Spricht sogar Fremdsprachen: Nationalistin Alice Weidel. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 317
Politik

Die neue Rechte

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 26.04.2017
In der öffentlichen Darstellung kommt Alice Weidel als "kühle Pragmatikerin" vom "wirtschaftsliberalen AfD-Flügel" vergleichsweise gut weg. Zu gut. Denn auch die neue Spitzenkandidatin ist eine Scharfmacherin vom rechten Rand.

Es fällt schwer, die gebürtige Ostwestfalin, nicht sympathisch zu finden. Auf den ersten Blick. Die 38-Jährige aus, die heute in Überlingen am Bodensee lebt, könnte eine fesche Vertreterin des Pferdesports sein, der erste weibliche Spross einer Unternehmerdynastie oder Deutsch-Professorin an der Pariser Sorbonne. Sie ist eine gepflegte Erscheinung im klassischen Outfit, sie weiß sich auszudrücken, zu überzeugen und zu beeindrucken. Beim Landesparteitag im Herbst 2015 in Horb erzählte sie umstehenden Journalisten, im Wahlkampf auf der Straße sei sie als "Nazi-Hure" beschimpft worden. Mehrere der Zuhörer wiegen bedächtig ihr Haupt. Das gehe nun wirklich zu weit, sagt einer und hat recht.

Sie kann auf Beachtliches verweisen, ein Doppelstudium in BWL und VWL, Auslandserfahrung in Shanghai und Hongkong, Fremdsprachenkenntnisse (Japanisch und Mandarin). Und ihren Doktor hat sie mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung gemacht. So polyglott und dann in der AfD? Die schmale Blonde liefert ein Beispiel dafür, dass Weltläufigkeit noch lange kein vernünftiges Bild von der Welt bedeuten muss. Noch im Gründungsjahr der AfD – 2013 – ist sie eingetreten. Weidel ist entschiedene Euro-Gegnerin. Sie passe gut "in diese Intellektuellenpartei des trockenen Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke", schreibt die Schweizer "Weltwoche" ganz verzückt über "Alice, die Wunderfrau". Im zuständigen Fachausschuss habe sie gut mit Lucke zusammengearbeitet, "und blieb zurück, als er mit ein paar Getreuen im Mai 2015 die Partei unter Protest verließ".

Unterwegs auf schmaler Spur

Ihre Erklärung offenbart, auf welch schmaler Spur die Wirtschaftsexpertin in Wirklichkeit unterwegs ist. Für sie verletzt die gemeinsame Währung Recht und Gesetz. Dasselbe gilt für die Zuwanderung. Und daraus zieht sie den messerscharfen Schluss, dass diese ganze Entwicklung "zu einer kompletten Erosion des gesellschaftlichen Fundaments führt". Und der meint sie entgegenwirken zu müssen. "Ich will mir später nicht vorwerfen, dass ich es nicht probiert habe", sagt sie. Sie mache das "für meine Kinder", bekennt sie in einem Interview, in dem sie ausnahmsweise von sich aus ihre Söhne ins Spiel bringt. Gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin, zieht sie die drei kleine Jungen groß. "Auch Weidels Privatleben ist weit weg vom Mainstream der AfD", meint die "FAZ" zu wissen.

Das "auch" darf getrost gestrichen werden. Denn politisch-inhaltlich ist die neue Spitzenfrau ganz nah am Mainstream ihrer Partei. Durchaus kann sie sich etwa vorstellen, mit dem Partei-Rechtsaußen Björn Höcke Wahlkampf zu machen. Mit jenem Höcke, dessen Ausschlussverfahren sie selbst öffentlich befürwortet. Überhaupt ist sie programmatisch geschmeidig. Vor dem Kölner Parteitag hatte sie zur Bedingung für ihr eigenes Antreten für das Spitzenteam gemacht, dass Alexander Gauland und Frauke Petry Teil davon sind.

Nach Petrys Demütigung am vergangenen Wochenendes war davon keine Rede mehr. Weidel bestand auf Gauland und umgekehrt. Die beiden, die so massiv für Basis- und Bürgerentscheid kämpfen, um "Deutschland wieder den Deutschen" zurückzugeben, waren nur gemeinsam oder gar nicht und erst recht nicht in einer Urabstimmung der Mitglieder zu haben. Überhaupt fallen bemerkenswerte Sätze über Petry. Die sei "noch" Bundesvorsitzende, sagt die Frau vom Bodensee. Sie arbeite "erfolgreich nebeneinander mit ihr zusammen". Und, wie mütterlich: Es müsse ihr jetzt zugestanden sein, sich auf das Kind zu freuen "und einen Seitenschritt zu machen". Da bringt sich jemand in Position.

Menschenverachtende Feindseligkeit

Wohin die Reise dann gehen soll, offenbart die neue Strahlefrau, die auch baden-württembergische Spitzenkandidatin ist, auf Facebook. Von wegen "kühle Pragmatikerin". Sie polemisiert gegen "Altparteien" und politische Institutionen. Sie macht gemeinsame Sache mit Radikalen aus anderen rechtsnationalen Parteien, wie Harald Vilimsky, dem Generalsekretär der österreichischen FPÖ ("Ich schätze Burschenschaftler als Ehrenmänner"), der nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" mit 19 Toten einem "beträchtlichen Teil" von "Journalisten und Intellektuellen" eine Mitverantwortung dafür zuschrieb, dass "jetzt der Terror aus der Mitte der Gesellschaft kommt". Für einen ihrer ersten großen Aufreger sorgte Alice Weidel, als sie Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik in direkten Zusammenhang mit der Ermordung einer Freiburger Studentin brachte.

In praktisch allen ihren Reden geht es gegen Flüchtlinge. Woraus zu lernen ist, dass formale Intelligenz und Sprachbegabung eben nicht vor einem Mangel an Empathie schützen – und an Phantasie. Sie jammert darüber, dass Menschen mit Hilfe der Bundeswehr "gratis" aus dem Mittelmeer gerettet werden. Und sie gibt sich fassungslos über diese "grenzenlose Verblödung Europas", die "jeder Beschreibung spottet".

Äußerste Schärfe und menschenverachtende Feindseligkeit, erniedrigende Wortspiele und vorsätzlich falsche historische Parallelen sind gang und gäbe. Da schreibt sie von einer "Kölner Ka(c)kophonie" im Vorfeld des AfD-Parteitags. Der Gegendemonstranten wegen wirft sie der Bundesregierung vor, sie sehe zu "bei der Entstehung einer RAF-Generation". Die Protestierer nennt sie in ihrer Abschlussrede "Bildungsbomben" – unter rauschendem Beifall der Delegierten. Bei denen kommt auch die beschlossene Abschiebungsquote wunderbar an oder die Absenkung der Mehrwertsteuer. Auf die Frage nach deren Finanzierung läuft dann die ziemlich beste Feindin Petry noch einmal zu Hochform auf. "Wir haben ja jetzt eine Ökonomin im Spitzenteam", sagt Petry spitz, "und ich bin mir sicher, dass entsprechende Rechnungen vorgelegt werden."

Für Weidels Anhänger ist der Machtkampf ohnehin schon entschieden. Die Niederlage beim Versuch, den Vorsitz im baden-württembergischen Landesverband zu erobern, ist vergessen. Und selbst, dass sie im heimischen Wahlkreis bei der Landtagswahl 2016 unterdurchschnittlich abschnitt. "Wir brauchen ein neues Gesicht", schreibt einer auf Facebook. "Eine Frau mit starker Ausstrahlung und eine Patriotin, die für unser Land einsteht und kämpft", ein anderer, und Weidel sei "ein riesiger Gewinn gegenüber Petry, für die die AfD nur Mittel zu Macht und Karriere ist".

Björn Höcke ist laut und ein hetzerischer Grenzgänger. Gauland gibt den geläuterten CDUler, der endlich angekommen ist an der richtigen Stelle im politischen Spektrum. Und dazu die Menschenfischerin vom Bodensee: sympathisch, energisch und durchsetzungsfähig. Das Kinn nach vorn gereckt oder die Mundwinkel, wenn sie wieder mal Deutschland als Jammertal karikiert, verächtlich nach unten gezogen. Die Millionenfrage, wer von den Aushängeschildern der AfD wohl am besten ankommt im Wahlkampf, in den Diskussionen und auf den Marktplätzen – gerade mit Blick auf die derzeit sinkenden Umfragewerte –, ist leicht zu beantworten. Selbst Talkshow-Redaktionen werden rasch auf das Zugpferd umschwenken. Ein Zugpferd, das selbst im fernsten Ausland gefragt ist. Im Mai fährt Weidel nach China, wird in der baden-württembergischen Landtagsfraktion voll Ehrfurcht erzählt. Auf Einladung der Universität Peking spricht sie über Europa, Deutschland und den Euro. Glücklich, wer kein Mandarin versteht.


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7 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 30.04.2017
    Gratulation an Charlotte Rath. Der "Neue Rechte"-Artikel plätschert so mainstreammäßig ab, eine unendliche Wiederholung sämtlicher deutschen Meinungsmacher(Blätter).
    Man muß die "Heute Show" nicht immer mögen, doch hier konnte man endlich als Laie die Aktienkurse steigen sehen, die der freundliche Macron durch seine Mehrheit im 1. Wahlgang bereits ausgelöst hat. Wohlan, ein Prosit auf die EU-AG.
    Und das ausgerechnet in Kontext, schade.
  • Ruby Tuesday
    am 30.04.2017
    Wen interessiert eigentlich solch eine umfangreiche Vita von AfD Politikern? In welchem Umfang engagieren diese sich in der Kommunalpolitik vor Ort. Wie steht es um unsere Verkehrsinfrastrukturprobleme, Umweltschutz, Soziales in Seenähe. ÖPNV findet doch nicht nur im Raum Stuttgart statt. Das einzige was von Frau Wedel kam war zur BW-Landtagswahl ein Kurzkommentar im Südkurier, Sonst nur die üblichen Homestories, die aus der Regenbogenpresse bekannt sind, bei denen man den Wahrheitsgehalt kennt. Es ist halt schade, wenn sich die Politiker nur über Listenmauschelei in den Bundestag schleichen. Ich kann gegenwärtig alle Protestwähler verstehen, die wirklichen Protest mit Satireeffekt wählen. DIE PARTEI, die Partei. Bei allen anderen kann einem wirklich nur noch das Lachen im Halse stecken bleiben.
  • Rudy el cuervo Platzer
    am 30.04.2017
    ...Ein anderer Aspekt ist, dass Frau Alice Weidel eine Unternehmerberaterin ist. Klingelst?
    Beim "Frauentreffen" mit Frau Dr. Angela Merkel, CDU / Bundeskanzlerin der Frau Ivanka Trump, Frau "La Garde" und einige, die aufs gemeinsame Foto durften..., war auch eine Frau Stephanie Bschorr, Vorsitzende des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU) mit dabei und schob sich im öffentlich rechtlichen FS ins Bild, in den Vordergrund mit einer von vielen nicht "erkannten" Forderung, dass Big Data, künstliche Intelligenz bis gar hin zur Programmierung schon in den ersten Schuljahren (Grundschule) forciert werden soll! Toll! Verbildung, und Kinder in Abhängigkeit (Manipulation!) bewusst ! bringen, wegen Meinungshoheit und Profit, das fordert die VdU - Vorsitzende Bschorr - sozusagen als "Spiritus - Rektorin" für die AfD - Frontfrau aus Baden - Württemberg, Alice Weidel. Sorry, aber da kriege ich d a s GroKo...
  • Claus Stroheker
    am 28.04.2017
    Um ehrlich zu sein, mir ist es egal, ob Frau Weidel sympathisch Robert kommt, ob sie Vertreterin von irgendwem sein könnte und ob sie eine gepflegte Erscheinung ist ... - für mich ist alleine ausschlaggebend, dass sie rassistisch ist, gegen Andere hetzt und dass sie rechtsextrem ist.
    Die KontextwochenZeitung sollte sich darauf konzentrieren und sich auch darauf beschränken, was Frau Weidel politisch will, wie sie sich zu politischen Fragen äussert.

    Und wenn man sich schon mit dem Umfeld einer Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl befasst, wäre es gut gewesen, wenn der "aufklärerische" Journalismus das ermittelt und gemeldet hätte, was nun die "seichte" Presse ("STUTTGARTER ZEITUNG") herausgefunden hat, nämlich dass Frau Weidel ihren Wohnsitz vermutlich gar nicht in Deutschland hat, sondern sie mit ihrer Partnerin und ihren Kindern in der Schweiz wohnt.
  • Ekkehard Knauff
    am 28.04.2017
    ...naja, Fr.W. habe ich vor kurzem noch eher im "Naturata" des Überlinger Waldorfschulzentrums mittags beim Salatteller (gerne auch mit Putenbruststreifen vom Biohof nebenan) zusammen mit ihrer Lebenspartnerin, Freunden und einem Kind auf dem Schoss verortet.
    So kann man(n) sich irren...
    Dass sie aus Gütersloh stammt und auf einem katholischen Gymnasium in Versmold zur Schule gegangen ist, hat der Artikel verschluckt.
    Zugegeben, mich hat auch sehr entsetzt, wie gut sie weis, welcher Knopf gedrückt werden muss, um dem Parteitag zu gefallen.
    Irgendetwas substantielles erinnere ich nicht. Darauf wartet man bei dieser Truppe sicher auch vergebens.
  • Charlotte Rath
    am 26.04.2017
    Etwas mehr Differenzierung täte gut. Nicht nur bei diesem Artikel der aktuellen KONTEXT-Ausgabe.

    Die Konstruktion des Euro zu kritisieren, sollte nicht der AfD überlassen werden - denn sie ist verbesserungsbedürftig. Ebenso verhält es sich mit der Kritik z. B. an der Bevölkerungsferne der EU-Institutionen, die durchaus ihre Berechtigung hat, vgl. aktuell http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/eu-kommission-empfaengt-regelmaessig-lobbyisten-aus-wirtschaft-a-1144911.html.
    Alleine den Status quo zu verteidigen, hilft nicht in der Auseinandersetzung mit der AfD, aber stärkt die bestehenden hegemonialen Kräfte. Und das ist keine Förderung der Demokratie!

    Gegenüber Le Pen wird der französische Präsidentschaftskandidat Macron in dieser KONTEXT-Ausgabe beinahe als Lichtgestalt dargestellt. Dabei will er das Schengen-Abkommen beibehalten (das bisher nicht für eine faire Lastenteilung zwischen den EU-Staaten bei der Versorgung und Integration von Geflüchteten steht) und Frontex stärken - gilt eine solche Haltung bei KONTEXT neuerdings als empathisch? Er will die Unternehmenssteuern von 33,3 auf 25 % senken - wo ist der Unterschied zur Position der AfD? Als Partner der Investmentbank Rothschild & Cie. dürfte sich Herr Macron kaum für einen Schuldenschnitt zugunsten der südlichen EU-Staaten und damit zugunsten der dortigen arbeitslosen Jugend engagieren - sonst wäre er nicht Herrn Schäubles liebster Kandidat …

    Mit „Pfui Rechtsextrem“ und „Hui Liberal“ werden Fähnchen geschwenkt, die darüber hinwegtäuschen, dass weder AfD noch Macron die herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse antasten werden - und auch ein ähnliches Menschenbild teilen (Stichworte: Disziplin, Wettbewerb, Durchsetzung eigener Interessen), wie anhand des Interviews mit Frau Wehling ersichtlich wird (vgl. https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/317/im-reich-der-deutungshoheit-4335.html).

    Bedauerlich finde ich, dass inhaltliche Alternativen dazu, wie im französischen Wahlkampf beispielsweise durch Herrn Melénchon repräsentiert, durch die aktuelle KONTEXT-Ausgabe nicht gewürdigt werden. Vielleicht kommt noch etwas nach?
    • Blender Blender
      am 01.05.2017
      @Charlotte Rath
      Melanchon ist mir mit seiner EU Austrittsrhetorik nicht wirklich im Sinne des großen Ganzen aufgefallen. Mit Macron bleibt wenigstens die Utopie auf ein gemeinsames und soziales Europa erhalten. Allerdings, .. Vielleicht bei der nächsten (?) Wahl. Die EU (das Kollektiv) ist mehr als die Summe der Einzelstaaten so wie die BRD mehr ist als die Summe der Bundestaaten und Baden Württemberg mehr als Hohenzollern, Kurpfalz und Baden. Nur Württemberg wäre vielleicht alleine reicher, aber solange wir es uns leisten können die anderen Länder finanziell zu unterstützen, warum nicht. Mir doch egal wenn der BVB Dortmund 1899 Hoffenheim nicht mag, uns auch die Berliner nicht mögen, oder wenn aus dem ähnlichem Grund die Ungarn und Polen, Griechen und Spanier "uns" Deutsche nicht mögen. Man muss auch mal großzügig sein dürfen.

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