Michael Stiller als Mann vom Sozialamt: wehrlos in den Fängen seines ständig klingelnden und vibrierenden Jackets und zum Totlachen in seinem Sitzsack-Slapstick. Stiller 2013 als stotternder, rührender Sonderling Telegin im Drama "Onkel Wanja". Stiller zehn Jahre später als Foldal in "John Gabriel Borkman": nicht bloß ein devoter Charakter, sondern mit einer Seele, die Liebe, eine rührende Hilflosigkeit und Verletzlichkeit offenbart. Stiller als Lehmann in der Komödie "Arsen und Spitzenhäubchen", unterm Dauerstress, es allen recht machen zu wollen – und wenn er mal brüllend aus der Haut fährt, dann bekommt er gleich einen Schwächeanfall.
Nur ein paar Beispiele der feinen, präzisen, plastischen Charakterisierungskunst, mit der Michael Stiller seit über drei Jahrzehnten das Schauspiel Stuttgart mitgeprägt hat. Statt großen Effekten und Gesten: genaues Timing, Glaubwürdigkeit, Bühnenpräsenz. Ein Ensemblespieler. Ein Verwandlungskünstler. Rollenswitching? Eine Steilvorlage. Wie kürzlich in "Berlin Alexanderplatz", da spielte er auch Frauen: Er brauchte sich dafür nicht mal umzuziehen: kleine Haltungsänderungen, minimalistisch variierte Mimik – und schon ist er eine Frau, ohne dabei auch nur irgendwie albern zu wirken.
Stiller findet leise Töne, wo andere brüllen. Das ist auch in Stefan Puchers Interpretation von Schillers "Die Räuber" so, die am vergangenen Samstag Premiere hatten. Stiller spielt darin den Vater Moor – getrieben von Selbstzweifeln, schwach, weich, manipulierbar. Seine Verzweiflung bricht einmal auf: die Hände zu Fäusten geballt, in Richtung Brust gezogen, die ganze innere Anspannung entlädt sich im Zittern der Arme. Nur einen kurzen Moment lang, aber explosiv. Es sind diese Feinheiten im Spiel, mit denen er stets auch kleinere Rollen vergoldet.
Gegenüber Kontext erklärt er, das seinen jüngeren Kolleg:innen immer zu empfehlen: auch kleinere Aufgaben ernst zu nehmen, darin durch Leidenschaft aufzufallen. Er erinnert sich an eine Theateraufführung vor Jahrzehnten in Dortmund, in der ihn von allen Beteiligten ein Statist am meisten beeindruckt habe: "Der hatte im Hintergrund ein halbes Hähnchen zu essen. Er hat das mit größter Hingabe gemacht, denn er hatte offenbar Hunger. Das war so echt! Es hat mich umgehauen."
Ein Clown als Karriereberater
Nach 33 Jahren Stuttgart geht Stiller jetzt in Rente – mit seiner Frau will er zurück in seine Heimat, den Ruhrpott, oder zumindest in seine Nähe. Auch sein Sohn lebt dort. Die Umzugskartons seien schon gepackt.
Geboren wurde Stiller 1959 in Gelsenkirchen und wuchs gemeinsam mit seiner Schwester in Essen auf: Vater Bergarbeiter, geflüchtet aus Schlesien, Mutter Hausfrau. "Meine Eltern konnten nichts damit anfangen, dass ich Schauspieler werden wollte", erzählt er. "Als ich mal aus der Schule kam, saß da ein Polizeibeamter zwecks Berufsberatung im Wohnzimmer. Arbeiterfamilien gucken halt erstmal nach Sicherheit." Spricht er privat, hört man in seiner Stimme noch die warmen, kernigen, weichen Ruhrgebietsfarben schimmern.




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