, ganz ohne mediales Zauberwerk. Dafür sind, im Maßstab 1:1000, Straßen und Häuser genau zu erkennen. Ostertag hat unzählige Pläne und Fotos zusammengetragen, zum Teil nur kopiert aus dem Stadtarchiv, aber immer getragen von einem Gedanken: Wie lässt sich aus der Topografie und Geschichte der Stadt ein Konzept für ihre Weiterentwicklung gewinnen?

Ostertag war nicht nur ein vehementer Kritiker der Sünden der Stuttgarter Stadtentwicklung und hat dabei manchen Bau, vom Alten Schauspielhaus bis zum Bosch-Areal, noch gerettet. Im Gegensatz zum Verein "Aufbruch Stuttgart", der gegen die Straßenschneise B 14 wettert, aber kein Konzept hat, im Unterschied auch zu Arno Lederer, der dem Verein angehört, das Wilhelmspalais neu gestaltet hat und auf den Spuren des Architekten Theodor Fischer eine Gesamtkonzeption für die Entwicklung der Stadt fordert, hatte Ostertag eine Konzeption.

Die Villa Sonnenhalde hat, was dem Stadtpalais fehlt

Dazu gehört der Rückbau der Stadtautobahn: Sein Konzept sieht auf der Hauptstätter Straße vor dem Gustav-Siegle-Haus eine Reihe von Häusern vor, um die Stadtautobahn wieder auf ihre menschliche Vorkriegs-Dimension zurückzustutzen. Ostertag hat sich mit dem Wasser in Stuttgart beschäftigt und wollte das Neckarufer zugänglich machen. Und er zeigt nicht nur, wie das Stadtpalais, die Planung der autogerechten Stadt der 1960er-Jahre: die jeder kennt, weil sie immer noch Realität ist. Vielmehr zeigt er, was 1967 außerdem noch geplant war: ein "Mittlerer Ring" um den Talkessel in Halbhöhenlage, als zweigeschossige Autobahn.

Ostertags Sammlung ist ein einzigartiges Kompendium zur Geschichte der Stadt: nicht als tote Vergangenheit, sondern als Einladung zum Weiterdenken. Sie sollte erhalten bleiben, auch deshalb, weil der Ort, an dem sie sich befindet, die Villa Sonnenhalde, selbst ein erstrangiges Dokument der Stuttgarter Geschichte ist. Der Bosch-Vorstandsvorsitzende Hugo Borst hat die Villa 1922 mit seiner Frau Martha erbauen lassen. Er hat hier noch 1936 moderne Kunst gezeigt und nach dem Krieg dem Württembergischen Kunstverein ein Ausweichquartier geboten. Seine Kunstsammlung gehört heute der Staatsgalerie, seine 4393 Bücher in Erstausgaben aus den Jahren 1749 bis 1899 der Landesbibliothek.

Der arme König wurde ins Abseits gestellt.
Der arme König wurde ins Abseits gestellt. Foto: Joachim E. Röttgers

Dass Borst der wichtigste Kunst-Mäzen Stuttgarts war, ist schon am Bild der "Drei Grazien" von Hermann Sohn über dem Eingang und an verschiedenen plastischen Arbeiten von Jakob Wilhelm Fehrle zu sehen. In der Villa Sonnenhalde wird die Stadtgeschichte greifbar, anders als im Stadtpalais, wo sie heranschwebt und wieder entweicht. Sie hat, was dem Stadtpalais fehlt, und könnte dieses bestens ergänzen.

Und der König? Sind es wirklich nur unverbesserliche Royalisten, die das Bronzestandbild wieder vor dem Wilhelmspalais sehen wollen? Die nicht wissen, dass es in Wirklichkeit für dessen Großvater Wilhelm I. erbaut wurde? Wer so denkt, verkennt, dass die Bronzefigur ein Wunschbild darstellt: Der Regent auf Augenhöhe mit der Stadtbevölkerung. Dieses Bild hat keinesfalls ausgedient, es bleibt unvermindert aktuell.


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