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VRS-Präsident Thomas Bopp

"Damit die Kuh fliegt"

VRS-Präsident Thomas Bopp: "Damit die Kuh fliegt"
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Thomas Bopp tritt am 9. Juni nicht mehr zu den Regionalwahlen an. Den langjährigen Vorsitzenden des Regionalparlaments hat seine eigene Partei, die CDU, abgesägt. Ein Gespräch über den Verband Region Stuttgart.

Ohne Thomas Bopp gäbe es 2027 in Stuttgart und Region wohl keine Internationale Bauausstellung. Doch drei Jahre bevor die IBA'27 stattfindet, hat ihn seine Partei, die CDU, nicht einmal mehr auf die Liste zur Regionalwahl gesetzt. Bopp, der den Verband Region Stuttgart (VRS) geprägt hat, wird somit zum Zeitpunkt der IBA nicht mehr Regionalpräsident sein. Denn den wird die Regionalversammlung, der er dann nicht mehr angehört, im September neu wählen. Zu den Vorgängen in seiner Partei äußert er sich nicht.

Herr Bopp, Sie sind ja ein alter Hase: seit 30 Jahren im Regionalparlament, seit 17 Jahren dessen Vorsitzender. Das ist ein Ehrenamt?

Es ist das schönste, aber auch anstrengendste Ehrenamt, das man sich denken kann. Zeitweise war ich ja auch noch im Landtag, das war schon sehr anstrengend.

Haben Sie da überhaupt noch Zeit, als Architekt zu arbeiten?

Ja, das ist mein Beruf. Mit meiner Frau und weiteren circa 13 Architekten und zuletzt einem weiteren Architektenpaar als Mitgeschäftsführer.

Vor dem VRS gab es bereits den Regionalverband Mittlerer Neckar.

Die Wahl zur Regionalversammlung des Verbands Region Stuttgart (VRS) ist eine Listenwahl: Die Parteien der fünf Landkreise und des Stadtkreises Stuttgart stellen Listen auf. Die Sitze werden im Verhältnis der Einwohnerzahlen verteilt: Stuttgart hat mit aktuell 18 die meisten Sitze, darauf folgen Ludwigsburg und Esslingen mit je 16 Sitzen. Der Rems-Murr-Kreis hat zwölf, Böblingen elf und Göppingen sieben Sitze. Gewählt wird am 9. Juni.  (dh)

Das war ein Nachbarschaftsverband von Kommunen ohne direkt vom Volk gewählte Regionalversammlung. Der VRS ist das erste direkt vom Volk gewählte Regionalparlament. Der Auslöser dafür war eine Krise. Man hat das heute vergessen, angesichts der viele Krisen seither. Doch die Wirtschaftskrise Anfang der 1990er-Jahre war dramatisch. Es gab enorme Einbrüche im Maschinenbau und im Automobilbau. Allein die Region Stuttgart hat innerhalb kurzer Zeit 200.000 Arbeitsplätze verloren. Die Landesregierung wollte den Wirtschaftsstandort stärken. So kam das Gesetz über die Errichtung des VRS zustande.

Welche Kompetenzen hat der Verband?

Zunächst die Regionalplanung wie in den anderen Regionalverbänden auch. Dazu die Regionalverkehrsplanung und die Aufgabenträgerschaft für den ÖPNV, vor allem die S-Bahn. Und die regionale Wirtschaftsförderung, die war ja der Grund für die Entstehung des VRS. Und einige weitere Aufgaben wie die Zuständigkeit für die mineralischen Abfälle, also das Aushubmaterial. Wir sind gerade in einem Scoping-Verfahren mit einer erweiterten Bürgerbeteiligung für die Suche nach einem oder zwei geeigneten Standorten für Deponien, was in einer so dicht besiedelten Region nicht ganz einfach ist.

Eine Deponie will keiner haben, eine Fabrik schon eher, das bringt Gewerbesteuern. Kontext hat etwa über Cellcentric in Weilheim berichtet.

Der VRS hat sich hierfür stark eingesetzt und der Kommune in einem Gewährvertrag 21 Millionen Euro zugesagt für den Fall, dass das noch schiefgeht. Gewerbegebiete sind an sich Sache der Kommunen. Uns geht es um die regional bedeutenden Standorte für die Player, die wir für die Transformation benötigen. Da brauchen wir große Flächen. Und die finden Sie nicht in großen Städten, sondern in kleineren Orten. Aber für eine Kommune mit 10.000 Einwohnern ist das eine große Herausforderung. Deshalb sind wir hier erstmalig eingesprungen, damit die Kuh fliegt. Und falls es dann doch noch scheitert, was ich nicht hoffe, dann haben wir das, was wir eigentlich schon immer wollen: einen regional bedeutsamen Entwicklungsstandort.

Bei einem Logistik-Hub oder einer Bauschuttdeponie sieht es anders aus. Welche Möglichkeiten hat der Verband, da etwas zu bewirken?

Zunächst durch die Regionalplanung, dann eventuell durch finanzielle Hilfen wie bei Cellcentric. Das muss jedoch immer gut abgewogen sein gegen andere Belange wie Naturschutz, Landwirtschaft oder Biodiversität. Wir haben im Regionalplan einige Logistikstandorte vorgesehen. Es sind nur leider nicht genügend und leider werden diese nicht in dem Maß entwickelt, wie es notwendig wäre: Neben Kornwestheim und den Häfen in Stuttgart und Plochingen sind das noch Standorte in Lindorf bei Kirchheim und Bondorf an der A 81, wo sich leider nicht genügend tut.

Woran liegt das?

An den Kommunen.

Aber eine Bauschuttdeponie ist für die ganze Region von Bedeutung. Was passiert, wenn Sie einen Standort gefunden haben und die Kommune sich weigert?

Zuerst wird eine umfangreiche Beteiligung durchgeführt und am Ende folgt eine gewissenhafte Abwägung der Regionalversammlung über die besten Standorte. Dann stellt die Kommune einen Bebauungsplan auf. Tut sie das nicht, müsste möglicherweise eine höhere Stelle eingreifen. Auch für neue Wohn- und Gewerbegebiete müssen die Kommunen Bebauungspläne aufstellen. Leider sind fast die Hälfte der 41 Wohnbauschwerpunkte, die wir vor 20 Jahren im Regionalplan ausgewiesen haben, immer noch nicht in Bebauungspläne gegossen, weil die Akzeptanz der vorhandenen Einwohner fehlt.

Die Kommunen schreiben gern Einfamilienhausgebiete aus. Das führt zu einer Zersiedelung der Landschaft.

So einfach ist es nicht. Wir machen Dichte-Vorgaben. Mit der IBA wollen wir zeigen, dass man auch in Dörfern dichter bauen kann. Die erwähnten 41 Wohnbauschwerpunkte haben wir an die richtigen Stellen platziert: neben der S-Bahn, wo wir nicht zusätzlichen Verkehr erzeugen.

Der Flächenfraß schreitet trotzdem voran.

Nicht in der Region Stuttgart. Da sind wir sehr konsequent gewesen und haben jetzt von allen Regionalverbänden die geringsten Zuwachsraten im Flächenverbrauch.

Aber Zuwachs heißt, die Versiegelung nimmt zu. Irgendwann muss doch Schluss sein.

Ich weiß, da gibt es das Wort von der Netto-Null. Null ist aber keine gute Lösung, wenn man dringend Wohnraum benötigt. Ein Beispiel von mehreren IBA-Projekten: Wir haben viele Siedlungen aus den Sechzigerjahren. Die Menschen sind alt geworden und leben als Witwe oder Witwer in Fünfzimmerwohnungen aus der Zeit, als sie noch drei Kinder hatten. Die wollen in ihrer Umgebung bleiben, das ist verständlich. Also bauen wir daneben auf dem Acker dichtere, CO2-neutrale, altersgerechte Mehrfamilienhäuser mit unterschiedlich großen Wohnungen und versuchen, sie dorthin umzusiedeln. Die alte Siedlung können wir nachverdichten und die Wohnungen umbauen und energetisch sanieren. Das ist Flächenrecycling mit wenig Neuversiegelung.

Der dänische Stadtplaner Jan Gehl sagt, der erste Schritt auf dem Weg zu einer Verkehrswende wäre Park & Ride, Parkplätze in Nähe von ÖPNV-Haltestellen. In der Region gibt es das, aber der Ausbau stagniert.

Wir haben vor einigen Jahren dafür die Zuständigkeit erhalten, können aber aufgrund der gewachsenen Strukturen nur begrenzt tätig werden. Nun unterstützen wir die Kommunen mit erheblichen finanziellen Mitteln. Leider hat die Bahn geeignete Flächen verkauft. In die Preisgestaltung der Betreiber können wir schwer eingreifen. Es gibt aber gute Beispiele, etwa in Vaihingen an der Enz. Wir errichten an vielen S-Bahnhöfen Mobilitätspunkte, an denen neben allen Verkehrsdienstleistungen Park & Ride und Fahrradabstellplätze entstehen.

Was unternimmt die Region Stuttgart, wenn die S-Bahn nicht zufriedenstellend funktioniert?

Ständig unseren Betreiber, die DB-Regio ermahnen. Und schimpfen.

Bekommen Sie auch Strafzahlungen? Das Land will ja jetzt schon bei drei statt bisher sechs Minuten kassieren.

Unser Verkehrsvertrag sieht erhebliche Pönalzahlungen vor, die wir den Fahrgästen über Verkehrsverbesserungen, Zustandsverbesserungen an Bahnhöfen oder Anzeigen und anderes zugutekommen lassen. Nur bin ich darüber nicht glücklich. Statt Pönale wäre mir Pünktlichkeit lieber.

Ist Besserung in Sicht?

Merklich wohl erst, wenn der neue digitale Schienenknoten fertig ist und die überalterte Infrastruktur komplett erneuert wurde. Wir haben die Verzögerungen beim Projekt S21 mutig genutzt, um auch bei der S-Bahn das digitale Zeitalter einzuläuten. Das wird die Zuverlässigkeit deutlich steigern.

Aber die Verspätungen auf der Stammstrecke kommen durch die Ein- und Aussteigezeiten am Hauptbahnhof zustande.

Nicht nur. Der limitierende Faktor ist nicht die Stammstrecke, sondern die Zulaufstrecken mit dem Mischverkehr.

Warum ist die S-Bahn am Bahnhof Esslingen in Richtung Stuttgart dann oft pünktlich, aus Richtung Stuttgart heißt es aber alle Viertelstunde "Heute circa fünf Minuten später"? Oder fünfzehn.

Die meisten Verspätungen werden von außen eingetragen und können derzeit in der Stammstrecke nicht mehr abgebaut werden. Wenn wir mal mit ETCS unterwegs sind, wird das auf jeden Fall deutlich besser.

Also gut: Mit Stuttgart 21 wird alles besser. Die Region Stuttgart ist aber auch Kulturregion und organisiert im September ein alljährliches Festival. Dessen Etat ist minimal im Vergleich zum Etat des Stuttgarter Opernhauses.

Der Vergleich hinkt, weil der Verband keine Zuständigkeit im Kulturbereich hat. Das sind die Kommunen und das Land. Als Kulturmensch würde ich gerne mehr für die Kultur in der Region tun dürfen. Was wir mit geringen Mitteln machen, kann sich sehen lassen. Wir können die dafür Zuständigen aber nur unterstützen und ergänzen.

Was ist der Landschaftspark Mittlerer Neckar?

Wir haben vor ungefähr zwanzig Jahren beschlossen, Masterpläne für die unterschiedlichen Landschaftsarten zu machen – die Region Stuttgart ist ja sehr vielfältig. Diese Pläne waren sehr schön, aber sie lagen dann in der Schublade. Also musste was passieren: vom Plan zum Kran. Seit 2006 können wir Landschaftsparkprojekte kofinanzieren und loben jedes Jahr unter den 179 Kommunen für 1,5 Millionen Euro einen Wettbewerb aus für die besten Ideen zur Aufwertung der Landschaft: ökologische Maßnahmen, Bach-Renaturierungen, ein Aussichtsturm wie der Schönbuchturm, ein Museumsradweg, ein Kunstpfad – vor allem entlang der Gewässer. Und im Januar entscheidet eine Jury der Regionalversammlung über die eingereichten Arbeiten.

Und wie zeigt sich das?

Wenn Sie früher den Radweg im Neckartal gefahren sind, haben Sie den Fluss kaum wahrgenommen, weil er eingewachsen war. Mittlerweile sind da 70, 80 Landschaftspark-Projekte entstanden: vom Travertinpark in Cannstatt bis zu den Zugwiesen in Ludwigsburg. Auch die Remstal-Gartenschau haben wir in die Wege geleitet. Meine Idee ist ja, wir sollten im Anschluss an die IBA bis weit in die 30er-Jahre eine regionale Bundesgartenschau entlang des Neckar machen. So könnte dort Neues entstehen und an den IBA-Projekten weitergebaut werden. Die sind ja 2027 längst nicht alle fertig.

Dann sind Sie als Regionalpräsident aber nicht mehr im Amt. Wie geht es bei Ihnen weiter?

Ich bin weiterhin Architekt und habe viele Ehrenämter und Interessen. Vor allem der IBA werde ich weiter verbunden bleiben.

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3 Kommentare verfügbar

  • Leser
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Da merkt man jahrelange Übung im Drumherumreden
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