KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Covid-19

"Im schlimmsten Fall stirbst Du einsam"

Covid-19: "Im schlimmsten Fall stirbst Du einsam"
|

Datum:

Franziska König* erkrankte im vergangenen März schwer an Covid-19. Heute ist die 54-Jährige wieder gesund. Ihren Vater kostete das Corona-Virus das Leben. Im Interview spricht die Versicherungsangestellte aus Tamm bei Ludwigsburg über die Krankheit, und was sie von Berliner Hygienedemos hält.

Am kommenden Samstag (29. August 2020) ruft die Stuttgarter Initiative Querdenken711 zur zweiten großen Anti-Corona-Demo nach Berlin. Diesmal unter dem Motto "Fest für Freiheit und Frieden". Fahren Sie hin?

Nein, wieso sollte ich?

Weil dort gegen Mund-Nasen-Bedeckung und Abstandsgebote demonstriert wird.

Corona-Test-Chronik

27. Januar 2020: Das Coronavirus hat Deutschland erreicht. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern hat sich infiziert. Er wird isoliert und medizinisch versorgt.

15. Februar 2020: Flugreisende aus China werden ab sofort nach Kontakt mit Infizierten und Aufenthalten in Infektionsgebieten befragt.

26. Februar 2020: Erstmals wurden nun auch Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen bestätigt. Ziel sei es, so Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Infektionsketten so schnell wie möglich zu unterbrechen. Kontaktpersonen der Infizierten müssten dafür identifiziert und untersucht werden und anschließend für die Inkubationszeit von zwei Wochen in häuslicher Quarantäne betreut werden.

27. Februar 2020: Flugreisende aus Infektionsgebieten müssen künftig Aussteigekarten ausfüllen und Informationen über ihren Aufenthaltsort angeben. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass jetzt besser einmal mehr auf das Virus getestet wird als einmal zu wenig. Am Geld soll es jedenfalls nicht scheitern", so Spahn.

2. März 2020: Wer glaubt, er könne infiziert sein, sollte zunächst in der Arztpraxis anrufen, sagt Stephan Hofmeister von der Kassenärztliche Bundesvereinigung, der zudem klarstellte, dass jeder medizinisch notwendige Test bezahlt werde.

14. Mai 2020: Der Bundestag hat das Zweite Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite beschlossen. SARS-CoV-2 Infizierte sollen damit schneller gefunden, getestet und versorgt werden. Außerdem sieht das Gesetz umfassendere Meldepflichten für Labore und Gesundheitsämter vor.

9. Juni 2020: Zukünftig können auch Personen auf das Coronavirus getestet werden, wenn sie keine Symptome aufweisen. Bezahlt werden die Tests von den gesetzlichen Krankenkassen. Auch umfassende Tests  in Pflegeheimen, Schulen oder Kindertagesstätten sind künftig möglich. Alle Personen in diesen Einrichtungen können getestet werden, wenn dort ein COVID-19-Fall aufgetreten ist. In Pflegeheimen und Pflegediensten können auch unabhängig von aufgetretenen Fällen Tests durchgeführt werden.

27. Juli 2020: Reiserückkehrer aus Risikogebieten müssen sich künftig auf das Coronavirus testen lassen.

1. August 2020: Seit 1. August kann sich jeder, der aus dem Ausland nach Deutschland einreist, binnen 72 Stunden kostenlos im Testzentrum (z.B. Flughafen, Bahnhof) oder durch einen niedergelassenen Arzt auf das Coronavirus SARS-CoV-2 testen lassen.

24. August 2020: Die Corona-Pflichttests für "Risiko-Urlauber" könnten nach dem Sommer wieder abgeschafft werden. Der Grund: Die Labore sind überlastet. Derzeit werden jede Woche rund 875 000 Tests durchgeführt. (jl)

Jeder soll für sein Anliegen und seine Überzeugungen auf die Straße gehen dürfen. Das Demonstrationsrecht ist schließlich ein Grundrecht in unserer Demokratie. Fakt ist aber auch, dass die Gefahr durch das Corona-Virus real ist - und alle sie ernst nehmen sollten. Jeder muss sich selbst und andere Mitmenschen vor einer Infektion schützen. Solange es keinen Impfstoff und Medikamente gibt, geht dies am besten mit einer Mund-Nase-Maske und durch ausreichend Abstand halten. Insofern finde ich empfindliche Strafen für Maskenverweigerer auch gerechtfertigt. Von Demos gegen Hygieneregeln halte ich absolut nichts. Davon lässt sich das Virus nicht stoppen.

Auf früheren Querdenken-Demos wurde behauptet, das Corona-Virus sei eine Erfindung. Redner geißelten Politik und Medien dafür, dass sie die Ansteckungs- und Erkrankungsrisiken übertrieben und eine "Corona-Hysterie" schürten.

Seit den ersten Berichten aus Wuhan habe ich immer daran geglaubt, dass es das Virus gibt. Was ich mir bei Covid-19 nicht vorstellen konnte, war, wie dramatisch der Krankheitsverlauf sein kann. Auch ich war überzeugt, dass alles nicht so schlimm wird, falls man sich je infiziert. Ich war bislang immer gesund gewesen, hatte keine Vorerkrankungen und zählte nicht zu einer Risikogruppe. Corona? Nicht mehr als leichte Erkältung, die mit ein bisschen Husten und Schnupfen überstanden ist. So wie es Trump, Bolsonaro und Johnson verharmlosten, dachte auch ich. Doch das war ein gewaltiger Irrtum.

In Berlin und anderswo demonstrieren die Menschen, weil unter dem Vorwand Corona angeblich ihre Grundrechte eingeschränkt oder gar ganz außer Kraft gesetzt würden.

Mal ehrlich, im Vergleich zu anderen Ländern waren und sind wir hierzulande doch kaum irgendwie einschränkt. Wir konnten selbst im Frühjahr, als die Infektions- und Opferzahlen auch bei uns in die Höhe schossen, fast wie "in normalen Zeiten" leben. In Italien, Spanien und Frankreich durften die Menschen monatelang nicht die eigene Wohnung verlassen. Vor die Haustüre zu gehen, war nur zum Einkaufen im nächsten Laden erlaubt. Wer ohne triftigen Grund draußen unterwegs war, beging eine Straftat, die mit mehreren Hundert Euro Bußgeld geahndet wurde. Und wie läuft es bei uns? Ich bin bis zu meiner Erkrankung täglich zum Spazieren in den Wald gegangen und habe mich auch mit Freunden und Bekannten getroffen. Eben nur mit der "Einschränkung", Mindestabstand zu halten. Meine Freiheit am stärksten beschnitten haben nicht die Corona-Verordnungen. Sondern das Virus, als ich selbst und mein Vater uns damit infizierten und wir erkrankten.

Wie haben sie die Erkrankung erlebt?

Es begann Mitte März tatsächlich wie eine gewöhnliche Grippe. Ich spürte eines Abends, dass etwas nicht mit mir stimmt. Ich hatte noch im Garten gearbeitet, und war danach total erschöpft. In der Nacht bekam ich dann schnell Schüttelfrost, Fieber und Gelenkschmerzen. Am nächsten Morgen tat mir alles weh, ich konnte mich kaum noch bewegen. Die Kopfschmerzen waren die pure Folter: Im Sekundentakt zuckten grelle Blitze durch meinen Schädel. Wegen der Schmerzen konnte ich kaum schlafen. Vorübergehend verlor ich auch den Geschmackssinn, was ein typisches Symptom für Covid-19 ist. Das Fieber stieg zwar kaum über 39 Grad, schwankte aber auf und ab. Mehr als eine Woche war ich jeden Tag auf eine andere Art schwerkrank, bevor sich mein Zustand wieder verbesserte. Nach zwei Wochen fühlte ich mich wieder relativ gesund.

Wie wurden Sie ärztlich betreut?

Im Grunde genommen gar nicht. Bei Verdacht auf Corona durfte man, um Ansteckung von Personal und Patienten zu vermeiden, nicht in eine Arztpraxis kommen. Deshalb schilderte ich meinem Hausarzt telefonisch die Symptome. "Weil Sie keine Atembeschwerden haben, leiden Sie an einer Grippe. Nehmen Sie Paracetamol gegen die Schmerzen", lautete seine Diagnose. Der ich aber schon damals nicht traute. Ich wollte mich auf Corona testen lassen, um Gewissheit zu haben. Doch trotz mehrfacher Anrufe und Bitten wurde mir vom Ludwigsburger Gesundheitsamt ein PCR-Test verweigert. Immer mit der gleichen Begründung, weil ich nicht in einem Risikogebiet gewesen war. "Stellen Sie sich nicht so an", wurde mir zu verstehen gegeben. Im Nachhinein betrachtet, waren die Mitarbeiter des Amtes damals total überfordert vom Infektionsgeschehen, das sich im März rasant im Landkreis beschleunigte. Die medizinische Versorgungssituation spitzte sich dramatisch zu, immer mehr intensiv- und beatmungspflichte Patienten wurden auf die eilends eingerichtete Corona-Station im Ludwigsburger Krankenhaus verlegt. Diese Ausnahmesituation ist die einzige Entschuldigung, die ich den Mitarbeitern des Gesundheitsamts zugestehe.

Ihr Vater, der im gleichen Haus wie Sie lebte, erkrankte ebenfalls an Covid-19.

Mein Vater bewohnte ein Stockwerk unter mir seine eigene Wohnung. Gewöhnlich kochte ich für ihn mit und wir sahen uns beim gemeinsamen Essen. Nachdem sich bei mir erste Symptome zeigten, haben wir alle direkten Kontakte sofort eingestellt. Wir telefonierten nur noch miteinander. Doch diese Vorsichtsmaßnahme kam zu spät. Vier Tage nach mir erkrankte auch er. Ich hatte ihn wohl angesteckt, als ich noch symptomlos war. Bei ihm verlief die Erkrankung mit starkem Husten, Schnupfen und Durchfall weitaus schlimmer.

Dann musste Ihr Vater ins Krankenhaus.

Mein Vater war zwar schon 91 Jahre alt, aber körperlich und geistig noch extrem fit gewesen. Corona machte ihn von einem Tag auf den anderen zum Pflegefall. Eines Morgens fehlte ihm die Kraft zum Aufstehen. Er war so geschwächt, dass wir ihn ins Krankenhaus einweisen ließen. Ich half ihm noch bei Packen. Mit einem Wickeltuch vor dem Gesicht, weil es damals noch keine Masken gab. Als ihn die Sanitäter in Schutzanzügen abholten, war es das letzte Mal, dass ich ihn lebend sah. Acht Tage später starb er an dem Virus, das man im Krankenhaus mit einem Corona-Test nachwies. Seine Urne haben wir erst vor wenigen Tagen beerdigt. So konnten die meisten Familienangehörigen und viele Freunde von ihm Abschied nehmen. Im Frühjahr wäre dies aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht möglich gewesen.

Konnte bei Ihnen die Infektionskette nachverfolgt werden?

Nein. Wo ich mich angesteckt habe, weiß ich bis heute nicht. Ich bin im Winter in keinem Risikogebiet gewesen. Und unter meinen Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen gab es keinen Corona-Fall. Sicher ist, dass ich das Virus in mir hatte. In meinem Blut konnten Antikörper nachgewiesen werden. Dieser Test wurde mir nach dem Tod meines Vaters dann doch zugestanden. Glücklicherweise habe ich die Infektion ohne irgendwelche Langzeitfolgen überstanden. Heute fühle ich mich vollständig genesen. Allerdings beschäftigt mich, ob ich auf Dauer immun gegen eine Covid-19-Neuerkrankung bin. Dazu gibt es bislang noch keine eindeutigen wissenschaftlichen Ergebnisse. Daneben schwingt in mir die Angst mit, dass ich auch Monate nach meiner Erkrankung noch infektiös und eine Gefahr für Freunde und Arbeitskollegen sein könnte. Das belastet mich. 

Derzeit steigen die Infektionszahlen wieder. Als Grund gilt die Sorglosigkeit und Unachtsamkeit der Menschen. Was denken Sie darüber?

Wir sind im Gegensatz zu vielen anderen Ländern bislang glimpflich durch die Pandemie gekommen. Die Vorsichtsmaßnahmen, um Infektionsketten zu unterbrechen und die weitere Virusverbreitung zu verhindern, haben dazu beigetragen. Die Regierungen in Berlin und Stuttgart haben bislang einen guten Job gemacht. Aber ohne die Mitwirkung aller funktioniert es nicht. Jede und jeder sollte vernünftig sein. Denn wenn man Corona hat, ist man letztlich ganz alleine. Wie ich während der Erkrankung zuhause in Quarantäne, auch wenn mir meine Familie und gute Freunde täglich etwas zum Essen oder zur Aufmunterung vor die Tür gestellt haben. Sich gegenseitig in die Arme nehmen geht nicht. Im schlimmsten Fall stirbst Du auch einsam. So wie mein Vater auf einer Isolierstation im Krankenhaus.

 

* König heißt im richtigen Leben anders. Sie möchte nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen.

Nachtrag der Redaktion: Am Mittwoch, 26. August, hat die Berliner Polizei die für Samstag geplante Demonstration der Initiative Querdenken711 verboten. Als Begründung teilte Innensenator Andreas Geisel (SPD) mit, dass bei dem zu erwartenden Teilnehmerkreis mit Verstößen gegen die geltende Infektionsschutzverordnung zu rechnen sei.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


8 Kommentare verfügbar

  • Peter Bähr
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Herausgegriffen Ihr Diktum - dass Schule Vorrang habe?
    Um es en passant "ordentlich krachen" zu lassen, ein Zeitsprung und ein Zitat wie folgt:

    "Zuwenig Lehrer und überfüllte Schulklassen gibt es schon lange. Jetzt aber sind Schüler und Eltern demonstrierend oder streikend auf dem Plan, um…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!