Und jetzt seid ihr dran: Anstifterin Annette Ohme-Reinicke (links im Bild) ermuntert zur Diskussion im Literaturhaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Und jetzt seid ihr dran: Anstifterin Annette Ohme-Reinicke (links im Bild) ermuntert zur Diskussion im Literaturhaus. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 420
Gesellschaft

Gegen den Herdentrieb

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 17.04.2019
Demokratie und Medien – ein scheinbar dröges Thema. Doch das Stuttgarter Literaturhaus ist voll, der Württembergische Kunstverein rappelvoll. Kontext hat nach Gründen gesucht und manche gefunden. Zum Beispiel eine Sendung mit der Maus für Klein und Groß.

Die Schorndorfer Studiendirektorin Dagmar Keller hat keine guten Nachrichten. Nicht, weil sie Vizevorsitzende der örtlichen SPD ist. Sie habe, erzählt sie im Literaturhaus, ihren Schülerinnen und Schülern ein Auto angeboten, wenn sie dafür ihre Wahl-Stimme bekomme. Einfach, um mal zu checken, was ihnen wichtig ist. "Und, was denken Sie, wie viel ich gekriegt hätte?", fragt sie in die Runde, um mit erhobenem Zeigefinger zu antworten: Drei Viertel wollten das Auto. Die Veranstaltung hört auf den Titel "Republik in der Krise? Stuttgarter Demokratiekongress" und wird getragen von den Anstiftern, in Kooperation mit Kontext. 

Muss den Finger heben: Studiendirektorin Keller.

Ein Raunen geht durch den Saal, quasi ein hörbares Staunen, weil das Publikum der jugendlichen Empirie längst entwachsen ist und wahrscheinlich denkt: so schlimm? Nicht gut für die Demokratie, wo sie ohnehin bedroht ist, von Autokraten wie Trump, Erdoğan, Orban, Bolsonaro und wie sie alle heißen. Da wäre es wohl hilfreich, eine Plattform für Schulen zu schaffen, auf der die jungen Menschen üben könnten, wie jene zu lernende Gesellschaftsform funktioniert. Gerade in den Reihen der Anstifter, verlautet es aus dem Auditorium, habe es doch jede Menge LehrerInnen, die mit Fridays for Future sympathisierten.

Weiß alles über Österreich: Johanna Henkel-Waidhofer.
Weiß alles über Österreich: Johanna Henkel-Waidhofer.

Sie könnten sich auch beim "Forum gegen Rechts" engagieren. Dort haben sich Junge versammelt, von der Grünen Jugend bis zu AktivistInnen des Lilo-Herrmann-Hauses, die in der örtlichen Presse gerne als linksextremistisch, also kriminell dargestellt werden. Womöglich, weil sie mal Farbbeutel gegen das Bürogebäude der Vonovia geschmissen haben. Joe Bauer, der als Rentner inzwischen über mehr Zeit verfügt, hilft bei der politischen Pädagogik. Zuletzt hat er Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer eingeladen, über die Folgen rechter Politik in Österreich zu sprechen. In der Alpenrepublik sind sie schon weiter, hier wird die "Unmenschlichkeit zur Staatsräson" erhoben, sagt die gebürtige Wienerin, die seit 1980 in Stuttgart lebt. 

Auf dem Demokratiekongress der Älteren ist Robert Misik erschienen. Der linke Journalist und Schriftsteller kommt direkt aus Wien und ist sichtlich erleichtert, von dort einmal weg sein zu können. Weg von einem Kanzler Kurz ("Haider ohne Hetze"), weg von der "Herrschaft der Niedertracht", weg von Politikern, die jedes Thema zur Flüchtlingshetze nutzen, mit der "Angst als Rohstoff" argumentieren und damit ein Klima schaffen, das von der "Bösartigkeit der Demagogen" beziehungsweise vom Schweigen derer geprägt ist, die glauben, keine Stimme mehr zu haben. Durchschnaufen bei den Anstiftern – auch das hat die Truppe von Peter Grohmann im Angebot. 

Hauptsache weg von Wien: Schriftsteller Misik.
Hauptsache weg von Wien: Schriftsteller Misik.

Oder sie stellen eine Bühne für den Furor, für die scharfe Rede von Autor Arno Luik, der sich gerne seines Gewerbes annimmt. Des Pressewesens, das hehre Ansprüche predigt und oft im Seichten hängen bleibt, sich kritisch gebärdet und doch nur hintereinander her läuft, so dass selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) meint, der Meinungskorridor sei schon breiter gewesen. In diesen Gefilden teufelt der gebürtige Königsbronner (Ostalb) und langjährige "Stern"-Autor lustvoll herum, was heute eher selten und gerade deshalb so erfrischend ist. Gegen den breiten Strom der Herde, auch in Stuttgart, wo ein Thema besonderes Feuer in ihm entfacht hat: S 21. Auch deshalb veröffentlicht Kontext seine Rede in dieser Ausgabe

Die Jüngeren in der Community werden jetzt sagen, dass Luik, Jahrgang 1955, old school ist, wenn er gegen die große Luftigkeit in den Presseorganen wettert. Was aber nicht heißt, dass es falsch ist, weshalb der Verfasser dieser Zeilen gedacht hat: Zeigen wir den Anstiftern mal, wie das konkret aussieht. Die Gelegenheit hat sich nach dem Luik-Act ergeben, im Workshop, den Kontext übernommen hat, mit der Präsentation einer Seite aus den Stuttgarter Zeitungsnachrichten. Ein großes Bild mit einem großen Mann, mit Christian Wegner, dem neuen Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), der nicht gerne Anzug und Krawatte trägt und im letzten Satz des luftigen Interviews sagt: "Die Zeitungsbranche ist eine von wenigen Branchen, die in ihrem Kern eine Sinnhaftigkeit hat. Zeitungen sind demokratierelevant." Da schau einer her. Ergänzend dazu sei auf den ersten Bericht über den früheren Spitzenmann von ProSiebenSat1 verwiesen.

Das Kontext-Duo (Anna Hunger und Josef-Otto Freudenreich) im Schatten eines großen Mannes.
Das Kontext-Duo (Anna Hunger und Josef-Otto Freudenreich) im Schatten eines großen Mannes.

Aber keine Sorge, im Workshop war man nicht auf das Stuttgarter Pressehaus fixiert. In der Hoffnung auf bessere Zeiten richtet sich der Blick des aufgeklärten Publikums ohnehin eher auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, im konkreten Fall auf den SWR. Von ihm wünschen sich diese Menschen mehr Qualität, eine Abkehr vom Quotenwahn, und weil der bloße Appell nicht hilft, haben kundige Diskutanten zum Bearbeiten der Rundfunkräte aufgefordert. Kontext steuert schon mal die Liste der Gremienmitglieder bei

Und den Hinweis eines Kollegen, dass es beim ZDF noch viel nötiger sei, wie das Beispiel Claus Kleber gezeigt habe, der jüngst das "heute journal" mit der Nachricht anmoderierte, die Nato sei unterwegs nach Estland, um russische Truppen zurückzuschlagen. Erst danach sagte er den ZuschauerInnen, sie bräuchten sich nicht zu sorgen, "das ist nur eine Vision". Man könnte es auch Kriegsvorbereitung nennen.

Die Anstalt erklärt den Wahnsinn S 21 – in zehn Minuten 

Andererseits leistet sich das Zweite Deutsche Fernsehen ein Format, das dort so exotisch wie kultig ist: Die Anstalt. Die "Sendung mit der Maus für Klein und Groß", der "kleine schmutzige Bruder des Journalismus", wie sie selbst sagen, ist fünf Jahre alt geworden, worüber Dietrich Krauß, der Haupttexter, ein Buch zusammengestellt und im Württembergischen Kunstverein (WKV) aufgeblättert hat.

Beifall für den Satiriker: Dietrich Krauß.
Beifall für den Satiriker: Dietrich Krauß.

Vor rappelvoller Hütte, mit Moderator Joe Bauer an der Seite, und einem genialen Einspieler: ein Stück über Stuttgart 21, das Claus von Wagner und Max Uthoff, die beiden Hauptdarsteller, in zehn Minuten so brillant erklären ("zehn Milliarden für eine schiefe Haltestation"), dass jeder vernunftbegabte Mensch den Wahnsinn sofort kapiert.

Das Buch ("Die Rache des Mainstreams an sich selbst") sei jedenfalls allen empfohlen, die sich schon immer gefragt haben, warum sie eine Satiresendung anschauen müssen, um gut informiert zu sein. Eine erste Antwort hat Krauß schon vor gut drei Jahren in Kontext gegeben

Moderator und Buchverkäufer: Joe Bauer.
Moderator und Buchverkäufer: Joe Bauer.

Im Mainstream werde offenbar "einiges an Fakten liegen gelassen", formulierte er fein, und hoppla, tauche das in der "Anstalt" auf – so, wie man das noch gar nicht gehört oder gelesen habe. NSU, Griechenland, die Rente, die Wirtschaftsweisen, Giftgas in Syrien. Alles nachzusehen auf Claus von Wagners Website.

Und wer schaut da tatsächlich hinein? Man glaubt es nicht: junge Menschen. Sie kommen zur "Anstalt", weil sie harte Fakten und politische Aufklärung nur ertragen, wenn sie unterhaltsam dargeboten werden. Er habe gehört, dass 15-Jährige morgens um 6.45 im Bus die Sendung auf dem Smartphone geguckt haben, erzählt der gebürtige Gerabronner Krauß. Also rein damit in den Unterricht, die Länge (45 Minuten) passt perfekt in den Stundenplan, und Autos werden nicht mehr gebraucht.


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