Ausgabe 253
Editorial

Traurig, dass es so ist

Von unserer Redaktion
Datum: 03.02.2016

Wer wählt die Partei, die neuerdings zum Schießen aufruft? Rechtsradikale? Oder Spinner? Das Traurige ist, dass es kein einfaches Etikett gibt für die Sympathisanten der AfD, die mit einem Netz durch das Land zieht und all diejenigen einfängt, deren Stimme gerade heimatlos auf der Straße liegt.

Windkraftgegner, Bildungsplangegner, auch enttäuschte Stuttgart-21-Gegner, Verschwörungstheoretiker, die erst auf die Lügenpresse-Rhetorik reinfallen und dann auf russische Propaganda – wie in dieser Ausgabe ("Vereint im Propagandakrieg") beschrieben. Solche, die den Griechen nicht die Butter auf dem Brot gönnen, und andere, die meinen, das reiche Deutschland dürfe keinem anderen EU-Land Spardiktate auferlegen. Auf einer AfD-Veranstaltung trat sogar ein Mann ans Mikrofon, der kürzlich den elften Hilfstransport in den Nordirak verabschiedet hat. Viele von diesen Leuten, aber eben bei Weitem nicht alle, sind so leicht hassbar, wie man es sich insgeheim wünscht, weil es viel einfacher wäre.

Einfach ist in der Auseinandersetzung mit dieser Partei nur eines: die Feststellung, dass so eine große Menge Menschen, darunter junge und kluge, die Freiheit eines grenzenlosen Europa, Offenheit und Toleranz innerhalb einer Gesellschaft, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, eintauschen möchte. Aber gegen was und warum? Weil es Arbeit bedeutet, Gedanken und Mut kostet, für eine offene Gesellschaft einzustehen, und weil es von vielen Menschen fordert, ihre Komfortzonen zu verlassen.

Und da tauscht man lieber gegen die Vorstellung einer gnadenlos reaktionären Politik? Gegen den Gedanken eines Polizeistaats, in dem es in vielen Fragen des Zusammenlebens nur ein Richtig und keine Wahlmöglichkeiten gibt. Und, zu allem Überfluss, in dem ausgerechnet Atomkraft als das Nonplusultra gilt.

Das alles hört sich so verdammt retro an, so staubig, grau und alt, das kann doch keiner ernsthaft wollen. Traurig, dass es doch so ist.

Zur Aufmunterung in dunkler Zeit, und weil wir wissen, dass hinter den großen Themen die schönen kleinen manchmal verschwinden: Erinnern Sie sich an Thomas G. Hornauer? Den Typen mit dem seltsamen Privatsender? Der arbeitet momentan mit seinem "Lichtkristallzentrum" in Plüderhausen an der größten Edelsteinsammlung der Welt. Hoffen wir, dass die bald fertig ist, damit's ein bisschen heller wird im Land.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

7 Kommentare verfügbar

  • by-the-way
    am 05.02.2016
    Die "Wirtschaft" und der DGB gehen auf Distanz zur AfD:

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.landtagswahl-wirtschaft-und-dgb-gehen-auf-distanz-zur-afd.59b414fe-7101-45c4-9950-593f3e932404.html

    Zitat:
    "Die AfD nehme zwar zum Teil wirtschaftspolitische Positionen ein, zeige aber die größte Ablehnung bei TTIP, Zuwanderung, Euro und europäischer Hochschulraum. „Das ist für unsere exportorientierte Wirtschaft völlig ungeeignet“, sagte Landesarbeitgeberpräsident Rainer Dulger bei der Präsentation einer Umfrage zur Landtagswahl."


    Die AfD zeigt also die größte Ablehnung bei TTIP...

    Das ist natürlich für Großkonzerne gaaaaanz schlecht...

    Und Kritik bezüglich des Euro-Systems sowieso....

    Warum also so, wegen eines Themas, verteufeln?

    Weil die Wahlprognosen inzwischen zweistellig sind, fühlen sich die System-Veranstalter und -gewinner jetzt, zur Abwechselung mal ernsthaft bedroht.

    "Die Linke" kann leider nicht mit solchen Prozentzahlen aufwarten und wird daher von der Macht"elite" nicht als Bedrohung wahrgenommen...

    Und hier sehen viele Wahlbürger eine Chance, in diesem festgefahrenen, etablierten Einheits-Parteiensystem Veränderungen herbei zu zwingen.

    Warum ist das jetzt traurig?

    @ Schwabe hat es übrigens auch mal wieder auf den Punkt gebracht!
  • by-the-way
    am 04.02.2016
    "Wer wählt diese Partei... ?"

    Hier gibt´s mal eine weitere Erklärung dazu:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-in-der-fluechtlingskrise-die-panik-partei-a-1075251.html

    P.S.: den Spiegel-Artikel habe ich nicht selbst geschrieben...
  • Schwabe
    am 04.02.2016
    "Wer wählt die Partei in Deutschland, die neuerdings zum Schießen aufruft? Rechtsradikale? Oder Spinner?"

    Liebe Kontext-Redaktion - Gegenfragen:
    Wer wählt Parteien die (völkerrechtswidrige) Kriege befürworten und sich daran beteiligen (töten von zig tausenden auch unschuldiger Kinder, Frauen und alte Menschen)?
    Wer wählt Parteien die seit Jahren die Grundbedürfnisse der deutschen Bevölkerung privatisieren (die sogenannte Daseinsvorsorge wie Gesundheit, Energie, ÖPNV, Bildung, wohnen, etc.) und sie damit dem Preisdiktat von Großkonzernen ausliefert?
    Wer wählt Parteien die Großkonzerne schützen und diese nicht mehr anständig besteuern und sie auch noch von deren sozialer und unternehmerischer Verantwortung befreien - zu Lasten von Lohnabhängigen und Bürgern?

    Die Liste liese sich problemlos fortsetzen.

    Aus meiner Sicht zieht die AfD momentan nutzen daraus, dass sie Ressentiments der Bevölkerung bedient die allein auf die Situation mit den Flüchtlingen zurückzuführen ist.
    Wikipedia:
    Ressentiment ist ein Lehnwort aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „heimlicher Groll“. Dem Ressentiment liegt regelmäßig das Gefühl dauernder Ohnmacht gegenüber erlittener Ungerechtigkeit und Niederlage oder persönlichen Zurückgesetztseins zugrunde
    Und diese Gefühl der Ohnmacht und Ungerechtigkeit richtet sich m.E. gegen die Flüchtlingspolitik der Parteien im Bundestag über die Köpfe der Bevölkerung hinweg bzw. ohne deren (soziale) Situation bzw. Ängste, sprich deren Sorgen ernst zu nehmen. Sorgen und Ängste ernst zu nehmen hat noch nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun sondern mit einer guten Politik.
    Ebenso gehört zu einer guten Politik die Fluchtursachen (Kriege, "legale" Waffenlieferungen) ernsthaft anzugehen - außer den Linken wird dies keine Partei im Bundestag angehen.
  • ophir
    am 03.02.2016
    Die Freiheit ist die, noch frei "DENKEN" zu dürfen?!

    Wer weiß, wie es nach einem Politikwechsel damit aussieht?

    Lassen wir uns überraschen ...
  • CharlotteRath
    am 03.02.2016
    Liebe Kontext-Redaktion:
    "Das Traurige ist, dass es kein einfaches Etikett gibt..."
    Wie bitte? Bitte kommt heraus aus der Komfort-Zone des Schubladendenkens. Traurig ist ganz anderes, siehe z. B. die bereits geposteten Kommentare hier.
    Traurig ist, dass sich zwei so genannte Volksparteien in einem Überbietungswettbewerb befinden, Grundrechte einzuschränken. Bestürzend ist die verbale und militärische Mobilmachung quer durch Parteien und Öffentlichkeit. ... (genug)
    Parteien wirken an der Meinungsbildung nur mit - unser Grundgesetz sieht ergänzend auch Abstimmungen vor. Wieviele Abstimmungen gab es auf Landes-, auf Bundesebene in den letzten 50 Jahren? Wie ist es um die Unabhängigkeit der Justiz bestellt, um die Gewaltenteilung, um die öffentliche Daseinsvorsorge? ... (genug)
    Verlust der Regierungsverantwortung (ist das Wort Verantwortung richtig, wenn es keine Regressmöglichkeit gibt?) und schwindende Wahlbeteiligung waren bisher kein ausrechend starkes Signal an die etablierten Parteien, Reflexion zu betreiben. Millionenfache Unterschriftensammlungen, zehntausende Demonstranten auf der Straße (zuletzt bei TTIP) - was davon zeigt Wirkung?
    Etwas ist faul im Staate - die AfD ist nur ein Symptom. Und (leider?) die Interpretationshoheit nicht alleine bei der Presse.
  • howetzel
    am 03.02.2016
    1988 haben sich die DDR-Oberen so schwer mit Spruch der Opposition getan: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/dokumentationen/090116_RL-Konferenz/beitraege/Tanja_Storlokken.pdf). Die Luxemburg hat die Reaktion vor 100 Jahren ermordet. Auch in der heutigen Situation ist dieser Satz für die Erhaltung der Demokratie unerläßlich. selbst auf der Seite der bpb wird auf diese Probleme hingewiesen. Doch die Regieung stellt sich taub (http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/207899/meinung-die-probleme-waren-schon-vor-den-fluechtlingen-da)
    Ach so, auch grüne Ideologie sollte nicht vergessen werden. Die Auffassung, das der Zweck (Ökologie) die Mittel heiligt, ist zu tiefst undemokratisch.
  • Peter Meisel
    am 03.02.2016
    Das hat mit dieser "Partei" nicht viel zu tun, es ist ein generelles Anliegen: "die Feststellung, dass so eine große Menge Menschen, darunter junge und kluge, die Freiheit eines grenzenlosen Europa, Offenheit und Toleranz innerhalb einer Gesellschaft, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, eintauschen möchten."

    Uns fehlt für die Demokratie die Voraussetzung: Transparenz!
    Schauen wir auf die TTIP "Transparenz"! Selbst Volksvertreter dürfen nichts darüber berichten und wir sollen sie wieder wählen?

    Diesen Frust drückt die AfD auf ihrem blauen Wahlprogram deutlich aus: Sie ist gegen Alles, will lediglich in die Opposition, also gar nicht konstruktiv regieren. Much a do about nothing? (Shakespeare) Nein, das würde das allgemeine Bedürfnis im Volk ignorieren und wäre falsch.

    Wo sind die wahren politisch engagierten Menschen? Das Parlament hat mehr Lobbyisten als Abgeordnete und unser Klimaschutz liegt in den Händen der Auto - Mobil - Industrie, die mit ihrem fossilen Denken seit 135 Jahren keine Alternative zum Verbrennungsmotor sucht?
    Dass die Politik zu den Waffen sogar im Inland greifen will zeigt das folgende Foto s. Text darunter:
    https://www.dropbox.com/s/g2sj91u3492r02c/Bildschirmfoto%202016-01-22%20um%2014.53.12.png?dl=0
    In Europa werden wir von nicht gewählten Kommissaren regiert (s. Vertrag von Lissabonn Artikel 17 und Artikel 244) Den Erfolg, (das was daraus folgt) können wir seit 8 Jahren an Griechenland, dem Geburtsort der Europa, erahnen!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!