Ausgabe 355
Zeitgeschehen

In der Mensa mit Rudi Dutschke

Von Peter Grohmann
Datum: 17.01.2018
50 Jahre 1968: Für Kontext erinnert sich Anstifter und Alt-68er Peter Grohmann an die Besonderheiten der Protest-Bewegung in Stuttgart. Und an seine Bekanntschaft mit Rudi und Gretchen Dutschke.

Wann begann eigentlich dieses 68? Jedenfalls nicht 1968. Schon am 12. April 1957 protestierten im Göttinger Manifest 18 der angesehensten Atomforscher (unter anderem Otto Hahn, Max Born, Werner Heisenberg) gegen die von Konrad Adenauer und Franz-Josef Strauß angestrebte atomare Aufrüstung der Bundeswehr. In der Kampagne "Kampf dem Atomtod" formierte sich breiter Widerstand, organisatorisch und finanziell getragen von SPD und Gewerkschaften, linken Jugendorganisationen, Prominenten und örtlichen Komitees. Es gab bundesweit Kundgebungen und Demonstrationen, aber sie konnten den Aufrüstungsbeschluss des Bundestags vom 25. März 1958 nicht verhindern oder gar rückgängig machen.

Peter Grohmann (zweiter von rechts) in wilden Zeiten. Foto: privat
Peter Grohmann (2.v.re.) in wilden Zeiten. Foto: privat

Die Sechziger Jahre wurden thematisch eingebombt von Heinrich Böll und Thomas Dehler, Robert Jungk, Erich Kästner, Eugen Kogon, Martin Niemöller. Im Unter- und Hintergrund werkelten seit 1956 fleißig die verbotenen Kommunisten, stritten vergeblich um KZ-Renten und bekamen es mit den Richtern aus der Nazi-Zeit zu tun. Die Kirchen sahen die Welt in Sünde und waren weit weg von jeder Beichte. Im Regierungslager regierten die alten Kameraden, sofern sie nicht ihre fetten Pensionen genossen. Fidel Castro und Che Guevara winkten aus Übersee – sie immerhin hatten eben ein US-gelenktes Terrorregime gestürzt. Unsereins aber stürzte sich auf die Antibabypille, die den Ostermärschen Auftrieb gaben, freute sich naiv über John F. Kennedy, der freilich eine bessere Figur machte als Bundespräsident Heinrich Lübke. Die SPD hatte sich mit ihrem Godesberger Programm von vermeintlich überflüssigen Klamotten befreit – und ich machte auf der Schwäbischen Alb Hochzeit, zivilen Ersatzdienst als Gärtner und war neben dem Ausgeizen von Tomaten ganz darauf konzentriert, die Welt zu retten, was letztlich zu meinem Ausschluss aus der SPD führte. Ich war nicht allein. Parteiausschlüsse gab es von der Stange.

In diesen Jahren wurden die Samen gelegt für die 68er, die Außerparlamentarische Opposition (APO). Wir sind ja auch nicht vom Himmel gefallen.

Unterwegs auf dem dritten Bildungsweg

Weil es keine Handys gab, kaum Telefon, waren wir in den frühen Sechzigern gezwungen, uns zu treffen. Entweder in der Wohnung oder eben Auge um Auge am Arbeitsplatz: Gespräche in der kleinen und großen Pause, Debatte nach Feierabend, Bier, Gruppenabende, Wanderungen, Seminare am Wochenende, Zeltlager. Briefe schreiben, echte Leute besuchen, Bücher lesen. Musik, Moorsoldaten und Moritaten. Abendschule. Wir waren viel unterwegs auf dem dritten Bildungsweg.

Die Welt war interessant, innen wie außen, der Jubel der Kriegsgegner über gewonnene Befreiungskriege laut. Schon gehört? Patrice Lumumba im Kongo, Grigoris Lambrakis, Griechenland. Linke Helden haben kurze Leben. Augstein muss in den Knast. Am Stuttgarter Schlossplatz unter den Kastanien jeden Abend bis tief in die Nacht lustgetränkte Volksdebatten, spontane Aktionen gegen Strauß oder die neuen Luftschutzsirenen.

Nato nein? Autokorso in die Innenstadt: Ich musste beim Stuttgarter Polizeipräsidenten die Slogans zur Genehmigung vorlegen. 1964 bekommt Robert Havemann, Widerstandskämpfer, in der DDR Berufsverbot, der Auschwitz-Prozess in Frankfurt beginnt, wir gründen in der Leonhardstraße 8 in Stuttgart den Club Voltaire (1964-1971).

Wir? Lohnabhängige, undogmatische Linke, Junge. Künstlerinnen. Viele, die in diesen Jahren in der Stadt der Auslandsdeutschen Wegweiser aufstellten, etwa Fritz Lamm und Susanne Leonhardt, Rose Acker, Eugen Eberle, Helga Schmalenberger, Uta Bitterli. Willi Hoss, Carsten Kunkel, Otto Höft. Niedlich, Kiwus, Esser, Podlech. Helmut Mader. Katja Tenholt. Jack Beck. Jutta Österle. Wolfgang Killgus, Margot Wilhelmy. Jügen Holtfreter. Kurt Blank. Ich. Viele.

Es waren die Jahre des Nelson Mandela, der Millionen "Gastarbeiter", der Bilder von Bomben und Napalm in Vietnamkrieg, der Erinnerung an Hiroshima, des Gestanks der alten Kameraden in Ämtern und Würden und der von uns gepamperten Diktaturen weltweit. Wir in der BRD waren uns für die Franco-Faschisten nicht zu schade und nicht für Portugals Salazar, nicht fürs Apartheid-Regime in Südafrika. Es gab keine Militärdiktatur, mit der wir Deutschen nicht auf Du waren.

Prima Klima für die APO

Im Club Voltaire gab es Weisheit mit Löffeln zu fressen, und wir haben tüchtig zugelangt. Mitunter hat es geholfen. Solche Dreh- und Angelpunkte sind heute, 2018, selten. Sie finden sich vielleicht bei der Spätgeburt der 68er, den AnStiftern. Dabei war damals schon die Einheitsfront kein erklärtes Ziel, es reizten eher die Dissidenten, ob in Ungarn, Polen, der CSSR, der DDR, die Abweichler von SPD und KPD, die Häretiker wie die Dutschkes, und es störten eher die Sektierer, die Blindgänger, die Gläubigen aus allen Lagern. Und es war eben kein elitäres Gequatsche bis tief in die Nacht, kein Debattieren, bis die letzten Lohnabhängigen die Schnauze voll hatten und ins Bett mussten. Schichtbeginn 6 Uhr.

Willi und Heidemarie Hoss mit Tochter Nina beim Gastarbeiterfest am Killesberg. Foto: Peter Mielert
Willi Hoss und Heidemarie Rohweder mit Tochter Nina beim Gastarbeiterfest am Killesberg. Foto: Peter Mielert

Politische Praxis für den Alltag war mehr. Da war der Aufruf für die "griechische Sache", die gemeinsame Sache mit den Gastarbeitern aus Hellas also, die hier vom griechischen Geheimdienst und dem Verfassungsschutz bespitzelt wurden. Da war die gemeinsame Sache mit den ausländischen Kolleginnen und Kollegen am Fließband bei Daimler, das Aufbegehren gegen Betriebsratsfürsten und Wahlmanipulation – die Plakat-Gruppe mit Willi Hoss, Hermann Mühleisen und Mario d'Andrea setzte andere Maßstäbe für die innergewerkschaftliche Demokratie. Von der Leonhardstraße und seinem Umfeld ging die Initiative für das große Fest "Zu Gast bei Gastarbeitern" auf dem Killesberg aus, und das studentische Publikum war weniger als eine kleine radikale Minderheit.

Diese politischen Prägungen waren eine Art Stuttgarter Spezialität. Sie hatten, sag ich jetzt mal ganz ungeforscht, ihre Ursprünge in der Vielfalt und Vielschichtigkeit der Gründerjahre der Stuttgarter Arbeiterbewegung, in den theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen der 20er Jahre, in Spaltungen. Sie blieb, wenn man den Begriff Arbeiterbewegung nicht zu eng fasst, vielschichtig, bunt, intellektuell, divergent und Ursache für den Klimawandel. Andernorts in Deutschland war häufig schon Eiszeit oder wenigstens Nebel, hier ein kräftiger Wind.

Dass beim Pariser Mai Studenten und Arbeiter gemeinsam auf die Straße gingen, war bei uns in Stuttgart nicht neu. Die Entstehung des Volksstaates, der Republik in Württemberg, hatten unter anderem die Anstifter Fritz Rück und August Thalheimer und 100 000 Arbeiterinnen und Arbeiter schon 1918 auf dem Schlossplatz besorgt, und Rudi Dutschke schien das zu wissen, auch wenn er in der DDR nicht studieren durfte.

Mit Rudi Dutschke in der WG

Rudi und seine Frau Gretchen lernten wir Mitte der 1960er kennen. Kontakt hatten wir zum Beispiel durch die Gruppe "Subversiven Aktion", der Rudi angehörte und die zum 80. Deutschen Katholikentag 1964 in Stuttgart ("Wandelt Euch durch ein neues Denken") eine "Botschaft an die Lämmer des Herrn" verfasst hatte. Ich hatte die für den Anschlag an Kirchentüren bestimmten Pamphlete in meiner kleinen Buchdruckerei gedruckt – so wie in jenen Jahren manche legale oder und illegale Broschüre für den Ober- und Untergrund. Beim Kongress "Notstand der Demokratie" 1966, dem Internationalen Vietnamkongress in Berlin 1968, den Ostermärschen gegen Atombewaffnung in Ost und West, der selbsternannten Außerparlamentarischen Aktion oder dem Angela-Davis-Kongress des Sozialistischen Büros in Frankfurt (1972) gab es öfter tiefgründige Debatten mit Rudi und AkteurInnen aus dem stark studentisch geprägten Widerstand. Zu Rudis Frau Gretchen Dutschke-Klotz gab's deutlich weniger Kontakt; ja, Rudis Reisen, die Kinder, auch bei uns war noch viel an alten Rollen-Mustern zu finden.

Gretchen Dutschke-Klotz 2017 bei der Gedenkveranstaltung zum Tod von Benno Ohnesorg.
Gretchen Dutschke-Klotz 2017 bei der Gedenkveranstaltung zum Tod von Benno Ohnesorg in Berlin. Foto: Fridolin Freudenfett/Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Abgesehen von den großen Events – ein voller Saal im Gustav-Siegle-Haus und Debatten, bis der Hausmeister einschlief – war Rudi der aufmerksame Zuhörer, einer, der das Gespräch suchte, herausfinden wollte, wo was hakte, beim SDS, bei der APO, bei sich. Wenn er in Stuttgart war, wohnte er oft in unserer WG, die mit den kurzen Nächten, sein Sohn Che im Kinderladen am Neckartor. Wir trafen uns bei Willi Hoss und bei Ernst Bloch, und viel später, nach dem Attentat auf Rudi vom 11. April 1968, auch in der Hohenheimer Mensa. Dort blieb er unerkannt, wollte zuhören, um wieder sprechen zu lernen und die richtigen Fragen zu stellen. Wir wollen weiter, aber wie? Und mit wem?

Die RAF hatte keine Ahnung vom Boden der Tatsachen

Mit wem nicht war jedenfalls klar: Nicht mit der RAF, zu viel Einfalt, zu wenig Ahnung vom Boden der Tatsachen. Wir wollten weiter – mit den Unterdrückten, den vielen also, aber die verstanden die Studenten auf Teufel komm raus nicht – und umgekehrt. Wir von damals wären da doch der ideale Transmitter gewesen, wie? Fast aus dem Nichts hunderte "wilder", spontaner Streiks in Betrieben, ohne dass jemand den Vorstand gefragt hatte, doch es sah fast so aus, als sei das auf unserem Mist gewachsen. Seinerzeit haben sich die Kollegen erschreckt abgewandt, wenn Pol Pots Kommunistischer Bund in Untertürkheim Zeitungen anbot. Unser "plakat", die fünfsprachige Betriebszeitung für die Kollegen bei Daimler, ging weg wie warme Semmeln. Hat's geholfen? Wem? Die einen wurden Außenminister oder Ministerpräsident, die anderen blieben Plakatverteiler.

Eine Partei gründen, eine neue? Dann kommen die Grünen raus, immerhin. Ein Teil der undogmatischen Linken wechselte von der Straße in die Parlamente, und manche versuchten, mit einem Fuß noch auf dem Boden der harten Tatsachen zu bleiben. Was blieb? Die kleine radikale Minderheit, die es nicht vergessen hat: "... man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!" (Karl Marx, Einleitung "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie").

 

"Mythos 1968 – was bleibt?" Podiumsdiskussion mit Gretchen Dutschke-Klotz, Peter Grohmann, dem Historiker Prof. Detlef Siegfried und dem Publizisten Frank A. Meyer. Moderation: Silke Arning. Donnerstag, 18. Januar, 19 Uhr, Haus der Geschichte, Otto-Borst-Saal, Eintritt frei.


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