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Krankenhausschließungen in Baden-Württemberg

Viel Geld für lange Wege

Krankenhausschließungen in Baden-Württemberg: Viel Geld für lange Wege
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Kleine Krankenhäuser auf dem Land haben dank der Politik im Südwesten wenig Überlebenschancen. Auch die Helfenstein-Klinik in Geislingen wurde dichtgemacht. Verbessert hat sich für die Menschen dadurch nichts.

Ilona Allmendinger kann es immer noch nicht fassen: In der Nacht vom 3. zum 4. Dezember vorigen Jahres bekam ihr Mann keine Luft mehr. Sie rief den Notarzt an. Es dauerte gefühlt endlos, sagt sie. Noch im Rettungswagen wurde er behandelt. Die Sanitäter wollten ihn in die nächste Klinik bringen, das neue Alb-Fils-Klinkum in Göppingen, das seit einem halben Jahr die bisherige Klinik am Eichert ersetzt. Doch dann hieß es: Die Klinik lehnt ihn ab. Sie mussten nach Heidenheim. Das sei von ihrem Haus aus zwanzig Minuten weiter weg, sagt die Geislinger CDU-Ortsgruppenvorsitzende. Am nächsten Tag fuhr sie nach Heidenheim. "Das erste, was der Arzt zu mir gesagt hat: Er versteht nicht, warum Göppingen ihn abgelehnt hat."

Allmendinger ist seit kurzem Vorsitzende des Vereins "Bürgerbündnis für Gesundheitsversorgung in der Raumschaft Geislingen" (BBG), hervorgegangen aus dem Aktionsbündnis für den Erhalt der Helfenstein-Klinik in Geislingen. Die Klinik ist seit zwei Jahren Geschichte. Doch der Kampf um die Gesundheitsversorgung geht weiter. Auch anderswo werden Kliniken geschlossen. Und dafür wie in Göppingen teure Neubauten errichtet. Überall, wo dies passiert, versuchen sich Menschen dagegen zu wehren. Doch die Politik stellt sich taub.

Allmendinger hat im BBG Ludwig Kraus abgelöst, Ortsvorsteher der zu Geislingen gehörenden Gemeinde Aufhausen am Albtrauf und Stadtrat der Offenen Liste (OLG). "Helfenstein war eine hervorragende Klinik", betont Raimund Bühler, ein weiterer Mitstreiter. Der Rechtsanwalt hat seine Kanzlei zwei Häuser vom Rathaus entfernt, bis vor zwei Jahren saß er für die Freien Wähler im Kreistag. Kraus ergänzt: "Die Helfenstein-Klinik war nicht defizitär, bis sie mit Göppingen zu den Alb-Fils-Kliniken zusammengeschlossen wurde." Die haben sich mittlerweile in Alb-Fils-Klinikum umbenannt, denn es gibt nur noch eines.

Und das hat keinen guten Ruf. "Ich würde mich freuen, wenn ich auch positive Rückmeldungen aus Göppingen hätte", betont Bühler. Stattdessen Hiobsbotschaften. "Sie werden es in der Zeitung gelesen haben", sagt Allmendinger. Patienten hätten mehr als elf Stunden in der Notaufnahme warten müssen, ohne auch nur etwas zu essen zu bekommen. Eine ehemalige Pflegerin der Klinik habe 60-mal angerufen in der vergeblichen Hoffnung, einen Termin für ihren verletzten Vater zu bekommen. Die Zufahrt der Notarztwagen sei unzureichend, moniert Bühler. Wenn zwei Wagen kommen, müsse einer warten. "Technische Abläufe sind planbar", fügt Kraus spitz hinzu. "Leider ist nicht das eingetroffen, was uns versprochen wurde."

Für riesige Neubauten gibt es Millionen

"Der Neubau des Alb- Fils-Klinikums in Göppingen ist mit einem Gesamtvolumen von rund 500 Millionen Euro eines der größten Bauprojekte in Baden-Württemberg", verkündet das Klinikum stolz auf seiner Website. Es ist nicht der einzige Klinikneubau im Land. Für die Sana-Klinik in Biberach wurde der alte Standort geräumt, die zu Sana gehörenden Standorte in Riedlingen und Laupheim mussten schließen. In Villingen-Schwenningen gibt es seit 2013 ein neues Zentralklinikum: für 283 Millionen Euro. Weil das jetzt Verluste schreibt, wird aktuell diskutiert, ob der Standort Donaueschingen den Betrieb einstellen muss.

Bad Säckingen, Engen, Spaichingen, Weingarten, Bad Saulgau, Pfullendorf, Stühlingen, Radolfzell, Bad Waldsee, Rheinfelden: Die Liste der Kliniken, die in den vergangenen Jahren dichtgemacht wurden und werden, wird immer länger. Die Helios-Rosmann-Klinik in Breisach wird derzeit abgewickelt. Eine Bürgerinitiative hatte versucht sich zu wehren: vergeblich. Die Klinik in Rheinfelden wird abgerissen. Schopfheim ausgeblutet, dafür entsteht in Lörrach für 512 Millionen Euro als zentrales Krankenhaus des Landkreises das Dreiland-Klinikum.

Damit ist noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Das Flugfeldklinikum bei Böblingen soll über 800 Millionen kosten, ein Neubau in Reutlingen fast eine Milliarde. Beim Katharinenhospital in Stuttgart ist die Milliardenschwelle längst geknackt. Doch auch kleinere Landkreise planen Großes: In Albbruck, Kreis Waldshut, soll für 450 Millionen das Zentralklinikum Hochrhein entstehen. Anstelle der Häuser in Albstadt-Ebingen und Balingen ist genau in der Mitte das Zollernalb-Klinikum geplant. Für angeblich nur 380 Millionen.

In der Regel übernimmt das Land den Löwenanteil der Kosten. Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat für seine Politik 2022 vom Bündnis Klinikrettung den Schmähpreis "Die goldene Abrissbirne" erhalten. "Auf sein Konto gehen seit seinem Amtsantritt 2016 bis 2021 sage und schreibe 26 Krankenhausschließungen", rechnete die Laudatio vor. 

"Seitens des Landes werden keine Krankenhäuser geschlossen", weist das Ministerium die Vorwürfe zurück. "Die Entscheidung über die Schließung eines Krankenhauses und die Beweggründe liegen allein in der Verantwortung des jeweiligen Krankenhausträgers." Träger kann wie im Fall des Alb-Fils-Klinikums der Landkreis sein oder wie in Biberach ein privater Krankenhauskonzern wie Sana. Der Stadt- oder Landkreis muss aber für eine "bedarfsgerechte" Gesundheitsversorgung sorgen: Wenn die Klinik rote Zahlen schreibt, muss er einspringen.

Keine Politik für die Fläche

Was "bedarfsgerecht" bedeutet, hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) festgelegt. Der G-BA ist das höchste Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, setzt sich aus Vertreter:innen der Ärzteschaft, Kliniken und Krankenkassen zusammen und hat keinerlei demokratische Legitimation. Laut ihm soll jede:r Bürger:in innerhalb einer halben Stunde das nächste Krankenhaus mit den Fachbereichen Innere Medizin und Chirurgie inklusive Grund- und Regel-Notfallversorgung mit dem Auto erreichen können. Für Geburtshilfe, Gynäkologie und Pädiatrie gelten 40 Minuten. Dafür reicht in der Regel ein Standort pro Landkreis. Kraus und Bühler wenden ein: Wenn die Menschen aus Aufhausen oder Böhmenkirch bei Nebel und Schnee zuerst in Serpentinen nach Geislingen hinunter müssen, um nach Göppingen zu kommen, sei das reine Theorie. Auch die Rettungsfahrzeuge sind länger unterwegs. Wenn dann ein zweiter Notruf eintrifft, brauchen sie wesentlich länger, um wieder vor Ort zu sein. Es kommt zu Engpässen. Ulrich Bauer, Krankenpfleger aus Wangen, der die Situation in Oberschwaben im Blick hat, hat beobachtet, dass im Allgäu öfters die Österreicher einspringen.

An die Stelle abgewickelter Kliniken sollen Medizinische Versorgungszentren (MVZ) treten. Dazu gehören in Geislingen mittlerweile vier Fachärzte im neueren Teil der Helfenstein-Klinik, die freilich nur tagsüber von Montag bis Freitag erreichbar sind. Zwei Ärzte geben, je einmal in der Woche nach Vereinbarung, chirurgische Sprechstunden und die AOK betreibt ein Modellprojekt mit vier Betten für "Kurzstationäre Allgemeinmedizinische Versorgung" (KAV). Der Altbau steht jedoch leer, bis auf die obere Etage, in der neuerdings 17 Betten für Kurzzeitpflege bereitstehen. Die seien aber nicht ausgelastet, stellt Bühler fest.

Eigentlich wollte die Alb Fils Klinikum GmbH den Altbau im vergangenen Jahr verkaufen. Doch es fand sich niemand, der ihn haben wollte. Nun kursieren Gerüchte, der Bau solle abgerissen werden, um einem Wohngebiet Platz zu machen. Allerdings müsste die Stadt, die den Standort erhalten will, dazu den Bebauungsplan ändern. 

BBG-Aktivistin Allmendinger hat wenig Hoffnung, dass sich mit einem Regierungswechsel auf Landesebene etwas verbessern könnte. Auch die CDU verfolgt die Politik der Klinikschließungen. Ausgehend von einer Studie der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2019, wie Krankenpfleger Ulrich Bauer erläutert, derzufolge 600 Kliniken in ganz Deutschland genügen sollen. Derzeit sind es 1.700. Ähnlich sieht das der Gemeinsame Bundesausschuss, der G-BA. Dessen Vorsitzender Josef Hecken erklärt kürzlich in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche", 1.000 Krankenhäuser würden reichen, 700 könnten schließen.

Fallpauschalen dienen nicht der Gesundheit

Gibt es wirklich keine Alternative? Der Betreiber der vier Kliniken im Odenwald-Kreis, die Gesundheitszentren Rhein-Neckar (GRN) GmbH, versucht einen anderen Weg. Sie würde gerne ihre vier Standorte erhalten und hat ein Konzept erarbeitet, welche medizinischen Schwerpunkte die einzelnen Häuser künftig beherbergen sollen, und hofft so, Schließungen abwenden zu können. Im Ostalbkreis wurden die Bürger:innen beteiligt, zudem wurden Expert:innen herangezogen, um Klinikschließungen zu verhindern. Das entspricht Allmendingers Credo: "Sprecht doch mit den Menschen!" Mittlerweile steht für den Ostalbkreis das Zukunftskonzept 2035, das mit einem Zentralkrankenhaus in Essingen und den Häusern in Mutlangen und Ellwangen die Notfall- und Grundversorgung sichern soll.

Doch das eigentliche Problem liegt in der Ökonomisierung des Gesundheitswesens. "Das Grundproblem sind die Fallpauschalen", unterstreicht Ulrich Bauer: "Jede 24-Stunden-Notaufnahme und jede Geburtshilfe schreibt rote Zahlen." Deshalb würden die immer zuerst geschlossen. Das weiß alles auch die Bundespolitik. Ende 2024 wurde das von der Ampelregierung initiierte Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz beschlossen. Die neue CDU-SPD-Bundesregierung machte sich in den vergangenen Wochen nochmal dran und nun sollen sich Bund und Länder nach langem Tauziehen geeinigt haben. Am Prinzip, weniger Kliniken zu erhalten, ändert sich damit aber nichts. Im Interview mit ntv sagte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU): "Es wird auch Schließungen geben."

Klaus Emmerich, bis 2020 Vorstand der Krankenhäuser St. Anna und St. Johannes des oberpfälzischen Landkreises Amberg-Sulzbach in Sulzbach-Rosenberg, engagiert sich heute im Verein Gemeingut in Bürger:innenhand (GiB) gegen das Kliniksterben. Für ihn sind die Gesetze von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und das neue Krankenhausreformanpassungsgesetz von Warken schlicht Klinikschließungsgesetze. Er sagt: “Die Anforderungen an verordnete Leistungsgruppen sind so hoch, dass schättungsweise ein Drittel aller Krankenhäuser Teile ihres Leistungsangebots oder ihr ganzes Krankenhaus schließen müssen. Ausnahmegenehmigungen können die Länder maximal zwei mal für je drei Jahre für bedarfsnotwendige Krankenhäuser erteilen, jedoch nur im Einvernehmen mit den Krankenkassen. Danach ist endgültig Schluss."

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