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"Das Glück der Tätigen" vom Theater Lindenhof

Wenn die Philosophie Hefezopf flicht

"Das Glück der Tätigen" vom Theater Lindenhof: Wenn die Philosophie Hefezopf flicht
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Auf der Bühne entflammen Schweißgeräte, es wird gehobelt und gehämmert. Das Theater Lindenhof singt mit seinem neuen Stück das Hohelied auf das Handwerk: "Das Glück der Tätigen" macht aus dem Selbermachen eine Utopie und die handwerkliche Arbeit zum sinnlichen Abenteuer.

Da steht sie, die Textilmustergestalterin, und spricht voller Stolz von ihrer Arbeit. Sie erzählt davon, wie sie mit vierzehneinhalb Jahren die Schule verließ, einige Jahre arbeitete, dann eine Ausbildung in der Mössinger Textildruckfirma Pausa begann und durchlief, von 1978 bis 1980. "Mit sieben oder acht Farben", sagt sie, "konnten wir bis zu zwölf Nuancen schaffen. Die Farbmischungen musste man sich im Kopf vorstellen, wo sonst. Wir waren kreativ und haben mit allen Tricks geschafft, kein Muster war wie das andere." Eine erfüllende Arbeit. "Ich war immer neugierig, ich habe viel ausprobiert und viel gelernt."

"Vom Glück der Tätigen" heißt das Stück, mit dem das Theater Lindenhof am 17. Juli den Kultursommer in Mössingen eröffnet hat. Als "Handwerker-Stück" wird es angekündigt, und das ist keine Übertreibung. Denn es holt die Handwerkerinnen und Handwerker, teils echte, selbst auf die Bühne, lässt sie erzählen von einem langen Arbeitsleben. Nicht nur vom Glück, auch von den Schwierigkeiten. Lindenhof-Autor Franz Xaver Ott führte Interviews, sammelte Texte und kompilierte so ein Stück, das Menschen vorstellt, die sich identifizieren mit ihrem Tun, ein Stück, das das Handwerk feiert.

In einer Welt, die längst beherrscht wird von digitalen Fachkräften und Geschäftemachern, rücken Menschen in den Mittelpunkt, die mit der Arbeit ihrer Hände, ihrem Können die alltägliche Welt viel unmittelbarer gestalten. "Des Internet schlägt dir keinen Nagel nei", heißt es da einmal auf Schwäbisch, und der Applaus ist groß. Ein Klempner mag nicht gut aussehen, wenn er unter der Spüle kauert, aber er wird doch dringend benötigt.

Drei Handwerker, zwei Handwerkerinnen erzählen in dem Stück von ihrem Leben, ihrer Arbeit. Drei von ihnen spielen sich selbst, zwei werden von Schauspielern vertreten. Da ist Christiane Gehrsdorf, die Schreinerin, da sind Thomas Schelling, der Schlosser, Elke Krohn, die Friseurin, Gottlob Munz, der Bäcker, Julian Letsche, der Zimmermann, Beate Timm, die Textilmustergestalterin. Mit ihnen ein Bindeglied: Berthold Biesinger. Er war Handwerker, Maschinenmechaniker und Orthopädie-Schuhmacher, eher er Schauspieler am Lindenhof wurde.

Ein Ort mit Geschichte

Ihre Bühne ist die Bogenhalle der Pausa Mössingen, fantastisch in Szene gesetzt: Die ehemalige Produktionshalle der Textildruckfirma Pausa wird in ihrer ganzen Tiefe bespielt. Gestelle kreisen dort, kleine Bauten auf Rädern, auf denen Werkstattsituationen aufgebaut sind. Diese Werkstätten, Inseln in einem Meer der Möglichkeiten, werden von Menschenkraft geschoben. Hinter ihnen öffnet sich eine Flucht von gut 80 Metern, unterteilt von Stoffbahnen, Projektionen, Schattenspielen. In der Ferne sieht man weitere Gestelle, sieht Menschen, Silhouetten, die immerzu werkeln, schaffen: ein Welttheater des Handwerks. Rund 30 Laiendarsteller wirken an der Inszenierung mit. Die Bogenhalle hat die Fantasie des Regisseurs Johannes Schleker offenbar deutlich inspiriert.

Es ist ein Ort mit Geschichte: Über Jahrzehnte hin war die Pausa Mössingen ein international renommiertes Unternehmen. 2001 meldete sie Insolvenz an. Heute befindet sich die Anlage im Besitz der Stadt Mössingen, ist ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, immer wieder für Inszenierungen vom Theater Lindenhof genutzt. Die "Mechanische Weberei Pausa" wurde 1911 von den Stuttgarter Brüdern Artur und Felix Löwenstein im Vogtland gegründet, 1919 übernahmen die beiden eine Buntweberei in Mössingen, verlegten ihren Unternehmenssitz dorthin. Zwischen den Kriegen arbeitete die Pausa eng mit Gruppen wie dem Deutschen Werkbund und dem Bauhaus zusammen. Mössingen war Industriedorf, und die Textilarbeiter des Ortes waren die einzigen Arbeiter in Deutschland, die 1933 einem Aufruf der KPD zu einem Generalstreik gegen die Machtübernahme Hitlers folgten. Nach der "Arisierung" der Pausa 1936 mussten die Brüder Löwenstein fliehen. Nach dem Krieg, ab Ende der 1940er Jahre, spielte sie wieder eine große Rolle im internationalen Textildesign.

Über 23 Jahre arbeitete Beate Timm, die Textilmustergestalterin, in der Pausa. Sie erinnert sich: "Hier gingen Künstler ein und aus – Willi Baumeister, HAP Grieshaber, Andreas Felger." Auch diese Handwerkerin spricht gerne in ihrem heimischen Dialekt. "Meine Devise", sagt sie, "war: Was guat isch, muss gsagt sei, und was net guat isch, muss au gsagt sei." Also ging sie zu ihrem Personalchef und sagte ganz deutlich: "Ich habe mich gesteigert. Ich habe jede Herausforderung gesucht. Jetzt bin ich ein Mercedes und man zahlt mich wie einen Fiat." Herrlich boshaft der Auftritt dieses Chefs auf dem Theater: Ein Männchen mit Frack, Weste und sehr steilem Zylinder, das auch noch auf eine Leiter steigt, um von ganz oben herab zu erklären: "Also hören sie mal! Das brauch ich mir von Ihnen nicht gefallen zu lassen!" – "Ja, was isch des?", fragt sich die fleißige Textilmusterzeichnerin.

Kritik an einer Gesellschaft, die Handwerk nicht achtet

Mit Kritik an den Umständen, unter denen Handwerker:innen arbeiten, hält das Theater sich zurück. Später hört das Publikum die Geschichte von Christiane Gersdorf, die aus Hildesheim kam, Sozialpädagogik studierte, in einer Landkommune lebte und Schreinerin werden wollte. Sie erzählt, wie schwer es für sie war, sich durchzusetzen als eine Frau in einem sogenannten Männerberuf: "Da stehst du immer unter Druck, musst doppelt so gut sein." Sie erzählt später auch von der Schwierigkeit, die sie als Frau hatte, in die Selbstständigkeit zu finden, von fixen Mindestbeiträgen in die Handwerkskammer, die ihr zum Hindernis wurden. Die Kritik des Stückes richtet sich jedoch vor allem an eine Gesellschaft, die das Handwerk gering achtet, an Eltern, die ihren Kindern ein Leben wünschen als "Wissensarbeiter am farblosen Schreibtisch im belanglosen Institut" und gegen den "Gegensatz zwischen Handarbeit und Kopfarbeit". Nun, so heißt es, solle auch der Kopf ersetzt, auch diese Arbeit von Maschinen gemacht werden: Die künstlichen Intelligenzen sind da.

Das Theater Lindenhof dagegen singt das Hohelied des Handwerks, beschreibt eine Utopie des unmittelbaren Daseinsbezugs durch das gestaltende Handeln, flankiert durch eine Vielzahl an Zitaten von Ernst Bloch bis zu Martin Heidegger. Die Überhöhung, die Flut idealistischer Sentenzen, mit denen das Stück die Handwerker umspült, tut ihm nicht immer gut – mitunter scheint das Lob geradezu zur Predigt zu werden. Wie gut, dass die Handwerker tatsächlich da sind und die Höhenflüge erden.

Hannah im Hof, Berthold Biesinger, Linda Schlepps und Luca Zahn, die vier Schauspieler:innen des Lindenhofs, die hier mit Laien und Handwerker:innen auf der Bühne stehen, spielen allegorische Figuren: die Kultur, das Handwerk, die Soziologie, die Philosophie. Die Schauspieler:innen umkreisen die Handwerker, befragen sie, feiern sie. Und sie gehen bei ihnen in die Lehre.

Luca Zahn verkörpert die Philosophie. Er blickt Gottlob Munz über die Schulter, dem Bäcker, der niemals selbstständig wurde, da seine Frau ihn klugerweise in eine Beamtenlaufbahn lenkte. Der sich aber gut erinnert an eine Zeit, in der die Lehrlinge noch bei ihren Ausbildern in der Kammer wohnten ("Krankmachen konnte man da nicht"), und der noch immer versonnen und mit Freude die Schlaufen eines Hefezopfes legt. Die Philosophie darf ihm dabei zur Hand gehen und auch eine Teigschlaufe legen. Sie darf auch einmal den Hobel führen und den Hammer des Schmieds auf ein glühendes Eisen fallen lassen. Schweißgeräte entflammen auf der Bühne, Dampf und Metallgeruch ziehen ins Publikum.

"Zufriedenheit macht reich"

Darin liegt eine der großen Stärken des Stückes: Es macht die handwerkliche Arbeit zum sinnlichen Abenteuer. Die Handwerker auf der Bühne sprechen von der Faszination, die ihr Beruf auf sie ausübt, der Liebe, die sie für ihn empfinden – ob es Julian Letsche, der Zimmermann, ist, der von seinen Wanderjahren schwärmt, der gewonnenen Freiheit, und der derweil einen Tragepfeiler montiert. Oder Elke Krohn, die erzählt, wie sie das Friseurhandwerk erlernte, erst an der Puppe und später am lebenden Objekt, nicht ohne dabei Fehler zu begehen: "Aber Haare wachsen nach." Die vier Lindenhof-Schauspieler:innen sprechen mit echtem Enthusiasmus, die fünf Handwerker:innen präsentieren ihre Welt sicher und selbstbewusst auf der Bühne.

Ingo Bracke richtete diese Bühne mit ihren Inseln und Fluchten ein, Finn Bühr half dabei und entwickelte ein Sounddesign, das diskret mit Hall und handwerklichen Klängen arbeitet. Das Theater Lindenhof kooperierte für die Inszenierung mit Texoversum, der Fakultät Textil der Hochschule Reutlingen. Drei der Studierenden schufen Kostüme für die Aufführung: das des Schmieds, der Textilgestalterin und der Philosophie. Luca Zahn ist gekleidet in einen Wollmantel, in den Zitate eingenäht wurden, in einen Strick-Pollunder, in dessen Muster Erinnerungen an die Antike zerfließen.

"Eine nachhaltig gerecht moderne Gesellschaft gibt es nicht", das sagt das allegorische Quartett ganz zuletzt. "Sie ist eine Utopie. Gerade deshalb sollten wir sie durchsetzen." Und dann singen alle ein altes Handwerkerlied aus dem 19. Jahrhundert: "Nicht Reichtum macht glücklich, Zufriedenheit macht reich. Wir alle sind Brüder, wir alle sind gleich."

"Vom Glück der Tätigen" ist vor der Sommerpause noch am Freitag, 24., Samstag, 25., und Sonntag, 26. Juli jeweils um 19.30 Uhr in der Pausa-Bogenhalle zu sehen – Löwensteinplatz 1, im Pausa-Quartier, 72116 Mössingen. Weitere Aufführungstermine ab Mitte September.

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