Schöne Idee: Ein nicht eingereichtes Wettbewerbsmodell für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof von Frei Otto, 1997/98. Foto: SAAI

Schöne Idee: Ein nicht eingereichtes Wettbewerbsmodell für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof von Frei Otto, 1997/98. Foto: SAAI

Ausgabe 298
Kultur

Frei im Kopf

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 14.12.2016
Die Mannheimer Multihalle ist noch nicht gerettet. Von 28 geplanten Kelchstützen steht auf der Stuttgart-21-Baustelle nicht mal eine. Entworfen hat beides Frei Otto. Nun zeigt das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe (ZKM) zahlreiche Modelle des 2015 verstorbenen Architekten.

Frei Otto hatte 2010 versichert, dass man auf unterirdische Durchgangsbahnhöfe soweit wie möglich verzichten werde. Überhaupt brauche man für ein- und aussteigende Fahrgäste eh immer nur Kopfbahnhöfe. Im Wettbewerb für den Stuttgarter Bahnhof, an dem er sich 1997 gemeinsam mit Christoph Ingenhoven beteiligte, sei jedoch die Querverlegung der Gleise Voraussetzung gewesen. Daran hielt er sich und entwarf die Kelchstützen, die den unterirdischen Durchgangsbahnhof von einem U-Bahnhof unterscheiden sollen.

Es war sein letztes großes Projekt, für ihn "mein schönster Entwurf, den ich bisher gemacht habe." Und dennoch zog sich Otto 2008 zurück und kritisierte das Vorhaben. Drei Jahre zuvor hatte sich Ingenhoven allein um den Holcim-Preis des Schweizer Betonkonzerns beworben – und damit eine von zwei Goldmedaillen und 300 000 Euro gewonnen. Dagegen hat sich Frei Otto gewehrt. Ingenhoven musste zusagen, seinen Namen in Zukunft immer mit zu erwähnen. Um zu dokumentieren, von wem die Idee stammte, publizierte Ottos Tochter Christine Kanstinger die Modelle in einer Broschüre.

Modell einer regelmäßigen Hoch-Tiefpunktfläche. Von Frei Otto und Larry Medlin, 1964. Foto: Bernd Seeland/SAAI
Modell einer regelmäßigen Hoch-Tiefpunktfläche. Von Frei Otto und Larry Medlin, 1964. Foto: Bernd Seeland/SAAI

Sie sind nun erstmals öffentlich ausgestellt, zusammen mit vielen anderen. Denn Modelle waren für Frei Ottos Arbeit zentral. Sie dienten ihm nicht nur zur Visualisierung der Bauformen. Sie waren Grundlage des Entwurfs. Mittels Seifenhäuten oder Netzen, an denen kleine Gewichte aufgehängt waren, ermittelte er den optimalen Formverlauf, etwa bei seinem berühmtesten Werk, dem Münchner Olympiadach, aber auch im Fall der Kelchstützen für den Stuttgarter Bahnhof.

Seinen Nachlass hatte er 2010 schon geregelt. Sämtliche Modelle gingen ans Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (SAAI) nach Karlsruhe. Von dort ist es nicht weit bis zum Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), wo nun ein schräg in den Raum gestellter, fast 50 Meter langer Tisch den Mittelpunkt der Ausstellung bildet. Darauf stehen unzählige Modelle, auch zu unbekannten, nicht realisierten Entwürfen. 18 kleine Arbeitstische führen darüber hinaus Ottos Denken vor Augen, unter anderem die Analogien zwischen Natur- und Bauformen. Nochmal so viele Regale enthalten Archivmaterialien: Fotos, Pläne, Bücher, Videos.

Frei Otto auf dem Versuchsaufbau der Lattenkuppeln für Montreal in Körschtal. Foto: SAAI
Frei Otto auf dem Versuchsaufbau der Lattenkuppeln für Montreal in Körschtal. Foto: SAAI

Im Fall des Stuttgarter Bahnhofs wollten Otto und Ingenhoven eine gläserne Halle wie bei den Bahnhöfen des 19. Jahrhunderts vermeiden. Aber auch "ein Ambiente wie in einer Pariser U-Bahn" wollte Otto nicht: "Meine Aufgabe war, die Konstruktion vorzugeben." Er dachte zuerst an eine zugbeanspruchte Seilnetzkonstruktion, änderte dann jedoch seinen Plan: "Ich habe gesagt, machen wir es wie Gaudí, machen wir alles in Druck."

Der katalanische Architekt Antoni Gaudí hatte die Form seiner berühmten Sagrada Família anhand eines hängenden Kettenmodells ermittelt, die er dann versteifte und auf den Kopf stellte. Frei Otto hat diesen Versuch einmal nachgestellt.

Die Konstruktion der Kelchstützen beruht auf demselben Prinzip, das er erstmals in großem Stil an der Mannheimer Multihalle erprobte. Die nur aus Holzleisten bestehende Konstruktion ist bis heute die größte freitragende Holzgitterschalenkonstruktion der Welt und steht daher seit 1998 unter Denkmalschutz.

Die Multihalle war ursprünglich als temporäres Bauwerk für wenige Monate geplant, sie entstand für die Bundesgartenschau 1975. Ohne nennenswerte Sanierungen steht die Halle nun seit mehr als 40 Jahren. Im Juni hat der Mannheimer Gemeinderat für Abriss votiert – falls sich nicht noch Spender fänden.

"Die Multihalle ist ein ingenieurtechnisches Meisterwerk", betonte Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz Ende Oktober auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Architektenkammer, die sich für das Bauwerk einsetzt: "An ihrer Erhaltung besteht sowohl ein wissenschaftliches und künstlerisches, aber ebenso sehr auch ein öffentliches Interesse."

Vor diesem Hintergrund fragt sich nun aber, warum die Stadt Mannheim die Halle jahrelang vor sich hin gammeln ließ, bis heute nichts für ihren Erhalt tun wollte – galt sie doch früher noch als "Wunder von Mannheim". Die Begründung lautet, wie üblich: kein Geld.

Das ist wie immer im Verhältnis zu sehen: 11,6 Millionen Euro würde die Sanierung kosten. Ein Bruchteil des BuGa-Etats würde also reichen und die Stadt Mannheim könnte die Multihalle – ganz ohne Spender – retten. Frei Otto hätte das sicher gefreut. 

Die Multihalle während der Aufrichtung der Gitterschale für die Bundesgartenschau 1975. Foto: SAAI
Die Multihalle während der Aufrichtung der Gitterschale für die Bundesgartenschau 1975. Foto: SAAI

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