NS-Zeitzeugin Trudy Schwarz zeigt den Schülern David Frank (l.) und Mikhail Mitaev alte Fotos. Filmstills: Traube47

NS-Zeitzeugin Trudy Schwarz zeigt den Schülern David Frank (l.) und Mikhail Mitaev alte Fotos. Filmstills: Traube47

Ausgabe 327
Zeitgeschehen

Die letzten Zeugen

Von Oliver Stenzel
Datum: 05.07.2017
Es leben nur noch wenige StuttgarterInnen, die aus eigener Erfahrung etwas über die Zeit des Nationalsozialismus erzählen können. Knapp zwei Dutzend wurden von Jugendlichen für die Filmreihe "Frage-Zeichen" befragt. Am kommenden Mittwoch werden die neuesten Filme des Projekts vorgestellt.

Henry Kandler hieß früher einmal Heinz Kahn und wohnte in Stuttgart. Im Januar 1939 wurde er als Neunjähriger von seinen Eltern im Rahmen des sogenannten "Kindertransport-Programms" nach England geschickt. Erst fünf Jahre später sah er seine Eltern wieder, die 1941 der Judenverfolgung der Nazis gerade noch nach New York entkommen konnten. Das Wiedersehen sei anfangs schwierig gewesen. Denn in den fünf Jahren sei er notgedrungen sehr selbständig geworden, habe sich mit 14 schon wie ein Zwanzigjähriger gefühlt, während seine Mutter erwartet habe, "ihren neunjährigen Sohn wieder zu bekommen".

Kandler blieb in New York und wurde Kinder- und Jugendpsychiater. Er sei "kein Holocaust-Überlebender", sondern ein "dem Holocaust Entkommener", ein "holocaust escapee". Weniger Glück hatte seine geliebte Großmutter "Lolo", Diana Laura Loeb. 1942 wurde sie erst von Stuttgart nach Haigerloch zwangsumgesiedelt, 1943 dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Er stelle sich oft vor, sagt Kandler, wie sie aus dem Zugwaggon ausgeladen wurde, wie die Hunde der Wachleute sie angebellt hätten, wie sie in die Räume geführt, in denen die Neuankömmlinge angeblich desinfiziert werden sollten, tatsächlich aber vergast wurden. Gedanken, die ihn auch im hohen Alter nicht zu verlassen scheinen.

"Holocaust-Entkommer" Henry Kandler mit Schüler David Frank.
"Holocaust-Entkommer" Henry Kandler mit Schüler David Frank.

Deutsch spricht Kandler schon lange nicht mehr. Zum Teil, weil er als Kind so schnell Englisch lernen wollte, zum Teil wohl auch, weil er wegen der Nazi-Zeit sehr gemischte Gefühle gegenüber Deutschland hat. Dennoch war er immer wieder in Deutschland. Einmal 2007, als vor der Hohenzollernstraße 12, dem letzten Wohnsitz seiner Großmutter Lolo, Stolpersteine für sie und ihren Mann verlegt wurden. Und nun kommt der 87-Jährige noch einmal in seine Geburtsstadt, zur Premiere der letzten vier Filme der Serie "Frage-Zeichen" am 12. Juli im Stuttgarter Metropol-Kino. Für einen der Filme haben im vergangenen Jahr zwei Stuttgarter Gymnasiasten Kandler in New York besucht.

30 Schüler und 23 Zeitzeugen

Seit 2012 haben rund 30 SchülerInnen aus Stuttgarter Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen insgesamt 23 Stuttgarter ZeitzeugInnen des Nationalsozialismus für das Projekt interviewt – Jüdinnen und Juden, ein Sinto, Kinder von Angehörigen des Widerstands, aber auch Menschen, deren Eltern oder sie selbst keiner von den Nazis verfolgten Gruppe angehörten. Die meisten lebten noch in Stuttgart, einige aber auch in Israel oder, wie Kandler, in den USA. Das Projekt, dessen Ergebnisse in drei Etappen in den letzten Jahren vorgestellt wurden, dokumentiert eindrucksvoll Erinnerungen einer Generation, aus der es nur noch wenige Überlebende gibt. Auch viele derer, die interviewt wurden, sind mittlerweile gestorben.

Entstanden ist "Frage-Zeichen" unter dem Dach der Hotel-Silber-Initiative, in der sich viele verschiedene Organisationen und Initiativen zusammenfanden und "alle möglichen Vernetzungen entstanden", wie Harald Stingele betont, der als Koordinator der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen aktiv ist. Am Anfang standen die zahlreichen Kontakte zu Angehörigen von NS-Opfern, zu Überlebenden oder deren Kindern, die im Zuge des Stolperstein-Projekts entstanden waren. Dieses Wissen über ehemalige Stuttgarter, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten, das sei der Hauptimpuls gewesen, so Stingele. Nur wie? In Zusammenarbeit mit dem Stadtjugendring sei dann die Idee entstanden, dies als Projekt mit Jugendlichen zu machen. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche an diesen individuellen Geschichten ein sehr großes Interesse haben", sagt Stingele, "und umgekehrt sind auch die ZeitzeugInnen zum Teil offener, wenn sie von jüngeren Menschen befragt werden."

Gerade dies war sehr umstritten, als das Projekt im Herbst 2011 dem Stuttgarter Gemeinderat vorgestellt und von der Fraktion SÖS/Linke ein Antrag zu dessen Förderung eingereicht wurde. Zu unwissenschaftlich sei es, die Interviews von Jugendlichen machen zu lassen, eine Dokumentation solle eher Fachleuten, solle Historikern überlassen werden. "Es war gar nicht unser Ziel, wissenschaftlich zu sein", sagt Stingele. Das Ziel sei vielmehr gewesen, die anderen Perspektiven von Jugendlichen zu zeigen, sie fragen zu lassen, was sie selbst besonders interessiere, und dadurch Filme zu machen, die auch Jugendliche ansprechen.

Letztendlich setzten sich die Befürworter dieses Konzepts durch, eine Mehrheit aus SPD, Grünen und SÖS/Linke bewilligte im Januar 2012 eine Projektförderung von 60 000 Euro für die ersten zehn Kurzdokumentationen. Bei den beiden folgenden Projektetappen mit jeweils vier und neun Filmen stimmten dann schon fraktionsübergreifende Mehrheiten bis ins bürgerliche Lager für die Förderung.

Ganz ohne wissenschaftliche Begleitung lief das Projekt überdies nicht ab. Vor den Gesprächen mit den ZeitzeugInnen stand jeweils ein zweitägiger Workshop, in dem den Jugendlichen methodische und inhaltliche Grundlagen vermittelt wurden. Unter anderem wurden sie von dem Esslinger Psycholgieprofessor Wolf Ritscher vorbereitet, der von Anfang an ein großer Fürsprecher des Projekts war. "Es ist eine Begegnung der Generationen" so Ritscher, "auch in Familien ist es ja oft so, dass Großeltern mit Enkeln besser kommunizieren können als Eltern mit ihren Kindern."

Die filmische Dokumentation übernahm der Stuttgarter Filmemacher Steffen Kayser, der die oft mehrstündigen und in mehreren Etappen geführten Gespräche zu Kurzdokus von rund 20 Minuten Länge destillierte. Sie zeigen oft sehr bewegende Gespräche, die da von Menschen mit einem Altersunterschied von 70 bis 80 Jahren geführt wurden. "Ich denke, die Gesprächspartner haben nicht nur anders geantwortet als gegenüber älteren Menschen, sondern sie haben sich auch sehr gefreut, mit jungen Leuten zu sprechen", sagt etwa David Frank, ehemaliger Schüler am Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium. Ihn selbst hätten die Gespräche auf jeden Fall beeinflusst, "sie haben mir einen anderen Blick auf das Thema Nationalsozialismus gebracht, und auch auf die gesamte Welt."

Das Konzept kam nicht nur bei den Schülern, sondern auch den ZeitzeugInnen an. "Nachdem ich den Film gesehen hatte, fand ich es eine gute Idee, das von Jugendlichen und nicht von Fachleuten machen zu lassen", meint etwa der evangelische Pfarrer Gerhard Dürr, der in der Endphase des Krieges noch als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde. Den drei Schülerinnen, die ihn interviewten, gab er am Ende des Gesprächs noch mit, nicht nur gegen Krieg und Unterdrückung, sondern auch gegen den Kapitalismus zu kämpfen.

 

Info:

Filmpremiere "Frage-Zeichen", 12. Juli, 18:30 Uhr, Kino Metropol 2, Bolzstr. 10, Stuttgart-Mitte; Eintritt frei, Reservierung empfohlen; Anmeldung: friederike.hartl@sjr-stuttgart.de, Tel.: 0711 - 237 26 31


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