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"Das Virus ist hochspannend"

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Er war lange Chef des Marburger Bunds und steht mittlerweile dem Weltärztebund vor. Die Corona-Pandemie, bekennt Frank Ulrich Montgomery im Kontext-Gespräch, hat er zu Beginn falsch eingeschätzt.

Herr Montgomery, wollten Sie schon mal in die Politik?

Nein. Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Es wird gerade sehr viel diskutiert über die Stellung von Medizinern und Medizinerinnen in politischen Entscheidungsprozessen, bis hin zu der Behauptung, das Land habe eine Virologen-Regierung. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Ich betrachte mich als wissenschaftlichen Berater. Natürlich haben wir keine Virologen-Regierung, sondern eine Bundeskanzlerin, die ich, ehrlich gesagt, gerade sehr bewundere, wie sie es schafft, in diesem Haufen hormongeschwängerter Männer die Ruhe zu bewahren, um völlig uneitel und unprätentiös mit analytischem Geist das Richtige zu tun. Sie hat wirklich meine volle Bewunderung, die hatte sie übrigens schon in der Flüchtlingskrise.

Inzwischen schauen wir auf mehr als ein Vierteljahr Krisenmodus zurück. Wieso steht Deutschland so viel besser da als andere Länder?

Wir haben gerade bewiesen, wie wichtig ein stabiles Gesundheitssystem als Daseinsvorsorge ist. Wo sind die Propheten, die sagen, nur noch 600 Krankenhäuser in ganz Deutschland würden ausreichen? Die Tatsache, dass wir eine so relativ geringe Letalitätsrate haben, hat sehr viel mit der Struktur und der Qualität unseres Gesundheitswesens zu tun. Wir haben eine hervorragende Performance abgeliefert. Und unser zweiter großer Vorteil war, dass wir es geschafft haben, durch ruhige und sachliche Aufklärung die Bevölkerung in einem so hohen Maße mitzunehmen. Da wurden Maßnahmen zwar regelrecht oktroyiert, aber im Konsens auf eine Weise umgesetzt, die von einer weit überwiegenden Mehrheit auch akzeptiert werden konnte. Jetzt geht dieser Konsens leider verloren, weil sich die Ministerpräsidenten der Länder in einem Schönheitswettbewerb um die härtesten, die weichsten oder die beliebtesten Positionen verschleißen. Wir schlittern in ein Chaos und laufen Gefahr, dass immer mehr Bürger das Zutrauen in Politik verlieren. Das ist keine gute Entwicklung.

Wie komplex ist das Austarieren unterschiedlichster Ansprüche immer mit Blick auf das Ziel, Ansteckungen zu vermeiden?

Ich habe Respekt vor verantwortungsbewussten Politikern, auch vor den erwähnten Ministerpräsidenten. Mir ist klar, dass die vor kaum lösbaren Aufgaben stehen. Das ist wie ein Trapez mit vier unterschiedlich langen Seiten: In den Ecken stehen die Gesundheit der Bevölkerung, die Grundrechtseinschränkung, die Wirtschaft, die Frage der soziopsychologischen Folgen. Ein Lockdown mit Home-Office und zwei kleinen Kinder in einer Zwei-Zimmer-Wohnung ist etwas ganz anderes als in einem Haus mit Garten. Wünschenswert wäre aber, dass die Länderchefs die Kooperations- und Kompromissfähigkeit nicht aus den Augen verlieren, damit wir auch weiterhin zu einheitlichen Regelungen kommen.

Die da wären in Zeiten der Lockerungen?

Überall dort, wo der Mindestabstand in Gefahr ist, also im Öffentlichen Personennahverkehr oder in bestimmten Geschäften, ist die Maskenpflicht aufrechtzuerhalten. Ich glaube, dass allein das schöne Wetter und die Tatsache, dass wir uns alle viel mehr draußen aufhalten, zu einer Abnahme der Infektionen führt. Denn man kann sich an der frischen Luft fast nicht infizieren. Und ich rate allen, die wegfahren, die scharfen deutschen Abstands- und Hygieneregeln mitzunehmen. Am schönsten wären nachvollziehbare, enggefasste Regelungen, die europaweit gelten – natürlich mit der Möglichkeit einer regionalen Umsetzung. Es wird übrigens auch niemand daran gehindert, Lockerung für sich selber strenger auszulegen, um die Situation für sich und die Familie besser unter Kontrolle zu halten. Da gibt es übrigens einen Denkfehler: In die Schulen müssen Kinder, wenn die Schulen wieder öffnen. Niemand ist aber gezwungen, privat zu feiern oder in Urlaub zu fahren und eng auf eng in einem Bistro mit den unbekannten Nebensitzern ohne Maske zu reden. Das Virus wartet nur genau auf solche Situationen. Abends im Urlaub, da will man dann der Nachbarfamilie näher kommen, es gibt viel Spaß, Lachen, Alkohol …

… also am besten daheim bleiben?

Zumindest auf grenzüberschreitende Reisen verzichten. Urlaub kann übrigens auch Lebensstilveränderung sein. Die wird sowieso kommen, denn enggedrängt im Billigflieger wird niemand mehr sitzen wollen. Das heißt, dass es diese Dumpingpreise gar nicht mehr geben wird.

Verstehen Sie Menschen, die sagen: Die Fachleute muten uns aber ganz schön viel zu mit ihren immer neuen Erkenntnissen?

Ich habe selber zu den Medizinern gehört, die am Anfang glaubten, es handele sich um eine andere Form der Grippe. Das ist falsch. Und auch andere Einschätzungen waren falsch. Aber das liegt in der Natur der Dinge. Auch Wissenschaftler lernen, und eigentlich freut es mich, dass jetzt so viele Leute einen Einblick in diese Welt bekommen. Wissenschaft ist eine andauernde Fragerei. Wissenschaftler dürfen sich nicht zu schade sein zu sagen: Das sehe ich heute anders. Oder: Ich habe mich geirrt. Und das hat nichts mit dem Adenauer’schen Was-stört-mich-mein-Geschwätz-von-gestern zu tun, sondern das ist Lernen im besten Sinne. Christian Drosten, der gerade so unter Beschuss ist, kann das wunderbar vermitteln und aufzeigen, wie Wissenschaftler denken und handeln. Er hat die Skrupel und die Probleme aus dem Schatten geholt.

Die Kehrseite der Medaille ist aber doch gerade die Verwirrung, die nicht nur durch Politiker, sondern auch durch Wissenschaftler entsteht.

Viele Menschen haben nie gelernt, in wissenschaftlichen Kategorien zu denken. Sie sind deshalb auch nicht blöder. Das müssen Wissenschaftler mitbedenken, genauso wie die Tatsache, dass Veränderung verunsichert. Zugleich ist Wissenschaftlern nicht vorzuwerfen, dass sie neue Erkenntnisse gewinnen und daraufhin ihre Meinung ändern müssen in einer Geschwindigkeit, die vor Corona undenkbar war. Auch deshalb geht die Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Drosten gar nicht. Weil sie entweder zeigt, dass die Leute dort nichts von wissenschaftlichem Handeln verstehen. Oder es ist Absicht, wo doch alle vor allem eine gemeinsame Verantwortung haben: aufklären, aufklären, aufklären.  

Nach dem Sommer kommen der Herbst und das Leben in geschlossenen Räumen zurück. Ist dann wieder Schluss mit Lockerungen?

Das Virus ist hochspannend und in vielen Punkten ein Rätsel. Aber klar ist für mich, dass es keine Normalität geben wird ohne funktionierende und von den Menschen akzeptierte Impfung oder eine funktionierende Therapie. Wir haben bis heute keine Impfung gegen das HIV-Virus, aber über Jahre eine sehr gute Therapie entwickelt. In den 80er Jahren war HIV ein Todesurteil, heute kann man mit HIV fast normal alt werden. Wir wissen nicht, was mit Corona  passieren wird. Ich bezweifele aber ganz stark, dass es vor dem Herbst Großveranstaltungen oder Fußballspiele mit Publikum gibt. Da kommen einfach zu viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf zu engem Raum zusammen.

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha hat sogar schon den Verzicht auf Weihnachtsmärkte und die nächste Fasnet ins Spiel gebracht.

Das ist erstens richtig. Und zweitens ist es sehr gut, wenn ein Politiker das so formuliert, weil damit ein ganz wichtiges Prinzip aufrechterhalten wird. Wir alle können uns nämlich durch Verzicht um die Risikogruppen kümmern, anstatt die Verantwortung umzukehren und zu sagen, ihr müsst jetzt selber schauen, dass ihr euch nicht ansteckt, denn wir wollen frei und ungeniert zurück zur Normalität. Und das Ganze nennen wir dann auch noch Eigenverantwortung! Das finde ich ziemlich übel, denn das wäre dem Hedonismus der Jungen und Gesunden stattgegeben. Und weil sich das verbietet, werden wir bis auf Weiteres alle gemeinsam lernen müssen, unser Leben mit Einschränkungen zu gestalten. Das dürfen gerade Politiker nicht aus dem Blick verlieren.


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