Eugenia, Elena und Anna (v. l. n. r.) treffen sich jeden Tag auf der Bank im Zentrum vom Roßdorf.

Eugenia, Elena und Anna (v. l. n. r.) treffen sich jeden Tag auf der Bank im Zentrum vom Roßdorf.

Ausgabe 265
Gesellschaft

Risse in der schönen, heilen Welt

Von Susanne Stiefel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 27.04.2016
Die Roßdorfer wollen keine Flüchtlinge aufnehmen. Bei der Landtagswahl hat mehr als ein Drittel die rechtspopulistische AfD gewählt. So lesen sich Meldungen über den Nürtinger Stadtteil. "Wir Roßdorfer sind bunt, nicht braun", wehrt sich Reinmar Wipper. Besuch in einer Siedlung, die in Verruf geraten ist.

Von hier oben hat man den Überblick. Liebermannhochhaus, 20. Stock, hoch über den Dächern vom Roßdorf. In der Ferne die Schwäbische Alb, etwas näher Nürtingen, ganz nahe, am Fuße des Hochhauses, unter den surrenden Hochspannungsleitungen, direkt neben der ökumenischen Stephanusgemeinde, eine Wiese. Die Nanzwiese. Hier will die Stadt Nürtingen Flüchtlinge unterbringen. Reinmar Wipper, grauer Zauselbart, Brille, erklärungsgewandt, zeigt nach unten: "Direkt unter den Leitungen, das ist doch kein Platz für Flüchtlinge", sagt der 72-Jährige.

Blick auf die Nanzwiese vom Liebermannhochhaus.
Blick auf die Nanzwiese vom Liebermannhochhaus.

Seit einem Jahr knistert es im Roßdorf. Die Stadt Nürtingen sucht fieberhaft nach Orten, wo sie Flüchtlinge unterbringen kann. Sie suchte auch im Roßdorf, fand dort die Nanzwiese. Gerüchte machten die Runde, hetzerische Flugblätter steckten in den Briefkästen, die zum "Widerstand gegen das Asylantenheim" aufriefen, die vor Al Kaida warnten und einen "Anschlag auf die Stephanuskirche" unterstellten. Anonym. Reinmar Wipper, ehemaliger Lehrer, ehemaliger Stadtrat der Nürtinger Liste/Grüne, hat Anzeige wegen Volksverhetzung gegen unbekannt gestellt. "Das geht gar nicht", sagt er. Es gehe aber auch nicht, dass die Stadt die Ängste der Roßdorfer auf die leichte Schulter nehme. Viele, allen voran die Russlanddeutschen, fühlen sich nicht ernst genommen und zu wenig informiert.

Es gibt überlegenswerte Argumente gegen einen Flüchtlingscontainer an diesem Ort. Es gibt die Not der Stadtverwaltung, die Flüchtlinge schnell unterbringen muss. Und es gibt die Ängste der Roßdorfer. Die Gemengelage ist eine diffizile. Und mittendrin die Russlanddeutschen mit ihrer Angst vor Fremden und ihrer Sorge um Sicherheit. Aber die braune Keule hilft auch nicht weiter.

Also heruntergestiegen vom Hochhaus. Da sitzen sie auf dem Bänkle, Rollator vorne, Frühlingssonne von hinten: Eugenia, Elena und Anna, drei ältere, russlanddeutsche Damen, Wollmütze fest auf dem Kopf, Schalk in den Augen. Seit 17 Jahren lebt Anna bei ihrer Tochter im Roßdorf, täglich trifft sie sich mit ihren Freundinnen am Dürerplatz, zu Hause haben die Jungen das Sagen. "Du hast Glück, Schwiegersohn füttert dich durch", sagt Elena mit starkem Akzent. "Aber nur bis 90", antwortet Anna, 87, und lacht: "Spaß." Von Politik wollen die drei Frauen nichts wissen. Die Jungen haben gesagt, wo sie bei der Landtagswahl ihr Kreuz machen sollen: AfD. Schulterzucken. Nicken: Ja, sie haben Angst vor den Flüchtlingen, vor den geplanten Containern auf der Nanzwiese gleich nebenan, man höre so viel von Vergewaltigungen, Selbstmordattentaten, Muslimen. Gerüchte haben eine lange Halbwertzeit rund um den Dürerplatz.

Ein bisschen fühlt er sich als Bürgermeister vom Roßdorf: Reinmar Wipper.
Ein bisschen fühlt er sich als Bürgermeister vom Roßdorf: Reinmar Wipper.

Auch Reinmar Wipper ist vom Liebermann nach unten gekommen. Er ist gerne dort oben, wegen des Blicks und des Überblicks vom höchsten Hochhaus, er kennt aber auch die Niederungen seines Roßdorf. Seit fast 40 Jahren wohnt er im ersten Stock, fast ebenerdig, doch die Türen bleiben offen, als er zu einer Führung durch sein Viertel einlädt. Der Mann hat Vertrauen in seine Nachbarn. Er zeigt auf die Stephanuskirche ("Wir haben eine engagierte Pfarrerin"), den russischen Laden mit dem märchenhaften Namen Skaska ("Unser Tante-Emma-Laden"), er weiß, dass die Russlanddeutschen lieber hier einkaufen als im "Lädle" am Dürerplatz, wo Brot und Fleisch zwar öko, aber auch teurer sind. Natürlich kennt er auch die drei alten Damen, nach denen man die Uhr stellen kann. Täglich ab 14 Uhr sitzen sie hier, auf dem Marktplatz der Siedlung, mit Apotheke, Kreissparkasse, Kosmetiksalon, Fotostudio, Regiolädle, Bäckerei mit Café. "Mit Kaffee und Humor kommt man dem Stress zuvor", steht auf den Pappbechern.

Das Roßdorf wurde in den 60er-Jahren gebaut als Bundesmustersiedlung, von exquisiten Einfamilien- über Terrassen- bis hin zu Hochhäusern ist hier alles zu finden. Grund war der Zuzug von Heimatvertriebenen, in den 90ern kamen die Spätaussiedler dazu. Knapp 34 Prozent der Roßdorfer haben im März die AfD gewählt.

Reinmar Wipper ist ein Fremdenführer der besonderen Art, kämpferisch, sendungsbewusst und kein bisschen altersmilde. Er kennt nicht nur die Fakten, sondern auch die Seele seines Viertels. Den Unterstützungsfond "Teilen im Roßdorf", der Spenden einsammelt und weniger Begüterte unbürokratisch unterstützt. Die Bürgervereinigung Roßdorf, die Veranstaltungen und Treffs organisiert, sich ums multikulturelle Zusammenleben kümmert und monatlich eine Zeitung herausbringt. Es gibt einen engagierten Sozialarbeiter, eine engagierte Pfarrerin und jede Menge Feste auf dem Dürerplatz. "Wir sind bunt, nicht braun", sagt Wipper.

Der Skaska ist billiger als das Ökolädle am Dürerplatz.
Der Skaska ist billiger als das Ökolädle am Dürerplatz.

Er kämpft um den Ruf seines Viertels und für seinen Traum von einem multikulturellen, friedlichen Miteinander. 2009 kam er für die Nürtinger Liste/Grüne in den Gemeinderat, seit die Pläne zur Nanzwiese bekannt wurden, fordert er vehement mehr Informationen und direkte Gespräche. Als ihm ein CDU-Kollege vergangenes Jahr vorwarf, eine braune Suppe anzurühren, ist er zurückgetreten. Stiller ist er deshalb nicht geworden. "Der öffentliche Frieden im Roßdorf ist gefährdet", schreibt er an OB Otmar Heirich von der SPD, "kommen Sie hierher und reden mit den Menschen."

Es wirkt seltsam vorgeschoben, das Argument, dass man Flüchtlinge nicht unter den knisternden Hochspannungsleitungen unterbringen soll. Wenn man das ernst meinte, müsste man auch die Häuser räumen, die seit den Zeiten drunterstehen, als man es mit der Strahlengefahr noch nicht so genau nahm. Doch hinter diesen Argumenten stecken irrationale Ängste vor Übergriffen alleinstehender Männer und vor muslimischen Terroristen. Ängste, die von anonymen Flugblattschreibern noch angeheizt wurden: "Wir werden Widerstand leisten. Sollte das Asylantenheim dennoch gebaut werden, haben wir das Recht und die Pflicht zum Widerstand", war da zu lesen. Reinmar Wipper will nicht, dass die Situation eskaliert. Immer öfter hört er russlanddeutsche Männer sagen, dass sie ihre Frauen und Kinder beschützen wollen, notfalls mit Waffen. Er hält argumentativ dagegen, klärt auf. Er meint, dass das auch der Oberbürgermeister tun sollte. Bei einer Bürgerversammlung im Roßdorf.

Zwischen den Hochhäusern wuchern die Ängste in die Höhe.
Zwischen den Hochhäusern wuchern die Ängste in die Höhe.

Es ist so eine Sache mit den Ängsten. Sie wuchern umso mehr, je weniger sie von Informationen gestoppt werden. Angst kann man auch trefflich instrumentalisieren, niemand beherrscht das besser als die Rechtspopulisten von der AfD. Zur Wahlveranstaltung mit Beatrix von Storch strömten viele Roßdorfer ins Waldheim gleich um die Ecke. "Viele haben mit ihrem Kreuz gegen die Stadtverwaltung protestiert", sagt Katharina Propp.

Konstantin und Katharina Propp waren nicht dabei. Als die Kinder klein waren, zogen die Propps hierher. Wie ein Dörfle sei es, die Natur so nahe, Kindergarten, Grundschule, alles hier für die Kleinen, und auch die Nachbarn hatten ein Auge auf die Kinder. Die Propps, deren Eltern aus Russland geflüchtet waren, fühlten sich sicher. "Nein, ich habe keine Angst", sagt Katharina, 37, Absolventin der Lazi Medienakademie, ernst, "aber man macht sich nach Silvester so seine Gedanken." Konstantins bester Freund in Kasachstan war Muslim, "aber man macht sich schon Gedanken, wenn man die Nachrichten von Terroranschlägen liest".

Seit 2009 betreibt das Paar sein Fotostudio Propp Photographie, mitten im Roßdorf, am Dürerplatz. Babybilder hängen im Schaufenster und an den Wänden ihres kleinen Studios, daneben Bilder lächelnder Paare. Die Propps haben viel zu tun, Hochzeit für Hochzeiten ist von April bis September, "da fotografieren wir jedes Wochenende". Bei russischen Hochzeiten ist ein Video ein Muss, das ist der Job von Konstantin. Der gelernte Zahntechniker ist 44, Autodidakt und redet wenig. Er ist immer noch auf Kriegsfuß mit der deutschen Sprache, kam erst mit 15 Jahren nach Deutschland. Zwei Kinder hat das Paar, die älteste Tochter geht aufs Gymnasium, deren Freunde haben türkische, italienische oder rumänische Namen. "Wir haben nichts gegen Flüchtlinge", sagt Katharina, "wir wollen nur Sicherheit für unsere Kinder."

Seit 2009 betreiben Katharina und Konstantin Ropp ein Fotostudio im Roßdorf.
Seit 2009 betreiben Katharina und Konstantin Ropp ein Fotostudio im Roßdorf.

Die Propps haben nicht AfD gewählt. Auch Wipper, der sich ein bisschen wie der Bürgermeister vom Roßdorf fühlt, kennt keinen einzigen AfD-Wähler. Ein wenig erinnert Roßdorf an das Italien der Berlusconi-Zeit: Viermal regierte der als Ministerpräsident, doch keiner wollte ihn gewählt haben.

In Nürtingen, 40 000 Einwohner, müssen 600 Flüchtlinge untergebracht werden, etwa 60 davon im Roßdorf. Etwa 4,5 Millionen deutschstämmige Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken leben heute in Deutschland. Warum wehren sich ausgerechnet Menschen gegen Flüchtlinge, die selbst einmal aus ihrer Heimat geflüchtet sind? Jagoda Marinic kennt die "Opferkonkurrenz zwischen neuen und alten Migranten". "Minderheiten, die sich ohne Willkommenskultur aus eigener Leistung integriert haben, fühlen sich nicht genug gewürdigt", sagt die 39-Jährige. Seit 2012 leitet Marinic das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg, sie habe die Stadt verändert, jubelte die Lokalpresse schon nach zwei Jahren.

Die Schwierigkeiten der Integration kennt die Tochter kroatischer Eltern aus eigener Erfahrung. Die Migranten haben geschuftet, sich hochgearbeitet, doch im öffentlichen Leben, in Verwaltung, Politik oder Medien sind sie wenig vertreten, am schlechtesten die Russlanddeutschen, sagt Marinic: "Das liegt auch an ihrer Skepsis gegenüber dem politischen System in ihrer Heimat." Nun sehen sie plötzlich eine Willkommenskultur, von der sie einst wenig gespürt haben. Nach dem Willen der Bundesregierung soll es jetzt ein Integrationsgesetz geben. Für die alten Migranten kommt es zu spät.

Birgit Mattausch arbeitet seit sechs Jahren als Pfarrerin im Roßdorf. Sie kennt die Biografien der Alten von ihren Sterbegesprächen, die Geschichten vom Leben im Arbeitslager, von der Ankunft in Sibirien, wo sich Vertriebene für die erste Nacht im Boden eingruben, um nicht zu erfrieren. Sie kennt den Familienzusammenhalt, die Tauffrömmigkeit, die Sterbekultur. Die Pfarrerin mit dem sonnigen Lächeln mag diese Menschen, die in Russland die Nazis waren, in Deutschland als Kommunisten geächtet werden und nun versuchen, zwischen den Welten klarzukommen. Sie lächelt breit, wenn sie von "meinen Russlanddeutschen" erzählt. Doch vergangenen Sommer, bei der Diskussion um die Nanzwiese, ist ihr zum ersten Mal Rassismus begegnet. Über das Abschneiden der AfD ist die junge Pfarrerin erschrocken. "Krass", sagt sie, "die heile schöne Roßdorfwelt hat Risse bekommen."

Vergangenen Mittwoch, am 20. April, sind der Nürtinger Oberbürgermeister und seine Bürgermeisterin Claudia Grau (parteilos) nun ins Roßdorf gekommen. Sie haben sich mit Vertretern der Kirche, dem Chef des Polizeipostens und Vertretern der Bürgervereinigung Roßdorf an einen Tisch gesetzt. Zwei Stunden haben sie diskutiert. Ein Aktionskreis Flüchtlinge soll im Roßdorf gebildet werden, der die ängstlichen Roßdorfer aufklären und Privatwohnungen für die Flüchtlinge finden soll. Eine öffentliche Veranstaltung mit dem Oberbürgermeister wird es derzeit nicht geben. Noch sind die Planungen nicht abgeschlossen. 


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