KONTEXT Extra:
Klatsche für die AfD

Die "Alternative für Deutschland" (AfD) hat ihre vorübergehende Spaltung im baden-württembergischen Landtag zur Einsetzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses "Linksextremismus in Baden-Württemberg" nutzen wollen. Ihr dies zu verwehren, war nach einer Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs vom Mittwoch rechtens. Zwar sei der Ausschuss im August 2016 wie gefordert von zwei – wenn auch nur vorübergehend bestehenden – Fraktionen aus AfD-Mitgliedern beantragt worden, heißt es in der Begründung. Als der Landtag im November 2016 allerdings über die Einsetzung abstimmte, habe es nur noch eine Fraktion gegeben.

Die AfD war mit großen Hoffnungen vor Gericht gezogen und mit der Argumentation, es sei nicht möglich rückwirkend Rechte abzuerkennen. Besonders peinlich für die Rechtspopulisten ist, dass entscheidende Fristen versäumt wurden, um im angestrengten Organstreitverfahren erfolgreich zu sein. Wie das Gericht erläuterte, hätte der Antrag bis zum 10. April 2017 gestellt werden müssen. Sei aber erst am 9. Mai 2017 eingegangen.

Der frühere Innenminister und parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion sprach von einem "Sieg für den Parlamentarismus", der verdeutliche, dass "die AfD im Unrecht war und die öffentlichen Unterstellungen ausschließlich dazu dienen sollten, das Parlament zu verunglimpfen", sagte Reinhold Gall. "Wir waren von Anfang an der Meinung, dass die AfD nicht von einem Minderheitenrecht Gebrauch machen kann", erinnerte der Grünen-Fraktionsvize Uli Sckerl. Die Frist zu versäumen, stelle zudem "wieder einmal die unprofessionelle und schlampige Arbeitsweise" der AfD-Fraktion unter Beweis. (13.12.2017)


Demo gegen Abschiebungspolitik und Rassismus in Stuttgart

Am vergangenen Mittwoch fand wieder eine Sammelabschiebung nach Afghanistan statt, und obwohl seit dem Bombenanschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul im Mai nur noch "Gefährder, Straftäter und hartnäckige Mitwirkungsverweigerer" (Bundesinnenminister Thomas de Maizière) abgeschoben werden sollen, waren unter den 27 Afghanen an Bord des in Frankfurt gestarteten Flugzeugs auch einige, auf die diese Kriterien nicht zutreffen. Um gegen die Abschiebungs- und Abschottungspolitk Deutschlands und der EU sowie die fortschreitende Verschärfung der Fluchtursachen zu protestieren, haben Organisationen aus ganz Baden-Württemberg zu einer Demonstration am Samstag, den 9. Dezember, in Stuttgart aufgerufen, das Motto: "Für eine Welt, in der niemand fliehen muss". Den Veranstaltern geht es dabei auch darum, gegen Rassismus und Racial Profiling zu demonstrieren. Denn "Tag für Tag sind geflüchtete Menschen aufgrund äußerer Zuschreibungen mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert, ob bei Behörden, bei der Einreise an den Grenzen oder in ihrem Lebensalltag", sagt Karoline Schneider vom Offenen Treffen gegen Krieg und Militarisierung Stuttgart.

Die Demo beginnt um 14 Uhr in der Lautenschlagerstraße, gegenüber dem Hauptbahnhof, und geht nach einer Zwischenkundgebung am Schlossplatz zur Abschlusskundgebung an der Paulinenbrücke. Unter den RednerInnen sind Seán McGinley vom Flüchtlingsrat BW, der Geflüchtete Sadiq Zartilla aus Afghanistan, der Linken-Bundestagsabgeordnete Tobias Pflüger und die Asylpfarrerin Ines Fischer. Weitere Infos zur Demo gibt es hier. (8.12.2017)


Haus der Geschichte: Geburtstag mit einem Geschenk für alle

Für einen ganz besonderen Tag wartet das "Haus der Geschichte Baden-Württemberg" mit einem ganz besonders Angebot auf: Es feiert am kommenden Mittwoch, den 13. Dezember 2017, seinen 15. Geburtstag - mit freiem Eintritt für alle Interessierten und vielleicht auch für jene, die bisher noch nie ihren Fuß über die Schwelle der Einrichtung gesetzt haben. Kunststaatsekretärin Petra Olschowski spricht von einem "Herzensanliegen". Seit Amtsübernahme sucht sie nach Wegen und Möglichkeiten, "die Museen und Sammlungen im Land einem breiten neuen Publikum zugänglich zu machen". Eine grundsätzliche Lösung für möglichst viele Häuser im Südwesten ist bisher, trotz sprudelnder Steuereinnahmen, allerdings an der Finanzierung gescheitert (Kontext berichtete). Erreicht hat Olschowski immerhin, dass das Landesmuseum Württemberg seine Schausammlung das ganze Jahr 2018 über für Besucher und Besucherinnen öffnet, ohne Eintritt zu verlangen. Untersucht wird parallel, auch dank des finanziellen Engagement der Würth GmbH, wer das neue Angebot warum annimmt. Auf Basis dieser Erkenntnisse will die Staatssekretärin einen weiteren Vorstoß unternehmen, um mehr Häusern die Chance zu bieten, "Barrieren zu senken". Und sie verspricht ein Gesamtkonzept der Landesregierung "zur Öffnung für ganz neue Zielgruppen". (7.12.2017)


Reuter und Hunger sprechen – nicht über VW

Das Reizvolle an dem Abend dürfte sein, dass die Beteiligten wissen, wovon sie sprechen. Anton Hunger, der lesende Autor, war früher Journalist, unter anderem bei der "Stuttgarter Zeitung", danach oberster Öffentlichkeitsarbeiter bei Porsche. Edzard Reuter, der fragende Autor, war einst Daimler-Chef, danach hat er Bücher geschrieben, unter anderem über seine Kaste, die darin nicht so gut weg kam. Und Journalisten kann er eigentlich nicht leiden.

Vor diesem Hintergrund werden die beiden über Hungers neues Buch "Der Pakt mit dem Teufel" (Klöpfer & Meyer) reden, in dem es um Geldwäsche, Korruption und Waffenschieberei geht. Kritisch untersucht vom Journalisten Tom Schollemer, der nicht nur die georgische Mafia, sondern auch noch einen blöden Chefredakteur aushalten muss. Goutiert im Übrigen von Matthias Müller, dem Boss von VW, der das Buch laut "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mit großem Gefallen gelesen habe – nachdem klar war, dass der Krimi nicht in Wolfsburg angesiedelt ist.

Inwieweit Anton Hunger seine Erfahrungen als Porsches PR-Leiter verarbeitet hat, verrät er nicht. Vielleicht sagt er's seinem Gesprächspartner Edzard Reuter, der ihn gewiss zur Wahrheit ermahnen wird: Beide sitzen im Beirat von Kontext und im Kuratorium der Reportageschule Reutlingen. (3.12.2017)

Termin: Dienstag, 5. Dezember, 19 Uhr, Stiftung Geißstraße, Geißstraße 7 in Stuttgart.


Singen ohne Berührungsängste

Der Hiwar-Chor ist mehr als die Summe seiner einzelnen Stimmen. Hier treffen sich SängerInnen aus Deutschland und dem arabischen Raum. Sie sind Sunniten, Schiiten, Sufisten und Christen, und einer ist seit der ersten Stunde mit dabei: Jörg Lang, Anwalt, Autor und Verteidiger der ersten RAF-Generation. "Wir singen gemeinsam und wir diskutieren gemeinsam", erzählt er. Beides, davon ist er überzeugt, dient dazu, die Berührungsängste zwischen den Kulturen abzubauen. Sie singen Arbeiter- und Liebeslieder, Maria- und Sufiweisen.

Und ohne Samir Mansour wäre das nicht möglich. Der Chorleiter ist gebürtiger Syrer und lebt seit 1998 in Deutschland. Mansour war Mitglied im staatlichen syrischen Symphonieorchester in Damaskus, ist heute Professor für Weltmusik an der Popakademie in Mannheim und musikalischer Leiter des Hiwar-Chors. Er studiert mit den Laien seine Chors die schwierige arabische Musik und die Texte ein. Heute besteht der Chor aus rund 40 deutschen und arabischen SängerInnen, ihre gemeinsame Sprache ist die Musik. Sie singen zur Fastenwoche und zum Fastenbrechen, in Kirchen und in Schulen. Und am kommenden Samstag besingen sie ihr zehnjähriges Bestehen. (1.12.2017)

Jubiläumskonzert des Deutsch-Arabischen Hiwar-Chors am Samstag, 2.12. Beginn 19.30 Uhr, Altes Feuerwehrhaus Süd in Stuttgart Heslach. Eintritt: 12 Euro.


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Bild 1 von 13: Die Inschrift "Den Opfern der Gewalt" auf dem Stuttgarter Hauptfriedhof gehört zu einem Gräberfeld für die Euthanasieopfer.

Bild 1 von 13: Die Inschrift "Den Opfern der Gewalt" auf dem Stuttgarter Hauptfriedhof gehört zu einem Gräberfeld für die Euthanasieopfer.

Das Deserteursdenkmal soll vom Platz vor dem Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach ins Stadtzentrum umziehen. Wohin genau, steht noch nicht fest.

Das Deserteursdenkmal soll vom Platz vor dem Theaterhaus in Stuttgart-Feuerbach ins Stadtzentrum umziehen. Wohin genau, steht noch nicht fest.

Der Gedenkstein für die Opfer des armenischen Volkes erinnert an Zwangsarbeiter in Stuttgart, aber auch an den Genozid in der Türkei 1915.

Der Gedenkstein für die Opfer des armenischen Volkes erinnert an Zwangsarbeiter in Stuttgart, aber auch an den Genozid in der Türkei 1915.

Ironische Reaktion auf eine unschöne Situation: Hier befand sich bis 1938 die Cannstatter Synagoge.

Ironische Reaktion auf eine unschöne Situation: Hier befand sich bis 1938 die Cannstatter Synagoge.

An einen Grabstein erinnert die Stele des Bildhauers Ludwig Wilhelm von Hauff für die von der Reichsgartenschau Deportierten am Killesberg.

An einen Grabstein erinnert die Stele des Bildhauers Ludwig Wilhelm von Hauff für die von der Reichsgartenschau Deportierten am Killesberg.

Eine andere Form des Gedenkens: Um die Stele zog Ülkü Süngün 2013 einen großen Kreis, der die Abwesenheit der Deportierten fühlbar machen soll.

Eine andere Form des Gedenkens: Um die Stele zog Ülkü Süngün 2013 einen großen Kreis, der die Abwesenheit der Deportierten fühlbar machen soll.

Fast immer liegen Kränze vor dem Mahnmal von Elmar Daucher am Karlsplatz. Sieben Jahre hat sich die Aufstellung seit dem Wettbewerb 1963 verzögert.

Fast immer liegen Kränze vor dem Mahnmal von Elmar Daucher am Karlsplatz. Sieben Jahre hat sich die Aufstellung seit dem Wettbewerb 1963 verzögert.

Für die Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss wurde der begrünte Vorplatz in einen Kasernenhof verwandelt. Die Skulpturen von Alfred Hrdlicka haben nichts damit zu tun.

Für die Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss wurde der begrünte Vorplatz in einen Kasernenhof verwandelt. Die Skulpturen von Alfred Hrdlicka haben nichts damit zu tun.

Vor dem Landgericht: Eine gut getarnte Inschrift beklagt anonyme Opfer und Täter.

Vor dem Landgericht: Eine gut getarnte Inschrift beklagt anonyme Opfer und Täter.

Hier sind mehr als 2000 Namen genannt: Stuttgarts etwas abgelegene, größte Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung" am Inneren Nordbahnhof.

Hier sind mehr als 2000 Namen genannt: Stuttgarts etwas abgelegene, größte Gedenkstätte "Zeichen der Erinnerung" am Inneren Nordbahnhof.

Ein Gedenkstein im Stadtgarten, aufgestellt 1988 von Studierenden und dem Stadtjugendring, erinnert an die kommunistische Widerstandskämpferin Lilo Herrmann.

Ein Gedenkstein im Stadtgarten, aufgestellt 1988 von Studierenden und dem Stadtjugendring, erinnert an die kommunistische Widerstandskämpferin Lilo Herrmann.

An einen Aktenschrank erinnert ein Mahnmal von Wolfram Isele im Jugendamt für die 1944 aus einem Kinderheim im hohenlohischen Mulfingen nach Auschwitz deportierten Sinti-Kinder. Die Initiative ging von Amtsmitarbeitern aus.

An einen Aktenschrank erinnert ein Mahnmal von Wolfram Isele im Jugendamt für die 1944 aus einem Kinderheim im hohenlohischen Mulfingen nach Auschwitz deportierten Sinti-Kinder. Die Initiative ging von Amtsmitarbeitern aus.

Endpunkt der Diagonale: Der Gedenkort Hotel Silber soll 2018 eröffnet werden. Irgendwo hier soll auch das Deserteursdenkmal hin, vielleicht aber auch an den Karlsplatz.

Endpunkt der Diagonale: Der Gedenkort Hotel Silber soll 2018 eröffnet werden. Irgendwo hier soll auch das Deserteursdenkmal hin, vielleicht aber auch an den Karlsplatz.

Ausgabe 341
Schaubühne

Das Gedenken sichtbar machen

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Jens Volle
Datum: 11.10.2017
Ein Deserteursdenkmal, das seit 2007 am Stuttgarter Theaterhaus steht, soll in die Innenstadt umziehen. So will es eine parteiübergreifende Initiative. Lange Zeit fand das Gedenken nur an wenig sichtbaren, abgelegenen Orten statt. Das soll sich nun ändern.

Seit zehn Jahren steht das Deserteursdenkmal vor dem Stuttgarter Theaterhaus. Das Werk des Bildhauers Nikolaus Kernbach aus Aulendorf, finanziert von 300 privaten Spendern, besteht aus zwei Teilen: In einem Granitquader ist die Silhouette eines Mannes ausgespart. Sie steht drei Meter weiter vorn.

Um zu wissen, was mit dem aus dem Block getretenen Mann gemeint ist, muss man die Inschrift auf einer Tafel lesen, die davor auf dem Boden liegt: "Den Deserteuren aller Kriege". Ohne die könnte es sich schlicht um ein Kunstwerk handeln, denn einen Bezug zwischen Deserteuren und dem Standort gibt es nicht. Die Skulptur steht dort nur, weil die Stadt Stuttgart, die das Denkmal zuerst abgelehnt und dann doch unterstützt hatte, seinerzeit keinen Ort für ihre Aufstellung anbieten wollte.

Damit ist Stuttgart nicht allein. In Mannheim steht ein Deserteursdenkmal, ursprünglich 1987 für München angefertigt, seit 1993 auf privatem Grund vor einem Buchladen. In Karlsruhe muss man im Gewerbehof danach suchen, wo sich um einen Innenhof zahlreiche Betriebe und Initiativen angesiedelt haben. Das Ulmer Deserteursdenkmal, bereits 1983 vier Wochen in der Oberen Donaubastion aufgebaut, wurde 2005 nach 22-jährigem Exil in Neu-Ulm an den unteren Ausgang des Botanischer Gartens versetzt. An diesem abgelegenen Ort wurden im Dritten Reich die Deserteure erschossen.

Lange als Vaterlandsverräter beschimpft

Die Wehrmachts-Deserteure gehören zu den letzten Opfergruppen der NS-Diktatur, deren Haltung nach langer Zeit endlich Anerkennung findet. Lange Zeit als Vaterlandsverräter beschimpft, hat der Bundestag sie erst 2002 rehabilitiert, zusammen mit den Homosexuellen. Damit begann ein Umdenken. Seit 2008 gibt es im Französischen Viertel in Tübingen einen Platz des unbekannten Deserteurs, eingeweiht von Oberbürgermeister Boris Palmer. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz ließ es sich nicht nehmen, 2015 bei der Einweihung des großen Deserteursdenkmals direkt am Dammtor-Bahnhof dabei zu sein.

Lange hat es gedauert, bis die Erinnerung an die Untaten und Opfer der Nazis in der Mitte der Gesellschaft und in der Mitte der Stadt angekommen war. Auch in Stuttgart. Dabei gab es erste Initiativen schon direkt nach dem Krieg. "Die Juden Württembergs zum ewigen Gedenken ihren 2498 ermordeten Brüdern und Schwestern", steht auf einem bereits 1947 aus Trümmern der alten Synagoge errichteten Gedenkstein am Pragfriedhof. Auf dem Friedhof von Untertürkheim erinnern zwei Jahre später eine große Platte und zehn kleine Steine an die Widerstandsgruppe Schlotterbeck aus der Daimler-Arbeitersiedlung Luginsland: halb Grabmal, halb Mahnmal.

20 Gedenksteine tragen die Namen von Zwangsarbeitern, die zwischen 1941 und 1945 ums Leben kamen.
20 Gedenksteine tragen die Namen von Zwangsarbeitern, die zwischen 1941 und 1945 ums Leben kamen.

Eine ganze Reihe von Mahnmalen finden sich auf dem Hauptfriedhof, weit draußen am Stadtrand, oberhalb von Bad Cannstatt: Bereits 1952 wurde auf dem Israelitischen Friedhof ein Gedenkstein aufgestellt, der aus dem Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen stammte, wo ab November 1945 viele ehemalige KZ-Häftlinge unterbracht waren. Hier gibt es auch eine Tafel in hebräischer Schrift und ein neueres Mahnmal aus blank poliertem Marmor.

Bei anderen Mahnmalen fehlt jedoch jede Erklärung. Ein Ehrenfeld von 1956 ist den Opfern der Fliegerangriffe auf Stuttgart gewidmet. Ganz nach dem Motto "die eigenen Opfer zuerst". 1960 schuf der Bildhauer Otto Baum im Park der Villa Berg ein Denkmal für die gefallenen Schüler. Auf dem Hauptfriedhof kam ein weiteres Feld für 271 Euthanasieopfer erst 1962 hinzu; dann eines für Zwangsarbeiter und an anderer Stelle noch eines für die Armenier, die ebenfalls als Zwangsarbeiter und dann als Displaced Persons in Stuttgart waren. Ein Gedenkstein für "die Opfer des armenischen Volkes" lässt sich aber auch auf den Genozid 1915 beziehen.

An einem wenig frequentierten Abschnitt der Hospitalstraße, zurückgesetzt von der Straße, wurde 1952 die Stuttgarter Synagoge wiederaufgebaut, als erste in Deutschland. In der König-Karl-Straße, wo bis 1938 die Cannstatter Synagoge stand, steht dagegen seit 1961 ein Gedenkstein des Bildhauers Herbert Gebauer. Im darauf folgenden Jahr schuf Ludwig Wilhelm von Hauff im Killesbergpark eine Stele für die vom Gelände der Reichsgartenschau deportierten Juden, seit 2013 umgeben von einem großen, in den Boden eingelassenen Ring von der Künstlerin Ülkü Süngün.

Erst 1970 rückte die Erinnerung an NS-Opfer ins Herz der Stadt

Erst 1970 kam mit den vier schwarzen Granitwürfeln von Elmar Daucher am Karlsplatz die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus im Herzen der Stadt an. Nach einem Wettbewerb 1963 hatte es sieben Jahre gedauert. Das Mahnmal wirkt wie ein abstrakter Einspruch gegen das monumentale Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. in der Mitte des baumbestandenen Platzes, das auch an die Schlachten des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 erinnert. Mit der 2006 im Alten Schloss eingerichteten Stauffenberg-Gedenkstätte bildet es heute den Schwerpunkt einer Stuttgarter Topografie der Erinnerung.

Seitlich am Königsbau versteckt: Alfred Hrdlickas Denkmal für Widerstandskämpfer Eugen Bolz.
Seitlich am Königsbau versteckt: Alfred Hrdlickas Denkmal für Widerstandskämpfer Eugen Bolz.

Die drei verrenkten Bronzefiguren von Alfred Hrdlička in direkter Nachbarschaft gehören allerdings nicht dazu. Sie standen ursprünglich auf dem Schlossplatz und thematisieren zwar Leid und Qual, nicht aber den Nationalsozialismus. Von Hrdlička stammt aber auch das Denkmal für Eugen Bolz, den 1945 hingerichteten, früheren württembergischen Staatspräsidenten, angefertigt 1993 im Auftrag der Landeskreditbank und an einer Seitenwand des Königsbaus versteckt.

Geradezu getarnt, roter Marmor auf rotem Sandstein, ist eine Inschrift am Landgericht, die dort zur selben Zeit zur Erinnerung an die Justizopfer angebracht wurde. Im Hof, wo manchmal zwanzig Enthauptungen an einem Tag stattfanden, befindet sich heute ein Parkplatz: eine unwürdige Situation. Täter und Opfer – mindestens 450 – sind nicht genannt, obwohl viele Namen bekannt sind.

Ganz anders rund ein Jahrzehnt später beim größten Stuttgarter Gedenkort, "Zeichen der Erinnerung", initiiert von der Stiftung Geißstraße, dem Bürgerprojekt Anstifter und dem Infoladen Stuttgart 21 auf der Prag. Wo einmal die Züge nach Auschwitz, Izbica und Theresienstadt abfuhren, erinnern mehr als 2000 Namen an die Deportation der Juden und Sinti. Freilich bleibt der Innere Nordbahnhof vorerst ein Ort in Randlage, der erst durch die Wagenhalle mehr in den Blickpunkt gerückt ist.

Die katholische Kirche erinnert mit einer Skulptur in der Eberhardskirche an den Jesuiten Rupert Mayer und mit einer Gedenktafel in der Silberburgstraße an den Landesbischof Theophil Wurm, die beide im Widerstand waren. Im evangelischen Hospitalhof erinnert seit 1994 eine Gedenktafel an das frühere Polizeigefängnis und seine Opfer unter den Sinti und Roma, den jüdischen Mitbürgern und an die aus politischen und religiösen Gründen Verfolgten. Sie wurde jüngst durch eine neue Tafel mit nahezu gleichlautendem Text ersetzt.

Aber die meisten Gedenkstätten kamen auf private Initiative zustande. So eine Gedenktafel an der Stadtbahnhaltestelle Großmarkt/Brendle, die auf ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager hinweist. Die Bronzetafel stammt von dem renommierten Typografen Kurt Weidemann und erinnert daran, dass hier 434 Gefangene in einer einzigen Bombennacht ums Leben kamen. Seit kurzem erinnern auch sechs Stolpersteine an der Schlotwiese in Zuffenhausen an eines der größten Zwangsarbeiterlager der Stadt, in dem nach dem Krieg noch viele Jahre lang Heimatvertriebene untergebracht waren.

Der neue Standort fürs Deserteursdenkmal steht noch nicht fest

Das Deserteursdenkmal soll nun in die Stadtmitte umziehen: an einen zentralen Ort auf der "Diagonale der Erinnerung" zwischen Eugen-Bolz-Denkmal, Karlsplatz und dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier Hotel Silber. So will es eine parteiübergreifende Initiative aus Grünen, SPD, SÖS-Linke-Plus und der FDP-Abgeordneten Sibel Yüksel. Da sie im Gemeinderat in der Mehrheit sind, ist davon auszugehen, dass der Antrag angenommen wird.

Nur der exakte Standort steht noch nicht fest. Roland Blach, Sprecher der Initiative Deserteur-Denkmal für Stuttgart, denkt an den Platz vor dem Hotel Silber an der Konrad-Adenauer-Straße. Harald Stingele von der Hotel-Silber-Initiative meint dagegen, die Militärgerichtsbarkeit habe nichts mit der Gestapo zu tun: Deserteure wurden an verschiedenen Orten hingerichtet, 60 allein im Hof des Landgerichts. In einer Diskussion am Montag, in der auch die Hamburger Erfahrungen vorgestellt wurden, kam eine ganze Reihe möglicher Standorte zur Sprache.

Darüber wird, im Zusammenhang mit einem Grundsatzbeschluss des Gemeinderats oder danach, noch zu reden sein. Fest steht: Die Auseinandersetzung mit den Untaten des NS-Systems und der Frage, wie sich der Einzelne gegenüber Unrecht und Gewalt positioniert, gehört in die Mitte der Gesellschaft. Dazu haben SPD, Grüne und SÖS-Linke-Plus im August einen weiteren Antrag gestellt, der darauf abzielt, die Rolle der städtischen Behörden im Nationalsozialismus zu erforschen.

 


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