KONTEXT:Wochenzeitung
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"Ich bin eine Linke, eindeutig"

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Schauspielerin Nina Hoss kommt nach Stuttgart und denkt sich als erstes: "O Gott, diese verkürzten Gleise." Geprägt von ihrem Vater Willi, dem Ex-Kommunisten, und Mutter Heide, der Intendantin, hat sie den kritischen Blick bewahrt. "Willi wäre viel radikaler als viele Grüne heute", sagt sie.

Du. Normalerweise wird bei Interviews nicht geduzt. Johanna Henkel-Waidhofer darf das, weil sie Nina Hoss (44) seit vielen Jahren kennt und mit Vater Willi und Mutter Heide Rohweder befreundet war. Die Schauspielerin und die Kontext-Autorin haben sich am 16. Januar, bei der Vorpremiere des neuen Films "Das Vorspiel",  im Stuttgarter Kino "Atelier am Bollwerk" getroffen.

Nina, wie fühlt es sich an, mal wieder in Stuttgart zu sein, wo Du geboren und aufgewachsen bist?

Wenn ich nach Stuttgart komme, bin ich immer auf Erinnerungspfaden unterwegs. Und dann steige ich aus an diesem Bahnhof und denke mir "O Gott, diese verkürzten Gleise", dann laufe ich durch diese schöne alte Halle und frage mich, was denn hier los ist. Die ist ja auch vollkommen zerstört. Und das Beste sind diese großen Plakate zur Sanierung mit den Überschriften "Vorher" und "Nachher". Wo ist da der Unterschied? Das kann doch alles nicht wirklich nötig sein.

So gesehen bist Du eine richtige Stuttgarterin geblieben, denn so ähnlich denken sehr viele in der Stadt. Und wenn Du dann den Bahnhof hinter dir hast ...

... dann denke ich, ich kenne mich aus. Nur dass alles irgendwie kleiner ist als in meiner Erinnerung, dass die Straßen enger sind, die Häuser enger. Aber das ist ja oft so, wenn man die Erinnerungen seiner Kindheit mit der Realität vergleicht.

Wo fühlst Du Dich zu Hause?

In Berlin.

Ist Dir die Stadt Heimat geworden?

Den Begriff würde ich nicht verwenden, weil ich zu dem Wort nicht so einen emotionalen Zugang habe. Wenn überhaupt, dann ist Heimat dort, wo mir wichtige und nahe Menschen sind. Da fühle ich mich dann beheimatet. Stuttgart ist vertraute Vergangenheit.

Ich habe gelesen, dass Du manchmal sogar Schwäbisch schwätzt in Berlin.

Na ja, nicht wirklich Schwäbisch. Aber es ist ja bekannt, dass es viele Schwaben in Berlin gibt, ich habe auch Schwaben in meinem Freundeskreis. Die haben diesen leichten Singsang drauf. Da komme ich auch sehr leicht rein. Und es ist der Dialekt neben dem Norddeutschen durch meine Mutter, den ich am schnellsten zur Verfügung habe als Schauspielerin, wenn ich ihn brauche.

Der Anlass Deines Stuttgart-Besuchs ist die Premiere des Films "Das Vorspiel". Der ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, vor allem aber, weil er so wenig verrät und viele Situationen nicht auserzählt. Was ist für Dich als Schauspielerin reizvoll an einer solchen Herangehensweise?

Natürlich ist das auch eine Geschmacksfrage, aber mir persönlich gefallen gerade Filme, die mir als Zuschauerin eine Chance lassen oder Anlass geben, mir Gedanken zu machen. Anna, die Musiklehrerin, die ich spiele, die geht immer wieder durch Straßen, einmal im Schneefall, oft den Geigenkasten über der Schulter. Das sind Szenen fast wie eine Lücke, die Zuschauern die Möglichkeit geben soll nachzudenken, sich sogar in ein Verhältnis zu setzen zu der Figur. Oder über meines und das eigene Leben nachzudenken, weil sie nicht zugelabert werden von einem Ansinnen der Regie oder von einer Botschaft, die mir entgegengeworfen wird. Sondern es bleiben Dinge offen, dann wissen die Zuschauer nicht, woran sie bei Anna sind. Sie überrascht nicht nur im Film ihr Umfeld, sondern überrascht uns alle, wenn sie aus der Balance ist. Das ist hart mit anzusehen. Zugleich ist sie eine schräge und im deutschen Film seltene Frauenfigur. Die nimmt sich, was sie braucht und was sonst eher Männer machen. Das finde ich sehr interessant und sehr modern. Und ich hoffe sehr, dass es für Zuschauer einladend ist zur Reflexion.

Denkst Du selbst, während Du spielst, darüber nach?

Nein. Da ist die Freude, dass ich auf Entdeckungsreise gehe. Ich habe Ideen von einer Szene, aber dann macht der Partner etwas ganz anderes, und dann macht man selber auch etwas ganz anderes. Wenn ich spiele, freue ich mich darauf, was passiert, und will mit meiner Figur etwas erleben. Aber vorher, wenn ich ein Drehbuch durcharbeite, dann stelle ich mir die Betrachter vor und frage mich schon, ob ich die Zuschauer an die Hand nehmen möchte. Ich mache mir einen Plan und weiß, dass ich nicht alles, was Anna ausmacht, permanent zeigen oder spielen muss, weil noch spätere Gelegenheiten kommen, ihr bestimmte Nuancen zu geben. Und dann setzt sie sich nach und nach zusammen. Das ist auch für mich spannend. Wie ein Puzzle auseinanderzuklamüsern und zusammenzusetzen.

Du hast als Kind ungern Klavier geübt, jetzt aber sehr viel Geige geübt, ohne wirklich Geige zu lernen. Wie geht das?

Das musste gehen. Ich habe schon einmal eine Geigerin gespielt, aber vieles war verschüttet. Und jetzt habe ich ein halbes Jahr geübt, um im Film mein Bestes zu geben. Nicht Geige spielend, für die Musik sorgen andere, aber als Geigerin im Bild, sozusagen. Ich habe trainiert und Ehrgeiz entwickelt, damit man mir die Figur abnimmt. Wie hält man eine Geige, wie wird der Bogen geführt, wie geschmeidig muss das Handgelenk sein, wie wird die Geige aus dem Kasten genommen und zurückgelegt, wie der Bogen gespannt. Jedes Detail eben, jeder Abstrich und jeder Aufstrich, alle Griffe. Kein Zuschauer soll darüber nachdenken müssen, kann die spielen oder nicht und auf diese Weise aus der Handlung fliegen.

Wenn Du Dich in eine Musikerin so hineingefühlt hast: Wo liegt der Unterschied zur Schauspielerei?

Der Druck in der Musik ist auf jeden Fall einen Zacken größer. Der Weg über das Vorspiel und über Wettbewerbe ist hart, weil Töne in gewissem Maß besser messbar sind. Es ist zu hören und zu sehen, wenn die Technik nicht stimmt. Und Musiker können sehr allein sein, wenn sie auf der Bühne stehen und ein ganzer Zuschauerraum darauf wartet, emotional berührt und begeistert zu werden. Schauspiel ist da viel mehr eine Geschmacksfrage, und wir können uns auch gegenseitig helfen. Ich hatte schon immer großen Respekt vor Musikern. Aber jetzt habe ich noch mehr Einblick bekommen und auch, was für eine Wonne es sein muss, dieses Talent geschenkt bekommen zu haben. Es muss das größte sein, eine Symphonie zu spielen. Das toppt, glaube ich, jeden noch so guten Theaterabend, auch weil einem Musik während des Spiels durch den eigenen Körper geht.

Noch einmal zurück zu Stuttgart, und das heißt auch zu Deinen Eltern. Bist du trotz oder wegen Deiner Mutter Heide Rohweder Schauspielerin geworden?

Ich bin in diese Welt des Theaters hineingeboren worden, und das hat mir meinen Weg ungemein vereinfacht. Ich wusste schon mit sechs Jahren, dass mich das interessiert, ich habe eine Leidenschaft gefühlt. Dann durfte ich mich im Theater im Westen, wo sie Intendantin war, ausprobieren. Da war klar, ich werde alles geben, um auf die Schauspielschule zu kommen. Meine Mutter hat mir Zeit geschenkt, weil ich sehr früh wusste, was ich machen will. Und ich habe ihr beim Unterrichten zugucken können, da habe ich unglaublich viel gelernt. Ich bin nach der Schule zu ihr gefahren und habe zugeschaut, wie sie gearbeitet hat. Da habe ich auch gelernt, Dinge nicht zu persönlich zu nehmen, weil man dann nicht so verletzlich durchs Leben läuft. Schauspieler setzen sich permanent als Ganzes Meinungen aus. Ich habe meiner Mutter zu verdanken, dass ich einen leichten oder jedenfalls einen leichteren Umgang mit dieser Situation gefunden habe.

Du bist nicht nur in die Schauspielerei hineingeboren, sondern auch in die Politik ... und in eine Mischung aus beidem.

Meine Mutter hat Themen, die mein Vater bearbeitet hat, in eine künstlerische Form gebracht hat, durch Liederabende zum Beispiel. Für mich hatte beides immer miteinander zu tun, und ich glaube, dass ich bis heute meine Figuren genau danach auswähle. Ich will immer etwas auch über Deutschland erzählen, über eine Prägung, von der man sich befreien will oder eben auch nicht.

Nina Hoss, geboren in Stuttgart, lebt und arbeitet in Berlin. Mit sieben Jahren sprach sie die ersten Hörspiele, wurde später von Bernd Eichinger entdeckt und zählt heute zu den bekanntesten deutschen Film-, Fernseh- und Theater-Schauspielerinnen (u.a. "Die weiße Massai"). Hoss kommt aus einem linken Elternhaus: Vater Willi war Gewerkschafter und Bundestagsabgeordneter für die Grünen, Mutter Heidemarie Rohweder war ebenfalls Schauspielerin ("Hinter Gittern – der Frauenknast") und später Intendantin an der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Hoss engagiert sich gegen Armut, gegen die Zerstörung des Brasilianische Regenwalds und ist Botschafterin für Terre des Femmes.

Dein Vater Willi Hoss war Kommunist, wurde dann Grüner. Was würde er sagen, wüsste er, dass jetzt mit Aussicht auf Erfolg eine Kanzlerschaft in den Blick genommen werden kann?

Das weiß ich nicht. Ich würde ihn sehr gern fragen, was er von den Grünen heute hält. Mein Vater hat sehr früh vieles erkannt, konnte unwahrscheinlich gut Menschen animieren, Dinge zu bewegen. Das habe ich als Kind erlebt, aber einfach hingenommen. Heute, als Erwachsene, habe ich ihn und sein Engagement noch einmal ganz anders begriffen. Über Lektüre und gerade, weil ich ihn nicht mehr fragen kann. Er war unverführbar. Das hatte diese große Kraft, und deshalb haben ihm viele auch so vertraut, wenn er schon in den Siebzigerjahren den Arbeitern bei Daimler gesagt hat: Wir müssen darüber nachdenken, was wir hier produzieren. Man muss sich nur einmal vorstellen, man hätte damals schon nach neuen Antriebsmöglichkeiten gesucht.

Was hältst Du selbst von den heutigen Grünen?

Ich weiß es auch nicht. Natürlich finde ich den Weg, den diese Partei gegangen ist, großartig. Aber mir stellt sich die Frage, ob die Notwendigkeit, Kompromisse machen zu wollen und zu müssen, nicht die Fähigkeit beeinträchtigt, Positionen umzusetzen. Bleiben die Forderungen hart und stark zugleich, wenn die Regierungsfähigkeit oder gar eine Kanzlerschaft immer im Hinterkopf ist? Das ist jetzt erst einmal kein Vorwurf, sondern eine Frage. Aber wir haben beim Thema Klima keine Zeit mehr. Ich komme im Januar in Stuttgart an und es hat 16 Grad, ich bin in Schweden und es ist zu warm. Ich glaube, Willi wäre radikaler als viele Grüne heute. Er würde sagen, man muss einen Zacken anziehen, weil er darauf vertrauen würde, dass es ein Bewusstsein gibt und dass man die Leute in einer Menschheitsfrage nicht unterfordern darf. Wir müssen aufwachen, und da ist eine Führung gefragt bei den Grünen, die gerade auf dem Weg zu möglichen Mehrheiten keine Angst hat.

Und wo würdest Du Dich selbst politisch einsortieren?

Wenn ich den solidarischen Gedanken nehme, bin ich eine Linke, eindeutig. Und natürlich in Verteilungsfragen. Aber was ich mir wünsche, ist ein bisschen mehr Mut, eigentlich mehr als ein bisschen.

Zeigen der Kunst- und Kulturbetrieb genügend Mut im Kampf gegen rechts und gegen die Verächtlichmachung von Demokratie?

Natürlich müssen wir Haltung zeigen und reingehen in die Debatten, aber das geschieht ja auch. Ohne Kunst erfahren wir nichts oder viel zu wenig voneinander. Es ist doch immens wichtig, sich Geschichten übereinander zu erzählen und sich zuzuhören.

Ist das eine Haltung, mit der sich auch ausreichend viele AfD-WählerInnen erreichen lassen?

Wenn ich an einer großen Stellschraube drehen könnte, würde ich an die Schulen und an die jungen Menschen gehen. Und denen Alternativen aufzeigen, für gegenseitiges Interesse, für Offenheit und dafür, gemeinsam an etwas zu arbeiten. Ich glaube, auch AfD-Wähler haben die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit statt Verhärtung, sie haben es nur vergessen oder zugeschüttet. Man müsste sie immer wieder fragen: "Wollt ihr wirklich nur unter euch sein?" Und wenn ich an die Möglichkeiten von Schulen denke, begebe ich mich wieder auf einen Erinnerungspfad. Ich habe in der Stuttgarter Merzschule, vor allem bei Volker und Christa Merz, erfahren, was Autorität bedeutet. Da müssen wir ansetzen in der Debatte mit und über Nationalisten und Populisten. Autorität heißt doch nicht Macht über andere ausüben, sondern im Gegenteil für einander da zu sein und Vertrauen zu entwickeln im gegenseitigen Respekt. Das Gegenüber ist nie unwesentlicher als man selbst. Das hat mich sehr geprägt, schon in der Schule. Auch wenn ich das erst viel später begriffen habe.


"Das Vorspiel" mit Nina Hoss in der Hauptrolle ist ab Donnerstag, 23. Januar in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jupo
    am 22.01.2020
    Antworten
    Die Dame läuft durch die "vollkommen zerstörte" Bahnhofshalle kann aber auf den Plakaten keinen Unterschied zwischen dem Zustand vor/nach S21 erkennen?

    Nunja, es muss halt in jedem Artikel künstlich ein Bezug zum Bahnhof geschaffen werden. Sonst liest vielleicht keiner weiter.
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