Kämpfer für schönes Bauen: Roland Ostertag. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kämpfer für schönes Bauen: Roland Ostertag. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ausgabe 372
Gesellschaft

Kämpfer für die Stadt

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 16.05.2018
Immer wieder hat sich Roland Ostertag in die Stuttgarter Stadtplanung eingemischt und damit vieles erreicht. Die Stuttgarter Unkultur, insbesondere S 21, hat er nicht akzeptiert – aber sich von ihr auch nicht kleinkriegen lassen. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Diese Unkultur hatte er so beschrieben: "Weder die Oberbürgermeister, noch die Baubürgermeister dieser Stadt haben in den vergangenen Jahrzehnten wesentliche Gedanken zur Stadt, zu unserer Stadt beigesteuert. ... Kein Wunder, dass damit ein verhängnisvoller Kreis geschaffen wurde: Kein Denken, kein Gespräch, keine sprachfähigen verantwortlichen Bauherren, keine sprachfähigen Architekten, keine Sprach-, Planungs- und Baukultur." Die Folge, so Ostertag zu Stuttgart 21: "Häppchenweise wird die Öffentlichkeit nachträglich informiert. Kein Wunder, dass sich dagegen zunehmend Kritik und Unwillen äußert."

Das war 1996, im Jahr nach der Vorstellung der Machbarkeitsstudie für das Bahnprojekt und der ersten Rahmenvereinbarung zwischen Bund, Land, Stadt, Regionalverband und der Deutschen Bahn. Und damit drei Jahre bevor Bahnchef Johannes Ludewig das Projekt wieder auf Eis legte. Soll nochmal einer sagen, der Protest habe sich zu spät geregt.

Ostertag war zu diesem Zeitpunkt seit 26 Jahren Professor für Gebäudelehre und Entwerfen der Technischen Universität Braunschweig und seit drei Jahren Präsident der Bundesarchitektenkammer. Er war zur selben Zeit auch Mitglied des Kuratoriums der wegweisenden Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park im Ruhrgebiet.

In Stuttgart stand damals das Bosch-Areal noch auf der Kippe. Ostertag hat mit einer Bürgerinitiative für den Erhalt der denkmalgeschützten Industriebauten gekämpft und vier Jahre zuvor den städtebaulichen Ideenwettbewerb gewonnen. In dem Areal waren lange Zeit das Regierungspräsidium und sogar das Landesdenkmalamt ansässig. Doch das Land wollte abreißen, um ein 32 Stockwerke hohes Hochhaus zu errichten. 1995 wurde ein Investorenwettbewerb ausgeschrieben, der mit einem Patt ausging. Zwei Jahre später stimmte dann der Gemeinderat einer Lösung zu, die weitgehend den Vorstellungen Ostertags folgte, nachdem sich der vom Land präferierte Investor zu Zugeständnissen bereit erklärt hatte. Der Kompromiss brachte allerdings mit sich, dass dort keine Wohnungen gebaut wurden. Es entstand nur eine einzige: die des Investors.

Voller Ideen für eine lebenswerte Stadt 

Aber Ostertag war ein Fuchs. An die Ecke des Geländes setzte er anstelle des sechsstöckigen Verwaltungsgebäudes der Nachkriegszeit, dessen einziger Schmuck in einem roten Bosch-Schriftzug bestand, ein rundes, durch horizontale, schwarze Bänder gegliedertes gläsernes Treppenhaus, das die Stuttgarter Stadtgesellschaft an eine andere Sünde erinnerte: an das 1960 abgerissene Kaufhaus Schocken des berühmten Architekten Erich Mendelsohn.

Das ehemalige Kaufhaus Schocken. Foto: Von Manfred Niermann - CC BY-SA 4.0, Link

Und als 2001 im Bosch-Areal das Literaturhaus eröffnete, organisierte Ostertag als Vorstand der Stiftung Architekturforum Baden-Württemberg eine Reihe von Vorträgen mit namhaften Architekten wie Frei Otto oder Günter Behnisch, aber auch mit dem Empirischen Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger oder dem Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Gottfried Kiesow. So legte er immer wieder den Finger in die Wunden der Stuttgarter Stadtplanung und zeigte Alternativen auf.

Ostertags Weckruf mit dem Titel "Weißenhof am Ende?" bewirkte, dass der Bund die Mustersiedlung von 1927 doch nicht verkaufte und in einem der inzwischen zum Weltkulturerbe zählenden Le-Corbusier-Häuser das Weißenhofmuseum entstehen konnte. Mehrere Vorträge unter anderem zum NS-Dokumentationszentrum in München und zur "Topographie des Terrors" in Berlin trugen mit zum Erhalt der früheren württembergischen Gestapo-Zentrale "Hotel Silber" bei. Den Ausschlag gab, neben dem Regierungswechsel 2011, eine Unterschriftenliste mit zahlreichen Prominenten, die Ostertag zusammen mit Micha Brumlik, dem Frankfurter Erziehungswissenschaftler jüdischer Herkunft organisierte. 

1931 in Ludwigsburg geboren, war Ostertag 14 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Das Erlebnis der Trümmerlandschaft war die wesentliche Motivation seines Engagements für den Erhalt der noch stehen gebliebenen Bausubstanz. Ohne ihn gäbe es das Alte Schauspielhaus nicht mehr, das er 1982 nach zwanzigjährigem Leerstand wieder bespielbar machte. Das Kriegs- und Nachkriegserlebnis veranlasste ihn, immer wieder für das Gedenken an die Untaten der NS-Zeit einzutreten. Ostertag war einer der Initiatoren der Gedenkstätte am Nordbahnhof. Die Stadt hatte das Areal, von dem aus mehr als 2600 überwiegend jüdische Mitbürger, aber auch Sinti und Roma deportiert und in den Tod geschickt wurden, meistbietend verscherbeln wollen.

Stuttgart 21 war ihm Paradebeispiel städtischer Unkultur 

Kultur war Ostertag wichtig. Auch für die Villa Berg hat er sich eingesetzt. Er wollte nicht den Wohnsitz des Kronprinzenpaars rekonstruieren, obwohl er den Umbau der fünfziger Jahre als "eines der schlimmsten Kapitel des Wiederaufbaus der Nachkriegsgeschichte Stuttgarts" betrachtete. Aber er erlebte die Villa mit ihrem Sendesaal und die angrenzenden Neubauten von Rolf Gutbrod eben auch als einen Ort der Kultur mit herausragenden Konzerten und Veranstaltungen. "Die Villa Berg war in den sechziger Jahren das kulturelle Zentrum von Stuttgart", hat er am Rand einer Veranstaltung der Initiative Occupy Villa Berg einmal bemerkt. Dass die Stadt sie, auch ohne sein Zutun, zurückerwarb und nun in ein "offenes Haus für Musik und mehr" verwandeln möchte, dürfte ihn froh gemacht haben.

Das alte Schauspielhaus. Foto: Joachim E. Röttgers
Das alte Schauspielhaus. Foto: Joachim E. Röttgers

Aus den Vorträgen des Architekturforums ging 2004 der zweite Band "Stuttgart ... wohin?" hervor. Zwei Jahre später zog Ostertag in das frühere Wohnhaus des Bosch-Vorstandsvorsitzenden und Kunstsammlers Hugo Borst, der dort noch 1936 moderne Kunst ausgestellt hatte. Auch Ostertags Domizil war öffentlich zugänglich. "Stuttgart woher-wohin" nannte er seine Ausstellung zur Stadtgeschichte und Stadtentwicklung: Vor einem riesigen Stadtmodell, mit Blick auf den originalen Talkessel, konnte man sich mit dem Hausherrn über die Entwicklung Stuttgarts Gedanken machen.

Aus dem Architekturforum hat er sich vor einigen Jahren zurückgezogen. Doch er hat nicht aufgehört, sich einzumischen. So hat er 2007 nicht nur gegen die Stadtautobahn B 14 polemisiert, sondern ein detailliertes Konzept ausgearbeitet, wie die beiden Seiten wieder zusammenwachsen könnten. Der Titel der Studie: "Der Stadtboden gehört allen." Ostertag schlug vor, zum Teil anknüpfend an die frühere Bebauung die in der Nachkriegszeit geschlagene sechs- bis achtspurige Straßenschneise wieder mit Wohnhäusern zu bebauen, Bäume zu pflanzen und den Autoverkehr auf das Maß einer gewöhnlichen Stadtstraße zurückzusetzen.

"Stuttgart – wohin?", so nannte er auch seinen Blog, über den er sich bis vor kurzem immer wieder zu Wort gemeldet hat. In letzter Zeit ist es ruhiger geworden um Ostertag. Er war krank, war zu hören. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine Fragen und Anregungen werden der Stadt noch lange Zeit zu denken geben.

 

Info:

"Stuttgart 21, das seit 1994/95 vor unseren Augen abläuft, ein Paradebeispiel für diese Unkultur, wird von den Verantwortlichen als Theaterstück 'Geschlossene Gesellschaft' inszeniert": Das schrieb Roland Ostertag 1996 im ersten von zwei Bänden zum Thema "Stuttgart – wohin?". Das ist nun neu nachzulesen im soeben im Peter-Grohmann-Verlag erschienenen Sammelband "Stuttgart ohne Geschichte. Stadtplanung im kritischen Rückblick".

Mit "Einer von uns" hat Peter Grohmann sich von dem Querdenker und Visionär verabschiedet. Die Trauerfeier findet am Freitag, 18.5.2018, um 11 Uhr auf dem Pragfriedhof statt.


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