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Das stille Gewissen

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Wie oft er auf den Auslöser gedrückt hat? Wie sollte Rupert Leser das nach 35 Reporterjahren in Oberschwaben wissen? Im Haus der Geschichte in Stuttgart liegt das Archiv des Fotojournalisten, dort schätzt man das Opus auf eine Million Fotos. Dem Lebenswerk des bald 78-jährigen widmet sich eine Ausstellung, die bis zum 11. September zu sehen ist.

Mönche im Chorgestühl der Kartause Marienau, 1974. Foto: Haus der Geschichte, Sammlung Rupert Leser

Es hatte mit einer Leidenschaft begonnen. Rupert Leser, geboren 1933, war in jungen Jahren ein begeisterter Turner, manchmal hatte er seine Kamera dabei, manchmal den Auslöser gedrückt, und eines seiner ersten Fotos bei der Gymnaestrada 1961 in Stuttgart erschien auf der Titelseite der "Stuttgarter Nachrichten". Plötzlich war der gelernte Schriftsetzer und Grafiker ein "Bildberichter". Die "Schwäbische Zeitung" bot ihm einen Vertrag, und er blieb 35 Jahre.

Er wollte keine Karriere machen, lieber in Oberschwaben bleiben

Er hätte auch gehen können, so etwas wie Karriere machen. Beim "stern" in Hamburg etwa, der seine Fotos von den Olympischen Spielen auf dem Titel druckte. Aber Rupert Leser hatte die Freiheit, das Auge Oberschwabens zu bleiben, und er nahm sich diese Freiheit. Für seine preisgekrönten Fotos von zahllosen Olympischen Spielen (nächste Woche im Teil zwei), nahm er sich Urlaub.

Rupert Leser ist ein geduldiger und hartnäckiger Mensch. Er öffnete sich Türen, die anderen verschlossen blieben. Türen zur großen Stille etwa. Zum abgeschiedenen Leben der Kartäusermönche im Kloster Marienau. Solche Fotos, erzählt er gerne, "brauchen keine Farbe". Nichts an dem Leben hinter diesen Klostermauern ist schrill, laut oder bunt und schon gar nicht hektisch. Nichts wird und ist inszeniert. "Du darfst als Fotoreporter niemals eingreifen, du darfst keine Regie führen, sondern du musst die Dinge laufen lassen", sagt er.

In der Tradition eines Erich Salomon

Rupert Leser arbeitete in der Tradition eines Erich Salomon. Jenes legendären jüdischen Reporters, dem die Fachwelt nachsagt, er habe kurz vor der Machtergreifung der Nazis den Fotojournalismus erst erfunden, weil es ihm gelungen war, mit ungestellten, oft heimlich geschossenen Bildern eine Wirklichkeit darzustellen, die bis dato keiner kannte.

Lesers stille Fotos der Kartäusermönche wurden in der Branche zum Klassiker. Legendär seine Aufnahmen von der Gruppe 47, einem Kreis führender deutscher Literaten um Günter Grass, Marcel Reich-Ranicki und Hans Werner Richter, die sich in Oberschwaben zur kontroversen Debatte und zur Selbstkritik trafen. Seine Fotos in der Psychiatrie Bad Schussenried enthüllten in den 70er-Jahren unhaltbare Zustände. Rupert Leser war nicht nur das Auge Oberschwabens, seine Fotos waren auch das soziale Gewissen dieses mit wirtschaftlichen und landschaftlichen Vorzügen reich gesegneten Landstrichs.

Nächste Woche folgt im Teil zwei der preisgekrönte Sportfotograf Rupert Leser.

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