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Krankenhaus-Aus in Oberschwaben

Vertrieben aus dem Paradies

Krankenhaus-Aus in Oberschwaben: Vertrieben aus dem Paradies
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Ein kleines Krankenhaus wird geschlossen, obwohl es das einzige ist, das kein Minus macht. Es steht in Bad Waldsee, wird geliebt und gelobt – und von Sozialminister Manfred Lucha plattgemacht. Wer dagegen protestiert, ist für den Grünen "altsozialromantisch". Ein Ortsbesuch.

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Die schönste Geschichte aus dem Waldseer Krankenhaus geht so: Ein Pfleger hat ein Segelboot auf dem Stadtsee. Der liegt nur wenige Meter von seinem Arbeitsplatz entfernt, was ihm eine häufige Nutzung erlaubt. Und trotzdem hat er keine Operation versäumt. Stand eine an, läutete eine Schwester die Turmglocke auf dem Dach des Hospitals und der Segler eilte flugs zurück, dem Doktor zu assistieren. Das war Ende der 60er-Jahre. Heute ist der segelnde Pfleger neunundneunzig.

Die Geschichte erzählt Charly Schmidberger gerne, weil sie ihm so typisch erscheint für das Idyll hinterm See. 56 Jahre ist er alt, 40 hat er davon im Krankenhaus verbracht als Fachkräftepfleger für Anästhesie und Intensivmedizin. Der Mann mit dem Zopf, der auch noch für die SPD im Gemeinderat sitzt, mag den Laden noch immer, vielleicht noch mehr, weil es jetzt dem Ende zugeht. Im Gymnastikraum hat er auch Discos veranstaltet mit einem rauchenden Skelett in der Ecke. Viele hätten viel geheult, schnieft Schmidberger, bei der allerletzten OP am Freitag, den 21. Oktober, um 16.36 Uhr dieses Jahres.  

Er weiß das Datum so genau, weil es im "Abschiedsbrief" von Chefarzt Horst Gehring steht. Als Schlusspunkt einer 115-jährigen Geschichte, die zuletzt unter einem "Grauschleier von Traurigkeit" lag, aber immer noch ein "hohes Maß an Patientenzugewandtheit" verzeichnete, dank eines Teams, das sich ein "jetzt erst recht" zum Motto gemacht hatte, schreibt Gehring. Er war Leiter der Chirurgie, genauer gesagt der Endoprothetik, vulgo Hüfte und Knie, und überaus erfolgreich. Die Abteilung hatte einen Ruf wie Donnerhall, aus der ganzen Republik pilgerten Patienten in die Kurstadt (wo sich auch noch eine angenehme Reha anschließen ließ) – und sie war die Cashcow. "A great place to work", bilanziert Gehring. Seine Abteilung wurde als erstes geschlossen.

Kein Cent von Minister Lucha – das war's

Verantwortlich dafür ist die Oberschwabenklinik (OSK), ein gemeinnütziger Verbund kommunaler Krankenhäuser in Ravensburg (542 Betten), Wangen (228) und Bad Waldsee (85). Träger ist der Landkreis Ravensburg, Oberaufseher der Landrat Harald Sievers (CDU), Beschlussorgan der Kreistag, in dem sich gewählte Kreisräte um Wohl und Wehe ihrer Sprengel kümmern. Am 31. Mai 2022 befanden sie mit einer CDU/Freie Wähler-Mehrheit, Waldsee müsse dicht gemacht werden. Begründung: zu alt, zu klein und zu teuer, was kurios erscheint, weil das kleinste Hospital das einzige im Verbund ist, das keine roten Zahlen schreibt. Der Rest macht Miese, 15 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Und hier kommt Manfred ("Manne") Lucha ins Spiel. Der grüne Sozialminister, aufgewachsen im Oberschwäbischen, ist auf dem besten Weg, sich zum bestgehassten Politiker, mindestens in Waldsee, emporzuarbeiten. Denkwürdig sein Auftritt vor dem Kreistag im Dezember 2021 mit dem urdemokratischen Satz: "Werte Kreisräte, Ihr könnt abstimmen, wie Ihr wollt, aber von mir wird es für das Krankenhaus Bad Waldsee keinen Cent geben." Keine Alternative, schickt er hinterher. Das war das Aus. Nicht, weil das Haus am See keine Überlebenschance gehabt hätte, sondern weil das Überleben nicht finanzierbar sei, behauptet die OSK und führt Millionen Sanierungskosten ins Feld, die sein müssten, um eine Fast-Ruine zu retten. Dem sei aber nicht so, sagen Architekten vor Ort, die Bausubstanz sei weitgehend okay – und der Augenschein gibt ihnen recht.

Die Kritiker von Lucha, die ihn "unerträglich arrogant" und einen "Totengräber" nennen, halten das Bau-Argument für vorgeschoben. Sie kennen ihn als Zentralisten, der die Kleinen abschaffen und die Großen noch größer machen will. Alles andere sind für ihn Modelle von gestern, das Familiäre, Persönliche, Ruhige entspringe einer "altsozialromantischen Vorstellung" einer Notfallversorgung, glaubt der gelernte Krankenpfleger. Auch das ein bemerkenswerter Satz für einen Grünen, dem doch das Dezentrale, die Nähe, das Überschaubare in den Genen liegen müsste. Stattdessen heizt er die Debatten in 30 Landkreisen Baden-Württembergs an, findet das Plattmachen von Leutkirch (2013) und Isny (2014) gut, das Umwandeln in Medizinische Versorgungszentren richtig, welche zwar gerne um 17 Uhr Feierabend machen, aber es gibt ja noch die Notaufnahme in Ravensburg, die jetzt schon Wartezeiten bis zu elf Stunden hat.

Nicht nichts

Kontext hat Minister Lucha um eine Antwort auf die Frage gebeten, ob er die Schließung des Waldseer Krankenhauses nach wie vor "für eine gute Idee" halte. Hier ist sie:

"Dort, wo ein Krankenhaus schließt, bleibt ja nicht nichts. Primärversorgungszentren und medizinische Versorgungszentren ermöglichen es den Menschen künftig, leichter an eine medizinische Versorgung zu kommen. In solchen Zentren arbeiten Angehörige unterschiedlichster Gesundheitsberufe Hand in Hand unter einem Dach. In enger Zusammenarbeit bieten sie den Bürgerinnen und Bürgern hier eine umfassende, schnelle Betreuung in gesundheitlichen Fragen. Und das ist auch das, was die Menschen brauchen, wenn sie von Medizin vor Ort reden. Kliniken dagegen sind für komplexe Behandlungen da. Hier müssen wir die verknappten Personalressourcen, aber auch die Kompetenzen und die Qualität bündeln. Anders ist das Gesundheitswesen nicht überlebensfähig."  (red)

Was der Sozialminister ignoriert, ist der Umstand, dass ein Krankenhaus auch Lebensrhythmus ist, besonders auf dem Land, Geburt und Tod, dass Vertrauen Vertrautheit voraussetzt, dass Gesundheitsfabriken, die sich dem Primat der Ökonomisierung unterwerfen, nicht unbedingt gesund machen. Trotz CT, MRT und Robotermedizin. Das könnte Lucha alles bei seinem Parteifreund Robert Habeck nachlesen. In seinem Buch ("Von hier an anders") plädiert der Wirtschaftsminister dafür, Krankenhaus wie Feuerwehr zu denken: Vorhalten, nicht verlegen oder abschaffen, nur weil es eine Weile nicht gebrannt hat.

Helfen würde auch ein Blick in die Briefe, die von Ärzten bei der OSK und den Kreisräten eingegangen sind. Einer empfiehlt einen Blick ins österreichische Bregenz, wo das Land Vorarlberg einen jährlichen 10-Millionen-Verlust "anstandslos" ausgleicht und sich nicht an privaten Klinikkonzernen misst, die Gesundheit zum Milliardengeschäft pervertiert haben. Ein Katastrophenmediziner guckt noch weiter hinaus auf die globalen Krisen, in denen kleine robuste Hospitäler Versorgungsprobleme besser lösen könnten als große hochtechnisierte Häuser. Stichwort Cyberattacken. Was das bedeuten würde bei immer weniger Kliniken, möchte er "im Vertrauen auf Ihre Vorstellungskraft" unterlassen, lässt er die Kreisräte wissen.

Dem Chefarzt wünschen alle einen guten Tag

Ebenfalls erkenntniserweiternd könnte ein Blick auf die Belegschaften sein. Wie es in Waldsee war, ist oben beschrieben, andernorts sind die Zustände anders. Eine 17-köpfige Gruppe von Pflegekräften am "Flaggschiff" (OSK-Sprech) St. Elisabethen in Ravensburg beschwert sich bitter über den Geschäftsführer Oliver Adolph, der selbst ein "Mindestmaß an Wertschätzung" vermissen lasse. Legendär sein Spruch, man könne mit ihm auch über die Schwerkraft diskutieren. Kündigungen, die immer zahlreicher werden, sind für ihn "Kollateralschäden". 18 von 22 Chefärzt:innen erklären im August dieses Jahres, sie könnten mit ihm nicht mehr zusammenarbeiten, 175 weitere Ärzt:innen solidarisieren sich. Lucha dagegen will an dem Autokraten festhalten. Der habe die Zeichen der Zeit erkannt, meint der Minister, er arbeite an einem schlanken Gesundheitssystem. Einen Monat später muss Adolph sein Büro räumen.

Elke Müller, 54, kennt das alles. Sie ist nicht nur Unternehmerin ("Omnibus Müller"), sie sitzt auch noch für die Grünen im Kreistag, wo sie Lucha live erlebt hat, und sie hat eine schwer kranke Mutter, die in Waldsee bestens aufgehoben ist. Privates und Politisches mischen sich in ihrem Büro, an der Wand hängen Busbilder, Mama und Papa, auf dem Tisch liegen dicke OSK-Ordner, Arbeitsbeginn ist morgens um sechs. Das Gespräch führt über Lucha, den oft unerträglichen "Basta"-Mann, zu Thomas Sapper, den Leiter der Inneren Medizin, der alle Zeit der Welt für ihre Mutter zu haben schien. Er ist wahrscheinlich der Arzt, den sich alle wünschen. Seit 24 Jahren ist er hier, kompetent, freundlich, zugewandt, und wenn er um den See spaziert, wünschen ihm alle einen guten Tag. "Sapper kann alles", sagt Elke Müller.

Umso schmerzhafter ist die Erkenntnis, dass jetzt Schluss ist. Der 67-jährige Chefarzt hat um zwei Jahre verlängert, um die Reste abzuwickeln bis September 2023. Mit Anstand. Er sagt, er verlasse ein Paradies. Und Frau Müller vom gleichnamigen Bus sagt, sie hoffe nicht, dass Parteifreund "Manne" einen Unfall nahe Waldsee habe und mit dem Rettungsauto in die Ravensburger Notaufnahme gefahren werden müsse.

Der Landrat lobte die Klinik als "exzellent"

Selbstredend ist sie bei den Demos dabei, bei denen sich bis zu 1000 Menschen in dem 20 000-Einwohner-Städtchen versammelt haben. Das sei so überraschend, wie wenn jemand für den Erhalt einer Kirche stimme, glaubt Lucha, worüber sich wiederum einer aufregt, der Drohpotenzial hat: Friseur Franz Daiber, Gemeinderat der Freien Wähler, langjähriger Zunftmeister zur Fasnetszeit und einer der Sprecher der Bürgerinitiative fürs Krankenhaus. Der 67-Jährige fragt sich, warum es Parteien (bis auf Teile der Grünen und die SPD), Aufsichtsräte und Kreisräte, zugelassen haben, dass seine Stadt in ein "schwarzes Loch" fällt und ein Minister sich zum "Herren über Klinikstandorte" erhebt, deren Sachwalter sie sind? Und dann geht er zum Bücherregal und nimmt eine Broschüre heraus, die 2007 zum 100-jährigen Jubiläum erschienen ist. Das Grußwort, von Landrat Kurt Widmaier unterzeichnet, könnte euphorischer kaum ausfallen. Der Jubilar schneide "immer aufs Neue glänzend ab", freut sich der gebürtige Waldseer, hier werde eine "exzellente Medizin" betrieben, Landkreis und OSK würden dafür sorgen, dass dem Geburtstagskind vor seinem zweiten Jahrhundert "nicht bange zu sein braucht".

Gemacht hat die Broschüre Winfried Leiprecht, Pressesprecher der OSK. Geholt hat ihn Widmaier vor 16 Jahren von der "Schwäbischen Zeitung", gesagt hat er ihm noch lange: "Gell, mir schließet nix." Bei unserem Besuch guckt Leiprecht etwas melancholisch. Aber er tut, was er tun muss, und erläutert, warum Waldsee "keine Zukunft" hat. Erstens: Die Finanzlage. In den nächsten Jahren seien auch hier rote Zahlen zu erwarten. Zweitens: Der Fachkräftemangel. Der Nachwuchs wolle sich spezialisieren, finde große Häuser attraktiver. Drittens: Die Hochleistungsmedizin. Lohne sich in kleinen Kliniken nicht. Viertens: Die Bausubstanz. Millionen müssten investiert werden. Anstreichen allein genüge nicht.

Aber ein Argument toppt laut Leiprecht alles: das Nein von Lucha. Seine Weigerung, Waldsee im Baubereich mit öffentlichen Geldern zu fördern, sei "ganz entscheidend" gewesen. Am Ende des langen Gesprächs erzählt er noch, dass seine Frau für den Erhalt des Krankenhauses in Tettnang demonstriert und eine Hüfte aus Waldsee hat. Sie sei sehr zufrieden damit.

Bleibt am Ende der Gang ins Rathaus, wo man bekanntermaßen immer schlauer rauskommt. Dort treffen wir auf Matthias Henne, CDU, einen jungen Oberbürgermeister, und seine Bürgermeisterin Monika Ludy, die mit aller Kraft für ihr Krankenhaus gekämpft haben und jetzt erkennen müssen, dass sie verloren haben. Nicht jetzt, nicht am 31. Mai, bereits am 9.12.2021, als Lucha seine "Kein-Cent"-Rede gehalten hat. Henne ist stinksauer über die "politische Entscheidung". Eine Schande sei das, sagt er, dass ein Minister "mit dem Schwert durchregiert". Alles weitere verortet der 40-Jährige in den Hinterzimmern der oberschwäbischen Kreispolitik, wo sich Landrat, Bürgermeister und Fraktionschefs daran machten, die Claims abzustecken.

Als Ausgleich für die Unterlegenen präsentieren sie nun OSK-Versorgungszentren, die von der Bosch-Stiftung ausgedacht, von Lucha gutgeheißen (siehe Kasten), und im Grunde Ärztehäuser sind. Es möge bitte niemand glauben, betont Henne, dass sie ein Krankenhaus ersetzen könnten. Aber er wird sich damit beschäftigen müssen. Gelernt hat er, dass sie von der, nett ausgedrückt, "Dynamik der Allgäuer", überrollt worden sind, und dass es längst nicht mehr nur um die Krankenhäuser ging, sondern auch um die Reha-Kliniken, die etwa in Waldsee stark von den Hüft- und Kniepatienten profitieren.

Nun werden sie nach Wangen verlegt, ein schönes Geschenk für das Allgäustädtchen, wo sich bereits jetzt Sportmediziner warmlaufen, die von Ravensburg übergewechselt sind, die Referenz im Gepäck, die Eishockeyprofis "Tower Stars" zu betreuen und das Wohlwollen Luchas zu haben. Sollten die Kapazitäten nicht ausreichen, können sie weiterziehen ins benachbarte Neutrauchburg. Hier wartet der Fürst von Waldburg-Zeil mit seinem Klinikimperium auf Kundschaft. OB Henne verspricht, unbequem zu werden.


Transparenzhinweis: Der Autor ist im Waldseer Krankenhaus geboren.


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9 Kommentare verfügbar

  • Philipp Horn
    vor 3 Wochen
    Antworten
    So kleine Häuser machen, auf Dauer, keinen Sinn.Man sollte lieber Personal,Geld usw. auf die großen konzentrieren und Vorort in Polikliniken oder investieren .
    Denn die Patenten werden immer älter & kränker da braucht es Fachleute & die gehen nicht in die Provinz!
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 2 Tagen 21 Stunden
Sehr interessant!


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