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Wer war Stauffenberg?

Wer war Stauffenberg?
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Anlässlich des 75. Jahrestags des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 befasst sich das Haus der Geschichte in einer Ausstellung mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Eine Antwort auf die Frage, wer er wirklich war, Held oder nicht, ist auch dort nicht zu finden. Aber Interessantes zu seiner Rezeption.

Nun hat es Martin Sonneborn also auch ins Haus der Geschichte (HdG) Baden-Württemberg geschafft. In einer Vitrine der aktuellen Ausstellung "Attentat. Stauffenberg" hängen die Kleidungsstücke, die der Satiriker, Ex-Titanic-Chefredakteur und EU-Abgeordnete der Partei "Die Partei" bei einer Aktion auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2018 trug: Da wollte er, mit schwarzer Uniform aus der NS-Zeit, Augenklappe und Aktentasche verkleidet als Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einer Lesung des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke beiwohnen. Das gelang zwar aus verschiedenen Gründen nicht (mehr dazu hier), und historisch korrekt war die Verkleidung auch nicht – eine SS- statt einer Wehrmachtsuniform –, und doch war sie offenbar schon ikonisch genug, um sofort verlässlich Assoziationen an den Hitler-Attentäter wachzurufen, der auch bei den heutigen Rechten eher wenig Meriten genießt. Wobei – selbst das ist nicht ganz so einfach. Aber dazu später.

Stauffenberg ist heute auch ein bisschen eine Figur der Popkultur, spätestens seit Bryan Singers Spielfilmadaption des Hitler-Attentats, die unter dem Namen "Operation Walküre" 2008 mit Tom Cruise in der Hauptrolle in den Kinos lief. Historische Studien, die wirklich substanziell Neues zu Stauffenberg enthalten, wurden dagegen schon lange nicht mehr veröffentlicht. Was nicht bedeutet, dass sich bestimmte Deutungskämpfe nicht immer wiederholen – gerade wenn historische Jubiläen bevorstehen.

Die Frage, die dabei stets im Raum steht: Was war denn dieser Stauffenberg für einer? Ein zu bewundernder Held, weil er versuchte, Hitler zu töten, oder doch eine eher skeptisch bis ablehnend zu betrachtende Figur, weil er gewiss kein Demokrat war, ein eher elitär-autoritäres Staatsverständnis hatte und lange begeisterter Hitler-Anhänger (was man auch kurz übersetzen könnte mit: Nazi) war? Diese Frage, wie man Stauffenberg denn nun zu bewerten habe, werde ihr immer wieder gestellt, sagt Paula Lutum-Lenger, Direktorin des HdG. Und sie antworte dann immer wieder: Das sei nicht so einfach. Er ist eine ambivalente Figur, allenfalls in Grautönen zu zeichnen, nicht geeignet für schlichte Schwarz-Weiß-Raster, so sehr sich viele Menschen auch nach so klaren Einordnungen sehnen. Und da sein Attentat scheiterte, weiß man ja auch nicht, was im Erfolgsfall daraus hätte werden können. Viel Platz für kontroverse Deutungen also, die gelegentlich mehr über die Deutenden sagen als über ihr Objekt.

Am Anfang der Ausstellung steht "Streit"

So gesehen ist es ziemlich clever, wenn das HdG seine neue, recht kleine und kompakte Stauffenberg-Schau gleich mit dem Themenblock "Streit" beginnt: An einer Wand reihen sich zahlreiche Zitate von Historikern, Journalisten, Politikern und Angehörigen aneinander. "Ist Stauffenberg plötzlich kein Held mehr?", fragt etwa die "Bild"-Zeitung, "Nazi-Antisemit, kühner Wirrkopf?" die "Zeit". "Ich sehe ihn nicht als Helden, sondern als Vorbild", sagt seine Enkelin Sophie von Echtolsheim, während der Historiker Johannes Hürter das vermutlich nicht so sieht: "Stauffenberg war kein Demokrat, er wollte keine Republik, sondern etwas Autoritäres."

Diese Debatte, wie Stauffenberg angesichts seiner undemokratischen Einstellungen zu bewerten sei, wurde schon in den 1960ern geführt. "Seitdem ist klar, dass vom 20. Juli keine direkte Linie zur Demokratie der Bundesrepublik führt, wie sie sich seit 1949 entfaltet hat", sagte der Historiker Norbert Frei 2015 in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau". "Aber die Tatsache, dass der Umsturz versucht worden ist, wenn auch zu später Stunde, verdient unsere Anerkennung." Freis Zitat steht nicht an der Wand – es hätte gut gepasst.

Mögen sich antifaschistisch und eher politisch links gesinnte Menschen auch stets schwer getan haben mit dem doch im autoritären Denken verhafteten Stauffenberg, so schien die Deutung auf der politischen Rechten bislang einfacher gewesen zu sein: Stauffenberg als klarer Verräter, weil es gegen Hitler ging, weil ein Soldat so etwas nicht tut, nicht seinem Staat in den Rücken fällt. Entsprechende Behauptungen eines zweiten "Dolchstoßes" waren kurz nach Kriegsende populär. So dokumentiert die Ausstellung die Berichterstattung über den "Remer-Prozess" 1952: Otto Ernst Remer, Mitgründer der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP) hatte 1951 die Beteiligten am Hitler-Attentat als "Landesverräter" bezeichnet. Vor dem Braunschweiger Landgericht wurde er dafür, vorangetrieben vom leitenden Staatsanwalt Fritz Bauer, wegen Verleumdung zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – der er sich durch Flucht ins Ausland entzog.

Neu bei Pegida und Co.: die Chiffre "Stauffenberg 2.0"

Doch auch bei den Rechten sind die Rezeptionsmuster nicht statisch. Auf einem von vier Monitoren, die Diskussionen über Stauffenberg in den sozialen Medien dokumentieren, finden sich Posts aus dem rechten Milieu mit erstaunlich heftigen Kontroversen über Stauffenberg. Da steht in einem Post zusammen mit dem Hashtag "#MerkelEntsorgen" die Frage: "Wo bleibt ein Stauffenberg 2.0?" Oder: "Wer ruft Operation Walküre 2.0 aus?"

"Stauffenberg 2.0" sei eine Chiffre, die seit 2013 unter anderem von der Pegida-Bewegung verwendet wird, sagt Christopher Dowe, der die Ausstellung kuratiert hat. Hier steht nicht der Verrat eines Soldaten gegen seinen Oberbefehlshaber, sondern der versuchte Herrschermord im Mittelpunkt von – nun positiv konnotierten – rechten Stauffenberg-Assoziationen.

Von der anderen Seite des politischen Spektrums stammt ein ausgestelltes Plakat einer antimilitaristischen Gruppe, das 2014 am Eingang der Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss angebracht worden war. Unter dem Titel "Krieg beginnt hier" kritisiert es, dass sich die Bundeswehr durch Gelöbnisse am 20. Juli in eine Traditionslinie mit dem "deutschen Widerstand" stellen wolle, obwohl die Verschwörer doch eher in der Tradition des deutschen Militarismus standen. Die Argumentation ist dabei wohlbegründet und nur wenig radikaler als die mancher Historiker wie Hans Mommsen.

Diese Teile der Stauffenberg-Ausstellung, die sich mit den vielen verschiedenen Facetten der Stauffenberg-Rezeption von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart befassen, sind denn auch die interessantesten. Denn hier zeigt sich unter anderem, wie sehr sich die Deutung historischer Figuren und Ereignisse verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten anpassen kann und welche Versuche von Aneignung und Abgrenzung, von Instrumentalisierung, Mythisierung – oder auch Entmythisierung – einer Figur es geben kann. Und wie wenig die konkrete Historie damit mitunter noch zu tun haben kann.

Auch wenn es im Vergleich dazu wenig Neues in der historischen Forschung zu Stauffenberg selbst gibt – dass schon im Neu-Arrangieren und -Interpretieren bekannter Quellen Erregungspotenzial liegen kann, zeigte Thomas Karlaufs kontroverse, im März erschienene neue Stauffenberg-Biografie. Wie behandelt nun die HdG-Schau die historischen Ereignisse? Das Attentat steht zwar, dem Titel entsprechend, im Zentrum. Aber nur im Wortsinne: In der Mitte des kleinen Ausstellungsraums wird auf einem großen Tisch die Chronologie des Umsturzversuchs nachgezeichnet, mittels Touchscreen lässt sich eine Datenbank zu den Mitverschwörern durchforsten. Eine gründliche Dokumentation. Doch einzig der Aspekt, dass der Umsturz in Paris wesentlich erfolgreicher als in Berlin anlief, dürfte historisch weniger Ambitionierten neu sein.

Zu Stauffenbergs Wandlungsprozess gibt es nur wenige Quellen

Die Frage, was denn nun genau die Beweggründe Stauffenbergs waren, das Attentat zu planen, kann auch Dowe nicht beantworten. "Jede Stauffenberg-Ausstellung steht vor einem großen Problem: dem Überlieferungsproblem." Nach dem gescheiterten Attentat wurde die Familie Stauffenbergs in Sippenhaft genommen, der Besitz beschlagnahmt, das meiste davon sei verbrannt. Deshalb gibt es heute nur noch relativ wenige Quellen, die Aufschluss geben über Motive für und Stationen von Stauffenbergs "Wandel". Im ebenso – "Wandel" – genannten Ausstellungsteil können sich die Besucher mehrere kommentierte Textquellen dazu anschauen. Stauffenbergs selbst verfasste werfen dabei kein allzu gutes Licht auf ihn, denn sie zeigen ihn als Befürworter von Hitlers Kriegspolitik und Bolschewismus-Ablehnung. Und, in Eindrücken aus dem Polen-Feldzug vom 14. September 1939, auch als Antisemiten: "Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt."

Über Stauffenbergs allmählichen Wandel in Bezug auf Hitler, der 1942 begann, gibt es dagegen nur Aussagen von Freunden oder Verwandten. Und wie die zu deuten seien, darüber gehen die Meinungen auseinander. So gerieten sich Kurator Dowe und Stauffenberg-Biograf Karlauf bei einer die Ausstellung begleitenden Podiumsdiskussion am 11. Juli auch tatsächlich in die Haare über die Frage, inwieweit die Vernichtungspolitik gegenüber den Juden ausschlaggebend für Stauffenbergs Weg in den Widerstand war. Sie war es, sagt Dowe, während Karlauf eher pragmatische militärisch-politische Überlegungen sieht. Es wurde an diesem Abend nicht geklärt. Mehr Einblicke in Stauffenbergs Wandlungsprozess wünschen sich offenbar auch einige Ausstellungsgäste: Auf einem von vielen Post-Its, die auf der Wand für Besucherkommentare kleben, steht: "Späte Einsicht? Mir fehlen die Gründe, die zu seinem Wandel geführt haben."

Findet der musische Mensch leichter zum Widerstand?

Ein wenig irritiert allerdings, wie stark in der Ausstellung Stauffenbergs musische, schöngeistige Seite betont wird. Sein Cello ist ausgestellt, außerdem eine ihn darstellende, idealisierende Büste aus der Hand eines Schulfreundes, der wie er Mitglied des Kreises um den Dichter Stefan George war. "Stauffenberg wird oft nur als Militär überliefert", sagt dazu Dowe. "Aber er war ein musisch denkender Mensch." Seine Kameraden in der Kaserne hätten nicht nachvollziehen können, so Dowe, dass er selbst dort regelmäßig Cello spielte. Das mag so sein. In der Ausstellung ist Stauffenbergs militärische Seite (immerhin war er 18 Jahre lang Soldat) nun lediglich durch ein privates Fotoalbum repräsentiert. Ob beabsichtigt oder nicht, angesichts der Präsentation drängt sich doch die Frage auf, ob hier insinuiert werden soll, Stauffenbergs musische, kulturelle Seite habe ihn das Barbarentum der Nazis eher erkennen lassen und offener für den Widerstand gemacht. Was Unfug wäre; man muss nicht erst Wagner-Freunde bemühen, um genügend musisch interessierte NS-Täter zu finden.

Stauffenberg wird eine kontroverse Figur bleiben, so viel dürfte sicher sein. Die Frage ist dennoch, ob der Widerstand gegen das NS-Regime nicht immer noch zu sehr auf ihn und seinen Verschwörerkreis konzentriert ist. Auf Menschen also, die zum großen Teil Hitler und dem Nationalsozialismus erst lange dienten und gut für ihn funktionierten, ehe sie sich gegen ihn wandten. Auf einem der Besucher-Post-Its steht denn auch: "Und Georg Elser?" Denn wie Elser gab es ja viele, die sich viel früher gegen die Nazis stellten, die teils ihren Widerstand schon vor der Machtübernahme Hitlers begonnen hatten. Gemma Pörzgen sah in der taz 2015 hier eine immer noch nachwirkende Ideologie der Erinnerungskultur des Kalten Krieges. Und auch wenn das HdG dieses enge Widerstands-Verständnis mit der sehr breit angelegten Ausstellung "Anständig gehandelt" 2013 schon zu weiten versucht hat (Kontext berichtete), es gäbe hier noch einiges zu tun.

Wäre nicht etwa die kommunistische Widerstandsgruppe Schlotterbeck aus Untertürkheim, 1944 größtenteils verhaftet und in KZs ermordet, ein lohnendes Ausstellungsobjekt? Spannend genug ist ihre Geschichte allemal.


Info:

Die Ausstellung  "Attentat. Stauffenberg" läuft noch bis zum 30. August 2020 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Konrad-Adenauer-Straße 16 in Stuttgart-Mitte. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, Eintritt frei.

Am Samstag, 20. Juli, gibt es um 15 Uhr eine Themenführung zum Hitlerattentat mit dem Titel „Es ist Zeit, daß etwas getan wird“, am Sonntag, 21. Juli, außerdem um 14.30 Uhr eine öffentliche Führung durch die Ausstellung. Beide Führungen kosten jeweils 4 Euro.

Am Dienstag, 23. Juli 2019, zeigt das HdG um 11 Uhr im Otto-Borst-Saal den Film „Die Wolfsschanze – Annäherung an einen Ort“. Ein Filmteam hat deutsche und polnische SchülerInnen begleitet, die sich am Schauplatz des Hitlerattentats gemeinsam auf Spurensuche begeben haben. Die Projektbeteiligten stellen den Film vor, der Eintritt ist frei.


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10 Kommentare verfügbar

  • Marla M.
    am 27.07.2019
    Antworten
    "Werner Rügemer ließ sich von den Feiern zum 20. Juli 1944 dazu animieren, etwas genauer zu recherchieren, wer beim Widerstand insgesamt noch im Spiel war: der US-Geheimdienst OSS und Allen Dulles.()

    „Meine erste und wichtigste Aufgabe war“, schreibt Dulles einleitend, „herauszubekommen, was in…
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