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Querdenker

Sprachlos, wütend und traurig

Querdenker: Sprachlos, wütend und traurig
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Da sitzt er, der Mann, und hält sich das Symbol der Stuttgart-21-Gegner vor die Brust. Auf der Demonstration der Corona-Leugner in Berlin. Klaus Gebhard, Initiator des Parkschützer-Portals gegen Stuttgart 21, findet dazu klare Worte.

Ich war einmal sehr stolz auf unsere Bewegung, weil sie die fachliche Expertise und die Logik an erste Stelle bei ihrer Beurteilung eines fehlmotivierten Großprojekts setzte. Und nun sehe ich auf Tagesschau.de das kleine Vorschaubild zu einem Artikel über die gestrige große Berliner "Freiheits"-Demo. Und darauf ganz prominent vorne dran ein Demonstrant mit unserem Signet. Das macht mich sprachlos, wütend und traurig zugleich.

Wie konnten und können nur Mitstreiter aus unseren Reihen das jahrelang hochgehaltene und zu Recht auch von allen Politikern eingeforderte Primat der Wissenschaftlichkeit mit Auftauchen eines pandemiefähigen Virus so schnell komplett über Bord werfen? Nur weil ein bis zwei Handvoll Ärzte oder Ex-Ärzte den Erfahrungsberichten und Warnungen von zehntausenden Ärzten und Wissenschaftlern in aller Welt widersprechen, kann man die Einschätzungen dieser zwei Handvoll Abweichler doch nicht so mir nichts dir nichts für "wissenschaftlich gesichert" halten und ihnen ganz ohne die sonst üblichen kritischen Rückfragen blindlings folgen – noch dazu in dubiosester Demozugsgemeinschaft! 

Das erinnert mich fatal an die Auseinandersetzungen um die von der Mehrheit der Klimawissenschaftler schon vor Jahrzehnten veröffentlichte Warnung vor einer zivilisationszerstörerischen, menschenverursachten Klimaüberhitzung. Es ist bestürzend, überhaupt daran erinnern zu müssen, aber andere Meinungen gibt es unter Wissenschaftlern immer! Abweichende Meinungen wird es bis zum letzten Atemzug der Menschheit geben. Aber das ist doch kein Grund, diese allein deshalb schon für glaubwürdiger zu halten, weil sie eben nun mal abweichend sind.

Dokument der Zeitgeschichte

Sie sind ein Dokument der Zeitgeschichte, jene 37 Minuten und 36 Sekunden, die Dunja Hayali ins Netz gestellt hat mit dem Aufruf "Machen Sie sich Ihr eigenes Bild". Allein auf ihrem Instagram-Account sind die ungeschnittenen Bilder von Hayalis Gang durch die Berliner Querdenker-Demo inzwischen über eine halbe Millionen Mal geklickt worden. 37 Minuten und 36 Sekunden vom vergangenen Sonntag auf der Straße des 17. Juni, die belegen, wie sie selber irrt mit ihrer ursprünglichen Einschätzung – nachdem "die Demo eigentlich aufgelöst worden ist, weil die Leute keinen Abstand halten und kein Masken tragen" –, es handle sich um "eine sehr wilde bunte Mischung von Interessen, von Impfgegnern und Esoterikern, von ganz links bis ganz recht". Ab der ersten Minute ist dokumentiert, wie die ZDF-Journalistin persönlich beschimpft und mit weithin hörbaren, minutenlangen "Lügenpresse!"- und "Schämt euch!"-Sprechchören überzogen wird, Vokabeln, die bekanntlich zum Standard-Repertoire von weit nach rechtsaußen abgedrifteten ZeitgenossInnen zählen. Niemand folgt ausweislich der Bilder der Anweisung der Polizei zum Weggehen. Und bis auf einen einzigen maskierten Mann kommt Hayali, soweit auf dem Video erkennbar, auch niemand zu Hilfe, auch nicht, als sie dicht bedrängt wird. "Berichtet die Wahrheit!", brüllt eine Frau immer und immer wieder. Ein Mann führt seinen T-Shirt-Aufdruck ("Es kommt immer anders, wenn man denkt") ad absurdum mit der Behauptung, auf der Demo seien 800.000 Menschen zusammengekommen, und dass das nicht vermeldet werde, zeige die fehlende Objektivität der Medien. So geht es immer fort. Zum Schluss hat sich die anfängliche Einschätzung der 46-Jährigen mit mehr als zwei Jahrzehnten journalistischer Erfahrung grundlegend verändert: "Das ist eine gefährliche Melange, die sich hier auf der Straße zusammenfindet." Stuttgarts OB-Kandidat Michael Ballweg und "Querdenken 711" haben die nächste Corona-Demo in der Landeshauptstadt für den 8. August angemeldet. Dank der 37 Minuten und 36 Sekunden kann niemand mehr behaupten, nicht zu wissen, wer da alles mitdemonstriert.  (jhw)

Im Fall der Klimadiskussion waren die Klimaschuld-Leugner stets in der Minderzahl. Aber sie waren dank neuer Medien sehr gut organisiert und, wie sich nach und nach zeigte, auch von Interessensverbänden aus der fossilen Energiebranche massiv finanziell unterstützt. Und damit lautstark-mächtig. Diese krasse Minderheit hat uns ein ganzes wertvolles Jahrzehnt des möglichen und nötigen kollektiven Umsteuerns gekostet!

Das gleiche tragische Berufungs-Schauspiel auf eine kleine und zumindest hinterfragenswerte Alternativ-Expertenschaft scheint sich nun in der Covid19-Pandemie zu wiederholen. Aus berechtigtem, dann aber jedes Maß verloren habendem Frust und Misstrauen gegenüber aller offiziellen Politik und den klassischen Medien glaubt ein Teil unserer einst lautstark auf das Wissenschaftsprimat pochenden Mitstreiter nun lieber einer widersprechenden kleinen Minderheit als der überwältigenden Mehrheit an Ärzten und Wissenschaftlern weltweit, die in Kliniken und Arztpraxen die erschütterndsten Szenen ihres Berufslebens erleben.

All die Covid-19-"Querdenker" aus unseren Reihen möchte ich dringend bitten, sich einmal folgende ganz grundlegende Frage zu stellen: Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass zehntausende Forscher und hunderttausende Ärzte und Millionen Krankenschwestern, die an vorderster Front die ungebremsten Corona-Verheerungen ausbaden müssen, weltweit "gleichgeschaltet" werden konnten und einem länderübergreifenden, globusweiten, finsteren Regierungen-Komplott Folge leisten?

Bei aller notwendigen gesunden Skepsis gegenüber jedweder Regierung, die ich, so denke ich, mit meinem Lebenslauf bewiesen habe und auch nie aufgeben werde, zeugt es doch von einem gefährlichen Mangel an Menschenkenntnis, auch nur eine Sekunde lang ernsthaft an die Möglichkeit einer weltweit orchestrierten Fake-Pandemie mit dem eigentlichen Ziel eines finalen Angriffs auf Freiheits- und Menschenrechte zu glauben. Wir haben allein 193 Länder auf der Welt, von denen sich kaum je mehr als 27 punktuell einig wurden (ich denke hier an das rare Schengenwunder im ansonsten völlig uneinigen Europa). Und in jedem der 193 Länder leben und denken Millionen Menschen, die sich selbst bei stärkster Zensur und Staatspropaganda untereinander nie auch nur annähernd auf eine Linie bringen lassen. Meine Faustregel dazu lautet: Drei Menschen, vier Meinungen! Das gilt allzeit und allüberall. Die Annahme, in solch einem diversen Riesenhaufen jemals eine allesbeherrschende finstere Strategie, gleich welcher Art, durchsetzen zu können, ist schon im Ansatz menschen- und weltfremd. Und im Fall einer Pandemie kollektiv brandgefährlich, weil sie vom eigentlichen Problem völlig ablenkt.

Ich weiß nicht, ob ich mit diesen wenigen Absätzen jene von uns, die wegen unserer gemeinsam hautnah erlebten desillusionierenden System-Enttäuschungen in Sachen Stuttgart 21 von ihrem Frust fortgerissen und in dubioseste neue Heimathäfen geschwemmt wurden, zu einer menschengerechteren Analyse zurückrufen kann. Denn diese erfordert auch jederzeitige, kritische Skepsis gegenüber den frei im Internet fabulierenden Alternativ-Gurus ein. Davon sehe und höre ich jedoch nichts. Im Gegenteil: Denen, so meine Beobachtung, wird in einem erstaunlichen, ja erschreckenden Ausmaß leichter, sprich unkritischer geglaubt als noch so vielen Wissenschaftlern und Medizinern, die vor Intensivpatientenbetten stehend zu einer diametral anderen Schlussfolgerung gelangen – und das in aller Herren und Damen Länder.

Eine solch allseitige gesunde Skepsis wäre uns allen nur zu wünschen. Denn mit der jetzt durch ein simples, hirnloses Virus zutage getretenen analytisch-methodischen Zerrissenheit werden wir die vielen und teils noch viel ernsteren Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, niemals meistern.


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40 Kommentare verfügbar

  • Peter Nowak
    am 11.08.2020
    Antworten
    Mich verwundert denn doch, dass Klaus Gebhard "das Primat der Wissenschaftlichkeit" in der S21- Bewegung so stark betont. Wissenschaftliche Argumente mögen bei den beteiligten Wissenschaftler*innen eine Rolle gespielt haben. Der Großteil der Bewegung wollte den alten Bahnhof erhalten oder keine…
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