Jörg Meuthens AfD ist die große Gewinnerin des 13. März. Fotos: Joachim E. Röttgers

Jörg Meuthens AfD ist die große Gewinnerin des 13. März. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 259
Politik

Wohlstand für Reiche

Von Anna Hunger
Datum: 16.03.2016
Weil viele Baden-Württemberger Protest gewählt haben, besetzt die AfD nun 23 Plätze im Landtag. Aber was hat die Partei zu bieten, abgesehen von der Forderung nach einem Europa der geschlossenen Grenzen, weniger Flüchtlingen und massiver Islamkritik?

"Wir glauben nicht an die Verheißungen moderner politischer Ideologien oder an die Heraufkunft eines besseren, eines 'Neuen Menschen'", so steht's im Entwurf des Parteiprogramms der AfD, das die Rechercheplattform Correctiv.org vor ein paar Tagen veröffentlicht hat und über das am 30. April in Stuttgart abgestimmt werden soll. "Als 'Partei des gesunden Menschenverstandes' setzen wir auf den Common Sense, auf das politische Urteilsvermögen und die Verantwortungsbereitschaft der mündigen Bürger." Die AfD verkörpere als Partei, die aus Protest entstanden sei, "eine Renaissance bürgerschaftlichen Engagements". Eines ihrer Ziele: "Wohlstand für alle."

Fähnchenschwenker am Wahlabend in der Alten Reithalle.
Fähnchenschwenker am Wahlabend in der Alten Reithalle.

Allein für diesen Satz hätte die Partei ein kräftiges "Lügenpack" von vielen verdient, die in den vergangenen Monaten so enthusiastisch das AfD-Fähnchen geschwungen haben. Hat sich die Partei im Wahlkampf ausdrücklich als die des kleinen Mannes präsentiert, sieht die Wirklichkeit – wie so oft – anders aus. Das Landtagswahlprogramm für Baden-Württemberg liest sich da nur wie eine Light-Version des Entwurfs für das Parteiprogramm. Denn der "Wohlstand" gilt nicht denen, für deren Sorgen im Vorfeld so viel Verständnis gefordert wurde, denen mit dem Abgehängt-Gefühl im Nacken. Die AfD ist vielmehr wie maßgeschneidert für gut situierte, mehrfache Familienväter mit Interesse an restriktiven Erziehungsmethoden und schnellen Autos, für Arbeitgeber mit Waffenschein, ohne soziales Interesse oder solches an Kultur.

Einmal im Jahr ist "Tag des Heimatschutzes"

Die AfD wendet sich gegen TTIP und CETA, Gentechnik und den Neubau von großen Einkaufszentren. Außerdem steht sie ein für mehr Sport in Schulen. Selbstverständlich darf der Schulsport durch die "Belegung von Sporthallen mit Asylbewerbern nicht eingeschränkt werden".

Die AfD möchte nationale Aufrüstung, um "die militärischen Fähigkeiten der deutschen Streitkräfte wieder herzustellen". Frauen leisten eine "allgemeine Dienstpflicht" ab, für Männer gilt wieder die allgemeine Wehrpflicht, "dass sich die Bevölkerung mit 'ihren Soldaten' und 'ihrer Bundeswehr' identifiziert, mit Streitkräften, die in der Bevölkerung fest verankert sind". Im Landtagswahlprogramm für Baden-Württemberg hat die Partei sogar einen "Tag des Heimatschutzes" in Aussicht gestellt zur Präsentation militärischer Volksnähe.

"Unsere Soldaten" beim Vespern.
"Unsere Soldaten" beim Vespern.

In Baden-Württemberg soll es 20 Prozent mehr Polizisten im Streifendienst geben. Mit Erreichen der Volljährigkeit soll das Erwachsenenstrafrecht gelten, möchte die AfD für Baden-Württemberg. Es soll keine "Erlebnispädagogik" mehr für jugendliche Straftäter geben. Bisher liegt die Strafmündigkeit bei 14 Jahren. Im Entwurf für ihr neues Parteiprogram möchte die AfD das Alter wieder auf 12 herabsetzen. Und: "Nicht therapierbare alkohol- und drogenabhängige sowie psychisch kranke Täter, von denen erhebliche Gefahren für die Allgemeinheit auszugehen (sic!), sind nicht in psychiatrischen Krankenhäusern, sondern in der Sicherungsverwahrung unterzubringen."

Bekämpfung von Extremismus begreift die AfD als "gesamtgesellschaftliche Aufgabe", dabei solle die Gesellschaft über Gefahren des Islamismus und des Linksextremismus genauso aufgeklärt "und aktiviert" werden wie gegen Rechtsextremismus in den vergangenen Jahrzehnten.

Rente mit 100?

"Es ist ein Grundprinzip des Rechtsstaats, dass für alle Bürger zunächst einmal deren Unschuld angenommen wird", sagte Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Partei, mal zum Thema Vorratsdatenspeicherung. Im Programm-Entwurf steht unter der Überschrift "Datenschutz: Nicht für Täter, aber sonst für alle": "In der Vergangenheit hat ein ideologisch motiviertes übertriebenes Maß an Datenschutzmaßnahmen die Sicherheitsbehörden gelähmt und unverhältnismäßig bürokratisiert." Denn im Land der AfD gilt: "Freiheit und Sicherheit bedingen einander. Es ist nur so viel Freiheit möglich, wie die Sicherheitslage es zulässt."

Die AfD ist gegen eine "Kriminalisierung von Waffenbesitz".
Die AfD ist gegen eine "Kriminalisierung von Waffenbesitz".

Die AfD will keine Verschärfung des Waffenrechts. Unangemeldete Kontrollen von sachgerechter Aufbewahrung von Waffen werden abgeschafft. "Die Kriminalisierung von Waffenbesitz schreckt Täter nicht ab, sondern macht Opfer wehrloser." Bisher wurden Waffen nur als sportlichen Gründen oder zur Jagd genutzt und nicht zur Selbstjustiz.

Die AfD bezeichnet Patriotismus als notwendig zur "Selbstversicherung".

Die Erbschaftssteuer und die Gewerbesteuer möchte die Partei abschaffen. Kommunen sollen "eine andere Besteuerungsquelle bestimmen dürfen".

Die AfD möchte "eine Reform der sozialen Sicherungssysteme". Wer arbeitslos wird, sollte vorher privat vorgesorgt oder Familie haben, die ihn unterstützt. ALG I wird es nicht mehr geben, weil diese Unterstützung "die Selbständigkeit des Bürgers untergräbt und bewährte familiäre Strukturen unterlaufen kann". Die Lebensarbeitszeit wird "parallel zum Anstieg der Lebenserwartung" verlängert. Für Langzeitarbeitslose gibt's kein Hartz IV mehr, sondern die "Aktivierende Grundsicherung", einen Grundbetrag, der abschmilzt, je mehr dazuverdient wird. "Dadurch entsteht Arbeitsanreiz. Wer arbeitet, wird auf jeden Fall mehr Geld zur Verfügung haben als derjenige, der nicht arbeitet, aber arbeitsfähig ist."

Wer fremdgeht, den bestraft der Staat

Die Partei betreibt ausschließlich Familienpolitik. Projekte und Lehrstühle an Hochschulen sollen den Wert der Familie herausstellen. Nicht heterosexuelle Menschen sind unerwünscht. Familien mit vielen Kindern werden steuerlich begünstigt. Die AfD setzt sich ein für eine "Willkommenskultur für Un- und Neugeborene", Abtreibungen würden schwierig bis unmöglich, ebenfalls Scheidungen, denn die Partei fordert eine Abkehr vom Zerrüttungsprinzip: "Schwerwiegendes Fehlverhalten, welches sich gegen die eheliche Solidarität richtet, muss bei den Scheidungsfolgen berücksichtigt werden." Wer fremdgeht, den bestraft der Staat.

"Gleichzeitig wenden wir uns gegen eine Glorifizierung individualisierter Lebensformen." Alleinerziehende sind von staatlicher Unterstützung ausgeschlossen. "Wir wenden uns entschieden gegen Versuche von Organisationen, Medien und Politik, Alleinerziehende als normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf zu propagieren."

"Der Staat und die Zivilgesellschaft" sollen die deutsche kulturelle Identität als Leitkultur selbstbewusst verteidigen.

"Deutschland gehört zu den großen europäischen Kulturnationen." Deutsches Kulturgut soll bewahrt werden. Zumindest solange es nichts kostet, denn: "Wir halten ein gewisses Minimum an staatlichen Kultursubventionen für unumgänglich." Mehr aber auch nicht.

"Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst."

Deutsches Kulturgut.
Deutsches Kulturgut.

Alle in Deutschland geborenen Kinder sollen die deutsche Sprache perfekt beherrschen. In Deutsch wird deutsche Literatur gelehrt, Klassiker und Gegenwartsliteratur. Rektoren und Lehrer erhalten bei Durchsetzung von Disziplin und Ordnung Rückendeckung durch die Politik, steht im Landtagswahlprogramm. Der Entwurf zum Parteiprogramm konkretisiert: "Schulverweigerung, Null-Bock-Mentalität, Disziplinlosigkeit, Mobbing und Gewalt in der Schule sind nicht zu tolerieren und unter Einbeziehung der Erziehungsberechtigten angemessen zu ahnden."

Die Partei fordert, dass Jungs in Schulen mehr gefördert werden, weil bisher die Mädchen profitieren. "Zukünftige Familien brauchen nicht nur starke Frauen, sondern auch starke Männer." Homo- und Transsexualität kommen im Schulunterricht nicht positiv besetzt vor. Gleichstellungsbeauftragte an Unis sollen ersatzlos abgeschafft werden, weil sie "im Verein mit dem Instrument der Frauenquote – regelmäßig zur Diskriminierung von männlichen Stellenbewerbern" führen.

Wichtig ist der AfD die Bürgerbeteiligung. "Eigenverantwortung führt zu informierten Bürgern. Informierte Bürger treffen die für sie richtigen Entscheidungen." So steht's auf Seite 16 des baden-württembergischen Landtagswahlprogramms. Auf Seite 43 wirbt die AfD allerdings dafür, dass für Investitionen von Unternehmen "die erforderlichen politischen Entscheidungen schnell und unbürokratisch getroffen werden müssen".

Zwei Fernseh- und zwei Radiosender vom Staat

Die GEZ-Gebühr wird abgeschafft. Die Partei möchte wegen "korruptionsanfälligen Strukturen" eine "Staatsferne" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erreichen, gleichzeitig aber "auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einwirken und auch im Bildungsbereich Anstrengungen unternehmen, damit Ehe und Familie positiv dargestellt werden". So warb die AfD in Baden-Württemberg um Stimmen.

In ihrem Entwurf des Parteiprogramms fordert die Partei "vielfältige Medien statt gelenkter Meinung" und "Schluss mit 'Politischer Korrektheit'". "Die AfD tritt für eine vielfältige Medienlandschaft ein, die freie Information und kritische Diskussion ermöglicht." Die "staatliche Informationsversorgung" wird durch einen "steuerfinanzierten Rundfunk mit zwei Rundfunksendern und zwei Fernsehsendern geleistet".

Die AfD begreift das deutsche Asylrecht als "Zierde". Der Islam gehört nicht zu Deutschland. "Die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit ist krönender Abschluss eines manchmal langen und mühsamen Weges der Integration und des Ankommens."

Gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften und Wohnungsgesellschaften sollen gestärkt werden. Denn: "Wohneigentum schafft Heimatbindung." Renovierung steht immer vor Neubau.

Atomkraft zurück in die Mitte der Gesellschaft.
Atomkraft zurück in die Mitte der Gesellschaft.

Schwerpunkte der AfD-Umweltpolitik sind, "Landschaftsverbrauch zu vermindern, die Schadstoffeinträge in Böden und Gewässer zu verringern, die Luftqualität zu verbessern. Auch ein effektiver Lärmschutz gehört dazu." Denn Geschwindigkeitsbegrenzungen lehnt die Partei ab und ist "strikt gegen verkehrspolitische Schikanen, Kostenerhöhungen und vernachlässigte Verkehrswege, mit denen ein individueller Umstieg auf den öffentlichen Nah- und Fernverkehr erzwungen werden soll. Die Autofahrer werden auf Deutschlands Straßen durch immer mehr und mit immer unsinnigeren Geschwindigkeitsbeschränkungen (Lärm, Feinstaub) behindert."

"Zum Schutz der Landschaft lehnen wir den weiteren Ausbau der Windenergie ab." Ebenfalls den CO2 Ausstoß zu verringern, weil andere Staaten das auch nicht täten. Dafür möchte die Partei "das Stigmatisieren des CO2 als Schadstoff" beenden. "Klimaschutz-Organisationen werden nicht mehr unterstützt." Atomare Strahlung gilt als Bestandteil des Lebens, Kernenergie gilt damit als unbedenklich.

Fracking lehnt die Partei in Baden-Württemberg ab. Auf Bundesebene, so steht's im Programmentwurf, setzt sich die AfD dafür ein, "das im April 2015 in den Bundestag eingebrachte restriktive 'Fracking-Gesetz' zurückzuziehen". Und weiter: "So die Risiken beherrschbar sind, wollen wir Fracking entwickeln und mögliche Standorte erkunden lassen."

809 311 Menschen haben am vergangenen Sonntag ein Kreuz bei der AfD gemacht. Wie viele davon wohl vorher nachgelesen haben, für was diese Partei steht?


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