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Leben neben der Mordstätte

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Das Datum des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar markiert die Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz durch die rote Armee und jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Wie ist es, in unmittelbarer Nachbarschaft zu leben? Das Stuttgarter Fotografenduo "die arge lola" ist dieser Frage nachgegangen.

Die Ausstellung "Nebenan. Die Nachbarschaften der Lager Auschwitz I–III" ist noch bis zum 2. Februar zu sehen im Tagungszentrum der Landeszentrale für politische Bildung im Haus auf der Alb in Bad Urach, anschließend an mehreren weiteren Orten in Baden-Württemberg. Alle Termine und Orte hier.

Zum ersten Mal im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz war Andreas Langen im Jahr 2012, wegen einer Arbeit über den "Auschwitz-Fotograf" Wilhelm Brasse. Beschäftigt hat ihn das Thema, die Verbrechen der Nazis, aber schon viel länger. "Seit ich 14 oder 15 Jahre alt bin", sagt Langen, der zusammen mit Kai Loges das Stuttgarter Fotografenduo "die arge lola" bildet.

Bei seinem Besuch schaute sich Langen auch das Gelände des Lagers ausgiebig an. Am Zaun sei er entlanggelaufen, irgendwann habe er außerhalb des Zauns ein Gebäude gesehen, das genauso wie das gegenüberliegende innen aussah, mit Schriftzug "Kommandatur" darauf – aber mit Blumen an den Fenstern. "Da hab ich gedacht: Kann mich mal jemand zwicken? Da wohnen Leute, direkt am Gelände des Lagers." Später erfuhr er, dass in dem Gebäude nach dem Krieg Wohnungen für Mitarbeiter des Museums Auschwitz-Birkenau eingerichtet wurden. Doch die Verblüffung über das Nebeneinander von ehemaliger Todesfabrik und "normalem" Leben war der Anlass für ein die-arge-lola-Projekt, das mehrere Jahre in Anspruch nehmen sollte. "Wie ist das, im Schatten einer einstigen Mordsstätte zu leben, was macht das mit einem?", so Langen. Die beiden Fotografen stellten bei der Verwertungsgesellschaft (VG) Bild-Kunst einen Antrag für ein Stipendium, bekamen es und unternahmen von 2015 bis 2017 insgesamt fünf Reisen, auf denen sie Menschen, Biografien und Orte dokumentierten, fotografisch, aber auch in langen Gesprächen. Das Ergebnis ist nun unter dem Titel "Nebenan" in einer Ausstellung in Bad Urach zu sehen ist, im Tagungshaus der Landeszentrale für politische Bildung.

"Auschwitz ist ein vielfach ausgeleuchteter Ort, seit Jahrzehnten erforscht, von Millionen Besuchern jedes Jahr besichtigt", steht in einem Begleittext zur Ausstellung. Trotzdem existiere im unmittelbaren Umfeld "eine fast unbekannte Sphäre: die Lebenswelt von Menschen, die Aufgrund historischer und biografischer Fügung zu Nachbarn dieser Schreckensorte geworden sind." Für Langen stellt sich dabei auch immer wieder die Frage, wie sich individuelles und kollektives Gedächtnis zueinander verhalten. "Bilder sind Konstrukte, Erinnerungen sind Konstrukte", sagt Langen, wie sie wirken, hängt immer auch davon ab, was man über sie weiß. Als Beispiel nennt er die Ziegelsteine der Lagergebäude, aus denen nach dem Krieg die Häuser des Ortes Brzezinka gebaut wurden – von dem sie ursprünglich auch kamen, denn das Dorf wurde 1941 von der SS abgerissen. Wenn man nicht wisse, woher die Steine kommen, habe das vermutlich keine Wirkung. "Aber ich glaube, wenn ich wüsste, woher die Ziegelsteine kommen, würde ich in diesem Haus Alpträume bekommen", sagt Langen.

Die Geschichte des historischen Grauenortes Auschwitz-Birkenau beschäftigt und prägt die Bewohner der Nachbarschaft auf sehr unterschiedliche Weise, das wird in der Ausstellung deutlich. Ermutigend dabei: Es wird so schnell nicht vergessen.   Oliver Stenzel

"Nebenan" – Eindrücke aus der Ausstellung

Von Kai Loges und Andreas Langen (Text und Fotos)

Eine sehr persönliche Reaktion auf das welthistorische Verbrechen von Auschwitz ist, dort hinzuziehen. Diese Option wählen besonders stark religiös motivierte Menschen. Zu ihnen gehören Rick Wienecke und seine Nachbarn Cathy und Mark Warwick. Ihre Häuser liegen einander direkt gegenüber am Weg von der "Alten Judenrampe" zum Tor des Vernichtungslagers Birkenau, so nah am Lager, wie es die Bauordnung gerade noch erlaubt. Rick Wienecke stammt aus Kanada und ist Bildhauer. 1977 ging er nach Israel und fand dort zum christlichen Glauben, mittlerweile besitzt er die israelische Staatsangehörigkeit.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Vernichtungslagers Birkenau liegt das Dorf Brzezinka. Am 22. April 1941 wurden die Einwohner des Dorfs von der SS vertrieben. KZ-Häftlinge mussten die Häuser abtragen und auf der Fläche des Ortes eine SS-Kaserne mit Lazarett errichten. Das Material der abgetragenen Häuser wurde für den Bau des Vernichtungslagers Birkenau verwendet. Knapp vier Jahre später befreite die Rote Armee das Lager, und die vertriebenen Einwohner von Brzezinka kehrten zurück. Gegen den Widerstand der Behörden bauten sie die Ortschaft wieder auf, teilweise mit Material aus dem Lager.

Es ist nicht rekonstruierbar, in welchen Gebäuden von Brzezinka heute wie viele Teile stecken, die vorher im Lager verbaut waren.

Die Familie von Emilia Kramarczyk hatte Glück. Sie hatte überlebt und durfte die gut erhaltenen Fundamente ihres Hauses, das beim Abriss noch keine fünf Jahre alt war, wieder bebauen. Das Grundstück befindet sich genau außerhalb einer Sperrzone rund um das ehemalige Lagergelände, auf dem nach der Befreiung jede Bebauung verboten wurde. Heute hat das Haus dieselbe Größe wie der Vorgängerbau von 1937, allerdings untersagt die Bauordnung Fenster in Richtung Schutzgebiet, also zum ehemaligen Lager hin.

Die Asche haben sie überall verstreut

Im Vernichtungslager Birkenau wurden mehr als eine Million Menschen ermordet. Die genaue Zahl ist nicht zu ermitteln, da viele Opfer ohne Registrierung direkt aus den Deportationszügen in die Gaskammern getrieben wurden. Um die Spuren des Massenmords zu verwischen, wurden die Leichen verbrannt. Ihre Asche wurde in der Umgebung verstreut, auf Wiesen, in Wäldern, Wasserläufen und Tümpeln.

Die Deportationszüge, die etwa eine halbe Million Juden aus ganz Europa nach Birkenau brachten, hielten zwischen Frühjahr 1942 und April 1944 an einem Nebengleis der Eisenbahnanlage Auschwitz, etwa einen Kilometer vom Tor des Vernichtungslagers Birkenau entfernt. Am 29. April 1944 fuhr erstmals ein Zug bis zur neuen Rampe auf dem Lagergelände. Im Jahr 2005 ist die Gedenkstätte an der "Alten Rampe" mit zwei historischen Viehwaggons angelegt worden. Sie befindet sich in der Nähe der ehemaligen Entladeplattform, die nicht erhalten blieb.

Das benachbarte Grundstück gehört der Familie von Marcin Mozgala, der jahrelang mit den Behörden stritt, um dort bauen zu dürfen. Der Familienvater empfindet es als Zumutung, dass er erst 15 Jahre nach seiner Heirat die Erlaubnis bekam, sich auf dem eigenen Grund ein Haus zu bauen. Er ist froh, das Lagertor nur in der Ferne zu sehen.

"Wir müssen das Lager nicht sehen"

Roman Rezon ist ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und wuchs von 1948 an in Brzezinka auf, der Heimat seiner Familie. Früher hatten die Rezons ein kleines Haus etwas abseits vom Dorf, in den Flussauen der Weichsel – bis zur Vertreibung durch die Deutschen im Jahr 1941. 1948 kehrten Roman Rezons Eltern mit ihm und seinen Geschwistern zurück nach Brzezinka. 1971 baute er ein eigenes Haus. Es steht auf einem Grundstück, das der Familie schon vor dem Zweiten Weltkrieg gehört hatte. Ein großer Teil dieses Geländes reichte in das später errichtete Lager hinein.

Zwischen seinem Haus und dem Lager hat Roman Rezon vor zehn Jahren einen kleinen Wald angepflanzt, der die Sicht vollständig versperrt. "So ist es besser", sagt er, "wir müssen das Lager nicht sehen, und von dort aus sieht uns niemand."

Jan Tobias und Jan Kasperczyk sind Freunde fürs Leben. Sie kamen Mitte der Dreißigerjahre in Brzezinka zur Welt, gingen zusammen zur Schule, spielten im selben Fußballverein und hatten ganz normalen Umgang mit der Kultur der deutschen Minderheit im Dorf – 1939 lebten in Brzezinka etwa 60 Deutsche unter den knapp 4000 Polen. Unter den Einwohnern waren 160 Juden. Noch heute kann Jan Kaspercyk aus dem Stand "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" singen – auf Deutsch.

Am 22. April 1941 hatten die Nationalsozialisten Brzezinka zwangsgeräumt, um das Vernichtungslager Birkenau zu errichten. Die Vertriebenen wussten nichts von diesen Plänen, sie hofften auf Rückkehr. Heute gedenken die Bürger des Orts an jedem 22. April ihrer Vertreibung.

Jan Tobias' Vater Josef Tobias war vor dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister in Brzezinka und zudem Lokführer. Aufgrund letzterer Tätigkeit wurde er als kriegswichtig eingestuft und durfte das Sperrgebiet rund um das Lager Birkenau betreten. Josef Tobias gab Informationen zu Gefangenentransporten und SS-Personalien an die polnische Untergrundarmee weiter. Die Frauen der Familie packten Lebensmittelrationen und schickten ihre Kinder damit zu den Häftlingskolonnen, die tagsüber außerhalb der Lager Zwangsarbeit verrichteten. "Wir Kleinen waren unauffällige Kuriere", erzählt Jan. "Ich habe oft auf diese Weise Essen zu Gefangenen gebracht, ohne aufzufliegen." Die Geschichte seines Heimatdorfes beschäftigt Jan Tobias bis heute intensiv.

Vor einigen Jahren veröffentlichte er ein umfangreiches Buch über die Historie von Brzezinka, die bis in das Jahr 1385 zurückreicht. Über Leben und Sterben unter der deutschen Besatzung sagt der Chronist von Birkenau: "Alles hing davon ab, an wen man gerade zufällig geriet."

Die einzige, die kein Mikrofon braucht

Lydia Skibicka-Maksimowicz, Jahrgang 1939, überlebte ein Jahr Vernichtungslager. Sie ist eine Art Patronin der Schule von Brzezinka, sie war schon bei der Einweihung im Jahr 1968 zugegen. Bis zu ihrer Pensionierung hat sie als Chemikerin in Oświęcim gearbeitet. So ist ihr Weg zur Schule nicht weit. Sie macht ihn jedes Jahr am 27. Januar.

Am Befreiungstag ist die Turnhalle mit Papiergirlanden geschmückt und bestuhlt, der Bürgermeister und ein Historiker halten Reden. Dann sprechen die beiden Überlebenden des Lagers. Lydia Skibicka-Maksimowicz ist die einzige Rednerin des ganzen Vormittags, die kein Mikrofon benötigt. Ihre Stimme füllt den Raum. Energisch spricht sie zu den kostümierten Schülern, schildert den Schrecken der Lager und fordert ihre Zuhörer auf, sich aller Menschenverachtung in den Weg zu stellen.

In der Schule von Brzezinka ist der 27. Januar der wichtigste Tag im Schuljahr: An jenem Tag im Jahr 1945 wurde das Lager befreit – aus Sicht eines Grundschülers also vor Ewigkeiten, Welten entfernt. Wenn da nicht die graublauen Streifen an der Wand der Eingangshalle wären. Wenn da nicht gleich neben dem Klassenzimmer Vier der kleine Gedenkraum wäre, wo die gleichen Streifen im zerschlissenen Stoff einer alten Uniform wiederkehren, einer Uniform in Kindergröße. Und wenn da nicht die schwarz-weißen Passbilder von Kindern in ebensolchen Uniformen wären, vor allem nicht die kleine Urne, gefüllt mit etwas, das ganz in der Nähe eingesammelt wurde, irgendwo bei den Krematorien des Vernichtungslagers Birkenau.

Den IG-Farben-Ausweis hat er noch

Nachdem Brzezinka 1941 von der SS geräumt worden und die Familie Nagy nach Monowice geflohen war, wurde Edward Nagy vom "Arbeitsamt", was er auf Deutsch ausspricht, zur Arbeit im Buna-Werk abkommandiert; den IG-Farben-Ausweis mit eingeschweißtem Passbild hat er noch. Sein direkter Arbeitgeber war die Gleiwitzer Elektrofirma Georg Grabasch.

Trotz Überwachung durch die SS hatte er Kontakte zum polnischen Widerstand, war Kurier für geheime Briefe und beteiligte sich an Fluchtvorbereitungen von Häftlingen. Er war Augenzeuge von brutalen Misshandlungen der Häftlinge bis hin zu Mord. Auch die Massentötungen in den Lagern waren ihm bewusst. "Der Geruch der Leichenverbrennungen war in der ganzen Stadt zu riechen, und ich habe auch mit Leuten gesprochen, die das mit eigenen Augen gesehen hatten", berichtet Nagy.

Alle Angehörigen seiner Familie überlebten den Zweiten Weltkrieg. Sie kehrten im Februar 1945 zurück nach Brzezinka.

Das ehemalige Wohnhaus der Familie von Lagerkommandant Rudolf Höß liegt unmittelbar neben den Wachtürmen und Zäunen am nordöstlichen Rand des Stammlagers. Es wurde kurz vor Kriegsbeginn 1939 als Wohnhaus eines polnischen Offiziers errichtet, der es nach der Befreiung 1945 auch wieder bezog. Ende der 1960er-Jahre verkaufte er es an eine polnische Familie, die es seither bewohnt. Der Großvater der heutigen Besitzerin war selbst im Stammlager inhaftiert.

Die Sikoras kamen in einem Stall unter

Jan Sikora wurde 1937 am nordwestlichen Rand von Brzezinka geboren, wo er heute noch wohnt. Als er drei Jahre alt war, bauten seine Eltern auf dem Grundstück ein neues Haus, in dem sie gerade mal ein Jahr lebten. Dann wurde die siebenköpfige Familie von den deutschen Besatzern vertrieben. Etwa sieben Kilometer entfernt kamen die Sikoras im Dorf Dwory in einem Viehstall unter, den sie mit zwei weiteren Familien teilen mussten – fast vier Jahre lang.

Jan wusste über das Schicksal der Juden Bescheid: "Wenn die Gefangenen am Abend in Kolonnen zurück ins Lager gingen, trugen sie Tote auf den Schultern", erinnert er sich. Nach der Befreiung Ende Januar 1945 wollte er sofort ins Lager Birkenau, doch die sowjetischen Alliierten erlaubten Anwohnern erst nach ein bis zwei Wochen den Zutritt. Was Jan im Lager sah, verfolgt ihn bis heute. Er sah die Ruinen der Krematorien II und III, die "Sauna" genannte Desinfektion, die Verbrennungsgruben und Duschen, die Haare und Kleidung der Toten und das brennende Effektenlager. In Baracken lagen in Decken gewickelte Leichen und in einem Graben neben dem Krematorium V erblickte Sikora eine nackte Frauenleiche, "weiß wie Schnee".

Während Jan sein Leben rekapituliert, sitzt eine seiner Enkelinnen auf dem Sofa und hört zu. "Man muss darüber reden", sagt Jan Sikora, "aber ich wünschte, ich hätte all das nie mit eigenen Augen gesehen!"

Irene Krzemien wurde im März 1939 in Brzezinka geboren, knapp ein halbes Jahr, bevor die ersten deutschen Bomben fielen. Aus den Erinnerungen ihrer Mutter berichtet sie, dass die Familie an einem Abend im April 1941 vertrieben wurde, bei Fackelschein und unter den Rufen: "Raus, raus!" Die Frauen und Kinder der Familie Krzemien hausen fortan in einem Schweinestall im Dorf Dwory; Irenes Vater, der von der Familie getrennt worden war, muss Zwangsarbeit bei der IG Farben in Monowitz leisten.

Irene Krzemien hielt nach 1945 eher Abstand zum Thema Krieg und Shoah. Die direkte Auseinandersetzung kam in ihrer Familie, wie bei vielen, erst Genrationen später: Einer ihrer Enkel hat eine Stelle im Staatlichen Museum Auschwitz.


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