Andreas Mayer-Brennenstuhl wandert in Ostabat-Asme im Südwesten Frankreichs. Fotos: privat

Andreas Mayer-Brennenstuhl wandert in Ostabat-Asme im Südwesten Frankreichs. Fotos: privat

Ausgabe 423
Kultur

Der weite Weg nach Neuropa

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 08.05.2019
Immer im April wandert Andreas Mayer-Brennenstuhl auf dem Jakobsweg. Rückwärts, gegen den Strom, in Richtung Mont Pèlerin, wo 1947 die neoliberale Wirtschaftideologie aus der Taufe gehoben wurde. Der Nürtinger Künstler sucht nach einem neuen Europa.

Am Palmsonntag gab es im Roßdorf eine kleine Prozession. Katholiken, Protestanten, Menschen aus aller Herren Länder zogen hinter dem Esel und den mit bunten Eiern geschmückten Palmbuschen durch die Nürtinger Hochhaussiedlung. Sie ist seit jeher von Zuwanderung geprägt. Mittlerweile gilt sie als Hochburg der AfD.

Vor der dortigen Flüchtlingsunterkunft auf der Nanzwiese hatte Andreas Mayer-Brennenstuhl einen Stand aufgebaut. "Neuropa" steht auf seiner orangefarbenen Fahne, den T-Shirts, Visitenkarten und Flugblättern. Auch Dieter Harlos ist da, er wohnt im Roßdorf und kandidiert bei der Gemeinderatswahl für die Liste NT14. Zwar errangen die Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl ein Drittel der Stimmen, doch bei einer Wahlbeteiligung von nur 25 Prozent. "Mein Roßdorf ist bunt", nennt Harlos seine Facebook-Seite. NT14, entstanden aus Protest gegen die intransparente Politik des scheidenden Oberbürgermeisters Otmar Heirich, hat diesmal 32 Kandidaten aufgestellt. Der AfD fehlen dagegen die Bewerber. Dieter Harlos war der erste, der sich dem Wanderer Andreas Mayer-Brennenstuhl auf seinem Marsch für ein neues Europa angeschlossen hat.

Mayer-Brennenstuhl hatte am Palmsonntag eigentlich längst in Südfrankreich sein wollen. Immer im April wandert er auf dem Jakobsweg, in Gegenrichtung. Er begann in Finisterre, dem Ende der Welt am äußersten Westzipfel Europas.

Der Künstler pilgert nicht auf dem Jakobsweg, um mit einer persönlichen Sinnkrise fertig zu werden. Es geht ihm um Europa. Europa befindet sich in einer Krise, sagt er: Es besteht die Gefahr, dass es sich wieder auflöst. Der Nationalismus in Ungarn, Polen, aber auch bei uns, stellt alles bisher Erreichte in Frage. Aber die Europäische Union in der Form, wie sie im Moment besteht, biete auch keinen Ausweg. Sie sei selbst Teil, wenn nicht Ursache des Problems: "Das Parlament hat nichts zu sagen", moniert der Künstler, die Bürger haben zu wenig Möglichkeiten sich einzubringen. Es mangelt an Solidarität. Deshalb spricht er von Neuropa.

Auf dem Jakobsweg möchte er mit Menschen ins Gespräch kommen, die er trifft. Über Europa sprechen, über Wünsche, Ideen, Identitäten und Träume, die damit verbunden sind. Und er hat sich vorgenommen, die Zahl der Mitstreiter jedes Jahr zu verdoppeln. 2017 hat er mit Harlos angefangen. Im vergangenen Jahr waren sie zu viert. Diesmal aber ist der Wurm drin.

In Heilbronn hat der Künstler einen Wettbewerb gewonnen: Am Eingang der Bundesgartenschau, auf einer Kaimauer mitten im Neckar, hat er eine "Bibliothek" seiner fiktiven "Akademie für Transformationskompetenz" aufgebaut. Das Regal ist bei näherer Betrachtung nicht mit Büchern, sondern mit Schwimmwesten bestückt, die er in der Ägäis eingesammelt hat. Von Geflüchteten, die das rettende Ufer erreichten, zurückgelassen. Die Gartenschau hat am 17. April eröffnet, also musste er noch bleiben.

Dieses Jahr hat er mit seiner Wanderung schon in Nürtingen begonnen. Direkt hinter dem Roßdorf führt ein Zweig des Jakobswegs durch Frickenhausen zum Tiefenbachtal. Auf der Nanzwiese hat er versucht, weitere Mitwanderer zu gewinnen. Eine Studentin war ganz begeistert, wollte nur noch ein paar Kommilitonen holen. Enttäuscht rief sie an: Ihre Mitbewohner lagen noch im Bett, sie waren nicht zu überzeugen. So sind nur Mayer-Brennenstuhl, Harlos und Andreas Bierlein unterwegs, der im Roßdorf als Hausmeister arbeitet und ebenfalls für NT14 kandidiert. Ja, der Weg zu einem neuen Europa ist weit.

In Saint-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen sind Mayer-Brennenstuhl und Harlos nun an Ostern losgezogen. Alle anderen hatten abgesagt. Zu zweit konnten sie ihre Neuropa-Bar nicht mitnehmen, die auf der Nanzwiese im Roßdorf und zum ersten Mal im September des vergangenen Jahres am Brenner zum Einsatz kam. Dort war der Künstler mit dem "Omnibus für direkte Demokratie" und der Initiative "European Public Sphere" zusammengetroffen, die Gesprächswillige unter einer Kuppel zu Diskussionen einlädt. Mittlerweile ist Mayer-Brennenstuhl wieder allein unterwegs. Harlos musste zurück, wegen der Wahl.

Der Cammino di Santiago, der Jakobsweg, verbindet Europa: Im Mittelalter trug er, an der Grenze zum maurischen Spanien, zur Herausbildung einer europäischen Identität bei. Seit Papst Johannes Paul II. in Santiago di Compostela 1982 ein Europafest ausrief, seit die Europäische Union ihn 1987 zum ersten europäischen Kulturweg ernannte, ist er ein Symbol für Europa. Gelb auf blauem Grund sind die Jakobsmuscheln, die den Weg kennzeichnen. Mayer-Brennenstuhls Projekt heißt "Camino revolta". Leicht abgewandelt aus dem Spanischen, steckt darin die Revolte.

Sein Ziel ist der Mont Pèlerin – der Pilgerberg – bei Vevey am Genfer See. 2022 will er dort ankommen, 75 Jahre nachdem der österreichische Ökonom Friedrich von Hayek dort die Société Mont Pèlerin ins Leben gerufen hat, die heute mit ihrem neoliberalen oder neoklassischen Dogmatismus mehr denn je die Wirtschaftspolitik bestimmt. Wenn man so will wandert Mayer-Brennenstuhl zur Wurzel allen Übels.

Dabei waren die Gründer dieser elitären Gesellschaft keineswegs immer einer Meinung. Der Philosoph Karl Popper hielt die Fixierung auf den Markt als allein selig machendes Prinzip für falsch. Deutsche Ökonomen verteidigten den Gedanken der sozialen Marktwirtschaft.

Doch schließlich setzte sich die Chicagoer Schule um Milton Friedman, Mitbegründer und zeitweise Vorsitzender der Gesellschaft, immer mehr durch. Nach dem Sturz Salvador Allendes 1973 machten die "Chicago Boys" Chile zum Versuchslabor einer Politik, derzufolge der Staat sich soweit wie möglich aus dem Wirtschaftsgeschehen heraushalten soll. Auch wenn sich diese Politik in Chile nur mit brutaler Staatsmacht durchsetzen ließ.

Als die so genannten Dritte-Welt-Länder um 1980 infolge von Spekulationen auf den Rohstoffmärkten in eine Schuldenkrise gerieten, setzten sie ihre Austeritätspolitik nun im globalen Maßstab durch: Der Staat soll seine Ausgaben zurückfahren, verlangen sie, und sich möglichst wenig in die Ökonomie einmischen. Mit verheerenden sozialen Folgen. Und ganz im Gegensatz zur Theorie von John Maynard Keynes, der nach der Weltwirtschaftskrise 1929 mit seiner Lehre, der Staat müsse in der Krise Geld ausgeben und in Boomzeiten sparen, durchaus Erfolge erzielt hatte.

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 haben die Dogmen aus Chicago auch Europa erreicht. Durch Sparmaßnahmen sollte Griechenland die Schuldenkrise lösen. Große Teile der Bevölkerung gerieten in Not, und damit auch die noch funktionierenden Bereiche der Wirtschaft. Das verlangt, nein diktiert die Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, die ihre Politik 2011 auch in Italien durchgeboxt hat. Durch keinerlei Wahl legitimiert, setzte der frühere EU-Kommissar Mario Monti, zum Ministerpräsidenten ernannt, die Sparpolitik rücksichtslos durch: mitunter ein Grund für den Aufstieg der Rechtspopulisten.

Gegen diese Doktrin, die am Mont Pèlerin ausgeheckt wurde, ist schwer anzukommen. Nicht weil sie Erfolge vorweisen kann. Sondern weil Ökonomen, die dieser Lehre anhängen, weltweit Lehrstühle und Gremien besetzen, die über Karrieren von Nachwuchswissenschaftlern und über die Wirtschaftspolitik entscheiden.

Was kann ein einsamer Künstler, der den Jakobsweg gegen den Strom rückwärts läuft, dagegen ausrichten? Ist er nicht wie ein Don Quichotte, der mit Windmühlenflügeln kämpft? Immer wieder begegnet Mayer-Brennenstuhl Gruppen von Wanderern, die ihn auf seine Neuropa-Fahne ansprechen. Daraus entwickeln sich Diskussionen über Alternativen. Darüber, wie das extreme Ungleichgewicht zwischen dem reichen Deutschland und den ärmeren südeuropäischen Ländern aufgehoben werden könnte, wie die daraus entstandene Spaltung überwunden werden kann. Weiter so, sagt Mayer-Brennenstuhl, sei jedenfalls keine Alternative.

Bis sein Neuropa erreicht sei, werde es wohl noch 100 Jahre dauern, hat ein junger Franzose zu Andreas Mayer-Brennenstuhl gesagt. "Das mag sein", antwortet der Künstler. "Aber um überhaupt irgendwo anzukommen, muss man sich erst mal auf den Weg machen." Und dann wanderte er weiter.

 

Nach dem "European Balcony Project" von Ulrike Guérot und Robert Menasse, im November 2018, ruft Andreas Mayer-Brennenstuhl vom Balkon der Nürtinger Seegrasspinnerei die Europäische Republik aus.

Zum Blog über seine Wanderung geht es hier.



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