Indios in Amazonien, wo der Urwald seit langem brennt. Foto: Poema

Indios in Amazonien, wo der Urwald seit langem brennt. Foto: Poema

Ausgabe 440
Überm Kesselrand

Da packt uns die Wut

Von Gastautor Gerd Rathgeb
Datum: 04.09.2019
Die Welt ist aufgeschreckt. Der Regenwald in Brasilien brennt. Unser Autor weiß, warum das so ist. Er fährt seit Mitte der 1980er Jahre nach Amazonien, um mit dem Verein Poema der indigenen Bevölkerung zu helfen. In Kontext schreibt er, was zu tun wäre.

Als wir 1986, Willi Hoss und ich, mit dem Nachtbus von Belem zu dem riesigen Wasserkraftwerk Tucurui, gefahren sind, mussten wir das Taschentuch vor Mund und Nase halten, um den Rauch nicht einzuatmen, der durch alle Ritzen drang. Es war September und es brannte, wie jedes Jahr um diese Zeit, hier im Norden Brasiliens. Es waren damals noch Kleinbauern, angesiedelt aus den Trocken- und Hungergebieten des Landes, für die der Wald ein Hindernis war, um Manjok und Mais anzubauen. Brandrodung sagte man dazu – und es waren viele, die das taten.

Zwanzig Prozent des Waldes sind inzwischen verschwunden. Die Welt nahm es mit einem Achselzucken hin – oder merkte es nicht.

Seit mehr als 30 Jahren berichten wir von Poema immer und immer wieder über diese Situation und die Wut packt uns nicht selten, wenn wir bei unseren Reisen die Zerstörungen sehen. Doch wir geben nicht auf. Wir unterstützen Kleinbauern und Indigene dabei, im Regenwald leben zu können, ohne ihn zu zerstören. Brunnenbau, Gesundheits- und Bildungskurse, Solarenergie und Wiederaufforstungen waren und sind die Projekte, die wir zusammen mit den Betroffenen umgesetzt haben.

Doch wie geht das – im Wald leben, ohne ihn zu zerstören? Die Indios wissen es. Wir haben es verlernt. Für die angesiedelten Bauern wurde der Wald zum Feind.

Das Herrichten der Felder heißt, Feuer legen

Jedes Jahr brennt es deshalb in Amazonien. Meistens werden gegen Ende der Trockenzeit die Felder für die Aussaat hergerichtet, und das Herrichten heißt: Feuer, dessen Asche zum Nährstoffspender wird, zumindest für zwei Jahre. Dann geht es weiter – mit dem "Wanderfeldbau". An diesem Punkt schalteten sich die brasilianischen Experten von Poema Brasilien ein, der Partnerorganisation von Poema Stuttgart.

"AgroFlorestal" hieß das System, mit dem zerstörtes Land wieder bepflanzt wurde, mit Bäumen wie Mahagoni und dazwischen Fruchtpflanzen wie Kakao, Acai und Manjok. Früchte für den Alltag und zum Vermarkten. Es wurde wieder grün auf den schwarzen Feldern und viele Kleinbauern fingen an, Landwirtschaft zu betreiben, ohne den Wald abzubrennen.

Kooperativen und Genossenschaften wurden gegründet. Gummi wurde verarbeitet, aus den verschiedenen Hölzern wurden Kunstgegenstände gemacht, Paranüsse wurden gesammelt, verpackt und verkauft, Acai-Palmen angebaut. Es entstanden Projekte der nachhaltigen Waldbewirtschaftung mit kleinen Holzwerkstätten, in denen Möbel hergestellt wurden. Es zeigte sich an vielen Beispielen, dass ein Leben im Wald möglich ist, ohne ihn zu zerstören. Viele solcher Projekte wurden und werden von Poema unterstützt.

Auf der anderen Seite walzt sich die Transamazonica durchs Land, jene Mitte der 1950er Jahre begonnene Straße, die die Atlantik- mit der Pazifikküste verbinden sollte, was bis heute nicht gelungen ist. Dafür aber wurden Indios umgebracht oder vertrieben und die Großgrundbesitzer, die zum Teil vom Süden Brasiliens gekommen sind, fingen an, Rinderweiden anzulegen. Stundenlang fährt man heute auf Teilstücken der Transamazonica und sieht rechts und links keinen Wald mehr. Dafür Weideflächen und unzählige Rinder. So wurde Brasilien zu einem der größten Fleisch-Produzenten und -Exportweltmeister. Und so wurden aus verbrannten Wäldern Fazendas, riesige Rinderfarmen. Geschätzt wird, dass bereits ein Drittel des Regenwalds der Viehhaltung zum Opfer gefallen ist. 

Den Rindviechern folgt die Soja-Welle

Es folgte, vom weiter südlich gelegenen Bundesstaat Mato Grosso aus, die Soja-Welle. Aus großen Flächen von artenreichen Savannenwäldern wurden und werden Sojafelder – und diese Front schiebt sich immer weiter nach Norden in die Urwaldregionen hinein. Bis in die Gebiete um die Küstenstadt Santarem mit der riesigen Soja-Verladestation eines der größten Agrarkonzerne der Welt, Cargill, von wo aus die Häfen in China und Europa mit Sojabohnen zur Tierfütterung angefahren werden. Fleisch für die Welt, war und ist die Devise. Auf Kosten der Savannen- und Regenwälder, der Artenvielfalt und der Waldbewohner. Und wir bleiben scheinbar sauber dabei.

Und im Boden lagern Schätze aller Art. Der Großteil des Eisenerzes, das in Deutschland verarbeitet wird, kommt aus Brasilien, ebenso Aluminium, Kupfer, Nickel, Gold und Silber. Unsere indianischen Wajapi-Freunde wurden gerade von Goldsuchern überfallen und im Reservat der indigenen Kaapor möchte die Bergbaufirma Vale, eine der größten der Welt, nach Bodenschätzen bohren. Viele erinnern sich noch an die Katastrophen infolge gebrochener Staudämme mit Hunderten von Toten und vergifteten Flüssen. Am Eisenerz aus Brasilien, verarbeitet bei Daimler und VW, klebt das Blut von toten Arbeitern der Eisenerzminen Brasiliens.

Dieser sogenannten "Inwertsetzung" Amazoniens ist der Wald und sind die Indigenen im Weg. Das hat der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro immer wieder betont. Und deshalb brennt es am Amazonas. Dass es so weit kommen würde, ist nicht überraschend. Hätten die Journalisten und viele Politiker und vielleicht auch wir alle zugehört und ernst genommen, was Bolsonaro vor und nach seiner Wahl gesagt hat, würden wir jetzt nicht so fassungslos vor dem Fernseher sitzen.

Machen wir uns nichts vor: Das Überleben der Kleinbauern und Indios setzt voraus, dass die grenzenlose Ausweitung der Landflächen für den Export von landwirtschaftlichen Produkten und Bodenschätzen in alle Welt eingeschränkt wird. Das Lebensrecht der Menschen, ihre Ernährungssicherheit, der Erhalt der Biodiversität und die Bedeutung des Waldes für das Weltklima sollten vor den Exportinteressen stehen.

Bei all dem Katastrophen-Aufschrei gilt es jetzt allerdings auch, nicht aus der Fassung zu geraten. Wir sollten sehr genau analysieren, wie es zu der jetzigen Situation gekommen ist, und uns in Ruhe überlegen, wie unsere Antwort und die Strategie in dieser Situation aussehen kann. 

Die Amtszeit von Bolsonaro möglichst kurz halten

Wir von Poema werden nach wie vor – und jetzt noch mehr als zuvor – unsere Partner und Freunde in Amazonien in ihrem täglichen Kampf um ihr Land unterstützen und Projekte wie Wiederaufforstung, Trinkwasser und Bildung fördern. Wir werden weiterhin mit Rundbriefen und Vorträgen in Deutschland informieren und darüber diskutieren, wie das Verhalten unserer Politiker und Wirtschaftsführer sowie unsere Art, zu konsumieren, mit der Zerstörung der Regenwälder zusammenhängen.

Wir sind der Meinung, dass der Handelsvertrag mit den Mercosur-Staaten gestoppt werden muss. Zum einen können wir nicht verstehen, warum wir noch mehr Fleisch aus Brasilien importieren wollen, wo wir doch jetzt schon zu viel Fleisch auf den Markt bringen. Genauso wichtig wäre es, auf den Import von Soja zu verzichten. Es ist genverseucht und wächst auf glyphosatvergifteten Böden. Wir sollten eher anstreben, unsere Futtermittel hier zu produzieren, und die Massentierhaltung beenden.

Wir werden uns auch zukünftig in Kooperation mit vielen anderen Brasilien-Gruppen dafür einsetzen, dass die Firmen und Konzerne, die mit Brasilien Handel treiben, verpflichtet werden, die Menschenrechte und die Rechte der Indigenen in ihren Lieferketten zu beachten und nur Handel zu betreiben, wenn dabei die Folgen für die Umwelt geprüft und beachtet werden.

Zusammen mit unseren Partnern, Freunden und der Zivilgesellschaft in Amazonien werden wir das uns Mögliche tun, die Amtszeit des Rassisten Bolsonaro möglichst kurz zu halten. Er ist es, der durch seine Sprache und sein Denken das Land vergiftet, spaltet und Feuer legt. Daher gilt es, die gesellschaftlichen Kräfte in Brasilien, die NGOs, die progressiven Kirchenteile und die Gewerkschaften zu stärken. Ich glaube, dass die Feuer gelöscht werden können, wenn in möglichst vielen von uns das Feuer der Veränderung entfacht wird.


Gerd Rathgeb, 74, ist Mitbegründer von Poema Deutschland e.V., eine Abkürzung, die übersetzt "Armut und Umwelt in Amazonien" bedeutet. Zusammen mit Willi Hoss gehörte er auch der legendären "Plakat-Gruppe" an, die bei Daimler linke Betriebsarbeit leistete. Seit Mitte der 1980er Jahre fährt Rathgeb regelmäßig nach Amazonien. Das Spendenkonto von Poema ist hier zu finden.


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