Von Johnny Cash bis John Cage: "Plattenbau" aus Helmut Heißenbüttels Plattensammlung.

Von Johnny Cash bis John Cage: "Plattenbau" aus Helmut Heißenbüttels Plattensammlung.

"Vom Funk zum Niedlich": Zeichnung des Hamburger Künstlers Armin Sandig für Heißenbüttel.

"Vom Funk zum Niedlich": Zeichnung des Hamburger Künstlers Armin Sandig für Heißenbüttel.

Hamburger Deserteursdenkmal mit dem Text von Helmut Heißenbüttels Gedicht "Deutschland 1944" im Bronzegitter.

Hamburger Deserteursdenkmal mit dem Text von Helmut Heißenbüttels Gedicht "Deutschland 1944" im Bronzegitter.

Kunstkooperation: Mit dem Bildhauer Thomas Lenk veröffentlichte Heißenbüttel 1970 die Siebdruckedition "Auseinandersetzen oder Was tut der Seemann mit Margareta".

Kunstkooperation: Mit dem Bildhauer Thomas Lenk veröffentlichte Heißenbüttel 1970 die Siebdruckedition "Auseinandersetzen oder Was tut der Seemann mit Margareta".

"Audiostation" mit Kostproben aus Heißenbüttels Zeit als Rundfunkredakteur beim SDR.

"Audiostation" mit Kostproben aus Heißenbüttels Zeit als Rundfunkredakteur beim SDR.

Ausstellungsansicht mit Attempto-Palme von HAP Grieshaber, heute Logo der Uni Tübingen.

Ausstellungsansicht mit Attempto-Palme von HAP Grieshaber, heute Logo der Uni Tübingen.

1962 beteiligte sich Heißenbüttel mit Texten an HAP Grieshabers Grafikmappe "O du mein Neckar".

1962 beteiligte sich Heißenbüttel mit Texten an HAP Grieshabers Grafikmappe "O du mein Neckar".

Aus der parallel laufenden Ausstellung zu Konrad Balder Schäuffelen: "Kultur/Natur"

Aus der parallel laufenden Ausstellung zu Konrad Balder Schäuffelen: "Kultur/Natur"

Ausgabe 339
Schaubühne

Würfeln im Plattenbau

Von Oliver Stenzel (Text), Abbildungen: ZKM
Datum: 27.09.2017
Er hat schon mal gewürfelt um die Reihenfolge seiner Textbausteine. Er hat den Rundfunk als kulturelles Experimentierfeld verstanden. Er war Autor, Radioredakteur und Kunstsammler. Im Karlsruher ZKM erinnert eine Ausstellung an Helmut Heißenbüttel.

In seinen ersten zehn Jahren als Redakteur von "Radio Essay" des Süddeutschen Rundfunks habe er immer gesagt: "Der Rundfunk unterfordert den Hörer an so vielen Stellen, dass irgendwo in der Woche auch eine Stunde da sein muss, in der er überfordert wird." Es sei als Scherz gemeint gewesen, erinnerte sich Helmut Heißenbüttel, es war aber auch Faustregel für ihn selbst. Und eine geradezu häretische Forderung für heutige Medienmacher, die ihre Rezipienten immer da abholen wollen, wo diese gerade sind (woher auch immer sie das zu wissen glauben). Die Ausstellung über ihn im ZKM Karlsruhe verlangt viel vom Betrachter, Leser und Hörer. Aber nach dem Besuch kann man Heißenbüttel nur recht geben: Bitte wieder mehr so anregende Überforderung!

Helmut Heißenbüttel, Selbstportrait.

Ein Ziel, das schon der Titel der Reihe in sich trägt, zu der die Heißenbüttel-Ausstellung gehört: "Poetische Expansionen". Sie könnte genauso gut künstlerische oder mediale Expansion heißen, denn es geht, so der offizielle Text zur Ausstellung, um "die Erweiterung der künstlerischen Medien" im 20. Jahrhundert: "In den 1950er bis 1970er-Jahren entstanden neue künstlerische Formen, in dem die Grenze zwischen Text, Bild, Objekt, Theater und Musik aufgehoben wurde, die Kunst sich von ihren herkömmlichen Materialien und Produktionsverfahren löste und für technische Medien öffnete." Entscheidende Impulse für diese Entwicklung kamen aus der  Dichtung und der Literatur, das zeigt die Reihe und damit erklärt sich auch ihr Titel.

Drei Ausstellungen der Reihe laufen im ZKM gerade parallel: "Alles ist möglich. Alles ist erlaubt" widmet sich dem Werk Reinhard Döhls (1934-2004), eines der Pioniere der konkreten Poesie, "sprache ist fuerwahr ein koerper" zeigt visuelle Texte, Schriftskulpturen oder audiovisuelle Installationen von Konrad Balder Schäuffelen (1929-2012). Die Ausstellung zu Helmut Heißenbüttel präsentiert dabei nicht nur von ihm geschaffene Kunst, sondern auch von ihm Gesammeltes und Rezipiertes, ob Bildende Kunst, Musik oder Literatur. Was nach Nebeneinander von Eigenem und Gesammelten aussieht, ergibt gemeinsam präsentiert einen größeren Sinnzusammenhang, denn es verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen den Stücken.

Ein "Plattenbau" aus hunderten LP-Covern

Der Titel "schreiben sammeln senden" deutet diese Spanne schon an: Heißenbüttel schrieb zuallerst, wurde als einer der wichtigsten Autoren experimenteller Literatur im Nachkriegsdeutschland bekannt. Er veröffentlichte ab der ersten Hälfte der 50er Jahre Gedichte oder ganz profan "Texte" genannte Formate, die er nach in der bildenden Kunst angewandten Prinzipien wie Collage, Montage oder Serie anfertigte. Mit klassischen Erzählformen hatte das nichts zu tun, oft mehr mit Zufall. Um die Reihenfolge von Textbausteinen aus mitgehörten Alltagsgesprächen, Radiobeiträgen oder von anderen Schriftstellern zu kombinieren, soll Heißenbüttel gerne auch gewürfelt haben. Ausschnitte aus alten Wehrmachtsberichten und andere Zeitdokumente wiederum montierte er in seinem Gedicht "Deutschland 1944" zusammen, dessen Text in einem Bronzegitter im 2015 eingeweihten Hamburger Deserteursdenkmal wiedergegeben ist.

In den 50er Jahren begann Heißenbüttel, Kunst zu sammeln, und wurde durch sein Interesse bald gefragter Redner bei Ausstellungen. Die zu diesem Zweck verfassten Texte nannte er "Gelegenheitsgedichte und Klappentexte", sie sind in einem eigenen Band zusammengefasst. Dieses Büchlein, sagt Kurator Holger Jost, sei der Ausgangspunkt der Schau gewesen, "wenn man so will, ist die Ausstellung auch eine Illustration zu den 'Klappentexten'".

Gezeigt werden nicht einfach nur gesammelte Bilder, sondern auch die entstandenen Kooperationen: So gestaltete etwa der Künstler HAP Grieshaber die Einbandgrafik der ersten Gedichtbände Heißenbüttels, während sich dieser wiederum mit Texten an Grieshabers Grafikmappe "O du mein Neckar" oder an dessen Zeitschrift "Engel der Geschichte" beteiligte. Wechselwirkungen, die mal mehr, mal weniger, auch bei gezeigten Werken von Künstlern wie Rupprecht Geiger, Armin Sandig oder Thomas Lenk entstanden. Eine Texttafel zitiert Heißenbüttels Ehefrau Ida: Ihr Mann habe die von Künstlern für seine Ausstellungsreden geschenkten Bilder aufgehängt, "'um etwas von ihnen zu lernen', er bekam Impulse für seine eigene Arbeit durch sie".

Lithografie von Armin Sandig zu Heißenbüttels Text "roman" (1961).
Lithografie von Armin Sandig zu Heißenbüttels Text "roman" (1961).

Für Impulse sorgte auch Heißenbüttels andere große Sammelleidenschaft, die Musik. Rund 6000 Vinylplatten umfasst seine Sammlung, einige Hundert davon sind in einem etwa drei Meter hohen, quadratischen "Plattenbau" aneinandergefügt, visuell eine der eindrucksvollsten Stationen der Ausstellung. Stilistisch kannte er keinerlei Berührungsängste, von Barock über Neue Musik, traditionellem und Free Jazz, Blues, Rock'n'Roll und Beat, und ab 1978, schon 57-jährig, erweiterte er seine Sammlung um neue New-Wave- und Punk-Alben. Die fanden sich auch in seinem künstlerischen Werk wieder, etwa im 1985 veröffentlichten "Stoppballgedicht": (...) ich fahre nebelwärts / unmotiviert der hellblaue Fleck wo die Mauer abbricht / New Order Unknown Gender Dead Kennedys Eek a Mouse / das dritte Streichquartett von Giacinto Secelsi (...)".

Das Stichwort "Senden" im Ausstellungstitel steht schließlich für seine Arbeit als Rundfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart: Ab 1957 war er Mitarbeiter der von Alfred Andersch gegründeten Reihe "Radio-Essay", ab 1959 war er deren Leiter – und blieb es bis zu seinem Ruhestand 1981. Unter Heißenbüttel wurde die Reihe zum kulturellen Experimentierfeld, widmete sich der Vermittlung neuer Literatur, Philosophie, Kunst oder Musik; etablierte mit experimentellen Hörspielen und Radio-Collagen auch selbst neue Formen.

Am Mainstream wenig Interesse

Rund 40 Beispiele aus diesen Programmen kann der Besucher in einer "Audiostation" nachhören, sie zeugen von einer faszinierenden Vielfalt, Offenheit, Neugier und Experimentierfreude, wie man sie im heutigen Formatradio wohl kaum noch findet. Vieles davon würde heute immer noch avantgardistisch wirken. "Er hat am Mainstream wenig Interesse gehabt", kann man Heißenbüttels Ehefrau Ida an einer der Hörstationen erzählen hören.

Schon in den letzten Berufsjahren Heißenbüttels hatte das Radio seine Bedeutung längst an das Fernsehen verloren, die "goldenen Jahre" des Rundfunks waren für ihn die 1960er. Aus dieser Zeit wird er wohl auch noch den meisten Stuttgartern in Erinnerung sein. Denn sein Bemühen um Vermittlung neuer Kunstformen traf auf ein gesellschaftliches Klima, das schließlich in die 68er-Bewegung mündete. Sowohl Heißenbüttels eigene schriftstellerische Arbeit, in der er erzählerische und formale Konventionen über Bord warf, sowie seine "Kunst-Vermittlung" zeugten dabei auch vom Versuch, sich ebenso von der NS-Vergangenheit wie vom als bleiern empfundenen Adenauer-Konservatismus der Jahre danach abzusetzen.

Was der Buchhändler Wendelin Niedlich, der in dieser Zeit häufig mit Heißenbüttel zusammen anzutreffen war, 1989 gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" einmal so formulierte: "Wenn ich heute die Gedichte Heißenbüttels anschaue, wird mir klar, was da steht: nämlich 'Adenauer ist doof!' Heute merkt man, wie eminent politisch das war." Die konkrete Poesie, so lässt sich das auch sagen, verstand sich als Sprachreinigung, als Abgrenzung zur oft als hohl empfundenen politischen Sprache oder "Bild"-Schlagzeilen.

Zu trennen sind all diese verschiedenen Tätigkeiten nicht, sie befruchteten, inspirierten sich wechselseitig. Und so zeugt die Karlsruher Schau immer wieder von der unbändigen Neugier eines Künstlers auf unterschiedlichste Kunst- und Medienformen, ohne jeden Dünkel, ohne Berührungsängste. Und dabei merkt der – vielleicht am Ende ein bisschen überforderte – Besucher auch en passant, wie unsinnig, wie anachronistisch das Denken in Kunstkategorien, in Kategorien überhaupt ist.

 

 

Info:

Die Ausstellungen "Helmut Heißenbüttel: schreiben sammeln lesen", "Reinhard Döhl: Alles ist möglich. Alles ist erlaubt" und "Konrad Balder Schäuffelen: sprache ist fuerwahr ein koerper" laufen noch bis zum 22. Oktober im ZKM Karlsruhe, Lorenzstraße 19, Karlsruhe. Öffnungszeiten: Mi-Fr 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr.


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