Voith-Gegner Gerd Rathgeb (2. v. l.) mit Demonstranten vor der Heidenheimer Konzernzentrale im Juni 2012.  Foto: privat

Voith-Gegner Gerd Rathgeb (2. v. l.) mit Demonstranten vor der Heidenheimer Konzernzentrale im Juni 2012. Foto: privat

Ausgabe 203
Wirtschaft

Voll gegen den Staudamm

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 18.02.2015
Der "1. Fairtrade-School-Kongress Baden-Württemberg" sollte am 12. März stattfinden. Bei Voith in Heidenheim. Bis die Veranstalter erfahren haben, dass der Turbinenbauer am umstrittenen Staudammprojekt Belo Monte in Brasilien beteiligt ist.

Wanderer, kommst du nach Heidenheim, triffst du auf Voith. In der Stadt auf den Stammsitz, am Fußballplatz auf die Arena, in der Schule, beim Orchester, in der Arbeitersiedlung. Überall steht Voith drauf. Rein rechnerisch schafft jeder zehnte Heidenheimer bei Voith: Die Stadt hat 46 000 Einwohner und 4500 Voithianer, die allerdings weniger werden könnten. Wieder einmal ist von Arbeitsplatzabbau die Rede. Das Geschäft mit den Papiermaschinen läuft schlecht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Schwäbischen spricht man gerne von einem Mittelständler, selbst wenn er ein Global Player ist. Immer schön bescheiden halt, auch wenn man fast 40 000 Mitarbeiter hat, an 50 Standorten zu Hause ist und 5,3 Milliarden Euro Umsatz macht. Außerdem fühlt sich die Eigentümerfamilie der Waldorfpädagogik verpflichtet, was Marktgeschrei aus- und eine gewisse Innerlichkeit einschließt. Deshalb legt das Unternehmen auch Wert auf eine "ganzheitliche Ausbildung" seines Personals.

Auch Kretschmann ist zu Voith nach Heidenheim geeilt

Das muss auch den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann überzeugt haben, denn sonst wäre er wohl im Mai vergangenen Jahres kaum nach Heidenheim geeilt, um das neue "Training Center" einzuweihen. "Eine einseitige Akademisierung macht keinen Sinn", hat er gesagt und traf damit den Ton der Geschäftsleitung, die zu den Mitbegründern der "Wissensfabrik" gehört. Einer Einrichtung für junge Menschen, die Deutschland "fit für den globalen Wettbewerb" machen soll.

"Macht eure Schule fair!" lautet der Werbeslogan der Kampagne. Screenshot
"Macht eure Schule fair!" lautet der Werbeslogan der Kampagne. Screenshot

Was also lag näher, als genau an diesem Ort den "1. Fairtrade-School-Kongress Baden-Württemberg" abzuhalten? Getragen von "Trans Fair", dem Verein zur Förderung des fairen Handels mit der "Dritten Welt". Für ihn war der Event ein Teil seiner Schulkampagne, kostenlos ausgerichtet von dem Wissensvermittler Voith. Idealerweise war das Heidenheimer Hellenstein- Gymnasium (Kooperationspartner Voith) die erste Fairtrade-Schule im Land, hinzu kamen weitere Schulen in Ulm und Sontheim, die sich den fairen Handel ebenfalls auf die Fahnen geschrieben hatten. Ein "Hotspot" sozusagen, wie Maria Gießmann von der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (SEZ) meint.

Sie hat den Kongress organisiert. Zusammen mit diversen entwicklungspädagogischen Einrichtungen, dem Staatsministerium sowie dem Kultusministerium, dessen Chef, Andreas Stoch, Heidenheimer Landtagsabgeordneter, SPD-Vorsitzender und Schirmherr der Fair-Trade-Schulkampagne ist. Das erste Grußwort war Voith vorbehalten, das zweite dem Oberbürgermeister der Stadt, Bernhard Ilg von der CDU. Die Jugendlichen sollten in Workshops ("Weltbewusst handeln – kritischer Konsum") unterrichtet werden, sich mit Poetry Slam für Fairness, Toleranz und Respekt vergnügen und die Botschaft in ihre Bildungsstätten weiter tragen.

Alles gut – bis Gerd Rathgeb auf Belo Monte aufmerksam macht

So weit so gut – bis Gerd Rathgeb kam. Der war einst Weggefährte von Daimler-Rebell Willi Hoss und spricht heute für Poema, einen Verein, dem auch mal Hoss' Tochter Nina angehörte und der sich seit mehr als 20 Jahren für den Erhalt des Regenwalds in Amazonien einsetzt. Und genau dort wird der Belo-Monte-Staudamm gebaut. Und genau dafür liefert Voith Turbinen und Generatoren. Im Wert von 443 Millionen Euro, wie das Unternehmen selbst bekundet. Darüber wollte der 70-jährige Stuttgarter sprechen. Erzählen, dass mit dem Staudamm eine Fläche größer als der Bodensee geflutet werde, 20 000 Menschen zwangsumgesiedelt würden und die Abholzung des Regenwalds den Klimawandel verschärfe.

Doch irgendwie sind sie nicht zusammengekommen. Der Grund dafür lässt sich nur schwer ermitteln. Rathgeb glaubt, dass sich die Veranstalter keine Laus in den Pelz setzen wollten. Aus Rücksicht auf den Gastgeber. Der aber sagt dazu nichts. In der Tat ist Rathgeb für Voith kein Unbekannter, eher ein rotes Tuch.

Schon vor zwei Jahren stand er mit seinem Verein vor dem Werkstor in Heidenheim, was dort ziemlich revolutionär ist, und debattierte mit Roland Münch, dem Chef von Voith Hydro. Und dessen Position ist klar: Brasilien ist ein demokratischer Staat, gebaut wird auf der Grundlage geltenden Rechts, und die Regierung gewährleistet den Schutz ihrer Bevölkerung. Im Übrigen helfe Voith mit, die langfristige, regenerative Energieversorgung des Landes zu sichern. So ist das alles auch in Briefwechseln nachzulesen, die der Konzern mit Umweltschützern pflegt. 

"Trans Fair" sagt ab: Voith ist mit der Mission nicht vereinbar

Das hat Rathgeb so wenig überzeugt wie den Kongress-Träger "Trans Fair". Das Staudammprojekt Belo Monte stehe im Gegensatz zu einer über 20-jährigen Arbeit , die sich dem "Schutz von Kleinbauern, der Natur und der Wahrung von Menschenrechten" verschrieben habe, teilt jetzt die stellvertretende Geschäftsführerin, Claudia Brück, brieflich mit. Eine Veranstaltung, die mit Unterstützung der Voith-Stiftung stattfinde, sei "mit unserer Mission unvereinbar". Und sie sagt ab.

Zum Missvergnügen von Organisatorin Maria Gießmann, die gleichwohl etwas zerknirscht ist. Da sei manches "nicht zu Ende gedacht" worden, räumt sie ein, der Vorgang Belo Monte/Voith sei ihr schlicht nicht gewärtig gewesen. Andererseits habe sie den Eindruck gehabt, Rathgeb sei "auf Krawall" aus und Voith gegenüber nicht auf Sachlichkeit angelegt gewesen. Er habe einen zusätzlichen Workshop erzwingen wollen, was schon nicht zu der thematischen Ausrichtung des Kongresses gepasst hätte. Die Kommunikation mit Voith sei jetzt "abgebrannt".

Klotz in der Landschaft: der Hauptkraftwerksblock des neuen Staudamms in Brasilien. Foto: privat
Klotz in der Landschaft: der Hauptkraftwerksblock des neuen Staudamms in Brasilien. Foto: privat

Der Konzern auf der Ostalb sieht das offenbar gelassener. Auf Anfrage bedauert er die Absage zwar sehr, legt aber Wert auf die Feststellung, dass er nicht Veranstalter sei und damit auch nicht verantwortlich für das Programm. Für alle weiteren Fragen sei Voith der "falsche Adressat". Nur so viel: Die Angaben von Poema könne man "leider nicht nachvollziehen", da der geplante Kongress thematisch "in keinerlei Zusammenhang mit dem Projekt Belo Monte stand". Unabhängig davon spreche man regelmäßig mit Nichtregierungsorganisationen über dieses Projekt.

Auch Rathgeb bedauert. Er hätte den Schülern gerne von Belo Monte berichtet, sagt er, in aller Ruhe. Von einer korrupten Regierung, von Fischern, die Zufahrten zu den Baustellen blockieren, von 500 Lastwagen, die Daimler geschickt hat, von dem katholischen Bischof Dom Erwin Kräutler, der sage, dass hier ein Bau "auf Biegen und Brechen durchgepeitscht" werde. Seine Informationen wären noch ganz frisch gewesen. Er war im November letzten Jahres vor Ort.

 

Ein Video zum Staudamm-Projekt gibt es unter diesem Link.

Karte des Staudamm-Gebiets:

 

 


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