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"Querdenker"

Vom OP-Saal in die Verschwörungsecke

"Querdenker": Vom OP-Saal in die Verschwörungsecke
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Bislang fanden sich Corona-Verharmloser in der Ärzteschaft vor allem unter Esoterikern und Naturheilkundlern. Doch nun ist auch ein Chefarzt des Klinikums Esslingen Mitglied in einem Verein, in dem sich die Stars der "Querdenker"-Szene tummeln.

Corona-Verharmloser in der Ärzteschaft

Nach Kontext-Informationen erreichen die Landesärztekammer Baden-Württemberg derzeit zahlreiche Beschwerden aus der Bevölkerung zu Ärztinnen und Ärzten, die Covid-19 als ungefährlich darstellen sowie die aktuelle Forschung zum Virus und die Sinnhaftigkeit von Impfungen infrage stellen. "Es handelt sich hier um persönliche Einzelmeinungen, die durch die freie Meinungsäußerung gedeckt ist", betont die Kammer. Die große Mehrheit der über 70.000 Ärztinnen und Ärzte arbeitet in der medizinischen Versorgung in Klinik, Praxis, in den Behörden und an anderen Stellen, derzeit oft am Rande der eigenen Belastbarkeit. "Die Corona-Verharmloser sprechen nicht für die verfasste baden-württembergische Ärzteschaft", betont die Landesärztekammer. (jl)

Wie überall in Deutschland stieg die Zahl der Neuinfektionen auch in Esslingen rasant. Das kommunale Klinikum der einstigen Reichsstadt vor den Toren Stuttgarts muss immer mehr Covid-19-Patienten versorgen. Seit Tagen meldet das Deutsche Intensivregister, dass alle Betten auf der Intensivstation belegt sind. An den sechs Beatmungsgeräten kämpfen Virusinfizierte um ihr Leben.

Während die MitarbeiterInnen auf der Intensivstation am Limit sind, sieht ein Chefarzt des Klinikums die Viruspandemie offenbar als harmlos an. Dies ergeben Recherchen im Internet: So ist Professor Dr. Jürgen Degreif, Leiter der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie (Leitspruch: "Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben!"), Mitglied der Initiative "Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie". Ende Oktober, zeitgleich mit Beginn des Wellenbrecher-Lockdowns, begrüßte ihn der MWGFD-Vorstand "herzlich" in seinen Reihen. Was den Beitritt des Chefchirurgen fragwürdig macht, ist das Motiv der Vereinsmitglieder: "Wir haben uns während der Coronakrise in unserer Kritik an den überzogenen Beschränkungen zusammengefunden", steht auf der Homepage.

Das Who is Who der selbsternannten Corona-Rebellen

Die Initiative ist kein unbeschriebenes Blatt. "Wer sich mit Corona befasst oder allgemein mit Viren und Impfungen, sollte das Kürzel MWGFD kennen", sagt der Journalist Ulf J. Froitzheim, der ein Redaktionsbüro im bayerischen Kaufering hat. Aber nicht, weil der Passauer Verein etwas Sinnvolles oder Nützliches zum Thema beizutragen hätte, sondern weil dessen Mitgliederliste sehr verräterisch ist. "Sie ist ein regelrechtes Who is Who der Youtube-Stars, denen vermeintliche 'Querdenker', selbsternannte Corona-Rebellen und Jünger des rechtsesoterischen Q-Anon-Kults huldigen", so Froitzheim.

Gründungsvorsitzender der MWGFD ist Sucharit Bhakdi. Der 1946 in Washington geborene Sohn eines thailändischen Diplomaten ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie; bis zu seiner Pensionierung 2012 leitete er der Professor ein Institut der Mainzer Uniklinik. Im März ging er mit steilen Thesen zu Covid-19 an die Öffentlichkeit und verfasste später gemeinsam mit Karina Reiß ein Büchlein mit dem Titel "Corona – Fehlalarm?" Reiß ist Bhakdis Ehefrau, die ebenfalls der MWGFD angehört. Anders als ihr Gatte steht sie noch im Berufsleben. Als Biochemikerin besitzt sie eine Professur an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), ihr Fachgebiet sind Entzündungserkrankungen der Haut.

Ihr "Sachbuch", das "mit Daten, Fakten und Hintergründen" über das "Killervirus" aufklären will, stand im Frühjahr wochenlang auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Die "Kieler Nachrichten" veröffentlichten Anfang August ein großes Interview mit den beiden, in dem das Professorenpaar erklärte, warum Covid-19 angeblich weniger gefährlich als normale Grippe ist.

"Ungesundes Halbwissen"

Das Interview sorgte für helle Empörung. Wissenschaftler, Kollegen und Studierende der Medizinischen Fakultät der CAU und die Mitglieder der Bundesexzellenzclusters "Precision Medicine in Chronic Inflammation" widersprachen in einer Stellungnahme "entschieden den unbelegten und im Gegensatz zu seriösen internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Behauptungen" von Reiß und Bhakdi zur Corona-Pandemie. Daneben enthalte ihr Buch "tendenziöse Aussagen, die die wissenschaftliche Sorgfalt medizinischer Forschung in Deutschland und international in Frage stellt". Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein setzte zusätzlich ein Youtube-Video auf seine Homepage, in dem die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim mit den Behauptungen in "Corona – Fehlalarm?" aufräumt.

Auch die Faktenfinder von tagesschau.de knöpften sich im vergangenen Juni die Initiative vor. So fänden sich "unter den Gründungsmitgliedern neben der Biologin Reiß keine aktuell an einer Hochschule medizinisch forschenden Wissenschaftler", bescheinigten sie dem Verein fehlende Fachkompetenz. Neben einer Lehrerin, einer Psychologin, einer Heilpraktikerin, einer Arzthelferin, einer Krankenschwester, einer Hebamme und einem Frauenarzt fielen den Faktenfindern vor allem einschlägig bekannte Namen aus der Szene der Corona-Skeptiker auf: etwa Bodo Schiffmann. Der Sinsheimer Hals-Nasen-Ohrenarzt setzte erst jüngst das Märchen in die YouTube-Welt, wonach Kinder am Mund-Nasen-Schutz erstickten.

Die Rechercheure stießen auch auf den ehemaligen Amtsarzt Wolfgang Wodarg, dem schon im Jahr 2000 im Deutschen Ärzteblatt ein "ungesundes Halbwissen" attestiert worden war. Als Kassenwart der MWGFD fungiert der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg aus Hannover, der in YouTube-Interviews irreführende Behauptungen über die sogenannte R-Zahl verbreitete und auf "Querdenker"-Demos in Stuttgart gegen die Maßnahmen der Regierung wetterte. Mit an Bord ist auch der Immunologe Stefan Hockertz, der schon früh das Coronavirus verharmloste. "Allen ist gemeinsam, dass ihre zur Corona-Pandemie geäußerten Ansichten, vorsichtig gesagt, von vielen ihrer Kollegen nicht geteilt werden oder teilweise sogar widerlegt wurden", so tagesschau.de.

Blanko-Atteste gegen die Maskenpflicht

Zu größerer Bekanntheit brachte es der Verein im Frühsommer mit einem "Aufruf an alle ärztlichen Kolleginnen und Kollegen". In ihm behaupteten Bhakdi und Mitstreiter, dass es derzeit "keine echten Covid-19-Neuinfektionen im Bundesgebiet" mehr gebe. Die Maskenpflicht wird in dem Schreiben als "besonders belastend und gesundheitsgefährdend" bezeichnet. Angeblich entstünden Beschwerden durch die "vermehrte Rückatmung von CO2" – eine Behauptung, die laut Experten falsch ist. Bhakdi bat um Rückmeldung von Ärzten und Therapeuten, die ähnlich dachten. Kurz darauf erschien auf dem MWGFD-Portal eine Liste mit rund drei Dutzend Adressen, wo sich "Maskenopfer" ein Attest zur Befreiung der Maskenpflicht bestellen konnten. Ein Berliner Heilpraktiker übersandte dem Rechercheportal Correctiv das Dokument, ohne den Redakteur persönlich gesehen zu haben.

Kein Ende in Sicht

Zahlreiche Aussagen von Bhakdi und Reiß in ihrem Buch und in den "Kieler Nachrichten" haben sich inzwischen als falsch erwiesen. So erklärte Bhakdi in dem Zeitungsinterview etwa die Pandemie "per Definition für beendet, wenn die nationalen Referenzlabore keine Viren mehr finden. Und seit April werden dort keine Viren mehr gefunden." Das für Covid-19 zuständige Nationale Referenzlabor (NRZ) ist die am Robert-Koch-Institut angesiedelte Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI). Diese überwacht routinemäßig mit Hilfe von eingesandten Proben von ausgewählten Arztpraxen die Aktivität von akuten Atemwegserkrankungen. Vorrangig geht es dabei um die Grippe, aber auch auf andere Erreger wird getestet. Seit Februar ist auch das Coronavirus miteinbezogen. Auf Nachfrage bestätigt die AGI, dass Covid-19-Nachweise im Sommerhalbjahr kurzfristig unter die Nachweisgrenze fielen. Der Grund dafür war neben dem Abklingen des Infektionsgeschehens in der wärmeren Jahreszeit ein profaner: Viele Referenzpraxen hatten in dieser Zeit urlaubsbedingt geschlossen und übersandten keine Proben. Seit Herbstbeginn ist das neuartige Virus häufiger als je zuvor nachweisbar, so die AGI. Die Nachweisrate liegt derzeit bei rund zehn Prozent. Von einem Ende der Pandemie konnte also bislang nie die Rede sein. (jl)

Correctiv deckte auch auf, dass die Corona-Skeptiker der MWGFD direkt auf Politiker einzuwirken versuchen: So traf sich die Führungsriege des Vereins Anfang Juni in Dresden mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Zweieinhalb Stunden versuchten Bhakdi, Reiß und Homburg, den CDU-Politiker von ihrer Sicht auf das Coronavirus zu überzeugen. Sprich, auf die Aufhebung der Hygieneregeln zu drängen. Inwieweit dies gelang, ist unklar.

Heute tauchen Schiffmann und Wodarg nicht mehr als Mitglieder der MWGFD auf. Auch die Liste von Blanko-Attest-Ausstellern ist aus dem Internet verschwunden. Möglicherweise als Reaktion auf eine behördliche Entscheidung: Das Passauer Finanzamt hat dem Verein der Corona-Rebellen jüngst die Gemeinnützigkeit entzogen. Bhakdi & Co. können Geldgebern seitdem keine steuermindernden Spendenquittungen mehr ausstellen.

Ein Wandel ist auch bei den "Medizinischen Informationen" zu beobachten, die der Verein via Internet verbreitet. Statt die Pandemie in Abrede zu stellen, werden jetzt Ängste gegen die geplanten Impfkampagnen geschürt. "Diese Impfung ist eine Experiment an Menschen", warnt MWGFD-Frontmann Hockertz im jüngsten Beitrag. In einem Flyer, den die Skeptiker-Organisation "Ärzte für Aufklärung" im Oktober in Hamburg verteilte, sprach der emeritierte Professor von einer "Zwangsimpfung, die zu 80.000 Toten und vier Millionen Impfgeschädigten führt". Woher er die Zahlen hat, sagt Hockertz nicht.

Die Esslinger Klinik reagiert

Auf Kontext-Anfrage bestätigt der Geschäftsführer des Klinikums Esslingen, Matthias Ziegler, dass man seit Ende Oktober von der Angelegenheit wisse. "Professor Degreif hat sich als Privatperson diesem Verein angeschlossen", betont Zieglers Sprecherin Anja Dietze. Mit dem Arzt habe man deshalb bereits ein Gespräch geführt. Mit deutlichen Worten reagiert dagegen Esslingens Finanzbürgermeister und Krankenhausdezernent Ingo Rust, als er durch Kontext von dem Fall erfährt. Man verurteile die "überwiegend skeptischen Äußerungen zu Bewertungen von staatlichen Einrichtungen und Organen" durch den Verein "aufs Schärfste", lässt er mitteilen.

Konsequenzen braucht der Chefarzt wohl nicht fürchten. Die Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen Organisation sowie die verfassungsrechtlich gesicherte Meinungsfreiheit könne man nicht untersagen, teilt der Stadtsprecher mit. Soweit sie sich nicht auf seine Arbeit am Klinikum auswirken. Die Geschäftsführung habe den Chefarzt darauf hingewiesen, dass am Klinikum alle Vorschriften, Regeln und internen Vorgaben in Bezug auf die aktuelle Coronapandemie einzuhalten sind. Äußerungen, die die Wirksamkeit der Vorsichts- und Hygienemaßnahmen untergraben, seien ihm untersagt. Ebenso dürfe er das Klinikum Esslingen in Bezug auf seine Mitgliedschaft in diesem Verein nicht erwähnen. "Herrn Professor Degreif wurde mitgeteilt, dass das Klinikum und sein Träger diese Mitgliedschaft nicht gutheißen." Der Chefarzt selbst ließ eine Anfrage unbeantwortet.


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18 Kommentare verfügbar

  • cassie
    am 21.12.2020
    Antworten
    Hallo, sind wir denn im medialen Mittelalter angelangt? Der ganze Artikel wirkt auf mich wie ein Pranger, an den sogenannte Corona-Skeptiker, -Verharmloser, - Rebellen gestellt werden. Natürlich darf auch irgendwas mit Rechts und Esoterik nicht fehlen. Und am Ende dann ein Hexenprozess mit dem…
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