Samstagmorgen in der Tübinger Südstadt: Straßenzüge ohne Ladengeschäfte, ohne soziale Treffpunkte, ohne einen Ort, um seinen samstagmorgendlichen Kaffeegelüsten nachzukommen. Doch dann, in der Hechinger Straße 35, stößt man auf das Südstadtcafé Hafenblick. Das Café liegt im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses direkt an der Durchfahrtstraße und bietet Kaffee-Klassiker und Kuchen. Es sieht alles ein bisschen nach Gentrifizierung aus. Doch schon beim Aufschlagen der Getränkekarte kommt erste Verwirrung auf. Vom Kaffee-Angebot kostet nichts über vier Euro. Das Café ist Teil des sogenannten 4-Häuser-Projekts – und damit Teil eines Lösungsansatzes sozialen Umschwungs eben gerade gegen Gentrifizierung.
Uni-Projekt Tübinger Hausbesetzungen
Seit 1968 wurden in Tübingen Häuser besetzt. Die Münzgasse 13, die Schellingstraße 6 oder die Ludwigstraße 15, sie alle wurden – oft mithilfe des Mietshäuser Syndikats – dem Immobilienmarkt entzogen. Die Tübinger Verwaltung hat bei alldem eine rühmliche Rolle gespielt, denn im Gegensatz zu anderen Städten, die besetzte Häuser oft brachial räumen ließen, galt dort ab Ende der 1970er die "Tübinger Linie": Das Studentenwerk hat häufig die Trägerschaft für die Häuser übernommen, die Wohnraum boten oder aktuell noch bieten in einer Unistadt, in der günstiges Wohnen Mangelware ist.
Elias Raatz, Tübinger Autor, Journalist und Medienwissenschaftler, hat 2025 zusammen mit dem Journalisten Lucius Teidelbaum ein Buch geschrieben über das Tübinger Epplehaus – einst besetzt, heute ein selbstverwalteter Jugendclub. Als Gastdozent am Institut für Medienwissenschaften hat er in Kooperation mit dem Tübinger Experten Marc Amann und der Kontext-Wochenzeitung im vergangenen Wintersemester ein ganzes Journalistik-Seminar zu Tübingens ehemals oder noch heute besetzten Häusern angeboten. Herausgekommen sind sehr gut recherchierte und geschriebene Texte, die die ganz eigenen Geschichten der einzelnen Häuser beschreiben und von den Träumen, Gedanken und Erfahrungen der Besetzenden und Bewohner:innen erzählen. Nun werden sie in ein zweites Buch gegossen. Ab Kontext-Ausgabe 791 haben wir je einen gekürzten Beitrag daraus veröffentlicht:
• Menschenrecht auf Wohnen verteidigen
• "Wir hol'n jetzt unser Haus!"
• Gefängnisgitter im Keller
• Ein Zuhause gegen alle Widerstände
• Raum für Selbstbestimmung
• Tod im Würgegriff
• "Wir hatten keinen Plan B"
• Besetzung gegen die Kirche
• "Stoppschild für die Gentrifizierung" (red)




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