KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

ppa: Deutscher Kaufmann, 27.1.2020

ppa: Deutscher Kaufmann, 27.1.2020
|

Datum:

Es wurde alles verscheuert, verkauft, vermarktet, verscherbelt, verwertet, was nicht niet- und nagelfest war, und selbst das: Haar zum Beispiel, Knochen. Koffer, Kleider sowieso, Schuhe, Brillen, Schmuck – ach, natürlich: Zähne, Gold- und Silberzähne. Selbst im Toten wurde gefunden, was vielleicht fürs spätere nackte Leben gerettet werden sollte. Jede Körperöffnung wurde untersucht, rasch und gründlich, alles unter strenger Aufsicht, damit nichts wegkam. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Alles mit der berühmten Korrektheit deutscher Buchhalter, alles genauestens aufgelistet, gut lesbar, fein säuberlich Reihe für Reihe, Seite für Seite. Ordnung muss sein, auch wenn es eine unangenehme Arbeit ist. Und einer muss es ja machen.

Man kann sich seinen Teil denken – oder eben nicht. 40 Prozent der 15- bis 35-Jährigen hierzulande haben noch nie etwas von diesem Ort gehört, von dem die Rede ist in diesen Tagen. Das spricht für das Schulsystem, es sagt viel über politisches Bewusstsein, Bildungsarbeit, Geschichte, Vergangenes. Sie wissen schon: Luther. Bach. Beethoven, Hölderlin, Schiller, Goethe, Rudolf Höß.

Die Listen sind erhalten. Viele Koffer, Kochgeschirre. Zahnbürsten. Die Puppen der Mädchen. Prothesen. Haarberge, die nicht mehr verarbeitet werden konnten zu warmen Decken für die Heimatfront, weil der Feind kam zur Befreiung. Photographien. Letzte Grüße. Feine Pelze gingen gern zum Christfest als Liebesgaben an die Bräute und die Mütter und die Töchter.

An den Baracken, den letzten, die nur noch stehen, weil sie wieder und wieder restauriert wurden, um Zeugnis abzulegen von deutscher Gründlichkeit, frisst die Fäulnis die Erinnerung. Buden und Bretter und Balken werden morsch. Stacheldraht rostet. Es wächst zuviel Gras.

Über die Schienen kamen die Transporte. Auf den Schienen tanzen heute manchmal die Jungen, ganz unbefangen. Sie balancieren. Sie kommen freiwillig, die Alten auch. Deutsche wenig, Israelis mehr. Am meisten kommen Polen, Engländer, Amerikaner, Italiener, Spanier. 150 Gebäude müssten sofort saniert werden, gründlich (BauGB). Nicht zu vergessen die Museen selbst. Die Koffer. Die Wege. Das Bewusstsein, alles. 

Das alles kostet. Wer soll's bezahlen? Der Jude? Der Pole? Wir? Wissen Sie eigentlich, was das kostet? Merkel ... Und wir haben doch erst vor einem Monat ...

Es kostet, was es kostet. Jährlicher Zuschussbedarf deutlich weniger als ein einziges der 100 deutschen Staatstheater.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!