Das "Parliament of Bodies" hockt auf Möbeln des Architekten Andreas Angelidakis. Weitere Bilder aus Bergen mit Klick auf den Pfeil. Foto: Thor Brødreskift

Das "Parliament of Bodies" hockt auf Möbeln des Architekten Andreas Angelidakis. Weitere Bilder aus Bergen mit Klick auf den Pfeil. Foto: Thor Brødreskift

"Logos" nennt Angelidakis sein spielerisches Mobiliar. Foto: Bergen Assembly

"Logos" nennt Angelidakis sein spielerisches Mobiliar. Foto: Bergen Assembly

Einer der Orte, an denen die Bergen Assembly stattfindet, ist die ehemalige Fleischfabrik Bergen Kjøtt. Foto: Bergen Assembly

Einer der Orte, an denen die Bergen Assembly stattfindet, ist die ehemalige Fleischfabrik Bergen Kjøtt. Foto: Bergen Assembly

Die Bergen Konsthall. Direktor ist der frühere Leiter des Stuttgarter Künstlerhauses Axel John Wieder. Foto: Bergen Assembly

Die Bergen Konsthall. Direktor ist der frühere Leiter des Stuttgarter Künstlerhauses Axel John Wieder. Foto: Bergen Assembly

"Bergen" nannte sich die türkische Arabesque-Sängerin Belgin Sarılmışer. Foto: Thor Brødreskift

"Bergen" nannte sich die türkische Arabesque-Sängerin Belgin Sarılmışer. Foto: Thor Brødreskift

"Macht der Kolonialismus Ihnen Probleme?", fragen die Sami-Künstler Niillas Holmberg, Jenni Laiti und Outi Pieski und präsentieren die Lösung: "Ein Moratorium!" Foto: Carl-Johan Utsi

"Macht der Kolonialismus Ihnen Probleme?", fragen die Sami-Künstler Niillas Holmberg, Jenni Laiti und Outi Pieski und präsentieren die Lösung: "Ein Moratorium!" Foto: Carl-Johan Utsi

In der Serie "The Blue Heart" von Robert Gabris geht es um die Roma-Minderheit in der Slowakei. Foto: Robert Gabris

In der Serie "The Blue Heart" von Robert Gabris geht es um die Roma-Minderheit in der Slowakei. Foto: Robert Gabris

Die amerikanische Künstlerin Sunaura Taylor interessiert sich für Behinderte und Tiere – in der Serie "Wildlife" übermalt sie ein Tierbuch. Foto: Sunaura Taylor

Die amerikanische Künstlerin Sunaura Taylor interessiert sich für Behinderte und Tiere – in der Serie "Wildlife" übermalt sie ein Tierbuch. Foto: Sunaura Taylor

Auf dem 1465 Meter hohen Vulkan Puy de Dôme im Zentralmassiv steht ein römischer Merkurtempel. In der Nähe wird der Franc CFA gedruckt, immer noch die Währung der ehemaligen französischen Kolonialländer. Für Nina Støttrup Larsen eine explosive Situation. Foto: Nina Støttrup Larsen

Auf dem 1465 Meter hohen Vulkan Puy de Dôme im Zentralmassiv steht ein römischer Merkurtempel. In der Nähe wird der Franc CFA gedruckt, immer noch die Währung der ehemaligen französischen Kolonialländer. Für Nina Støttrup Larsen eine explosive Situation. Foto: Nina Støttrup Larsen

Wohin bringt uns der Kapitalismus?, fragt die Capital Drawing Group aus London. Foto: Andrew Cooper/Capital Drawing Group

Wohin bringt uns der Kapitalismus?, fragt die Capital Drawing Group aus London. Foto: Andrew Cooper/Capital Drawing Group

Ausgabe 440
Kultur

Stimmen der Toten

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 04.09.2019
Während man zu Hause im Württembergischen Kunstverein Familientreffen feiert, kuratieren die beiden WKV-Familienoberhäupter Iris Dressler und Hans D. Christ eine große Ausstellung im fernen Bergen. Dem Namen nach eine Versammlung, die ganz wörtlich Gespenster erwecken will.

Im Württembergischen Kunstverein (WKV) kommen jetzt wieder die Mitglieder-Künstler zum Zuge: Werke von 300 Künstlerinnen und Künstlern, gleichberechtigt nebeneinander gehängt – das kann eigentlich nur schiefgehen, auch wenn ein thematisches Stichwort den Zusammenhang herstellen soll. "Könnte aber doch", lautet der Titel der WKV-Mitgliederausstellung. Jede Menge 2D-Kunst: Malerei aller erdenklichen Stilrichtungen, aber auch Fotografie, nicht immer leicht zu unterscheiden, da die Technik nicht angegeben ist. Dazu skulpturale und konzeptuelle Arbeiten, Videos und Installationen. Eine Überfülle, die ein wenig an eine Kunstmesse erinnert – jeder bringt, was er hat, auch wenn hier nichts verkauft werden soll.

Zur Eröffnung ist es so garantiert proppenvoll. Denn wer ausstellt, kommt und bringt ein paar Freunde mit. Keineswegs alle lauschen den Eröffnungsreden, dazu wäre im Glastrakt auch nicht genug Platz. Ebenso viele wandeln durch den Ausstellungsraum, unterhalten sich vor dem Eingang oder auf der Terrasse. Denn es geht nicht nur um die Kommunikation von oben nach unten, sondern vor allem untereinander: ein Familientreffen.

Nur noch wenige große Kunstvereine veranstalten Mitgliederausstellungen. Hans D. Christ und Iris Dressler haben sich, als sie 2005 in Stuttgart anfingen, ganz bewusst dafür entschieden, aber immer verbunden mit einer Frage. Sie wollten keinen Leistungswettbewerb, sondern in Erfahrung bringen, wie die Künstler auf das Thema reagieren. Denn ungefähr die Hälfte der 3000 Mitglieder sind Künstler*innen. Sie sind die eigentliche Basis, die dem Verein seine Unabhängigkeit gibt, wie Christ, per Skype aus Bergen zugeschaltet, betont.

Bergen Assembly, Versammlung im Triennale-Format

In der regenreichen Stadt an der Westspitze Norwegens bereitet das Direktorenduo des WKV derzeit eine andere, noch größere Ausstellung vor: die Bergen Assembly, dem Namen nach eine Versammlung. 2009 gab es dort eine Biennale-Konferenz, überall auf der Welt waren neue Biennalen der Gegenwartskunst entstanden. Die Konferenz stellte erstmals einen Überblick her und beschloss, dass es sinnvoller wäre, in Bergen nicht einfach nur Werke auszustellen, sondern die Künstler zusammenzubringen. Deshalb Assembly.

Christ und Dressler sind die "conveners", die Einberufer der dritten Bergen Assembly. Die erste, 2013 unter dem Titel "Monday Begins on Friday", sei eine der besten Ausstellungen der vergangenen Jahre gewesen, meint Christ, wenn auch vor Ort umstritten. Die zweite, drei Jahre später ohne Titel, war dagegen auch lokal sehr erfolgreich. Es scheint, als ob sich die Triennale nun durchgesetzt hätte.

Das Direktorenduo des Württembergischen Kunstvereins hat sich in den vierzehn Jahren seiner Stuttgarter Tätigkeit international einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Angefangen mit zwei Ausstellungen unter dem Titel "On Difference" haben Christ und Dressler für andere Länder von Korea bis Südamerika immer wieder lokale Ko-Kuratoren eingesetzt, die sich dort besser auskennen als sie. In Bergen sind zehn weitere Kurator*innen beteiligt.

Christ und Dressler setzen auf Kooperationen und Ko-Kuratoren

Um große Projekte überhaupt stemmen zu können, sind neben zusätzlich eingeworbenen Mitteln auch Kooperationen ein gangbarer Weg. Die große Ausstellung über Alexander Kluge vor zwei Jahren etwa basierte auf einer kleineren in Barcelona. Als Christ und Dressler 2017 eingeladen waren, eine Biennale im Atombunker des jugoslawischen Staatschefs Josip Brosz Tito zu kuratieren, stellten sie das Projekt auch im WKV vor. "Die Bestie und der Souverän", für die Internationale Vereinigung der Kunstkritiker (AICA) Ausstellung des Jahres 2015, entstand in Zusammenarbeit mit dem Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona.

Im Lauf der Jahre haben sich Christ und Dressler so ein Netzwerk geschaffen, auf das sie nun auch in Bergen zurückgreifen. An "Die Bestie und der Souverän" war Paul B. Preciado kuratorisch beteiligt, gehört nun auch in Bergen zum Team. Ebenso Pedro G. Romero, dem 2012 eine Einzelausstellung im WKV gewidmet war. Einige der Künstler*innen wie Ines Doujak, Daniel G. Andujar, Noh Suntag oder zuletzt Lorenza Böttner sind Besuchern des Kunstvereins gut bekannt.

"Was bedeutet es, wenn eine Biennale (oder in diesem Fall eine Triennale) assembly genannt wird?" fragt das Kuratorenteam in seinem Statement: "Kann ein solches Projekt überhaupt eine assembly sein?" Der Begriff assembly, Versammlung, stammt eigentlich aus der Politik. Ihn auf ein Kunstereignis anzuwenden, bedeutet für Dressler, danach zu fragen, welchen Beitrag die Kunst zu politischen Auseinandersetzungen leisten kann.

Parlament der Menschen, Körper, Leichen

Die erste Antwort ist das "Parliament of Bodies" von Paul B. Preciado und Viktor Neumann. Es entstand in Athen auf der Documenta 14 angesichts des offenkundigen Versagens der Politik, auf Flucht und Vertreibung eine angemessene Antwort zu finden. Parlament der Körper deshalb, weil die Menschen, die hier zusammengerufen werden, nicht Staatsbürger sein oder Dokumente besitzen und keiner Norm entsprechen müssen. In den eingespielten Verfahren der repräsentativen Demokratie haben sie keine Stimme und keine Vertretung.

Das "Parliament of Bodies" versucht den bestehenden Parlamenten eine andere Form der Diskussion und Entscheidungsfindung entgegenzusetzen. Es hat seither an mehreren Orten getagt und eine Reihe von "Offene-Form-Gesellschaften" hervorgebracht, die sich am Modell der Bewegung gegen die Sklaverei im 19. Jahrhundert orientieren: unter anderem eine Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik und eine Apatride-Gesellschaft des politisch Anderen. Die Bergen Assembly hat im April im Projektraum Belgin begonnen mit der Gründung einer Gesellschaft der Freunde von Bergen. Damit ist nicht etwa die Stadt selbst gemeint, sondern die türkische Sängerin Belgin Sarılmışer, die "Queen of Arabesque", die sich nach der Stadt benannte. Nach einem Säureanschlag ihres Ehemannes auf einem Auge blind, beschloss sie, erst recht weiterzumachen. Bis er sie 1989 erschoss.

Bergen/Belgin ist so etwas wie die komplexe Figur, in der die Fäden der Versammlung und Ausstellung zusammenlaufen. Belgin, der Projektraum, ist der Dreh- und Angelpunkt, offen auch für die Bergener Zivilgesellschaft wie der Glastrakt des WKV. Daneben gibt es fünf Ausstellungsräume, darunter die Bergen Konsthall, ein Museum und die ehemalige Fleischfabrik Bergen Kjøtt. Die Sängerin Bergen steht aber auch für die nachdenkliche Seite des Programms. Jeder Versuch, in der Kunst anders, kritischer, radikaler zu sein, so Christ und Dressler, ende sogleich damit, von den Ökonomien und Mechanismen der Kunstwelt aufgesogen zu werden: ein "radical chic", der zu nichts führt. Es bleibt aber ein Rest: die gescheiterten Kämpfe, die Unterlegenen, die Verletzten, die Toten.

Angewiesen auf die Solidarität der Toten

Der Titel, "Actually the Dead are not Dead", stammt aus der Trauerrede von Alexander Kluge auf den 1995 verstorbenen Dramatiker Heiner Müller. Im Original heißt der Satz: "Es ist ein Irrtum, dass die Toten tot sind." Zwei Sätze vorher sagt Kluge: "Es ist eine sehr spezifische Feststellung von Heiner Müller, dass die Lebenden nur die eine Hälfte des Wirklichen sind. Die andere Hälfte sind die Toten." Davon geht die Bergen Assembly aus.

Auf die Frage, welchen Beitrag Kunst zu politischen Prozessen leisten kann, wo sie ja gerade nicht Kampagne, Partei, NGO oder Aktivismus ist, nennt Dressler drei Punkte: Sie kann parodistisch mit dem Geschehen umgehen; ihre Stärke ist die Imagination; und sie spricht von einer "Assembly der Gespenster". "Wenn die Solidarität unter den Lebenden Risse aufweist", sagt Dressler, "sind wir angewiesen auf die Solidarität der Toten."

Der in dieser Abstraktion nicht ganz leicht nachzuvollziehende Satz wird deutlicher, wenn man von konkreten Arbeiten ausgeht. Eine zentrale Position hat die Liste von Banu Cennetoğlu, die auch dem Kuratorenteam angehört. Seit 2006 veröffentlicht die türkische Künstlerin in Zeitungen, auf Litfasssäulen, Plakatwänden oder in anderer Form die Namen der mittlerweile mehr als 35 000 Menschen, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind. Sie verzichtet darauf, ihren eigenen Namen zu nennen. Es geht ihr um die Toten.

Von da aus führen die Wege zu den einzelnen Positionen der Ausstellung: Einer der Kuratoren ist der türkische Anwalt Murat Deha Boduroğlu, der sich um die Opfer von Arbeitsunfällen kümmert – mindestens 1872 kamen 2018 in der Türkei ums Leben. Die Geister der Vergangenheit finden sich auch in den europäischen Museen in Form kolonialer Objekte. Dazu hat die Künstlerin Emma Wolukau-Wanambwa das Kulturhistorische Museum der Universität Bergen untersucht. Zu den Gespenstern der Vergangenheit zählt Christ auch die gescheiterten Bewegungen von gestern. Er nennt die Initiative gegen den Abtreibungsparagrafen in den 1920er-Jahren: Hätte sie Erfolg gehabt, sähe die Welt heute anders aus.

Solidarität der Lebenden: "Könnte aber doch" im WKV

Könnte aber doch. Was könnte anders sein oder hätte anders sein können als es ist? Zurückgespiegelt nach Stuttgart, bleiben die Antworten der WKV-Mitglieder reichlich heterogen. Wo sie nicht im Titel direkt Bezug nehmen ("könnte aber doch ernst sein") oder plakativ einen grau-grünen Sarg als letzten Castor in den Raum stellen, sind sie nicht immer leicht zu entziffern. Auf einem Palästina-Diptychon des Böblinger Künstlers Marinus van Aalst etwa steht das Datum der Oslo-Verträge 1972 demselben Tag zwanzig Jahre später gegenüber. Was genau sich geändert hat, ist ohne weitere Erklärung nur schwer zu erkennen.

"Die Kunst, die hier angezeigt werden soll, ist irgendwo versteckt", schreibt Bayahro Sangyong Lee zu einer komplexen Installation aus noch eingepacktem Bild, mit Stroh gefüllter Vitrine, Video und aufgerollten Karten, die er als "map of the artwork" für zehn Euro zum Verkauf anbietet. Ein wenig verhält es sich so mit der ganzen Ausstellung.


Info:

Die Mitgliederausstellung des WKV läuft bis 22. September und ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Mehr dazu hier.

Die Bergen Assembly eröffnet am Donnerstag, dem 5. September und läuft bis zum 10. November. Mehr Infos dort.


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