KONTEXT:Wochenzeitung
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"Zwei Leute, ein Text und los geht’s"

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Linker Ursprung, demokratischer Wille: "Bildung und Kultur für alle" war die Parole, die nach dem Ersten Weltkrieg der gerade ausgerufenen Republik auf die Sprünge helfen sollte. Die Württembergische Landesbühne Esslingen hat in dieser Bildungsoffensive ihre Wurzeln. Diese Saison wird sie 100 Jahre alt.

Die Württembergische Landesbühne Esslingen soll geschlossen werden. Die Meldung kam aus heiterem Himmel. Die Saison 1998/99 am Theater in der Esslinger Strohstraße war gerade mit einem Tag der offenen Tür eingeläutet worden, alle freuten sich auf den neuen Intendanten Peter Dolder. Und dann diese Nachricht: "Wegen Finanznot" beabsichtige die Landesregierung unter Erwin Teufel eine Schließung des Theaters. "Wir waren schockiert", sagt Bernd Daferner, damals 55 Jahre alt, Theaterliebhaber und Filmproduzent. "Erst hatten wir unsere Pädagogische Hochschule verloren, dann unsere Kirchenmusikschule. Und dann auch noch unsere WLB?"

Von Anfang an habe festgestanden: "Das lassen wir uns nicht bieten. Da machen wir was!" Daferner startete mit anderen TheaterenthusiastInnen eine Bürgerinitiative, sammelte  Unterschriften für den Erhalt der WLB. "Wir luden ein in das Lokal 'Reichstadt', es kamen 350 Leute! Wir haben dann generalstabsmäßig Unterschriftenlisten verteilt, gnadenlos, da kam keiner mehr raus ohne", lacht Daferner, "da war eine Begeisterung da, toll!"

Dann ging es Schlag auf Schlag: "Erst eine Großkundgebung auf dem Marktplatz, dann eine Menschenkette ums Theater mit 800 Leuten. Wir organisierten einen Demozug durch die Pliensauvorstadt mit 20 verkleideten Schauspielern." Das Theater war plötzlich Thema in der ganzen Stadt. Überall lagen Unterschriftenlisten aus. Fast jeden Tag berichteten die Zeitungen oder der SWR. "Es war klar, dass wir so lange weitermachen würden, bis die Meldung kommt, dass das Theater bleibt." Am Ende waren es 24 000 Unterschriften. Und nach sechs Wochen Kampf war die Schließung vom Tisch.

Die Einstellung der Esslinger zu ihrem Theater habe sich seitdem komplett geändert, sagt Daferner. "Es ging ja bei der Kampagne nicht nur darum, fürs Theater zu stimmen, sondern dann auch hinzugehen." Innerhalb von zwei Spielzeiten habe sich die Zuschauerzahl verdoppelt, von 48 000 auf 100 000. "Seitdem haben 2,2 Millionen Menschen Vorstellungen der WLB besucht", sagt er stolz.

Dass sich damals so viele haben mobilisieren lassen, liege daran, dass die Menschen in kleinen Städten wie Esslingen gut vernetzt seien, auch über Vereine. "Ich gehe auch in Stuttgart ins Theater, aber wenn ich in die WLB komme, kenne ich jeden dritten Besucher. Das hat für die gesellschaftliche Kommunikation Vorteile. Und ich glaube, so ein kleines Theater hat auch ganz andere Chancen, einen Bezug zu seinen Zuschauern herzustellen." Deshalb hat er nach der Rettung der WLB mit Gleichgesinnten den "Verein der Freunde der WLB" gegründet, der dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.

Theater der Fläche

Esslingen muss sich sein Ensemble mit der Region teilen. Denn die WLB ist ein "Theater für die Fläche", so heißt es etwas unsinnlich auf der Homepage des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg: Sie ist neben den Häusern in Bruchsal und Tübingen eines der drei Landestheater Baden-Württembergs. Sind die beiden aus Hoftheatern hervorgegangenen Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe für die "überregionale Resonanz und nationale Anerkennung" zuständig und die neun Stadttheater (in Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Ulm, Pforzheim Aalen, Heilbronn, Konstanz und Baden-Baden) für den "Ausdruck des kulturellen Selbstverständnisses und -bewusstseins der Stadt und seiner Bürger", sorgen die Landesbühnen laut Ministerium dafür, "gutes Theater im ländlichen Raum zu ermöglichen". Diesen Auftrag lässt sich das Land etwas kosten. Zahlt die Stadt Esslingen 30 Prozent der Zuschüsse, so steuert das Land 70 Prozent bei.

Die Volksbühnenbewegung

Hoffnung auf "Bildung und Kultur für alle", mit der auch die Lösung sozialer Fragen einhergehen sollte, lag schon seit der deutschen Reichsgründung 1871 in der Luft. Im Zuge eines kräftigen Demokratisierungsschubs hatte sich 1871 der Verein "Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung" gegründet. Und auch in Sachen Theater tat sich viel in Gestalt der deutschlandweiten Volksbühnenbewegung. Ihre Vereine ermöglichten den beitragszahlenden Mitgliedern niveauvolles Theater zu sozialverträglichen Preisen. So wurde 1890 in Berlin die Freie Volksbühne gegründet. Hier wollte man vor allem Arbeitern den Theaterbesuch ermöglichen, ihnen bei preiswertem Eintritt die Schwellenangst nehmen vor dem bürgerlichen Bildungsmonopol. Es war die erste kulturpolitische Massenorganisation der deutschen Arbeiterbewegung. Die Mitgliederzahlen stiegen rasant, 1909 beschlossen die Vereinsmitglieder der Freien Volksbühne, ein eigenes Haus für ihren Spielbetrieb zu errichten: 1914 öffnete die Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz ihre Pforten. (vg)

Wie alle Landesbühnen ist die WLB ein Zwitter: halb Wanderbühne, halb festes Haus. Die Hälfte ihrer Vorstellungen spielt sie außerhalb: in kleinen Städten wie Metzingen, Blaustein oder Künzelsau, die kein eigenes Theater haben, in Schulen, Bürgerhäusern, Gaststätten und Stadthallen. Diese Idee der Kulturversorgung "in der Fläche" entsprang dem Geist der linken und demokratischen Volksbildungsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Die WLB Esslingen feiert in dieser Saison ihren 100. Geburtstag.

Dabei hat ihre Geschichte gar nicht in Esslingen begonnen. Alles fing vor 101 Jahren in Stuttgart an, noch vor Ende des Ersten Weltkriegs. Mit Theodor Bäuerle und dem Unternehmer Robert Bosch an Bord hatte sich am 1. Mai 1918 der "Verein zur Förderung der Volksbildung e.V. Stuttgart" gegründet. Eine Einrichtung, aus der auch die Stuttgarter Volkshochschule und Musikschule hervorgingen. Getrieben von Idealismus und künstlerischem Optimismus sollte dies die bevorstehenden gesellschaftlichen Umbrüche nach dem verlorenen Krieg positiv unterstützen: Bildung und Kultur für alle.

Weil Bäuerle wie in aller Kultur auch im Theater eine gemeinschaftsbildende, volkserzieherische und wertevermittelnde Kraft sah, wurde als eine der vielen Abteilungen des Vereins die "Schwäbische Volksbühne" etabliert, eine reine Wanderbühne, die die Provinz bedienen sollte: um dem "Kinoschund", aber auch den privaten Wanderbühnen mit ihren vor allem auf Unterhaltung bedachten "fahrenden Schmieren" Paroli zu bieten. Auch in den entferntesten Winkeln Württembergs sollten die Menschen hochwertige Theaterkunst sehen, vor allem Klassiker, gut gespielt. Württemberg hatte es wahrlich nötig mit seiner als theaterarm geltenden Gegend. Öffentlich finanziertes Theater gab es in Stuttgart, Ulm und Heilbronn, auch in Esslingen spielte seit 1864 ein gemischt finanziertes, teilweise öffentlich bezuschusstes Stadttheater. Ansonsten war das Angebot an anspruchsvollem Theater mau.

Die Volksbühne geht auf Wanderschaft

So zog die Schwäbische Volksbühne als erste institutionalisierte Wanderbühne in Württemberg mit ihrem 20-köpfigen Ensemble, transportablem Bühnenbild und vom Stuttgarter Theater geliehenen Kostümen los in die Peripherie. Die erste Premiere fand am 20. September 1919 in Göppingen im Saal eines Hotels statt: Schillers "Kabale und Liebe". In der ersten Saison reiste sie noch per Eisenbahn in die Städtchen der Region. Die Nachfrage war groß und die erste Bilanz des Gründungsintendanten Ernst Martin bewundernswert: 264 Aufführungen von 20 Stücken an 27 Orten. Im zweiten Jahr, nun im Auto unterwegs, splittete man das Ensemble in zwei, was mehr als 500 Aufführungen an 76 Orten ermöglichte.

Die Wanderbühne, die sich 1921 in die GmbH "Württembergische Volksbühne" umwandelte,  schipperte erfolgreich, doch oft genug am finanziellen Limit, durch die inflationären Zeiten.

Nach Esslingen führte der Weg erstmals 1926. Es kam schnell zu einer äußerst erfolgreichen Kooperation mit der dortigen neu gegründeten Besucherorganisation "Volksbühnengemeinde Esslingen e.V.", die sich um das marode, mittlerweile geschlossene Stadttheater in der ehemaligen Zehntscheuer in der Strohstraße kümmerte. Die Stadt Esslingen übergab das Haus dem Volksbühnenverein als Unternehmerin, die wiederum vereinbarte mit der Wandertruppe regelmäßige Auftritte. Das alte Theater wurde von der Stadt renoviert und erweitert, so konnte am 6. November 1926 die erste Premiere der Württembergischen Volksbühne stattfinden. Sie hatte jetzt endlich eine Heimatbasis, von der aus sie das Land bespielen konnte.

Ausgerechnet unterm Hakenkreuz erhielt die WLB dann ihren heutigen Namen und das Stadttheater (das 1982 durch den heutigen Bau ersetzt wurde) als festen Sitz. Dass die so etablierte Institution 1933 als eine Neugründung gefeiert wurde, hatte natürlich einen Grund: Man beschnitt damit die demokratischen Wurzeln des Unternehmens als Produkt des verhassten "Systems von Weimar".

Back to the roots

Es ist gerade die Zeit vor 1933, die eigenen Wurzeln, die das aktuelle Intendanten-Duo Friedrich Schirmer und Marcus Grube im Rahmen der 100-Jahr-Feier der WLB interessiert – deshalb haben sie auch keine eigene Festschrift publiziert, sondern das Reprint der Festschrift der Zehnjahresfeier von 1929. Zur Eröffnung der Jubiläumssaison am 20. September 2019 wurde dann in Reminiszenz an 1919 in Göppingen Schillers "Kabale und Liebe" gegeben.

"1919 und 2019, da gibt es schon einige Parallelen", sagt Marcus Grube, "etwa die Notwendigkeit zu erkennen, wo es gerade Bildung braucht. Die Frage, wie schaffen wir es aus den Metropolen heraus in die strukturschwachen Gebiete zu gehen und dort eine Infrastruktur zu errichten, die Kunst und Kultur möglich macht. Das ist noch immer ein Problem. Wir haben riesige Kulturausgaben in den großen Städten. Da werden pro Kopf im Jahr etwa 150 Euro ausgegeben. Aber in den kleinen Städten sind es nur fünf Euro." Und Friedrich Schirmer konstatiert: "Klar kann man das alles nicht eins zu eins vergleichen, aber die Gewissheiten, die wir noch vor 20 Jahren hatten, dass sich bestimmte Dinge in unserem wohlständigen Land nicht wiederholen, die sind vorbei." Die Gegenwart sei unüberschaubarer und unerfreulicher geworden, sagt er. "Das ist eine Parallele zu jener früheren Zeit: Dass sich unmerklich Toleranzgrenzen verschieben, das Dinge passieren, ohne dass ein Aufschrei durch die Gesellschaft und die Medien geht. Denken Sie mal an die Totenfeier für den stadtbekannten Neo-Nazi in Chemnitz, dem man öffentlich gehuldigt hat, das wäre vor 10 Jahren noch undenkbar gewesen."

Was kann Theater da ausrichten? Darauf haben beide eine deutliche Antwort: das Theater ei ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Selbstvergewisserung. Je schwieriger die Zeiten, desto rauer, spröder müsse der Spielplan sein. "Bloß kein beschwichtigendes Ablenkungstheater", sagt Schirmer, "wir holen Geschichten aus der Vergangenheit in die Gegenwart der Bühne, um im Idealfall etwas im Heute zu begreifen. Das Theater ist eine Art Erinnerungswerkstatt." Im engagierten Programm der WLB findet man deshalb "Die Nashörner", in denen Ionesco totalitäre Systeme kritisierte, genauso wie die Stücke "Das Urteil von Nürnberg" oder "Die barmherzigen Leut’ von Martinsried", die die Gräuel der NS-Zeit thematisieren.

Wichtig für ein Landestheater sei es aber auch, im Spielplan zu verankern, was speziell für die Region von Bedeutung sei. "Wir haben immer auch diese schwäbische Linie, Stoffe für oder von hier, auch mal in Mundart oder Dialekt. In Stadt- oder Staatstheater spielt so was eine nachgeordnete Rolle", sagt Grube. Ein Landestheater sei aber auch deshalb etwas anderes, "weil wir mit einem Bruchteil der Mittel Theater machen müssen und unsere kleine Bühne hier nicht viel kann – wir haben keine große Maschinerie, keine große Galerie, keine große Seitenbühnen." Und weil die Stücke ja nicht nur in Esslingen gespielt werden, müssen sie auch in Backnang, Ilshofen, Gerabronn oder Friedrichshafen in Mehrzweckhallen oder Turnhallen schnell aufgebaut sein. "Was würde uns da eine Drehbühne nützen, wenn man sie sowieso nicht mitnehmen kann? Das zeichnet uns aus: dieses Zurückgeworfensein aufs Wesentliche: zwei Leute, ein Text, ein Regisseur, und los geht’s." Und Schirmer bemerkt: "Das war ja auch der Gründungsgedanke der Wanderbühne: Einfach kompliziert! So einfach wie nötig und so kompliziert wie möglich Geschichten zu erzählen."

Und das funktioniert in Esslingen weiterhin ganz hervorragend. Mit seinem Team konnte Friedrich Schirmer, seit 2014 Intendant in Esslingen, die Zuschauerzahlen noch einmal steigern. In der Spielzeit 2017/18 etwa besuchten rekordverdächtige 122 500 Menschen Vorstellungen der WLB.


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