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Krankenhaussterben

Kliniken in Not

Krankenhaussterben: Kliniken in Not
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Sogar in der Coronakrise werden Krankenhäuser geschlossen und Betten abgebaut. Unbeirrt hält die Politik an der Ökonomisierung des Gesundheitswesens fest, der bundesweit seit 2004 jährlich 18 Kliniken zum Opfer gefallen sind – im Corona-Jahr 2020 sogar zwanzig.

Einen besseren Drehort hätte das SWR-Team im September nicht finden können als das insolvente Krankenhaus "14 Nothelfer" in Weingarten. Die noch nicht ausgestrahlte Tatort-Folge hatte ursprünglich bereits im März 2020 in einer anderen Klinik gedreht werden sollen, was dann aber aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht ging. Der Fernseh-Krimi hat mit dem Virus nichts zu tun. Eine reiche Frau liegt verletzt im Krankenhaus: Dafür verwandelte sich die Klinik "14 Nothelfer", in der nun Filme spielen, in eine "Breisgau-Klinik".

Wie kann es sein, dass sogar im Jahr der Coronakrise Kliniken schließen? Seit Beginn der Ausbreitung des Virus' geht das Schreckgespenst um, Krankenhäuser könnten bald nicht mehr genügend Betten frei haben. Eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, war das Ziel gravierender Einschränkungen seit März letzten Jahres. Milliardensummen wurden ausgegeben, um davon betroffene Personen und Unternehmen zu unterstützen.

Im Fall "14 Nothelfer" war es eine Entscheidung mit Ansage. Im Oktober 2013 hatte das Klinikum Friedrichshafen das defizitäre Krankenhaus übernommen mit einer Bestandsgarantie für fünf Jahre. Heißt also: Ab 2018 konnte Weingarten entfallen. 25 Millionen Euro Verlust hat das Krankenhaus 2019 eingefahren. Mehr als die Hälfte davon entfällt allerdings auf eine Rücklage zur Finanzierung der Schließung.

Doch auch Friedrichshafen schreibt rote Zahlen. Sieben Millionen waren es 2019, nicht eingerechnet die Zuschüsse der Zeppelin-Stiftung in Höhe von zehn Millionen. 36 Millionen hat die Stadt Friedrichshafen dem Medizin Campus bis 2021 zugesichert. Denn aufgrund der Coronakrise mussten "elektive Eingriffe" zurückgestellt werden, um Betten freizuhalten.

Gesundheit als Geschäft

Elektive Eingriffe sind nicht nur Schönheitsoperationen, sondern auch Maßnahmen, die nicht sofort stattfinden müssen, also zeitlich planbar sind. Sie sind bei den Krankenhäusern beliebt, weil sie Einnahmen bringen. Dies liegt am Finanzierungssystem. Während früher nach Tagessätzen abgerechnet wurde, beruht die Finanzierung seit 2004 nach einem australischen System auf "Diagnosis Related Groups" (DRG), auch Fallpauschalen genannt. Sie sind der Hauptgrund für die Krankenhaus-Misere.

Früher waren Krankenhäuser ausgestattet, um den Patienten nötigenfalls auch länger aufzunehmen. Heute soll er möglichst schnell wieder weg. Denn bezahlt wird nach Fall, egal wie lange er liegt. Elektive Eingriffe sind hier ideal. Sie können zu einem Zeitpunkt vereinbart werden, wenn das Krankenhaus Kapazitäten frei hat, und der Patient kann am nächsten Tag wieder nach Hause. "Deutschland ist daher seit Einführung der DRGs zum Weltmeister bei Herzkatheter-Untersuchungen oder beim Einbau künstlicher Hüftgelenke geworden", heißt es in einem Beitrag des "Deutschlandfunks" anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Fallpauschalen.

Nicht gebessert, sondern verschlechtert hatte sich indes nach demselben Bericht die finanzielle Situation der Krankenhäuser: Aus jährlichen Kostensteigerungen von 1,2 Milliarden Euro waren 2,1 Milliarden geworden. Also werden immer noch mehr Krankenhäuser geschlossen – bundesweit im Schnitt 18 pro Jahr, 2020 sogar zwanzig. Allein in Baden-Württemberg waren 2020 neben Weingarten auch das Krankenhaus Riedlingen, das Marienkrankenhaus in Karlsruhe und Sankt Hedwig in Mannheim betroffen. Riedlingen gehört seit 2012 dem Sana-Konzern, der ein Großkrankenhaus in Biberach plant. Die anderen beiden sind Frauenkliniken.

Konzentrationsprozess: kein Ende in Sicht

Auch Kliniken in Bad Urach und Königsfeld droht die Schließung. In Geislingen wehren sich Ärzte und Patienten noch. Die Helfenstein-Klinik gehört zur Alb Fils Kliniken GmbH, die gern alle Kräfte in der größeren Klinik am Eichert in Göppingen bündeln und den Standort Geislingen zu einem Versorgungszentrum herabstufen würde. Der Geislinger Gemeinderat ist uneins, aktuell wird die Helfenstein-Klinik für Covid-19-Notfallpatienten gebraucht. Im Landkreis Rastatt und Baden-Baden will die Klinikum Mittelbaden gGmbH ihre verschiedenen Standorte in Bühl, Baden-Baden und Rastatt an einem Ort zusammenfassen.

Bundesweit ist die Zahl der Krankenhäuser seit 1990 um 25 Prozent zurückgegangen, die Fallzahlen sind aber um 35 Prozent gestiegen. Das Sozialministerium des Landes gibt an, die Zahl der Planbetten sei seit 2002 um 13 Prozent gesunken, die der Fälle dagegen um zehn Prozent gestiegen. "Dieser Konzentrationsprozess ist nicht mehr aufzuhalten", so die Antwort auf Kontext-Anfrage, nicht zuletzt aus betriebswirtschaftlichen Gründen. "Wir wissen, wohin wir wollen", betont das Ministerium: "starke, leistungsfähige Kliniken, keine vereinzelten Kleinstandorte, starke Primärversorgungszentren."

Rainer Hoffmann sieht diese Entwicklung kritisch. Der heute 75-jährige gebürtige Stuttgarter war zwölf Jahre lang Oberarzt am Klinikum Esslingen, dann zehn Jahre Chefarzt in Öhringen und weitere zehn Jahre im Medizinischen Versorgungszentrum in Rothenburg ob der Tauber. In Öhringen hat er wegen der Einführung der Fallpauschalen mit 62 Jahren vorzeitig aufgehört. "Früher sind wir erschlagen worden", erinnert er sich: "Alles musste untersucht sein." Wenn ein Patient ins Krankenhaus kam, wurde er auf Herz und Nieren geprüft.

Operationen wie am Fließband

Heute ist das anders. Die Patienten kommen mit einer Diagnose, danach wird abgerechnet, klassifiziert nach rund 1.250 Kategorien. Die Klinik operiert wie am Fließband. Jeder einzelne Fall, so Hoffmann, wird vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung geprüft. Jede stationäre Aufnahme muss das Krankenhaus begründen. Medizinische Sorgfalt konkurriert mit ökonomischen Erwägungen. Das wollte der Arzt nicht mitmachen.

Hoffmann hat vor zwei Jahren eine Petition gegen das Krankenhaussterben im ländlichen Raum gestartet und im April 2019 knapp 65.000 Unterschriften dem Bundestag übergeben. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hatte im Juli 2019 behauptet: "Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Kliniken möglich." Von 1.400 müsse die Zahl der Krankenhäuser auf "deutlich unter 600" reduziert werden, also um 60 Prozent. Der beteiligte Gesundheitsökonom Reinhard Busse hält sogar 330 Kliniken für ausreichend. "Das kann man machen", sagt Hoffmann. In Baden-Württemberg gäbe es dann Krankenhäuser nur noch in Stuttgart, Friedrichshafen, Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg.

Für Hoffmann handelt es sich um eine Frage der Gerechtigkeit zwischen Stadt und Land. Ein Krankenhaus kann ein Standortfaktor sein, sagt er. Viele ältere Menschen zögen nach Rothenburg, weil es dort ein Krankenhaus gibt. Kliniken seien Hausarztschmieden. In Öhringen gäbe es etwa zwanzig niedergelassene Ärzte, fast alle hätten zuvor am Krankenhaus gearbeitet. Ohne die Klinik käme kaum einer auf den Gedanken, dort eine Praxis zu eröffnen.

Krankenhäuser bilden Fachärzte und Pflegepersonal aus. Auf die Frage, ob es angesichts der Coronakrise eher an Betten oder an Pflegepersonal fehle, antwortet Hoffmann: "Die Pflegeausbildung wurde stark reduziert." Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im September nach Mexiko gefahren ist, um Pfleger zu rekrutieren, empört ihn. Ihm sind Fälle bekannt, wo selbst Ärzte kaum deutsch sprächen. Es sei hochgradig unethisch, wenn ein reiches Land wie Deutschland sich die Ausbildungskosten spart und in ärmeren Ländern die Ärzte und Pfleger abwirbt, die auch dort dringend gebraucht würden.

Arztpraxen machen Feierabend

Wenn auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald jemand zum nächsten Krankenhaus 150 Kilometer weit fahren muss, bedeutet das auch, dass Besuche für Angehörige viel schwieriger werden. Viele Geburtsabteilungen müssen schließen. Wenn es in Städten wie Karlsruhe oder Mannheim eine Alternative gibt, mag das nicht so schlimm sein. Aber was passiert, wenn bei einer Schwangeren die Wehen einsetzen und die Klinik ist weit weg?

Das Land setzt auf Primärversorgungszentren, die ländliche Kliniken ersetzen sollen. Eine Art Gemeinschaftspraxen, um die Erstversorgung sicherzustellen. Die Landesregierung will die "Sektorengrenzen" zwischen ambulanter Versorgung, also Arztpraxen, und Krankenhäusern überwinden, die bisher strikt getrennt organisiert und finanziert sind. Wie das gehen soll, bleibt offen. Noch gibt es nur acht geförderte Projekte, die allerdings, bis auf das Gesundheitszentrum Spaichingen, keine Krankenhäuser ersetzen. Für die Patienten entscheidend: Eine Arztpraxis hat 40 Stunden geöffnet, ein Krankenhaus rund um die Uhr, also 168 Wochenstunden.

Hoffmann ist mit seiner Kritik nicht allein. Einen "Ärzte-Appell" des Magazins "Stern" haben 2.800 Ärzte und 74 Organisationen unterschrieben, von Facharztverbänden bis zu Ärztekammern unter anderem in Südwürttemberg und Nordbaden. Über 125.000 Menschen haben eine damit verbundene Petition der Plattform "change.org" unterzeichnet.

Und plötzlich fehlen Betten

Das war noch vor der Coronakrise. Nun ist allenthalben von Bettenmangel die Rede. Manche Krankenhäuser mussten vorübergehend die Notaufnahme schließen – unter anderem Wangen, das seit 1997 zum Oberschwabenklinik-Verbund gehört, von dessen ursprünglich fünf Krankenhäusern heute nur noch drei übrig sind. Immerhin haben die Krankenkassen nun erkannt, dass Kliniken im ländlichen Raum wichtig sind, und fördern 140 Häuser mit insgesamt 68 Millionen Euro. Ob das bereits eine Trendumkehr bedeutet oder nur eine Verschiebung "nach Corona" darstellt, ist im Moment noch schwer abzuschätzen. In Baden-Württemberg ist nur Buchen im Odenwald dabei.

Die Bertelsmann-Stiftung hält in einer neuen Studie, veröffentlicht im November 2020, zusammen mit dem Barmer Institut und der Robert-Bosch-Stiftung, an einem Abbau der stationären Versorgung fest. Dagegen hat sich unter dem Dach der Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand ein neues, noch junges Bündnis formiert. Es fordert: Kein einziges Krankenhaus darf mehr schließen.


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7 Kommentare verfügbar

  • Johann
    vor 3 Tagen
    Antworten
    Das 14 Nothelfer in Weingarten wurde vor einigen Jahren umfassend modernisiert und jetzt macht man es dicht?
    Sowas kannst du dir nicht ausdenken!
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