Ausgabe 400
Gesellschaft

Paroli bieten

Von Joe Bauer
Datum: 28.11.2018
Die Stimme erheben gegen Hetze ist immer richtig. Aber gemeinsam, da geht es einfach besser und lauter. Am kommenden Samstag steigt ein Vernetzungsforum gegen rechts im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart.

Die Idee für die Aktion entstand nach der Bundestagswahl 2017 und den Erfolgen der Rechtsnationalen und Völkischen. Unser erstes Treffen im Württembergischen Kunstverein (WKV) unter dem Titel Offenes Forum gegen rechts war das Ergebnis einer Mischung aus Neugier, schlechtem Gewissen und dem Bedürfnis, etwas zu tun. Wie so oft trieb mich die womöglich etwas pathetisch klingende Frage um, die wir früher älteren Zeitgenossen gestellt hatten: Warum habt ihr nichts getan? Diese Frage könnte bald wieder im Raum stehen. Am Samstag, 1. Dezember, findet im Kunstgebäude am Schlossplatz zum zweiten Mal das "Offene Forum gegen rechts" statt, von 14 bis 17 Uhr.

Einen Tag vor den Wahlen am 24. September 2017 zog in Stuttgart ein beachtlicher Protestzug unter dem Motto "Nein zur AfD – Gemeinsam gegen den Rechtsruck" durch die Innenstadt. Demonstration und Kundgebungen hatte das Aktionsbündnis Stuttgart gegen rechts organisiert – eine gemeinsame Initiative so unterschiedlicher Gruppierungen wie Antifaschistisches Aktionsbündnis, Grüne Jugend, Jusos, Attac, Arbeitskreis Asyl, Gewerkschaftsjugend.

Bei dieser Demo fiel mir auf, dass dieselben RednerInnen, die ich zuvor bei anderen antifaschistischen Aktionen gehört hatte, einen weniger scharfen, dafür aufklärerischen, fast pädagogischen Ton anschlugen. Ganz im Sinne eines breiten Bündnisses beleuchteten sie in intelligenten, sehr gut vorgetragenen Reden und informativen Dialogen auf ihrer Lkw-Bühne die AfD-Gefahren neben der Fremdenfeindlichkeit: Abbau von Sozialleistungen, Gesetze zugunsten der Reichen, reaktionäre Kulturpolitik etc. Und da stand ich auf der Straße und dachte: Warum kenne ich diese Leute nicht näher? Warum hapert es allgemein an Kontakten zu denen, die was tun?

In einer Mail via Homepage bat ich Stuttgart gegen rechts um ein Treffen zwecks Austausch. Wenig später saß ich mit drei Leuten vom Bündnis in einem Café und fragte, ob es für sie denkbar wäre, an einem exponierten, gleichwohl hochpolitischen Ort der Stadt eine öffentliche Veranstaltung zu machen. Zum Kennenlernen, zum Vernetzen – um Strategien gegen rechts weiterzugeben. Und zum Abbau der pauschalen Vorbehalte gegenüber "der Antifa". Für unsereins gibt es nicht "die" Antifa, nur unterschiedliche, teils sehr junge Menschen verschiedener Couleur, die sich im Kampf gegen den Faschismus zusammentun. Und deshalb immer wichtiger werden.

Im Februar dieses Jahres fand, mit beispielhafter Unterstützung der WKV-Direktion, unser 1. Offenes Forum gegen rechts statt: drei Workshops mit mehr als 80 TeilnehmerInnen, geleitet von ReferentInnen des Bündnisses.

Jetzt, am 1. Dezember, gibt es die zweite Auflage, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, ver.di, Die Anstifter – und erneut von Stuttgart gegen rechts, diesmal mit einem Referat zum Thema: "Strategien gegen rechts. Welche Erfahrungen gibt es bei der Arbeit gegen rechts? Wie können wir unsere Aktivität in Stuttgart und Region ausbauen?"

Einen weiteren Workshop leitet der Aktivist und Gewerkschafter Jonas Weber von der Initiative StammtischkämpferInnen. Diese Organisation bildet bundesweit Leute aus, die Seminare zur Alltagspraxis abhalten. In ihrem Programm heißt es: "Der Stammtisch ist überall: An der Kasse des Bio-Supermarktes, auf dem Spielplatz, in der Bahn oder in der Uni-Lerngruppe. Aber: Wir sind auch überall, und wir können durch Widerspruch, deutliches Positionieren und engagierte Diskussionen ein Zeichen setzen, die Stimmung in unserem Umfeld beeinflussen und unentschlossenen Menschen ein Beispiel geben. Dazu wollen wir uns in Trainings mit Strategien beschäftigen, die uns ermöglichen, den Parolen der AfD und ihrer Anhänger Paroli zu bieten ..."

Ein weiterer Referent beim Offenen Forum gegen rechts ist der Frankfurter Aktivist und international erfahrene Arzt und Nothelfer Dr. Michael Wilk. Er wird Protestformen erörtern: "Wie stellen wir Öffentlichkeit her?"

Eingeleitet wird das Ganze um 14 Uhr von Stadtrat Tom Adler und unsereins. Zur Abschlussbesprechung im Kunstgebäude erwarten wir einen besonderen Gast: Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau wird Fragen zum Thema "Kampf gegen rechts" auch mit Blick auf die Kommunalwahlen im Mai 2019 beantworten.


Info:

Anmeldungen (für den besseren Überblick der Veranstalter) sind hier möglich:
offenesforum--nospam@posteo.de

Buntes Baden-Württemberg

Rechte Stimmen finden wieder Anklang. Kontext stellt Menschen vor, die sich dagegen wehren. Und Initiativen, die bunte Vielfalt leben.

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4 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 03.12.2018
    Paroli bieten | Parole bieten – lässt sich ebenfalls bemerken. ;-)
    Obwohl -so die Erinnerung an Dalida und ihren Song "Paroles, Paroles" präsent ist-, mit wohlklingenden Worten werden wir alle schon von genügend Seiten eingedeckt – mit nicht enden wollenden Lügen! [b][1][/b]

    Vernetzungsforum gegen rechts – angemerkt, nur mal so angemerkt:
    Gemeinsam, da geht es doch sich besser, so es lautet für den "rechten Weg" zu sein – sich für den [b]Rechtsweg[/b] einzusetzen, und [i]dafür[/i] sich zu vernetzen? [b][2][/b]

    Offen sein für Andersdenkende, die Vielfalt einbringen können, um der Einfalt Paroli zu bieten |;-)

    [b][1][/b] Dalida & Friedrich Schütter - Worte, nur Worte https://www.youtube.com/watch?v=1qHSXoPmbXs
    Es ist seltsam – Du bist für mich wie die Sonne, chérie, Du gibst mir das Leben
    Nur immer Worte, Nichts als das, das alte Lied.

    1975 Friedrich Schütter "Desiderata" https://www.youtube.com/watch?v=iUVu9CUiXWk
    Geh deinen Weg ohne Eile und Hast,
    und suche den Frieden in Dir selbst zu finden
    und wenn es Dir möglich ist, versuche den Anderen zu verstehn,


    [b][2][/b] MontagsDemo die 144. am 15.10.2012 https://schaeferweltweit.de/egon-hopfenzitz-erklart-den-status-quo/ Video 14:10 Min.
    „… Uns wurde immer wieder der Vorwurf gemacht:
    Wir seien gegen alles was nur möglich ist. … Wir seien dagegen, dagegen, dagegen.
    Deshalb müssen wir unsere Wortwahl ändern. …“
  • Bernhard Meyer
    am 28.11.2018
    Stuttgart gegen Rechts! Super! Da mach ich mit!
    Dennn da geht es endlich gegen die Radikalinskis, die im Kosovokrieg Serbien bombardiert haben. Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg und "Nie wieder Krieg!" haben die wieder ein anderes Land angegriffen und die Bevölkerung angelogen. Und seither tun diese rechten Kriegsverbrecher das immer wieder. Statt Brandts vertrauensbildenden Maßnahmen, raseln die mit Säbeln und Panzer an der russischen Grenze und hetzen in Zeitungen und Rundfunk gegen die Russen, typisch rechts!

    Und dann geht es sicher auch gegen die elenden rechten Umverteiler nach oben, die soziale Sicherheit geschreddert und den "größen Niedriglohnsektor in Europa" eingeführt haben, die Arbeit unsicher gemacht, Leiharbeit und Zeitarbeit und unbezahlte Praktikantenstellen geschaffen und unsere Gewerkschaften geschwächt haben. Stehen wir auf gegen diese rechten Schurken, die unser Gemeingut an Profitmacher verscherbelt haben, so dass Krankenhäuser nun in erster Linie Rendite einfahren müssen, anstatt die Leute gesund zu pflegen, die Sozialwohnungen an Miethaie verschleudert haben.

    Lasst uns gemeinsam kämpfen gegen die rechte Korruptionsbande, die sich überall in den Ministerien einnisten und Gesetze schreiben im Sinne der Kapitaleigner, die McKinseys, Bertelsmänner und Co., gegen die korrupten Drehtür-Artisten, rechte Finanzminister, die jahrzehnlelang die Augen zudrückten und Steuer-Schlupflöcher wie Scheunentore schufen...

    Gegen diese ganze radikal rechte Bande würde ich gern mitkämpfen - aber schaut ihr denn in die richtige Richtung?
    • Andromeda Müller
      am 30.11.2018
      Dem ist nur zuzustimmen . Ein bißchen anstrengend mit der Stange im Nebel stochern und sich so im Grunde schützend vor eine Politik des "Weiter So" stellen.
      Denn das "Weiter So" radikalisiert auch weiter die Unzufriedenheit der Prekären in Europa und befördert die Fluchtgründe weltweit in einem extremen Ausmaß.
      Die eigentlich Verantwortlichen werden nicht adressiert. Manipulation par exellence.
      Und die "Rechten" echauffieren sich über die "Linken". Alles wunderbar für die Herrschenden , und das sind nicht die Parlamente .
      Teile und herrsche , dieses Kolonialprinzip gilt und galt es auch schon immer auf Staat und Opposition anzuwenden (Richard Kapuczinski : "König der Könige").
      Prof. Mausfeld-Vorträge sind da sehr analytisch und erhellend (z.B. Zerschlagung der britischen Gewerkschaften/TINA-Thatcherismus).
      Oder die preisgekrönte Dokumentation "Propaganda" von Slavko Martinov über
      Medien als Mittel der Geostrategie , setzt sich ja chronologisch und ununterbrochen bis dato fort (Syrien , Ukraine ,Iran usw.).
      Siehe auch die Lobhudeleien auf den Präsidentschaftskandidaten Macron bei Kontext oder , nicht bei Kontext aber weit verbreitet :" Poroschenko fordert Kriegsschiffe".
      Die hohe Politik wird sie ihm auf Steuerzahler-Kosten verschaffen, ganz egal ob ukrainische Nazis in Regierungsbeteiligung diese in die Finger bekommen oder nicht.
      Wie Islamisten sind das nur inoffiziell unsere Freunde, medial offiziell natürlich nicht (außer dem betroffenen und hilflosen Putschisten Poroschenko) ; denn sie sind nützlich für Regime Changes (Ukraine und Zielland Rußland) und wirtschaftliches Länder-Grabbing .
      Seltsamerweise sehen die "Rechten" die mediale Hetze gegen Rußland klarer als der "linke" Mainstream.
      Rechts- und Linksdiktaturen braucht kein Mensch , aber man sollte sich auch nicht für eine extremistische , neofeudale und fassadendemokratische Pseudorepublik und Politik instrumentalisieren lassen.
      Und Manipulation der Öffentlichkeit braucht Lagerdenken zur Eskalation (Wie hoch sind die Militärbudgets von Rußland , GB , F , D, USA in absoluten Zahlen ? Kein Thema für kontext ?), heute , 1967 und bis zu den Kreuzzügen und weiter zurück. Gegenseitig zuhören und gemeinsame Interessen angehen sind für die Herrschenden und deren herbeigeführte Missstände viel unbequemer. Siehe damals die Proteste von Whyl. Nur zusammen haben Linke und Konservative eine Chance . Was fehlt ist "Stuttgart gegen Neofeudalismus und Fassadendemokratie". S21 , die Schlichtung hat die angebliche "demokratische Bürgerpartizipation" doch entlarvt.
      Artikel und Demo lenken von den eigentlichen Problemenursachen ab .
    • Kornelia .
      am 01.12.2018
      @Meyer... diese Ihre 'rechten Feindbilder' gehen nicht!
      Denn dann müsste man Herrschafts-kritisch sein! Und den Mut haben den 'eigenen Leuten in die Eier zu treten'!
      Und seit die 68durch die Institutionen genudelt wurden und meistens selber an den Honigtöpfen sitzen oder gar 'Verantwortungsträger' ist.... braucht man die anderen Feind dringender denn je!
      Deswegen hat man auch die AfD so hochgespielt und PRlert sie immer noch, denn nur an ihnen kann sich 'der Gute' reiben!

      Stellt Euch diese samstägliche Gruppierung vor, die 'brutalst möglich' mit SPD, Grünlingen, Gewerkschaften etc abrechnen würden!
      Die Gewerkschaftler, die im AR der Bahn jede Schweinerei abgenickt haben? Die Grünlinge, die 3-4 000 000 arme Kinder produziert haben, SPDler die stolz auf Niedriglohnsektoren sind...
      Alle zusammen die die 'unwerten Leben' wieder reanimiert haben....

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