Ausgabe 207
Gesellschaft

Der Designer der Stuttgarter Lichtaugen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 18.03.2015
Aus seiner Werkstatt stammt nicht nur das Münchner Olympiadach, sondern auch das entscheidende Merkmal des Tiefbahnhofs Stuttgart 21. Frei Otto, einer der großen deutschen Nachkriegsarchitekten, ist kurz vor seinem 90. Geburtstag in Warmbronn gestorben – als Gegner seines einstigen Projekts.

Den Pritzker-Preis, so etwas wie der Nobelpreis für Architektur, den hat er nicht mehr entgegennehmen können. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist Frei Otto in seinem Haus in Warmbronn gestorben. Otto, der laut Einschätzung des Architekturmuseums der TU München "wie kein anderer deutscher Architekt der Nachkriegszeit internationale Anerkennung gefunden hat", wird nun posthum mit dem renommierten Preis ausgezeichnet. Alle anderen großen Architekturpreise der Welt – den des Royal Institute of British Architects (RIBA), den japanischen Praemium Imperiale, den Aga Khan Award – hat er längst erhalten. Nur beim Holcim Award gab es vor einigen Jahren Zoff.

Frei Otto. Foto: Kontext
Frei Otto. Foto: Kontext

Im Fall dieser hoch dotierten Auszeichnung des weltgrößten Betonherstellers aus der Schweiz wählt die Jury, anders als bei anderen Preisen, nicht von sich aus die Preisträger, sondern reagiert auf Bewerbungen und Vorschläge. 2005, als der Preis zum ersten Mal ausgeschrieben wurde, erzielte Christoph Ingenhoven mit dem Konzept des Stuttgarter Tiefbahnhofs den zweiten Platz und 50 000 Dollar Preisgeld. Und zwar allein. Dabei stammen die Lichtaugen, das einzige architektonisch außergewöhnlicher Merkmal des Projekts, von Frei Otto: 128 Modelle, entstanden von 1997 bis 2008 in seinem Atelier in Warmbronn, hat seine Tochter Christa Kanstinger daraufhin publiziert. Doch Ingenhoven hielt es nicht für notwendig, den Namen Frei Otto auch nur zu erwähnen.

Leichte Tragwerke – schwere Verstimmungen

Wie kam der geistige Vater des Münchner Olympiadachs überhaupt dazu, sich auf das Mammutprojekt einzulassen? Der im sächsischen Siegmar geborene Architekt war 1964 nach Stuttgart gekommen, berufen von Fritz Leonhardt, dem Erbauer des Fernsehturms und dann Rektor der Technischen Hochschule, die unter seiner Ägide zur Universität aufstieg. Auf dem Vaihinger Campus leitete Frei Otto das Institut für leichte Flächentragwerke: in einem Bau, der ursprünglich als Prototyp für den deutschen Expo-Pavillon in Montreal 1967 entstanden war. Hier entstanden all seine berühmten Entwürfe: das Olympiadach, die Mannheimer Multihalle, Bauten in Mekka und Riad, die Voliere im Münchner Tierpark Hellabrunn, die Ökohäuser der Berliner Bauausstellung 1987. Unter dem spitzen Zeltdach des Instituts arbeitete er mit Biologen und Paläontologen im größten interdisziplinären Sonderforschungsbereich, den es jemals an einer deutschen Universität gab, an der Erforschung organischer Formen und Konstruktionen.

Olympiadach in München. Foto: Tiia Monto/Wikimedia
Olympiadach in München. Foto: Tiia Monto/Wikimedia

Aber abgesehen von dem Stuttgarter Institut und seinem Wohnhaus und Atelier in Warmbronn hat Frei Otto in Stuttgart nichts gebaut und ist nur ein einziges Mal, 1978 im Institut für Auslandsbeziehungen, mit einer Ausstellung gewürdigt worden. Bei einer Veranstaltung zu seinem 85. Geburtstag sprach ihn der stellvertretende Rektor der Universität, Vor- und Nachnamen vertauschend, gar mit "Herr Frei" an – ein krasses Beispiel, dass der Mann in seiner universitären Heimat offenbar nicht besonders bekannt war. Ottos 80. Geburtstag hatte die Stuttgarter Uni übrigens komplett verschlafen – während gleichzeitig in München eine große Retrospektive stattfand.

1997 sah Frei Otto seine Chance gekommen: Christoph Ingenhoven, mit dem er zuvor schon zusammengearbeitet hatte, bewarb sich für den Stuttgarter Tiefbahnhof. Seit jeher hat Otto im Team gearbeitet, das Münchner Olympiadach entstand zusammen mit seinen Stuttgarter Kollegen Günter Behnisch, Jörg Schlaich, Fritz Auer und Fritz Leonhardt. Otto war also stets Teamplayer, bei der Zusammenarbeit mit Ingenhoven sah er aber sein Vertrauen missbraucht. Ausgestiegen aus dem Projekt ist er 2008, als er erfuhr, dass die Bauingenieure seines Vertrauens, Buro Happold aus England sowie Leonhardt Andrä und Partner – das Büro des 1999 verstorbenen Fritz Leonhard –, das Projekt nicht mehr bearbeiten sollten. "Ich kam zu der Meinung", so Otto, "allein, ohne meine Freunde, die Ingenieure, kann ich das nicht verantworten."

Institut für leichte Flächentragwerke in Stuttgart-Vaihingen. Foto: Kamahele/Wikimedia
Institut für leichte Flächentragwerke in Stuttgart-Vaihingen. Foto: Kamahele/Wikimedia

Als Frei Otto schließlich erleben musste, dass ein Großteil der Stuttgarter Bürgerschaft gegen das Projekt auf die Barrikaden ging, trat auch er an die Öffentlichkeit. Der Mann, der das Projekt zunächst mitgetragen hatte, warnte jetzt vor aufquellendem Gipskeuper, dass der Bahnhofsturm in Schieflage geraten könnte oder dass der im Grundwasser liegende, kolossale Bahnhofstrog bei einem Auftrieb von mehr als 500 000 Tonnen in einem Untergrund verankert werden müsse, dessen Beschaffenheit ungeklärt sei. Er besaß dabei sicher mehr Fachkompetenz als Ingenhoven, auch wenn der ihm die absprach. Aber er wusste natürlich auch, dass die Ingenieure für jedes Problem sicher Lösungen finden könnten, und sei es unter einer höchst kreativen Auslegung der Vorschriften, vorsichtig gesagt. "Die Bahn wird sich weiter durchwursteln, so wie sie sich auch bisher durchgewurstelt hat", sagte Frei Otto im Herbst 2010 in einem Interview.

Abkehr von Stuttgart 21

Damals hatte er bereits eine neue Idee: Statt den Bahnhof unter die Erde zu legen, plante er eine Kombilösung aus Kopf- und Durchgangsbahnhof: ähnlich wie später das Büro SMA, allerdings mit dem Unterschied, dass der Durchgangsbahnhof für den Fernverkehr bei seiner Idee über die Dächer der LBBW-Zentrale und des Bahnhofs-Südflügels hinweg auf einer Brücke durch den Talkessel führen sollte. Dafür hatte er bereits ein Arbeitsmodell angefertigt und wollte den Vorschlag in Heiner Geißlers Schlichtung einbringen.

Modell für die Bahnhofs-Lichtaugen. Foto: privat
Modell für die Bahnhofs-Lichtaugen. Foto: privat

Als der damalige Grünen-Fraktionschef und Teilnehmer an der Schlichtung, Winfried Kretschmann, auf einer Wahlkampfveranstaltung in Esslingen von Ottos Konzept erfuhr, sagte er spontan: "Das muss in die Schlichtung eingehen." Ottos Papier hat Kretschmann auch erhalten, sein Büro hat den Empfang bestätigt. Doch in der Schlichtung kam der Vorschlag dann nicht mehr zur Sprache.

Frei Otto fühlte sich damit nach eigener Aussage von Druck und Verpflichtungen befreit. Er genoss seinen Lebensabend im beschaulichen Warmbronn, so weit gesundheitliche Probleme des fast gänzlich erblindeten Architekten dies zuließen. Gewurmt haben wird es ihn aber doch, dass das Projekt, das sein Lebenswerk hätte krönen sollen, von den Stuttgartern nicht bewundert wurde, sondern die Stadtgesellschaft auf Jahre hinaus polarisiert hat. Aber ändern konnte er daran nun nichts mehr.

 

Unser Autor hat Frei Otto im November 2010 in seinem Warmbronner Atelier besucht und anschließend dem Wahlkämpfer Winfried Kretschmann Ottos Vorschlag für einen oberirdischen Kombibahnhof überbracht.


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