Ein Schwabe in Seoul: Reicherter erzählt vom Schwarzen Donnerstag. Fotos: Kontext

Ein Schwabe in Seoul: Reicherter erzählt vom Schwarzen Donnerstag. Fotos: Kontext

Ausgabe 277
Überm Kesselrand

Mahnwache in Seoul

Von Dieter Reicherter
Datum: 20.07.2016
Normalerweise stehen in Kontext keine Reiseberichte. Für die Exkursion unseres Autors machen wir eine Ausnahme. Der war in Südkorea, um dort vom Schwarzen Donnerstag zu erzählen. Umstellt von Hundertschaften von Polizisten.

Anlass für die Reise war Nam-gi Baek, ein prominenter Aktivist und Anführer der südkoreanischen Bauern. Am 14. 11. 2015 in Seoul war er bei einer Demonstration von mehr als 100 000 Menschen gezielt von einem Wasserwerfer angegriffen und ins Koma geschossen worden. Die Landwirte protestierten gegen den importierten Billigreis, der sie in ihrer Existenz bedroht, und generell gegen das Pazifische Freihandelsabkommen, ein Gegenstück zu TTIP. Und sie hatten gehört, dass es auch in Deutschland ein bekanntes Opfer eines Wasserwerfer-Angriffs gibt: Dietrich Wagner. Dessen Fall und der Umgang der deutschen Justiz mit ihm sollte Thema eines Symposiums sein, das südkoreanische Menschenrechtler organisiert hatten.

Zusammen mit Sam Hawke, Sprecher der britischen Menschenrechtsorganisation Liberty, bestreite ich die erste Pressekonferenz in Seoul. Ich erzähle vom Schwarzen Donnerstag, von Wasserwerfern, dem verletzten Dietrich Wagner und dem Kampf mit der deutschen Justiz um Gerechtigkeit. Das nächste Treffen mit Journalisten erreichen wir erst nach einem Spaziergang, der zunächst von Polizisten blockiert wird, bevor wir einen kleinen Platz erreichen, auf dem sich an die hundert Menschen versammelt haben. Der Platz ist komplett umstellt von Uniformierten in voller Montur, bewaffnet mit Schutzschilden und Schlagstöcken. Ich schätze sie auf mindestens tausend. In Südkorea nennt man das Pressekonferenzen, weil Demonstrationen meistens verboten sind.

Oft in der Überzahl: Polizisten bei einer Pressekonferenz.
Oft in der Überzahl: Polizisten bei einer Pressekonferenz.

Verschiedene Redner erinnern an ein Fährunglück, bei dem am 16. 4. 2014 rund 300 meist junge Menschen in den Tod gerissen wurden. Die Verantwortlichkeit ist bis heute nicht geklärt. Vor dem Parlament gibt es deswegen gerade auch einen Hungerstreik. In einem Zelt, ähnlich der Stuttgarter Mahnwache, sind Fotos der Toten aufgehängt, werden Blumen niedergelegt, Schriften verteilt. Gelb ist die Farbe der Mahnenden. Organisatoren derartiger Aktionen verschwinden allzu leicht hinter Gittern.

Nachmittags steht ein Besuch am Hospital an, in dem das bewusstlose Wasserwerfer-Opfer Nam-gi Baek mit Maschinen, ohne jegliche Aussicht, das Bewusstsein wiederzuerlangen, am Leben erhalten wird. Seine Familie hat darauf keinen Einfluss und vermutet politische Gründe dafür, dass die Maschinen nicht abgeschaltet werden. Angesichts der allgemeinen Anteilname an Baeks Schicksal werden Unruhen befürchtet, sollte er sterben.

Wasserwerfer-Opfer im Koma

Vor dem Krankenhaus ist ein Zelt aufgebaut, in dem täglich ein Gottesdienst aus Solidarität für "Farmer Baek" abgehalten wird. Seine Tochter Doraji Baek verwendet viel Zeit darauf, an das Schicksal ihres Vaters zu erinnern und Aufklärung und eine Entschuldigung zu fordern. Als sie von mir erfährt, dass es in Deutschland mehr als fünf Jahre gedauert hat, bis Dietrich Wagner und andere Verletzte des Polizeieinsatzes Gerechtigkeit erstritten und eine Entschuldigung des Ministerpräsidenten erhalten haben, wirkt sie bestürzt. Sie kämpfe erst ein paar Monate, sagt sie, und sei jetzt schon erschöpft.

Gelb ist die Farbe des Protests in Seoul.
Gelb ist die Farbe des Protests in Seoul.

Am Tag darauf werden Sam Hawke und ich zum Parlamentsgebäude gebracht, in dem das Symposium stattfindet. Der Leiter der dortigen Friedrich-Ebert-Stiftung übergibt mir einen Bericht über die aktuelle Menschenrechtslage in Südkorea. Darin wird der Einsatz von Wasserwerfern sehr kritisch gesehen. Sam Hawke berichtet, wie die Einführung von Wasserwerfern in Großbritannien – auch mithilfe von Dietrich Wagner – verhindert wurde. Wagner war 2011 in Begleitung von Rechtsanwalt Frank-Ulrich Mann als Zeuge in England aufgetreten, um zu den Gefahren von Wasserwerfereinsätzen auszusagen. Wie in Kontext berichtet, hat das Vereinigte Königreich danach beschlossen, bereits in Deutschland gekaufte Wasserwerfer nicht sprühen zu lassen. Interessanterweise war, wie Sam Hawke berichtet, auch die große Mehrheit der britischen Polizeiführer gegen deren Einsatz.

Beim Frühstück mit Parlamentariern geht es wieder um die Rechtslage in Deutschland, um Fragen der Demonstrations- und Meinungsfreiheit in Südkorea. Ich sage deutlich, dass ich den Einsatz des Wasserwerfers gegen den Farmer Nam-gi Baek für eine kriminelle Tat halte. Zuvor hatten wir mehrfach Gelegenheit, ein Video des Vorgangs zu sehen, bei dem klar wird, dass der Wasserwerfer mit sehr hohem Druck gezielt gegen diese einzelne Person geschossen hat, den Beschuss, als der Getroffene schon reglos auf dem Boden lag, noch etwa 20 Sekunden fortsetzte und selbst den Krankenwagen, mit dem Baek später abtransportiert wurde, noch ins Visier nahm.

Am Abend sind wir Gäste bei einer Talkshow, bei der ein kurzer Film über den Schlossgarteneinsatz vorgeführt wird – mit koreanischen Untertiteln. Eine Fragerin versteht nicht, warum "Governor" Kretschmann nicht einfach Wasserwerfer verbietet? Gute Frage.

Reicherter (pinkes Hemd, grüne Krawatte) und sein englischer Kollege Sam Hawke (rechts daneben) auf dem Wasserwerfer-Symposium. Foto: Reicherter
Reicherter (pinkes Hemd, grüne Krawatte) und sein englischer Kollege Sam Hawke (rechts daneben) auf dem Wasserwerfer-Symposium.

 

 


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