Ausgabe 277
Gesellschaft

Crowdfunding für Denkmalschutz

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.07.2016
Ist der Denkmalschutz mehr wert ist als das Papier, auf dem er steht? Das wird sich am Franz-Rohde-Haus von Otto Bartning in Karlsruhe erweisen. Und an der Mannheimer Multihalle, einem wichtigen Bauwerk des berühmten Architekten Frei Otto.

"Dieses idyllische Pflegeheim wurde im Baustil der 30er-Jahre erbaut", wirbt die Website der Evangelischen Stadtmission Karlsruhe für das Franz-Rohde-Haus: "Ein großzügig angelegter Park mit altem Baumbestand, Gemüsebeeten, einem Hasengehege und einem Barfußparcours, ermöglicht körperliche und geistige Anregung und Entspannung in natürlicher Umgebung." Doch die Idylle trügt. 

Der Betreiber selbst, die Stadtmission, hat vor einem Jahr eine Bauvoranfrage für einen Neubau gestellt. Das heißt, der denkmalgeschützte Bau würde abgerissen, die Bäume gefällt. Der Grund: Die Landesheimbauverordnung verlangt, dass es in Pflegeheimen ab September 2019 nur noch Einzelzimmer geben darf. Das Franz-Rohde-Haus besteht aber nur aus Doppelzimmern. Ein Umbau des Heims sei nicht wirtschaftlich, argumentiert der Verein. Für das Bauordnungsamt nachvollziehbar, das dem Antrag stattgegeben hat.

Entsetzte Anwohner der Karlsruher Weststadt gründeten eine Bürgerinitiative. Anfangs wurde ihnen vorgehalten, ihnen es ginge nur um ihre Privilegien als Bewohner des beschaulichen Musikerviertels. Doch der Denkmalpfleger Clemens Kieser bestätigt: Es handelt sich um einen denkmalgeschützten Bau des Architekten Otto Bartning. Offenbar hatte das Amt dem Abriss zugestimmt, ohne auch nur in die Denkmallisten zu schauen.

Bartning war eine zentralen Figuren der modernen Architektur in Deutschland. 1883 in Karlsruhe geboren, formulierte er bereits 1918 mit Walter Gropius das Bauhaus-Programm. Aber Gropius mochte keine anderen Götter neben sich haben und gründete die Designschule allein. Bartning war 1926 auch Mitbegründer der Architektengemeinschaft "Der Ring" und mit Gropius und der Reichstagsabgeordneten Marie-Elisabeth Lüders Initiator der Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen, die auch die Stuttgarter Weißenhofsiedlung mit finanziert hat. 

Karlsruher Franz-Rohde-Haus droht Abriss

Bartnings einziger Fehler: Der Enkel eines evangelischen Theologen, in der Nachkriegszeit Präsident des Bunds Deutscher Architekten (BDA), trat sehr viel bescheidener auf als der emsige Selbstvermarkter und Strippenzieher Gropius. Aber seine Bauten waren konsequent modern. Aufsehen erregte 1922 sein Entwurf einer expressionistischen Sternkirche. Die Essener Auferstehungskirche, ein kreisrunder Stahlbetonskelettbau, und die Stahlkirche auf der Ausstellung Pressa 1928 in Köln waren die modernsten Kirchenbauten ihrer Zeit. "Undeutscher Internationalismus", "marxistische Gesinnung", "Fabrikhallencharakter" – so beurteilten die Nazis Bartnings 1935 fertiggestellte Markuskirche in Karlsruhe.

Bekannt ist Bartning vor allem für seine Notkirchen, finanziert mit je 10 000 Dollar vom Weltrat der Kirchen und verschiedenen kirchlichen Organisationen der USA und der Schweiz. Von 1947 an entstanden 48 Kirchen in ganz Deutschland, weitere rund 50 Kapellen und Gemeindezentren folgten. Die Konstruktion beruht auf vorgefertigten Holzrippen. Beim Bau legten die Gemeinden selbst mit Hand an. Die Karlsruher Friedenskirche besteht aus Ziegeln des zerstörten Rathauses. Auch in Stuttgart gibt es eine Notkirche, die Ludwig-Hofacker-Kirche in der Dobelstraße. Derzeit läuft ein Antrag auf Aufnahme der Notkirchen ins Unesco-Weltkulturerbe.

Bartning war einer der wenigen, die das "Dritte Reich" halbwegs unkompromittiert überstanden, eben weil er in dieser Zeit fast nur Kirchen gebaut hat. Das Franz-Rohde-Haus in Karlsruhe steht für seine Haltung: keine Anbiederung an nationalsozialistischen Prunk und Pomp, ein unaufdringlicher Bau für einen sozialen Zweck. Mit Walmdach und Fledermausgauben, teils rundbogigen Sprossenfenstern und Fensterläden führt der Architekt eine Karlsruher Traditionslinie weiter, die von Friedrich Weinbrenner bis zu seinem Lehrer Friedrich Ostendorf reicht. Modern wirkt dagegen die zurückhaltende Asymmetrie. Von einer Loggia im zweiten Obergeschoss fällt der Blick auf die herrlichen alten Parkbäume.

Die Begründung des Denkmalamts hebt die Bemühung des Auftraggebers zur "Schaffung eines sorgenfreien und preiswerten Unterkommens für minderbemittelte, teils auch mittellose Volksgenossen und Volksgenossinnen" hervor, wie es 1937 im Förderantrag des ursprünglichen Betreibers, des Wichernbunds hieß, "die, wenn sie in eigenem Haushalt leben müssten, darben würden". Zum Bau selbst heißt es: "Form und Funktion entsprechen sich in besonders gelungener Weise, indem der Wohntrakt auf dem Grundstück zurückgesetzt wurde und so ein auf der Südseite gelegener, parkartiger Garten für die Bewohner entstand."

Die Bäume sind auch durch die Karlsruher Baumschutzsatzung (BSchS) geschützt. Ein Gutachter im Auftrag der Stadtmission musste sich daher ziemlich verrenken, um zu dem Ergebnis zu gelangen: "Gemäß § 6 Absatz 1 BSchS kann bzw. muss eine nach § 3 BSchS verbotene Handlung aber erlaubt werden, wenn der Schutzzweck der Satzung hierdurch nicht erheblich beeinträchtigt wird." Eine Nachfrage im Landesdenkmalamt bestätigt jedoch, dass auch der Park Bestandteil des Baudenkmals ist.

Kulturdenkmale pflegen – soweit zumutbar

Das Denkmalschutzgesetz des Landes hält fest: "Ein Kulturdenkmal darf nur mit Genehmigung der Denkmalschutzbehörde zerstört oder beseitigt werden." Allerdings heißt es in Paragraf 6: "Eigentümer und Besitzer von Kulturdenkmalen haben diese im Rahmen des Zumutbaren zu erhalten und pfleglich zu behandeln." Was zumutbar ist und was nicht, ist Auslegungssache. Wenn der Besitzer glaubhaft machen kann, dass ihn der Erhalt teurer kommt als Abriss und Neubau, läuft es in der Praxis freilich allzu oft auf Abriss hinaus.

Zwar heißt es auch: "Das Land trägt hierzu durch Zuschüsse nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel bei." Wie viel Haushaltsmittel zur Verfügung stehen, sagt das Gesetz indes nicht. Es gibt Fälle, in denen entschieden wurde, dem Besitzer könne der Erhalt nicht zugemutet werden, weil er mit einem Neubau höhere Einnahmen erzielen kann. Wenn der Bestandsbau das Grundstück nicht maximal ausnützt, steht in diesem Fall der Denkmalschutz nur noch auf dem Papier. Das Franz-Rohde-Haus wäre hier kein Einzelfall.

Besonders pikant ist, dass das Otto-Bartning-Archiv der TU Darmstadt im kommenden Jahr die erste große Bartning-Retrospektive plant, die nach einer ersten Station in der Berliner Akademie der Künste auch nach Karlsruhe kommen soll. "Und wenn wir dann eine Abteilung einrichten müssten in der Ausstellung, um zu zeigen: hier stand einmal das Franz-Rohde-Haus" – dies würde Meinrad von Engelberg vom Bartning-Archiv gerne vermeiden.

"Wir sind mit Planern und Behörden dabei, eine gute Lösung zu finden", versichert Wolfgang Betting  Referent Pfarrer Martin Michels, dem Vorstandsvorsitzenden der Stadtmission, am Montag, den 18. Juli: "Aber das braucht Zeit, Arbeit und Ruhe." Sehr viel Zeit hat sich die Stadtmission indes nicht gelassen: Noch am selben Tag treten Michel und die Stadt Karlsruhe mit einem neuen Vorschlag an die Öffentlichkeit: Der Bau soll erhalten bleiben, allerdings zur Hälfte hinter einem viergeschossigen Neubau an der Straße verschwinden, sodass "das Bartning-Gebäude dann wie ein kleiner Gartenschuppen dahinter steht", wie Kerstin Unseld von der Bürgerinitiative moniert. Von dem "großzügig angelegten Park" bliebe nur noch ein Rest, der "ästhetische Gesamteindruck des im zugehörigen Garten zurückgesetzten Gebäudes", den das Denkmalamt zusammenfassend hervorhebt, wäre dahin.

Mehr als peinlich wäre es auch für Mannheim, wenn die Multihalle, entstanden zur Bundesgartenschau (Buga) 1975, bei der nächsten Buga 2023 nicht mehr da wäre. Die Besonderheit ist die größte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt, erbaut von Frei Otto in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler. Otto gilt als der renommierteste deutsche Architekt. Den Pritzker-Preis, die höchste Architektur-Auszeichnung der Welt, konnte er im vergangenen Jahr nicht mehr entgegennehmen, da er kurz vor seinem 90. Geburtstag verstarb.

Nach dem Münchner Olympiadach ist die Mannheimer Multihalle, neben wenigen Bauten in Saudi-Arabien, Frei Ottos wichtigstes Werk. Die Form wurde an einem hängenden Drahtmodell entwickelt, das anschließend auf den Kopf gestellt wurde: Der Druck wird genau in Längsrichtung der Holzleisten abgeleitet. Ursprünglich war die Multihalle nur als temporäres Bauwerk gedacht. Um die Ewigkeit hat sich Frei Otto nie groß Gedanken gemacht. Aber es ist die einzige solche Konstruktion, die er jemals gebaut hat. Deshalb steht die Halle seit 18 Jahren völlig zu Recht unter Denkmalschutz. 

Mannheim versucht sich in Crowdfunding für Denkmalschutz

Trotzdem hat der Mannheimer Gemeinderat Mitte Juni dem Abriss zugestimmt – falls sich nicht bis Ende 2017 noch Geldgeber fänden. 11,6 Millionen Euro soll die Sanierung kosten, das meint die Stadt sich nicht leisten zu können. Soeben hat sie den erst 1983 fertiggestellten Neubau ihrer Kunsthalle abgerissen und ist dabei, ihn durch einen 68 Millionen Euro schweren Neubau zu ersetzen. 50 Millionen Euro davon übernimmt der SAP-Gründer Hans-Werner Hector, bleiben 18 Millionen Euro übrig, die die Stadt tragen muss. Die Buga 2023 soll 105 Euro Millionen kosten, davon übernimmt die Stadt 50 Millionen.

Auf ihrer Homepage gibt die Stadt Mannheim nun an, sie versuche "u. a. durch Crowdfunding eine Finanzierung der Generalsanierung und damit den Erhalt der Multihalle zu sichern". 11,6 Millionen Euro durch Crowdfunding? Fünfstellige Summen wurden durch Kleinspenden schon eingesammelt, aber keine Millionenbeträge. Pressesprecher Jan Krasko präzisiert: "Die Summe wird nur über Fundraising zustande kommen können. Eine zweite Säule könnten Zuschüsse von Bund und Land sein, entsprechende Förderanträge werden gestellt." 

Nachdem zuerst Mannheimer Architekten die Initiative ergriffen haben, hat sich auch die Landes-Architektenkammer eingeschaltet. "Der Eiffelturm in Paris wurde zur Weltausstellung 1889 auch zunächst als temporäres Bauwerk errichtet und ist heute das Symbol für Paris überhaupt", sagt deren Präsident Markus Müller. Die Kammer hat selbst 10 000 Euro gestiftet, als Startkapital für einen Förderverein. Am 7. Juli fand ein erstes Sondierungsgespräch statt, weitere sollen folgen.

Die Architektenkammer moniert allerdings auch: "Dass heute eine immense Summe für die Sanierung des bereits 1998 unter Denkmalschutz gestellten Gebäudes aufzuwenden ist, liegt vor allem auch daran, dass die Stadt Mannheim über viele Jahre die erforderliche Instandhaltung vernachlässigt hat."


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2 Kommentare verfügbar

  • Deitrich Heißenbüttel
    am 11.08.2016
    Sehr geehrterHerr Jaworek,

    ein paar Kleinigkeiten zur Klärung: Nicht die Untere Denkmalschutzbehörde, sondern das Baurechtsamt hat die Abrissgenehmigung erteilt. Ohne Zustimmung des Landesdenkmalamts, das bei einem Baudenkmal gefragt werden müsste. Sie sprechen die Frage der Zumutbarkeit an. Genau darum geht es ja, mir in dem Artikel wie generell in der Diskussion. Nach derzeit leider üblicher Praxis ist der Erhalt eines denkmalgeschützten Altbaus de facto oft dann dem Eigentümer nicht zuzumuten, wenn er durch einen Neubau höhere Einnahmen hätte, also im Vergleich bei Erhalt mit Einbußen rechnen muss. Unter diesen Prämissen ist der Denkmalschutz völlig wirkungslos, wie ich an einigen harsträubenden Fällen, die ich in den letzten 15 Jahren recherchiert habe, immer wieder festestellen musste. Auf Wunsch dazu gern mehr.
    Offenbar gefällt Ihnen das Gebäude nicht. Das ist Ihr gutes Recht, aber darum geht es beim Denkmalschutz nicht. Den Architekten möchte ich sehen, der 1938 in Deutschland noch so gebaut hat wie Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung - der im übrigen keineswegs so vorbildlich strahlt, wie Sie ihn gern sehen möchten. Nach der Bildung des Vichy-Regimes in Frankreich reiste er Marschall Pétain am nächsten Tag hinterher, um große Aufträge zu ergattern. Mir persönlich ist da die Bartningsche Zurückhaltung irgendwie sympathischer. Aber das mag Ansichtssache sein.
    Aber bitte: lassen Sie solche Unterstellungen von wegen böser Wolf und Investor und Jude beiseite. Von einem Investor steht kein Wort in diesem Artikel, nur in Ihrem Kommentar. Mit dem Juden zu kommen, ist Totschlagrhethorik.
  • Wolfgang Jaworek
    am 22.07.2016
    Warum beschleicht mich bei der Lektüre der durchaus kenntnis- und detailreich recherchierten Beiträge von Dietrich Heißenbüttel zu seinem (und meinem) Herzensthema Denkmalpflege immer wieder ein ungutes Gefühl? So auch wieder bei diesem, in dem unterstellt wird, dass die Untere (?) Denkmalbehörde eine Abrissgenehmigung für das Karlsruher Franz-Rohde-Haus erteilt habe, "offenbar ohne in die Denkmalliste zu schauen". Dabei weiß der Autor sehr wohl, dass die Denkmalbehörde eine Abwägung zwischen den in der Denkmalliste beschriebenen Denkmaleigenschaften und den Interessen des Eigentümers, u.a. in Gestalt der "Zumutbarkeit", zu treffen hat. Und da entsteht bei mir dann dieses Unwohlsein, wenn der Autor die rechtsstaatliche Bindung und Überprüfung der Zumutbarkeit als bloße "Auslegungssache" schmäht, quasi als Willkür (von wem gegen wen?). Und der böse Wolf namens Investor (früher und dann wieder bei Fassbinder hieß er Jude) darf natürlich auch nicht fehlen. Dieser gründelnde moralische Rigorismus garniert mit populistscher Polemik schmälert die journalistische Qualität des Beitrags nun doch empfindlich! Und noch besonders pikant: Wenn dem Architekten Otto Bartning eine "halbwegs unkompromittierte" Zeit zwischen 1933 und 1945 konzidiert wird, hätte ich mir gerade an dieser Stelle die kompromisslose Aufklärungs- und Detaifreude des Autors gewünscht. Bei genauerer Betrachtung des Franz-Rohde-Hauses (1937) ist ohnehin nichts von der biografisch konnotierten Gropius-Moderne zu finden, dafür die Walmdach-Idylle Schmitthennerschen Musters, die als "Regionalstil der 1940er Jahres" weitaus wirkmächtiger als der speer'sche Gigantismus die Rolle des antimodernistischen Fahnenträgers bis in die aktuelle Architekturdebatte spielt. Wer exakt 10 Jahre nach dem nunmehr Uno-nobilitierten Corbusier-Bau am Weißenhof noch so baut wie Otto Bartning, der gehört nicht in den Architektenhimmel; ein Erhalt des Franz-Rohde-Hauses als zeitgeschichtliches Dokument ist angezeigt, der Kompromiss mit ergänzender Bebauung ausgewogen; die wutbürgerlichen Kettenhunde dürfen im Zwinger bleiben. Die Diskussion um die überfällige Novelle des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes, um die Veröffentlichung der Denkmallisten und -topografien, über die aktuelle Baukultur und ihre offensichtliche Unfähigkeit zur Realisierungi der Denkmäler von morgen etc. muss geführt werden. Aber gern mit mehr ergebnisorientierter Verantwortungsethik als der von Heißenbüttel bemühten gesinnungsethischen Daueraufgeregtheit.

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