Das Gebäude in der Dorotheenstraße 10. Foto: Joachim E. Röttgers

Das Gebäude in der Dorotheenstraße 10. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 400
Kultur

Vom Ort der Täter zum Lernort

Von Oliver Stenzel
Datum: 28.11.2018
Kommende Woche eröffnet das zum Gedenkort umgewandelte Hotel Silber in Stuttgart. Vor zehn Jahren schien der Abriss der ehemaligen Stuttgarter Gestapo-Zentrale beschlossen. Vor allem dank einer unermüdlichen Bürgerinitiative konnte er abgewendet werden. Blick auf die bewegte Geschichte.

Erstaunliche Wandlungen gibt es in der Politik immer wieder. Am 1. Dezember 2011 etwa bedankte sich im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster beim Land Baden-Württemberg dafür, dass es den Abriss der ehemaligen Stuttgarter Gestapozentrale Hotel Silber abgewendet es dadurch ermöglicht habe, an diesem ehemaligen Ort der Täter einen Gedenkort einzurichten. Unerwähnt ließ Schuster dabei, dass er selbst nur wenige Jahre zuvor ein eifriger Abriss-Verfechter war und dafür auch mit falschen Behauptungen argumentiert hatte.

OB Schuster ist erst für Abriss, dann für Erhalt. Foto: Joachim E. Röttgers
OB Schuster ist erst für Abriss, lobt dann den Erhalt. Foto: Joachim E. Röttgers

Gut zehn Jahre ist es her, da schien das Schicksal des Hauses besiegelt. Es sollte einem damals noch hochtrabend "Da-Vinci-Projekt" genannten riesigen Büro-, Handels- und Hotelkomplex der Firma Breuninger und des Landes weichen.

Im Oktober 2008 gründete sich eine Initiative, angestoßen von dem Architekten Roland Ostertag, die nicht nur den Abriss verhindern, sondern außerdem eine integrierte Gedenk-, Lern-, Dokumentations- und Forschungsstätte an diesem Ort anregen wollte. Als Vorbild diente unter anderem das Kölner NS-Dokumentationszentrum im so genannten EL-DE-Haus, ebenfalls eine ehemalige lokale Gestapozentrale. Werner Jung, der Kölner Direktor, führte 2009 auf Einladung der Initiative in Stuttgart aus: "Es war auch in Köln nicht der Weisheit des Stadtrates geschuldet, dass das Gebäude zur Gedenkstätte wurde, sondern es war bürgerschaftliches Engagement." Ein Satz, der sich auch in Stuttgart bewahrheiten sollte. Wobei hier das Land als Eigentümer des Hotel Silber der wichtigere Akteur war, die Stadt Stuttgart aber über Bebauungspläne dennoch großen Einfluss hatte.

Im Hotel Silber wurden Deportationen geplant und koordiniert

Im Nationalsozialismus war das Haus in der Dorotheenstraße 10 der furchtbarste Ort der Stadt. 250 Beamte organisierten hier den NS-Terror in Stuttgart und dem Land, planten und koordinierten die Deportation aller Württemberger Juden in Vernichtungslager ebenso wie die Verfolgung von Sinti und Roma, von Kommunisten und Sozialdemokraten, von Homosexuellen und sogenannten Asozialen. In den Kellern des Hauses wurden Regimegegner gefoltert und getötet.

Das Hotel Silber, spätere Gestapo-Zentrale für Württemberg. Foto: Staatsarchiv LB
Das Hotel Silber, spätere Gestapo-Zentrale für Württemberg. Foto: Staatsarchiv LB

In der einstigen Zentrale der bürokratischen Schreibtischtäter sollte an die Verbrechen des Nazi-Regimes erinnert werden, fand die Hotel Silber-Initiative. Schnell umfasste diese über 20 Organisationen, darunter den Verband deutscher Sinti und Roma, die Anstifter, die Stolperstein-Initiative und den Verein Weißenburg.

Den Kritikern kamen die Stadt Stuttgart und das Land bald insofern entgegen, dass eine kleine, aber nicht museale Gedenkstätte im Neubau untergebracht werden solle. Am Abriss wollten sie allerdings nicht rütteln. Den rechtfertigte die Stadt anfangs auch damit, dass sie dem Bau seine historische Kontinuität absprach. Das aktuelle Gebäude sei ein Neubau, lautete damals der offizielle Standpunkt der Stadt. Das 1816 gebaute Haus, in dem zwischen 1874 und 1919 tatsächlich das namengebende Hotel residierte, sei 1944 von einem Luftangriff vollständig zerstört worden. "Das Hotel Silber existiert nicht mehr", behauptete Schuster im Oktober 2008.

Das war dreist und schlicht falsch. Architekt Ostertag belegte schnell anhand alter Fotos und Zeitungsausschnitte, dass das Gebäude nur an seiner Westseite beschädigt worden war. Später folgte dann die Argumentation, das Gebäude sei nicht authentisch, weil die innere Struktur verändert worden sei. Als "so authentisch wie Birkenau oder Buchenwald, ein Ort der Täter", bezeichnete das Hotel Silber schon damals Peter Grohmann.

Lange sah es so aus, als sei das Engagement der Initiative vergeblich. Doch der Fall gelangte allmählich in die überregionale Presse. "Stuttgart erblindet", kommentierte die "Zeit" die Abrisspläne, von einer "zynischen Entsorgung" war in der "Frankfurter Rundschau" zu lesen. Und ehemalige Stuttgarter, die dem Holocaust entkommen waren, appellierten in Briefen an OB Schuster, Ministerpräsident Stefan Mappus und Breuninger-Chef Willem van Agtmael. Charlotte Isler aus New York etwa fragte: "Diesen historischen Ort, der allen Stuttgartern bekannt sein sollte, wollen sie einfach abreißen?" Und der ebenfalls in New Yorker lebende Henry Kandler, dessen Vater nach der Pogromnacht 1938 im Hotel Silber verhört wurde, plädierte inständig dafür, "das Hotel Silber zu erhalten, als Erinnerung an dunkle Zeiten, die niemals wieder geschehen dürfen."

Mehrheitlich für vorauseilenden Kompromiss: grüne Stadträte

Ob es an der wachsenden überregionalen Aufmerksamkeit lag oder nicht, 2010 schien allmählich Bewegung in die Sache zu kommen. Die SPD plädierte auf einmal für ein 2000 Quadratmeter großes Dokumentationszentrum im Neubau, nachdem Mitglieder von Gemeinde- und Landtagsfraktion auf Einladung der Hotel-Silber-Initiative das Kölner Dokumentationszentrum besucht hatten. Das Land stellte mittlerweile 450 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Untergeschoss des Neubaus in Aussicht.

Erinnerungstafel am Haus des Gedenkens. Foto: Joachim E. Röttgers
Erinnerungstafel am Haus des Gedenkens. Foto: Joachim E. Röttgers

Im Juli 2010 schließlich lud die Stadt zu einer öffentlichen Anhörung über "Erinnerungsorte in Stuttgart", in dem ein Großteil der geladenen Experten für einen Erhalt des Gebäudes plädierten.

Doch wer nach den Kommunalwahlen 2009 hoffte, die neue Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat, bestehend aus Grünen, SPD und SÖS/Linke, würde sich im Anschluss an die Diskussion für den kompletten Erhalt des Hotel Silber aussprechen, sah sich zunächst getäuscht. Im Oktober 2010 stimmten die Grünen im Umwelt- und Technikausschuss gemeinsam mit CDU, FDP und Freien Wählern für ein Konzept, demzufolge lediglich ein Teil der Fassade erhalten bleiben sollte – an die Außenwand des Neubaus geklebt. Stadtrat Michael Kienzle begründete die Mehrheitsmeinung seiner Fraktion (ein Viertel plädierte für einen weitergehenden Erhalt) so: Bei einer Maximalforderung bestehe das Risiko, am Ende gar nichts zu erreichen. Daraufhin rebellierte die Grünen-Basis und stimmte bei einer Mitgliederversammlung mehrheitlich gegen die Position ihrer Gemeinderatsfraktion. Vorab hatte der damalige Fraktionsvorsitzende Werner Wölfle zugesichert, sich an das Votum zu halten, auch wenn er anschließend in der "Stuttgarter Zeitung" einen "Realitätsverlust" bei den Abrissgegnern beklagte.

Landtagswahl 2011 mischt Karten neu

Die Realität nach der Landtagswahl im März 2011 war dann, dass SPD-Landeschef Nils Schmid in einer lichten Stunde den Erhalt des Gebäudes zur "Chefsache" erklärte. Bereits im Juni 2011 war der Abriss dann endgültig abgeblasen. Die Landesregierung als Eigentümer des Gebäudes einigte sich mit der Firma Breuninger, das Quartier an der Dorotheenstraße ohne Einbeziehung der Hotel-Silber-Fläche umzuplanen. Davor hatte Breuninger-Chef van Agtmael übrigens immer wieder gedroht, sich aus dem ganzen Projekt zurückzuziehen, sollte das Hotel Silber ausgeklammert werden.

Anfang 2012 initiierte das Land einen Runden Tisch, an dem alle wichtigen Akteure – Vertreter von Stadt, Land, Initiative und Gedenkstätten – versammelt sein sollten, um an der Konzeption mitzuarbeiten. Immer wieder schwierig gestaltete sich dabei das Verhältnis zwischen der Hotel-Silber-Initiative und dem Haus der Geschichte (HdG), das schon die ursprünglich die für den Neubau geplante Gedenkstätte einrichten und nun auch federführend sein sollte. HdG-Chef Thomas Schnabel habe sich wenig hineinreden lassen wollen, wie aus der Initiative heraus immer wieder beklagt wurde, und habe immer wieder eigenmächtig gehandelt (Kontext berichtete). Vor dem Regierungswechsel 2011 fiel der Landesbeamte Schnabel übrigens nicht unbedingt als glühender Verfechter des Erhalts auf: Das Gebäude an sich "kann nichts" in musealer Hinsicht, sagte er bei einer Veranstaltung im Oktober 2010, weil es nur ein Verwaltungsgebäude sei.

Als noch schwieriger erwies sich die Frage der Finanzierung. Reichlich absurd: Im Mai 2013 wurde eine von HdG und Initiative gemeinsam entwickelte Konzeption für die Nutzung des Hauses vorgestellt und vom Runden Tisch zunächst einhellig begrüßt. Dann jedoch gleich wieder gekippt, aus Kostengründen. Statt 800 000 Euro Betriebskosten für vier genutzte Etagen einigten sich Stadt und Land im Juli auf 500 000 für nur drei Etagen. Gestrichen werden sollte dabei ausgerechnet der zweite Stock, in dem sich die Büros der Gestapochefs befanden, die Chefetage des Terrors (Kontext berichtete).

CDU und FDP hätten gerne noch mehr abgespeckt. Das Land hatte sich im Dezember 2013 sogar noch bereit erklärt, der Stadt bei den Kosten entgegen zu kommen: Sie hätte für das ursprüngliche und deutlich umfangreichere Konzept nur 65 000 Euro mehr als für die abgespeckte Lösung aufbringen müssen. Gegen die Stimmen von SPD und SÖS/Linke und mit denen von CDU, FDP, Freien Wählern und Grünen sprach sich der Stuttgarter Gemeinderat aber für die schmalspurige Variante aus.

Absurd ging es weiter: Im November 2014 zeigte sich, dass der bislang mit eingeplante Keller wegen der Heizungsanlage nicht nutzbar sei. Deswegen wurde Anfang 2015 der zweite Stock wieder dazu genommen, allerdings bei einem weiterhin abgespeckten Gesamtkonzept.

Einzigartig: bürgerschaftliche Initiative als Co-Trägerin

Endgültig einigten sich Stadt und Land im Juli 2015 über die Finanzierung, der Vertrag darüber wurde im Januar 2016 unterzeichnet. Nun konnten die Arbeiten an der Dauerausstellung beginnen. Eine ergänzende Vereinbarung zwischen dem Haus der Geschichte und der Initiative regelte deren Zusammenarbeit bei Ausgestaltung und Betrieb des Hauses, was bundesweit einzigartig ist. Der Initiative wurde nicht nur zugesichert, einen eigenen Raum im Haus zu bekommen, ohne Miete zu zahlen. Sie kann das Haus auch, womit eine lange Forderung von ihr umgesetzt wird, mit eigenen Veranstaltungen "mit bespielen".

Volles Haus bei der Vertragsunterzeichnung im Januar 2016. Foto: Joachim E. Röttgers
Volles Haus bei der Vertragsunterzeichnung im Januar 2016. Foto: Joachim E. Röttgers

Trotz dieses Erfolgs blieben einige Ziele der Initiative auf der Strecke. Zu ihrem ursprünglichen Konzept hatte das gesamte Haus gehört, und dabei auch die Einrichtung einer Forschungs- und Dokumentationsstelle, ein Archiv, das auch wissenschaftliche und ehrenamtliche Recherchearbeit unterstützen soll. Daraus wurde nichts. Immerhin, diese Aufgabe soll nun zumindest ein Stück weit das Stuttgarter Stadtarchiv leisten. Mit diesem unterzeichnete die Initiative am 9. Juli 2018 eine Rahmenvereinbarung, in der eine Kooperation mit ehrenamtlich zur NS-Geschichte Forschenden festgeschrieben wird.

In der Dauerausstellung soll es vor allem um die polizeiliche Nutzung des Hotel Silber von der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik gehen, wobei der Arbeit und dem Terror der Gestapo eine zentrale Rolle zukommt, ebenso den verschiedenen Opfergruppen. Erstmals wird dabei auch die Verfolgung der Homosexuellen im Südwesten in einer Ausstellung behandelt werden.

Inhaltlich herrschte zwischen Initiative und HdG dabei nicht immer Einvernehmen – die Rolle der politischen Polizei in der Weimarer Zeit etwa bewerteten beide lange sehr unterschiedlich. Kritik von außerhalb gab es zudem daran, dass in der Ausstellung nicht alle Täter aus der Stuttgarter Polizei dargestellt würden, dass wichtige Akteure der NS-Vernichtungspolitik in der Ausstellung ausgeklammert blieben.

Wie sehr es jenseits dieser Kritikpunkte dem Haus gelingt, nicht nur vergangene Geschichte darzustellen, sondern auch ein Lernort zu sein, das wird sich ab kommendem Montag zeigen. Am 3. Dezember startet das Haus seine Eröffnungswoche. Unter anderem werden auch Charlotte Isler und Henry Kandler aus New York kommen, für ein Zeitzeugengespräch am Mittwoch um 19 Uhr. Nicht nur in der Erinnerungswoche, sondern das ganze erste Jahr wird der Eintritt frei sein.


Info:

Das Programm der Eröffnungswoche gibt es hier.


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