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Kinder, wie die Zeit vergeht!

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 Fotos: Joachim E. Röttgers und Martin Storz 

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Von der Anti-Parteien-Partei in die Villa Reitzenstein. Wer hätte das vor 40 Jahren gedacht? Besonders in Baden-Württemberg, wo die CDU das Land als ihren Erbhof betrachtet hat. Unsere Autorin hat den Weg der Grünen journalistisch begleitet, Joachim E. Röttgers und Martin Storz haben sie fotografiert – und eine subjektive Auswahl getroffen.

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Tapoo heißt Fels

"Ohne die Grünen wäre ich nie nach Brasilien gekommen", sagt Willi Hoss im Jahr 2001. Er sagt es nach seinem Parteiaustritt wegen der deutschen Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Da hat er sein neues Lebensthema längst gefunden. Schon 1984 war er in Sao Paulo, unterstützte Gewerkschafts- und Umweltbewegung, streikende Arbeiter, den späteren Präsidenten Lula da Silva und unermüdlich Indigene in Amazonien. Der gelernte Hochdruckschweißer wollte "praktisch helfen, wo es am nötigsten ist". Er organisierte den Bau von Solar- und Wasserentkeimungsanlagen und überzeugte 1992 seinen früheren Arbeitgeber Daimler-Benz davon, sich im brasilianischen Regenwald zu engagieren: Aus Kokosfasern werden Kopfstützen oder Rückenlehnen hergestellt. Hoss, mit einer Unterbrechung grüner Bundestagsabgeordneter von 1983 bis 1990 – wirbt und sammelt: "Die Leute in Stuttgart sind beeindruckt, wenn sie erfahren, dass 30 Mark ausreichen, um ein Menschenleben zu retten", berichtet er nach einer Veranstaltung. Er bekommt zuerst einen Lehrauftrag, dann den Ehrendoktortitel der Universität in Belém im Bundesstaat Pará. Und 2000, drei Jahre vor seinem Tod, wird der frühere Kommunist und Gewerkschafter Häuptling der Ka’apor. Der Name, der ihm verliehen wird, sagt sehr viel aus über den Gründungsgrünen mit den vielen visionären Ideen, der immer auch ein Mann der Tat war: Tapoo heißt Fels und soviel wie: "Das ist einer, der hält, was er verspricht."

Asterix und Obelix

1987 erregte Fritz Kuhn erstmals bundesweites Aufsehen, als er sich bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Heidelberg für sein "Konzept der wechselnden Mehrheiten" verkämpfte. Es sah vor, dass die Grünen bei der Landtagswahl ein Jahr später notfalls Lothar Späth erneut zum Ministerpräsidenten wählen, ohne aber in dessen Regierung einzutreten. Per Meinungsbild wurde die ausgefallene Idee mit großer Mehrheit abgelehnt, der Zweck aber war erfüllt: Über die Grünen wurde zwischen Flensburg und Freilassing diskutiert als Partei, die zwar Mitgestaltung will, aber sich nicht allein an die SPD binden will. Joschka Fischer hatte die hessischen Grünen schon mal ans Regieren gewöhnt, an der Seite des Sozialdemokraten Holger Börner. "Damals hatten wir die spontaneistisch-skandalisierende Oppositionsrolle hinter uns gelassen", so Kuhn später. Enger Weggefährte in den Jahren des grünen Marschs in die Mitte war Rezzo Schlauch, Stuttgarter Szene-Rechtsanwalt und später Wirtschaftsstaatssekretär im Kabinett Gerhard Schröder II. Kuhn und Schlauch gingen durch dick und dünn, erarbeiteten sich ihre Spitznamen Asterix und Obelix (Copyright: Günther Oettinger) hart. Der eine wäre beinahe schon 1996 OB in der Landeshauptstadt geworden, der andere wurde es 2012. Die beiden Realos haben die Südwest-Grünen geprägt in den ersten drei Jahrzehnten wie niemand sonst. Das vierte gehört Winfried Kretschmann.

Der Gang für die Geschichtsbücher

Am 9. April 1992, so um die Mittagszeit, schnürten eine Handvoll Grüne im Stuttgarter Talkessel ihr Ränzlein und stapften hoch in die Villa auf dem Reitzenstein. Begleitet von einem – für damalige Verhältnisse – Riesenaufgebot von Kamerateams und MedienvertreterInnen starteten im Staatsministerium die ersten schwarz-grünen Sondierungsgespräche in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgelotet werden mussten Kompromisse in der Asyl- und Innen-, in der Verkehrs- und Umweltpolitik. Heftig spekuliert wurde, ob Erwin Teufel, der mit fast 40 Prozent die absolute Mehrheit für seine CDU vergeigt hatte, mit seinem Flirt mit den Grünen nicht bloß den Preis für eine Große Koalition hochtreiben wollte. Eine schwarz-grüne Koalition besäße im Landtag eine Mehrheit von nur drei Stimmen, heikel genug angesichts einer Handvoll Fundis in der Fraktion. Der Grünen-Bundesvorstand mischt sich ein, mag sich nicht anfreunden mit dem Experiment. Nach zwei Runden ist der Spuk vorbei und wird doch für immer seinen Platz in den Geschichtsbüchern finden. "Das war die entscheidende Zäsur", wird Reinhard Bütikofer später sagen, "weil wir die Ernsthaftigkeit unserer Anliegen und Forderungen in die Mitte der Gesellschaft getragen haben." Fünf Jahre später laden die Grünen übrigens denselben Teufel auf ihre Landesdelegiertenkonferenz nach Bruchsal ein. Deren Motto hieß: "Wirtschaft ökologisch erneuern."

Was ist das Besondere?

Inzwischen haben es die Grünen bis in den Schulunterricht geschafft. Der Landesbildungsserver Baden-Württemberg bietet ein für zwei Doppelstunden konzipiertes Modul an zur Frage "Wie wird aus einer Bewegung eine Partei?" Herausgearbeitet werden sollen "Akteure, Phasen und entscheidende Ursachen und Antriebe". Ein Beispiel könnte der Demonstrant gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, Winfried Hermann 1985, sein. Nach Einzel- und Gruppenarbeit sollen die SchülerInnen erklären können, "warum die politische Bühne in Deutschland einen neuen Akteur erhalten hat und was das Besondere an den Grünen ist". Empfohlen wird, einen Gegenwartsbezug herzustellen und zu diskutieren, was von der Bewegung geblieben ist, ob die Grünen heute eine normale Partei sind oder noch als außergewöhnlich oder alternativ wahrgenommen werden. Wie schrieb Studentin Theresia Bauer (Jahrgang 1965) zum zehnten Geburtstag der Partei: "Die Grünen sollten nicht darauf hoffen, dass ihr Bonus, einmal als erste Partei die richtigen Fragen gestellt zu haben, Grund genug sei für Jugendliche, sie auch zu wählen."

Durchlauferhitzer für die ganz große Bühne

Wer heutige Grünen-Parteitage erlebt, kann nicht annähernd die oft aufgeheizte und feindselige Stimmung früherer Jahre erahnen: Schreiduelle, Bühnenbesetzungen, Orgien von Anträgen zur Geschäftsordnung, Empörungsstürme und Zwangspausen waren an der Tagesordnung, auch im Südwesten. Der Landesverband wurde zwar früh von den Realos dominiert, verlor aber trotzdem in Konflikten wie dem über deutsche Kriegseinsätze viele Köpfe. Einige Linke sind bis heute geblieben. Für sie steht Sylvia Kotting-Uhl, von 2003 bis 2005 Landesvorsitzende. Seither sitzt die inzwischen dreifache Großmutter im Bundestag, als Energie- und vor allem Atomenergieexpertin.

Von Anfang an fungierte der Landesverband in beiden Flügeln als bundespolitischer Durchlauferhitzer für spätere Prominente. Biggi Bender, die erste Fraktionsvorsitzende im baden-württembergischen Landtag, wechselte in den Bundestag, ebenso der türkische Schwabe Cem Özdemir, der als Kretschmann-Nachfolger zurückkommen könnte. Neben Kuhn und Schlauch und Hoss, Winfried Hermann und Oswald Metzger – heute CDU – und Uschi Eid und natürlich Wolf-Dieter Hasenclever – vorübergehend FDP – zählt Reinhard Bütikofer zur Riege der Namhaften mit einem bemerkenswerten Werdegang: Landtagsabgeordneter und finanzpolitischer Sprecher von 1988 bis 1997, danach Landesvorsitzender gemeinsam mit Monika Schnaitmann, dann politischer Geschäftsführer im Bundesvorstand, ausdrücklich mit der Aufgabe zu vermitteln zwischen den Flügeln, Vorsitzender der Grundsatzprogrammkommission, ab 2002 sechs Jahre lang der am längsten amtierende Bundesvorsitzende der Grünen, seit 2009 Abgeordneter im Europaparlament.

Der Untergang ist noch nicht besiegelt

Aus der von Winfried Kretschmann mitformulierten Erklärung der ökolibertären Strömung innerhalb der Grünen, geschrieben 1984: "Wir sind es leid, uns als staatstragend, rückwärtsgewandt und rechts diffamieren zu lassen. Wir sind es leid, unsere Energien von einem defensiven Klein- und Rechtfertigungskrieg binden zu lassen. (...) Die grüne Partei ist heute auf dem besten Wege, ihr originäres Profil einzubüßen. Immer mehr verheddert sie sich in einem heillosen organisatorischen Innenleben, greift zu überkommenen linkssozialdemokratischen Konzeptionen und räumt das ökologische Terrain. Das ist den anderen Parteien nicht verborgen geblieben. Mit ökologischer Rhetorik und umweltschützerischer Praxis versuchen sie, die parlamentarische Existenz der grünen Partei überflüssig zu machen. Wenn es so weitergeht wie bisher, könnte es tatsächlich so weit kommen. Das aber wäre eine Katastrophe: Denn ein zweites Mal wird es einer ökologischen Partei wohl nicht gelingen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Der ökologische Impuls wäre auf Dauer von den Parlamenten ferngehalten und wichtiger realpolitischer Möglichkeiten beraubt. Wir werden daher um Mehrheiten in der grünen Partei kämpfen. Wären die grünen Wähler demokratisch in den Gremien der Partei repräsentiert, dann wären wir die Minderheit schon längst nicht mehr, die wir heute — noch – sind. Wir beklagen uns nicht mehr. Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir der Überzeugung sind, dass der grüne Traum kein schlechter war und ist, dass er aus der Realität kommt und zu realer Politik drängt, und dass der Untergang der grünen Partei noch nicht besiegelt ist."


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