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Protest gegen Sparpläne

Welle machen fürs Soziale

Protest gegen Sparpläne: Welle machen fürs Soziale
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Es war eine schwere Geburt, doch nun haben die Gewerkschaften es geschafft. Sie protestieren unter einem Dach gegen den Sozialabbau der schwarz-roten Bundesregierung. Ende September soll eine große Demo-Welle übers Land ziehen.

Die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) haben CDU/CSU und SPD bereits durchgepeitscht, unterstützt von den Ländern, die das Paket im Bundesrat zähneknirschend durchwinkten. Doch damit ist bekanntlich noch nicht Schluss mit dem Sparen (siehe Kasten). Dass die Sparpläne vor allem diejenigen treffen, die eh schon mit dem Alltag kämpfen, verwundert nicht. Kanzler Friedrich Merz, CDU, hat's mit den normalen Menschen bekanntlich nicht so und sein Vize Lars Klingbeil ist halt SPD, offensichtlich nicht so durchsetzungsfähig, und schaufelt mit seiner Zustimmung zum Sozialabbau gerade wahrscheinlich das Grab seiner Partei. Zur Erinnerung: In Baden-Württemberg hat es die SPD zur Landtagswahl im März mit 5,5 Prozent gerade noch in den Landtag geschafft, in Sachsen-Anhalt steht sie in Umfragen bei fünf Prozent.

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Das Wohngeld soll gekürzt werden, die Bafög-Reform ist verschoben, eine Steuerreform soll Menschen mit nicht so hohen Einkommen angeblich entlasten (was für viele nicht funktionieren wird, da die Sozialabgaben steigen), das Elterngeld soll gekürzt werden, der Unterhaltsvorschuss ebenso. Das Rentenalter soll steigen, die Renten sollen auch am Kapitalmarkt finanziert werden (ohne dass die Renten steigen), wer 45 Jahre gearbeitet hat, soll trotzdem bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten, Krankschreibung wird ab dem ersten Tag verpflichtend, telefonische Krankschreibung ist für schwarz-rot auch bäh. 6,8 Milliarden Euro sollen bei der Eingliederungshilfe, also bei Behinderten, sowie in der Kinder- und Jugendhilfe eingespart werden. In der Altenpflege sollen die Kosten für die Bewohner:innen steigen und später gezahlt, der Zugang zu einem Pflegegrad erschwert, Rentenansprüche für pflegende Angehörige gekürzt werden. Die beitragsfreie Familienkranken- und -pflegeversicherung wird eingeschränkt und der Kinderlosenzuschlag für die Pflegeversicherung weiter erhöht. Mit Verabschiedung der GKV-Reform müssen gesetzlich Versicherte bei Medikamenten und Zahnersatz mehr zahlen. Eine Zusammenfassung findet sich hier.  (lee)

Die SPD ist vielleicht der Punkt, warum der DGB so lange gebraucht hat. An der Spitze der Dachorganisation sitzt mit Yasmin Fahimi eine einstige SPD-General- und Staatssekretärin. Zwar kritisiert sie immer mal wieder die Pläne der Bundesregierung, doch manchmal geht das Sozialdemokratische offenbar mit ihr durch. Nachdem der Koalitionsausschuss am 1. Juli seine Reformpläne vorgestellt hatte, erklärte sie per Pressemitteilung, diese sendeten "richtige Signale für Beschäftigung, Wachstum und Entlastung". Das ärgert viele und die Gewerkschaftsratsvorsitzende von Verdi Lisette Hörig (der Gewerkschaftsrat ist das höchste Gremium zwischen den Gewerkschaftstagen) schrieb der "lieben Yasmin" einen Brief, über den die "Junge Welt" berichtete, in dem sie fragte, ob Fahimi eigentlich noch alle Latten am Zaun habe.

Nein, so schrieb sie es natürlich nicht. Sie schrieb: "Wir sind als Gewerkschaften nicht dafür da, politische Kompromisse zu moderieren oder Regierungsentscheidungen wohlwollend zu kommentieren. Wir sind kein Korrektiv der Koalitionsdisziplin und erst recht kein Steigbügelhalter einer Bundesregierung." Immerhin.

Nun hatte Fahimi in ihrer Mitteilung auch geschrieben, dass sie nicht alles gut findet. So werde der DGB die Ausweitung der sachgrundlosen Befristungen von Arbeitsverträgen auf 48 Monate "nicht unkommentiert hinnehmen" und wegen der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung werde der DGB "die Auswirkungen genau im Blick behalten". Oha. Da sind die Genoss:innen in Berlin bestimmt ins Nachdenken gekommen.

Die wankelmütige Weichspülerei von Fahimi dürfte es demnach nicht gewesen sein, die die Gewerkschaften nun, 14 Monate nachdem die Sparregierung ihre Arbeit begonnen hat, endlich zum gemeinsamen öffentlichen Protest bewegte. Verdi hatte schon deutlich früher demonstriert, die GKV-Reform trifft ihre Mitglieder in Krankenhäusern und in der Sozialarbeit hart. So werden künftig die Tariferhöhungen für Krankenhauspersonal nicht mehr komplett, sondern nur noch zur Hälfte über die Krankenkassen finanziert. Effekt: Die Kliniken werden wieder massiv sparen, erfahrungsgemäß vor allem in der Pflege. Frauen und – deutlich weniger – Männer, die kranken Menschen Medikamente geben, sie waschen, gar mit ihnen reden – das rechnet sich einfach nicht.

Kaputtsparen ist keine Reform

Es ging bei der GKV-Reform und dem, was noch ansteht, nicht ausschließlich um Beschäftigte, es geht um nahezu alle in diesem Land. Und so gab es auch schon viele Proteste, dezentral in der gesamten Republik. Die IG Metall hat ebenfalls begonnen, ihre Leute zum Protest zu rufen. Weniger wegen des Sozialstaatsabbaus, mehr wegen der zigtausend Arbeitsplätze, die besonders in der Autoindustrie gerade nach Ungarn oder Thailand verlagert werden oder einfach verschwinden sollen. Die Ankündigungen von VW, Porsche und Mercedes, Werke zu schließen und zigtausend Jobs zu vernichten, um ihre Renditen zu erhöhen und den Aktionären noch mehr Geld auszahlen zu können, hat selbst bei den Autowerker:innen eine gewisse Wut ausgelöst und sie demonstrierten massiv.

In der großen Politik werden die bisherigen Proteste mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Die Leute wollen etwas anderes? Egal. Vati Merz weiß als Neoliberaler schon, was gut für uns ist. Milliarden aus dem Schuldenpaket Sondervermögen in die Rüstung, beim Rest wird gekürzt.

Dass die Gewerkschaften sich an die Spitze der Protestbewegung gegen die Angriffe auf den Sozialstaat stellen, passt also. Zumal die Merz-Klingbeil-Regierung nicht nur den Sozialstaat schleift, sondern massiv Arbeitnehmer:innenrechte angreift. Besonders der Plan, den Renteneintritt nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen, ärgert die Menschen. Auch die Vertrauensleute der IG Metall bei Mercedes-Benz, die schrieben einen offenen Brief an den Kanzler mit dem Titel "Schluss mit dem Klassenkampf von oben!". 

Ein Maurer zum Beispiel, der mit 16, 17 Jahren seine Ausbildung beginnt, darf nicht mehr mit Anfang 60 in Rente gehen – macht der Professor ja auch nicht. Ach, der kriegt ja gar keine Rente, der kriegt eine Pension. Also dann der Ingenieur, der nach ausführlichem Studium und drei unbezahlten Praktika mit 30 anfängt, auf Steuerkarte zu arbeiten. Der dürfte mit 67 dann nach 37 Jahren Arbeiten in Rente gehen, der Maurer hätte mit 67 sage und schreibe 51 Jahre lang gearbeitet.

Der Acht-Stunden-Tag soll weg und wie Lokführer:innen sich am ersten Krankheitstag bei ihrem Hausarzt eine Krankschreibung holen sollen, wenn sie mal wieder wegen Zugausfällen, Weichenstörungen oder Schaden an der Oberleitung am Arsch der Welt gelandet sind, weiß auch niemand.

Das Desaster lässt sich durch nahezu alle Berufe und Branchen durchspielen. In den kommenden Monaten muss nun trotz Sommerpause eifrig mobilisiert werden. Offenbar soll das vor allem über Social Media passieren. Vorige Woche lud der DGB Baden-Württemberg zwar zu einem "Pressetermin" ein, bei dem Vertreter:innen aller Mitgliedsgewerkschaften Statements abgaben. Doch tatsächlich traf man sich für Social-Media-Beiträge, Zeit für Fragen und Antworten waren nicht vorgesehen. Neben den Statements am Rande des Stuttgarter Schlossplatzes war das Wichtigste, dass alle ein buntes Tuch hielten, um darin befindliche rote Bälle in die Luft zu werfen, was selbstverständlich für Insta, Facebook etc. gefilmt und fotografiert wurde.

Bleibt zu hoffen, dass die Argumentation in der Mobilisierungskampagne für den 26. September, wenn die Demo-Welle bundesweit anrollen soll, griffiger wird. Und dass die DGB-Chefin am besten nichts mehr sagt.


Demonstriert werden soll am 26. September in 15 Städten, mehr Infos dazu hier.

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