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AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


Wiederentdeckung eines rebellischen Sozialisten

Das Waldheim in Gaisburg könnte schon bald "Fritz-Westmeyer-Haus" heißen. Das will zumindest eine Initiative von linken StuttgarterInnen erreichen. Damit soll der Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und Stuttgarter SPD- Vorsitzende Friedrich Westmeyer gewürdigt werden, der vor 100 Jahren, im November 1917, in einem Lazarett in Belgien gestorben ist. Ein Kontext-Artikel, der später auch in dem Buch "Der König weint" abgedruckt wurde, führte zur "Wiederentdeckung" des rebellischen Sozialisten. Er gilt nicht nur als Erfinder der Waldheime, sondern war auch von Beginn an als ein entschiedener Gegner des Weltkriegs weit über Deutschland hinaus bekannt. Sein Tod wurde selbst in der New York Times gemeldet: "Deutscher Kriegsgegner wurde zum Sterben an die Front geschickt." (1.5.2017)


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Hat fünf afrikanische Patenkinder: Baden-Württembergs Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Foto: Joachim E. Röttgers

Hat fünf afrikanische Patenkinder: Baden-Württembergs Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 253
Politik

Unter Wölfen

Von Anna Hunger
Datum: 03.02.2016
Wer wählt eigentlich die AfD, und was treibt sie im Land? Bei ihren Veranstaltungen trifft man ganz normale Leute. Solche, die mal bei der CDU, der SPD und der FDP waren, aber auch solche, die schon immer rechtsaußen standen. Ein Streifzug durch dunkle Gegenden.

Öschelbronn bei Böblingen ist ein Ort, in dem morgens um neun alte Männer in Schaffkitteln auf Spaten lehnen und ratschen. Wo es Pferde mitten im Ort gibt und Traktoren auf der Straße. Und jetzt Plakate. "Papa, Telefon! Papa, Telefon!", quäkt es aus Rudi Groms Hosentasche. Den Klingelton hat seine Tochter eingesprochen. Grom ist Sprecher der AfD Böblingen, Informatiker, ein freundlicher Typ, früher charismatischer Christ, heute nur noch evangelisch. Gewählt hat er bisher eher Kleinparteien, wie die PBC oder auch mal die ÖDP. Er hat für einen großen US-Computerkonzern gearbeitet, Politikwissenschaft in Tübingen studiert und war lange mit dem Rucksack unterwegs. In Pakistan, im Iran, zwei Monate in Ägypten. Eigentlich müsste er doch einer sein mit Weitblick. "Ja. Wer diese Länder bereist hat, versteht, wie die Moslems ticken", sagt er.

Kurz darauf braust Miguel Klauß in die Einbuchtung an der Hauptstraße, Leiter und Plakate im BMW-Kombi, 29 Jahre alt, ledig, klein, schnieke, irgendwie unbedarft. "Ohne mein Pfefferspray gehe ich nicht mehr aus dem Haus", sagt er, der AfD-Bewerber für Leonberg-Herrenberg. Was passieren kann, sehe man ja in Köln. Er käme auf seinem Weg zur Arbeit an drei Flüchtlingsheimen vorbei. Tatsächlich gibt es zwei davon noch gar nicht. "Freier Warenverkehr ja, freier Menschenverkehr nein", seine Meinung. Habe man ja gesehen bei Paris.

Wahlplakat vor dem Sindelfinger Daimler-Werk. Foto: Joachim E. Röttgers
Wahlplakat vor dem Sindelfinger Daimler-Werk. Foto: Joachim E. Röttgers

Als sich Klauß zum Landtagskandidaten hatte aufstellen lassen, hatte die AfD gerade mal ein paar Prozent. "Ich dachte, ich mach halt mal Wahlkampf." Jetzt kandidiert er für Deutschlands skurril-rechte Newcomer-Partei. Mehr als elf Prozent der Baden-Württemberger würden nach jüngsten Umfragen AfD wählen, inzwischen hat sie 2800 Mitglieder im Land, 300 Anträge lägen noch. "Der Ansturm ist riesig", sagt die Frau in der Landeszentrale. Viele Christen, viele Lehrer und sehr viele, die noch nie politisch aktiv waren, sagt Grom, "die aber das Elend nicht mehr mitansehen können".

Miguel Klauß kommt aus dem Nachbarort Jettingen, arbeitet in Baden-Württembergs Prestigeunternehmen mit dem Stern und entstammt einem SPD-Haushalt. Sein Vater sei Arbeiter gewesen, immer gewerkschaftsnah, wie sein Sohn. Aber als die Eurokrise kam und die SPD auch mit seinem Steuergeld Griechenland gerettet habe, war's aus mit den Genossen. "Die sind eine Katastrophe", schimpft Klauß und schnaubt das Wort "Solidarität" durch die Nase. Solidarisch sei er mit Haiti, Nepal oder Japan, Leuten, die unverschuldet im Dreck steckten, aber nicht mit solchen, die sich selber reingeritten haben. In all seinem Ärger tauchte plötzlich die AfD auf.

Seine Eltern seien anfangs entgeistert gewesen. "Was machen wir denn, wenn das im Flecken rauskommt?", habe seine Mutter gefragt. Aus Angst, dass dem Sohn was passiert, sagt der. Und vermutlich auch ein wenig aus Scham. Zur AfD läuft man nicht einfach so über. Sie ist eine ganzheitliche Geisteshaltung. Um Mutter und Vater zu beweisen, dass die Presse lügt in der Berichterstattung über seine neue Partei, hat er sie mitgenommen. Vor ein paar Wochen erst ins wenige Kilometer entfernte Nagold, zum Vortrag von Jörg Meuthen, Landessprecher und baden-württembergischer Spitzenkandidat. "Na, wo sind die ganzen Nazis hier?", fragte er dort seine Mutter.

Meuthen, der Bundes- und Landessprecher, in Nagold

Das sei wieder mal typisch, dass man der AfD nur diese Minihalle zur Verfügung stellt, giftet einer, "die wollen uns unterdrücken." Vermutlich aber gibt es in Nagold kaum einen hübscheren Ort für eine Abendveranstaltung als die kleine Seminarturnhalle. Ein schöner Saal, Fachwerk mit Balken und gemütlich knarrendem Holzboden. Auf einem Tisch liegen Zeitungsstapel der "Jungen Freiheit", hat die Redaktion gespendet, damit man sich mal kennenlernt, Flyer über "Das große Tabu – Deutschenfeindliche Ausländer-Gewalt". Am Rande gibt's Honig als Gastgeschenk. Es ist knallvoll, im Foyer stehen sie um kurz nach sieben bis an die Tür.

Parteivize Alexander Gauland mit AfD-Honig auf dem Parteitag in Horb. Foto: Martin Storz
Parteivize Alexander Gauland mit AfD-Honig auf dem Parteitag in Horb. Foto: Martin Storz

Jörg Meuthen steht am Rednerpult, die Baden-Württemberg-Fahne hinter ihm knittert schon. Er habe fünf afrikanische Patenkinder. Ihn einen Rassisten zu nennen sei ja wohl lächerlich. "Wir kämpfen nicht gegen Ausländer. Es gibt genug, die funktionieren und wunderbar mitlaufen. Wir kämpfen für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung!", sagt er und schickt einen Gruß auf die Empore, dort sitzt die Polizei zum Schutz gegen die Antifa.

"Wir müssen damit leben, dass man uns bekämpft, und uns standhaft durchsetzen", sagt Meuthen, dass seine Partei "diffamiert" wird, die Partei, die sich aus gestandenen Leute speist, nicht aus alimentierten Berufspolitikern wie bei den "Kartellparteien", sondern solche mit richtigen Berufen! Das ausgerechnet Shootingstar Frauke Petry ihren Job zum Jahreswechsel aufgegeben hat und nur noch Politik machen möchte, bleibt unerwähnt. Der Saal lacht herzhaft, als Meuthen gegen Ende "Ich sage immer noch Studenten und nicht Studierende, ich bin noch nicht durchgegendert" sagt und keiner merkt, dass das nichts zu tun hat mit Gender-Mainstreaming, sondern nur mit Frauenabwertung. 

Ein Mann mit rotem Schal sagt, die AfD habe ein Problem mit Björn Höcke, wie man das zu lösen gedenke. Höcke war der, der Afrikanern ein ausuferndes Sexualverhalten unterstellt hat, und auch nur einer, der beispielhaft steht für die zahlreichen rassistischen Ausfälle an der Parteispitze. "Höckes Äußerungen sind nicht jedermanns Sache", antwortet Meuthen, aber der ganz rechte Rand sei eben auch im Meinungsspektrum der AfD enthalten, das dürfe so sein. Eine Frau, früher bei der FDP, sagt, über die Medien erfahre man nichts über die AfD, wie die Strategie sei, das zu ändern? "Mit Geduld, Aufrichtigkeit und Authentizität", sagt Meuthen. Vor allem über soziale Netzwerke wie Facebook. Parteivize Beatrix von Storch hat jüngst mit ihrem Posting zur Erschießung von Frauen und Kindern an der Grenze gezeigt, wie grandios man das versauen kann.

Am Rande der Veranstaltung steht ein 30-Jähriger. Er hat eine kleine Tochter und erfahren, dass auch in seinem Ort Flüchtlinge untergebracht werden. "Ich kann die doch nicht jeden Tag in die Schule begleiten, damit ihr nichts passiert", sagt der Mann. Er ist sauer. Einem Flüchtling begegnet ist er noch nie, aber von Flüchtlingsgewalt hat er gehört, von Köln, der vermeintlich entführten 13-jährigen Lisa, vor allem aus den russischen Medien, die deutsche Presse sei korrupt. Landtagskandidat Klauß aus Jettingen wird später sagen, der "Schwarzwälder Bote" habe einen unverschämten Text über den Abend geschrieben. Seine Mutter sei entsetzt gewesen, wie falsch da berichtet würde. Aber auch erleichtert, denn Rechte habe sie keine gesehen.

Früher am rechten Rand der CDU, heute AfD

In der Nagolder Seminarturnhalle sei ein Zuhörer auf ihn zugekommen und habe erzählt, dass er bisher immer NPD gewählt habe. Aber die sei so national geworden. Jetzt sei die AfD seine neue Heimat. Thomas Roller schaut gewinnend, das Beispiel sollte ein positives sein.

Roller ist 55 Jahre alt, ein drahtiger Typ mit spitzer Nase, blütenweißem Hemd und beiger Leinenhose. Außen an der Tür zu seiner Wohnung hängt das Kehrwochenschild für diese Woche, innen eröffnet sich durch die Fensterfront ein Postkarten-Panorama – Burg, Stadt im Tal, Schwarzwald drum herum und obendrüber strahlende Sonne. Wenn er morgens aufsteht und ins Bad geht, läuft er auf seine Fotosammlung an der Wand zu: Roller mit Angela Merkel, Roller mit Günther Oettinger, Roller mit Erwin Teufel. Seine Leidenschaft hänge man schon mal an die Wand, bei ihm sei das die Politik. "Bismarck, Adenauer, Kohl", sagt er strahlend.

Er war jahrzehntelang der rechte Rand der CDU, das sagt er von sich selbst, bis zum ersten Euro-Rettungspaket. Da ist er ausgetreten, habe die AfD entdeckt und 2013 an der Raststätte Hegau-West mit einem Mann aus Oberschwaben und einem aus Baden den Landesverband Baden-Württemberg gegründet. Und groß gemacht.

Einer, der maßgeblich dabei geholfen hat, ist Gabriel Stängle, der Petent, der vor zwei Jahren die Petition gegen den grün-roten Bildungsplan eingereicht hat. Er lebt nur ein paar Kilometer Luftlinie weit weg, man kennt sich, man sei ja "thematisch auf einer Linie". "Ich brauche keine dritte Toilette, kein drittes Klo-Zelt für geschlechtsneutrale Flüchtlinge. Diese ganze Genderdiskussion ist der letzte Schwachsinn", sagt Roller.

AfD-Supporter: Demo für alle gegen Toleranz und Vielfalt in Baden-Württembergs Bildungsplan. Foto: Joachim E. Röttgers
AfD-Supporter: Demo für alle gegen Toleranz und Vielfalt in Baden-Württembergs Bildungsplan. Foto: Joachim E. Röttgers

Aber genau der hat den Boden bereitet für die AfD. Stängle habe einen enorm breiten Mailverteiler in die evangelikalen Szene, sagt Roller und grinst. Und als dann die "Demo für alle", organisiert unter anderem von Hedwig von Beverfoerde, rechter Arm der AfD-Europaabgeordneten Beatrix von Storch, auf den Plan trat, ist es erst richtig gut angelaufen mit der jungen Partei. Die Demo-Reihe ist sozusagen die Tea-Party der AfD. Roller grinst sehr breit bei dem Gedanken. Die Strategie findet er immer noch grandios gut. Wo sonst könnte die AfD so blühen wie in Schwaben, fragt er. Im "fragmentierten Baden-Württemberg", in den Dörfern, in der Peripherie der Metropölchen, alle schwarz wie die Nacht, "nahezu pietistisch!", Roller hört sich begeistert an.

Auch Öschelbronn, ein paar Kilometer Luftlinie von Rollers schickem Appartment entfernt, ist so ein Dorf. Wo jetzt Flüchtlinge und Asylbewerber in die gewohnte Idylle einbrechen, aus der viel raus-, in die aber kaum etwas Neues reinkommt. Hier wählt man Leute und keine Parteien.

"Was heute passiert, zerstört unser Land", sagt Ralf Egeler und kneift die Augenbrauen zusammen. Egeler hat die letzten Jahre Republikaner gewählt, weil die anderen Parteien nicht für das Volk da seien, sagt er spitz. Kurz darauf hängt ein "Genug abGEZockt, wehren Sie sich" an der Hauptstraße von Öschelbronn. Egeler zahlt seine GEZ-Gebühren seit einem Monat nur noch bar, erzählt er, und weil das nicht geht, eben gar nicht. Er kichert. Barzahlung sei nach Paragraf 14 des Bundesbankgesetzes das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel. Momentan laufe dazu ein Präzedenzfall, auf die Entscheidung warte er noch. Wobei, fällt ihm da ein, in die Justiz habe er auch kein Vertrauen mehr. Die sei auch gleichgeschaltet.

Frauke Petry in Sulz am Neckar

Es ist wahnsinnig voll in Sulz am Neckar zum Neujahrsempfang der AfD. Mehr als 500 Leute sind gekommen, junge, alte, Damen mit Perlen im Ohrläppchen und Föhnwelle, Männer mit Hüten, mit Glatzen, Strickpullis und Anzügen. Vor allem Männer, die AfD scheint eine Männerpartei.

Kürzlich, sagt einer der Redner auf der Bühne, sei er durch eine Stadt gefahren, das sah es aus wie im Maghreb. "Diese Leute setzen sich hier fest und zwingen uns ihre Kultur auf", sagt er. "Aber wir geben hier die Kulturnormen vor, nicht die anderen!" Bravo!, ruft einer. Dann stehen alle auf für eine Gedenkminute für die Toten von Istanbul. Charlie Hebdo sei lang in den Medien gewesen, aber um die Toten von Istanbul, normale deutsche Urlauber, kümmere sich kein Mensch.

Auch Meuthen ist wieder da an diesem Abend, Einheizer für Frauke Petry: "Stellen Sie sich mal vor, man würde die Grenze zwischen den USA und Mexiko abbauen. Heißa, da wär was los in Kalifornien!", sagt der Professor aus Kehl, dessen Hochschule seine Lehrtätigkeit mittlerweile mit dem Slogan "Weltoffene Hochschule – Gegen Fremdenfeindlichkeit" kontert.

Petry hätte eigentlich im November schon mal in dieser Halle sprechen sollen. Die AfD-Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag war damals kurzfristig vom Wahlprüfungsausschuss geladen worden und habe ihr Flugzeug verpasst. Das sei Absicht gewesen, war man sich damals und ist man sich heute noch sicher in Sulz. Ein geplantes Komplott von CDU und Linken.

Protest am Baum. Foto: Joachim E. Röttgers
Protest am Baum. Foto: Joachim E. Röttgers

Um da anzuknüpfen, hat Petry einen aktuellen Skandal in der Tasche: Gestern habe man ihr in Münster den Raum abgesagt, weil AfD-Gegner die Partei wieder mal diffamiert hätten. Dagegen müsse man sich jetzt mal mit juristischen Mitteln wehren. "Auch Gastwirte müssen lernen, dass man sich solchen Leuten nicht beugt!" Die Justiz sei dabei nicht unabhängig. Die AfD habe Merkel wegen des Schleuserparagrafen angezeigt, aber nichts sei passiert, ruft Petry: "Unter einer anderen Regierung würden diesen Staatsanwälten Konsequenzen drohen!"

Wie könne sich der AfD-Wähler gegen Wahlmanipulation durch die Antifa schützen, fragt einer in der Diskussion. "Gute Frage", lobt Petry, man drucke gerade Flyer dazu – "ABC der Wahlbeobachtung". Jeder sei aufgerufen, in Wahllokale zu gehen und zu schauen, was da gezählt und, vor allem, was da an Zahlen durchgegeben würde.

"Wie schafft es die Partei, zu Rechtsradikalen eine deutliche Distanzierung zu gewinnen?", fragt ein anderer. "Es dürfen keine Flüchtlingsheime mehr angezündet werden und keiner hat das Recht, Flüchtlinge anzupöbeln", sagt er. "Haben Sie den Eindruck, hier seien Rechtsradikale?", fragt Jörg Meuthen. "Nein, nein, so war das doch nicht gemeint", sagt der Mann und wird ganz klein. "Eben", sagt Meuthen von der Bühne herunter.

Ganz hinten steht ein alter Mann mit grünem Pulli, Jahrgang 41. "Toleranz ist Schlabber", sagt er und spuckt dabei. Eine Gesellschaft brauche klare Regeln. "Sollen doch die ganzen Toleranten nach Syrien verschwinden, da ist ja jetzt Platz. Warm ist es da auch, das mögen die doch." 200 Millionen von diesen Asylanten würden nach Deutschland kommen. "Und dann sind wir platt." Er habe immer national gewählt, immer. Jetzt wählt er AfD.


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Letzte Kommentare:







Ausgabe 321 / Feuer unterm Dach / Matthias Kiemle / vor 1 Tag 9 Stunden
Ich auch.....






Ausgabe 321 / Die Zukunft ist leider undicht / Peter Seeger / vor 2 Tagen 7 Stunden
Tränen gelacht! Danke!



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