Schon vor ihrer Zeit waren die USA ein Migrantenmagnet: Freiheitsstatue im New Yorker Hafen. Foto: Ferdinand Stöhr/Unsplash

Ausgabe 317
Zeitgeschehen

Wirtschaftsflüchtlinge aus Deutschland

Von Wolfgang Hörner
Datum: 26.04.2017
Viele Deutsche flohen im 18. Jahrhundert vor der Armut nach Amerika. Auf überfüllten Booten, ausgenutzt von Schleppern, zusammengepfercht in Lagern. Der Ehinger Schulmeister Gottlieb Mittelberger war einer von ihnen. Über seine Flucht hat er einen Bericht verfasst, der erstaunliche Parallelen zur heutigen Situation aufweist.

Wirtschaftsflüchtling, so würde man Gottlieb Mittelberger heutzutage nennen. Erstaunlich, dass sein Text so wenig bekannt ist, dass man ihn in keiner Debatte erwähnt. Ich selbst stieß zufällig auf einen kleinen Auszug aus dem Buch, in dem Mittelberger beschreibt, welch einen entbehrungsreichen und lebensgefährlichen Weg er und andere hinter sich bringen mussten. Mittelberger erzählt von den Tricks und kriminellen Machenschaften von Schleppern und "Menschenverkäufern", die Flüchtlinge betrügen, berauben und ins Unglück stoßen, von der katastrophalen Überfahrt auf dem überfüllten Schiff, bei der massenweise Flüchtlinge sterben, und von der Ankunft, bei der auf die Überlebenden im schlechtesten Fall der nächste Schock statt der ersehnten Freiheit wartet: Familien werden auseinandergerissen, und mit manchen Flüchtlingen wird ein regelrechter "Menschen-Handel" betrieben.

Gottlieb Mittelberger war dabei alles andere als allein: ganze Scharen schwäbischer und pfälzischer Mitbürger machten sich in der Zeit um das Jahr 1750 nach Amerika davon; einer Zeit, in der im Ankunftsland Pennsylvania durchaus mit Verve eine Debatte darüber geführt wurde, ob man die Zahl der Zureisenden nicht begrenzen beziehungsweise in andere Landesteile umlenken solle.

Erstmals stieß ich auf Auszüge aus Mittelbergers Werk in dem Band "Zwischen Hudson und Missisippi. Berichte deutscher Reisender des 18. und 19. Jahrhunderts" (Verlag der Nation 1987). Nun auf Mittelbergers Spur stieß ich auf eine zweite, viel reichhaltiger kommentierte und bebilderte Ausgabe des Textes ("Reise nach Pennsylvanien 1750", herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Jürgen Charnitzky, 1997). Umso stärker meine Verwunderung, dass der Bericht so unbekannt ist – zeigt er doch bei aller manifesten historischen Verschiedenheit der konkreten Situationen augenfällig Stereotypen und Konstanten, mit denen sich wohl jeder Flüchtling in jeder historischen Situation konfrontiert sieht, und gibt die Grundmuster der Reaktionen vor, die in Ländern ausbrechen, wenn sie Ziel von Massenzuwanderungen sind.

Gottlieb Mittelberger floh sein Land, als seine bürgerliche und wirtschaftliche Existenz in der Heimat zusammengebrochen war. Er war nicht politisch verfolgt (ohnehin ist ein eingehendes Interesse an Politik bei ihm nicht zu erkennen) oder mit dem Tode bedroht. Damit war er allerdings einer von vielen: ca. 200 000 Deutsche strömten im 18. Jahrhundert nach Nordamerika, und allein in den Jahren 1749 bis 1754, also in der Zeit, die Mittelberger in Amerika verbrachte, suchten 25 000 Württemberger ebenfalls ihr Heil in der Ausreise in die ungewisse Ferne. Circa sieben Millionen Deutsche sollen bis in die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts insgesamt nach Amerika ausgereist sein.

Glaubenszwang, Kriegswirren und manchmal auch Strafverfolgung, vor allem aber Existenznot trieben die meisten zu der lebensgefährlichen Reise. Und die Deutschen waren in Amerika nicht unbedingt willkommen – heiße Debatten tobten dort darüber, ob die deutsche Überfremdung die noch junge amerikanische Gesellschaft nicht gefährde.

Mittelberger wurde 1721 im schwäbischen Eberdingen (bei Vaihingen) geboren und wuchs in Enzweihingen (heute ein Teilort von Vaihingen) auf, wo sein Vater, Salomon Mittelberger, Schulmeister war. Mittelberger sollte in dessen Fußstapfen treten und legte am 17. April 1742 seine Prüfung ab (ein akademisches Studium war dafür nicht nötig) und versah von nun an gemeinsam mit dem Vater die Ämter des Lehrers, Mesners und Organisten.

Er heiratete und bekam Kinder – alles schien auf eine normale bürgerliche Existenz hinzudeuten. Doch schon ein Jahr nach Geburt des ersten Kindes erging an Mittelberger eine erste Ermahnung des vorgesetzten Vaihinger Dekans, "mehr Fleiß und Wachsamkeit" an den Tag zu legen und weniger "Schmähworte" zu gebrauchen. 1749 wurde er nicht nur erneut ermahnt – er wurde auch aus dem Schuldienst entlassen. Eine außereheliche Affäre mit der zweitältesten Tochter des Enzweihinger Pfarrers war bekannt geworden, ein Skandal. Damit war Mittelberger sozial geächtet – und auch wirtschaftlich war ihm damit die Lebensgrundlage entzogen.

Flucht nach Amerika

Während der Stuttgarter Oberrat noch über eine von ihm beantragte Strafmilderung beratschlagte, tat Mittelberger eine Möglichkeit auf, seine bisherige Existenz hinter sich zu lassen: eine vom Heilbronner Orgelbauer Adam Schmahl gebaute Orgel sollte nach Amerika überführt werden. Für den Organisten Mittelberger eine grandiose Gelegenheit, zu verschwinden und sich dazu die teure Ausreise finanzieren zu lassen.

36 Zollstationen hat Mittelberger laut eigener Aussage zu passieren, bevor er Rotterdam erreicht, den Hafen, an dem schon seit Jahrzehnten deutsche Flüchtling landen, bevor sie Schiffe besteigen können, die sie zuerst nach England (Amerika ist immer noch englische Kolonie und darf nur von England aus angefahren werden) und dann ins ersehnte Nordamerika bringen.

Die Zustände in Rotterdam damals allerdings ähneln denen an der nordafrikanischen Küste heute. Für die Ausreisewilligen, die schon wochenlang unterwegs sind, ist es die letzte Möglichkeit, sich mit Verpflegung einzudecken. Der Kapitän auf dem Schiff verkauft nur den äußerst knapp bemessenen Frachtraum (selbst der gesetzliche vorgeschriebene Raum von ca. 185 x 50 cm pro Person im Zwischendeck wurde oft unterschritten, nicht aber Verpflegung an Bord. Die Preise sind maßlos überhöht. Schlepper zocken die ausgelieferten Flüchtlinge ab. Viele gehen unzureichend versorgt an Bord. Die Schiffe – fast allesamt umgebaute Frachtboote – werden mit viel zu vielen Passagieren beladen, im Schnitt 300 bis 600. Drastisch schildert Mittelberger die Zustände am Hafen und bei der Überfahrt – die Enge, die Stickigkeit, den Hunger, das Elend, die Todesfälle. Viele ersticken oder verhungern auf der Überfahrt, oder sterben an den in der Enge schnell um sich greifenden Krankheiten.

Aus anderen zeitgenössischen Quellen weiß man heute: Auch wenn Mittelberger bewusst drastisch schildert und eher die Schrecken der Überfahrt betont: was er vom Elend der Flüchtlinge erzählt, ist weder erfunden noch übertrieben. Natürlich gab es auch ehrliche und anständige Schlepper und Kapitäne – meist ging es den Mittlern aber vornehmlich darum, so viel wie möglich aus den ausreisewilligen Deutschen herauszupressen.

Die durchschnittliche Sterblichkeitsrate bei der Überfahrt lag bei ca. 3,8 Prozent. Da eine Zeit lang in Rotterdam Passagier- und in Philadelphia Ausschiffungslisten geführt wurden, weiß man, dass bei Mittelbergers Überfahrt im Schiff Osgood nur drei Viertel aller Mitreisenden lebend am Zielort ankamen; aber es gab auch Fälle, bei denen es noch deutlich schlimmer war.

Mittelbergers Reise dauerte insgesamt viereinhalb Monate – das war normal. Am Hafen von Philadelphia dürfen er und alle über Sechzehnjährigen erst einmal an Land – allerdings nur, um den Treueschwur auf die englische Königin abzulegen – danach müssen alle wieder zurück aufs Schiff und dann erst beginnt die Ausschiffung bzw. die Auslösung/der Verkauf der Passagiere.

Ein Wort zur Willkommenskultur

Auch wenn die Deutschen in Amerika im Ruf standen, fleißig und arbeitsam zu sein – besonders willkommen waren sie nicht immer und erst recht nicht, als sie – wie in Zeiten Mittelbergers – in großen Massen kamen. 1683 waren die ersten 13 holländischen und deutschen Familien von Penn in Philadelphia mit Freuden empfangen worden, sie sollten der Vortrupp deutscher Amerikabesiedlung sein.

England, das das Land besiedeln wollte und dort auch Soldaten gegen die Franzosen brauchte, strengte eine regelrechte Werbekampagne auf dem Festland an, die es der dortigen Bevölkerung nahelegte, "aus dem soviel- und hartbedrängten Deutschland auszugehen" und nach Amerika überzusiedeln.

Als dies bekannt wurde und der extrem kalte 'Jahrhundertwinter' 1708/09 in der leidgeprüften Pfalz dann noch Teile des Obst-und Weinbestands vernichtete, setzte die erste große Ausreisewelle ein: 13 000 bis 15 000 mehr oder weniger mittellose Deutsche machten sich auf nach England, in der Hoffnung, von dort aus freie Überfahrt in die Neue Welt zu bekommen. Auf einen solchen Ansturm war man dort allerdings nicht vorbereitet, auf der "Schwarzen Heide" (Black Heath) bei Greenwich wurde ein Auffanglager aus Zelten errichtet. Tausende waren schon in England an Krankheiten und Auszehrung gestorben, viele der nach Amerika Ausgeschifften überstanden, zusammengepfercht im Schiffsinneren, die Überfahrt nicht – von den 650, die nach Carolina sollten, starb die Hälfte, von den 3000 nach New York Verschifften kamen 470 auf der Überfahrt ums Leben und weitere 250 erlagen nach Ankunft in einem Quarantänelager einer Typhusepidemie.

Dessen ungeachtet reisten nun jährlich Tausende aus. Bis zu Mittelbergers Ankunft hatte es auf jeden Fall über 100 000 Deutsche nach Amerika gezogen, circa 80 Prozent davon hatten sich in Pennsylvania niedergelassen. Allein in den Jahren 1749 bis 1754 kamen 114 Schiffe mit circa 36 000 Deutschen, meist ganzen Familien, in Philadelphia an.

Freilich sahen die Engländer angesichts der ständig anwachsenden Zahl der Deutschen ihr Land "durch eine zunehmende 'Germanisierung' gefährdet" (Charnitzky). Schon 1717 fürchtete der pennsylvanische Gouverneur Keith "sehr gefährliche Konsequenzen" für seine Kolonie durch "die große Zahl der Fremden aus Deutschland, die mit unserer Sprache und Verfassung nicht vertraut sind" (Colonial Records) und sich unregistriert übers Land verteilten. Es wurde eine Pflicht zur Registratur eingeführt und jeder über Sechzehnjährige musste innerhalb 48 Stunden nach Eintreffen in Pennsylvania ein Gelübde auf den britischen König, den Eigentümer der Kolonie und seinen Statt­halter ablegen, Treue und Gehorsam geloben und sich den Gesetzen des Landes unterwerfen.

Benjamin Franklin befürchtete 1751, Pennsylvania könne "in wenigen Jahren eine deutsche Kolonie werden: statt dass sie die englische Sprache lernen, müssen wir die ihre lernen oder wie in einem fremden Land leben. Schon jetzt beginnen einige Engländer, bestimmte Wohngegenden zu verlassen, die von Deutschen eingekreist sind, weil sie sich dort aufgrund der abstoßenden, ungehobelten Manieren der Deutschen nicht mehr wohl fühlen; und wahrscheinlich werden erhebliche Mengen die Provinz aus ebendiesen Gründen ganz verlassen" (Brief an James Parker, 20. März 1751).

In der Tat neigten die Deutschen dazu, Parallelgesellschaften zu bilden, in denen man Deutsch sprach, deutsche Sitten pflegte und unter sich blieb. In einem Brief vom 9. Mai 1753, also zu der Zeit, als Mittelberger sich im Land befand, schrieb Franklin: "Diejenigen Deutschen, die hierherkommen, gehören gewöhnlich zu den Ungebildetsten und Dümmsten ihrer eigenen Nation ... jetzt aber kommen sie scharenweise und reißen alles mit sich."

In einem 1751 verfassten Pamphlet bemängelte Franklin auch die Hautfarbe der deutschen Zuwanderer. "Warum sollte das von den Engländern gegründete Pennsylvania eine Kolonie von Ausländern werden; bald werden sie so zahlreich sein, dass sie uns germanisieren statt dass wir sie anglizieren; niemals werden sie unsere Spreche und unsere Sitten annehmen, geschweige denn unsere Hautfarbe." Die der Deutschen nämlich sei "swarthy", also dunkel, Ausnahme seien nur die "saxons", die Sachsen, die – zusammen mit den Engländern – die einzig wirklich Weißen seien.

Franklin hatte deutlich nachvollziehbarere Gründe für seine Ängste als heutzutage flüchtlingsfeindliche Deutsche, waren damals doch tatsächlich erhebliche Teile der pennsylvanischen Bevölkerung deutsch; freilich wurden seine Befürchtungen nicht Realität. Heute gelten die "Pennsylvania Dutch" als echte Amerikaner.

Mit Beginn des Französischen und Indianerkrieges (1754 bis 1763), der das Leben der vor allem im Grenzland lebenden deutschen Siedler extrem unsicher machte (und später dann auch mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg), verringerte sich die Anzahl deutscher Wirtschaftsflüchtlinge nach Amerika; die Diskussion um die Germanisierung Amerikas verstummte.

Mittelberger warnt vor der Auswanderung

Nach seiner Ankunft in Philadelphia ist Mittelberger erst einmal mit dem Aufbau der für die St. Michaelskirche bestimmten Orgel beschäftigt. Bis August 1754 bleibt Mittelberger im Land, dann reist er wieder nach Deutschland zurück, wo es dann zur Wiederannäherung zu seiner Ehefrau kommt. Bis 1760 leben die beiden in Enzweihingen, 1760 siedelt die Familie nach Ludwigsburg um, wo Mittelberger bis zu seinem Tode als Torschreiber angestellt ist.

Bald nach seiner Rückkunft scheint er mit dem Bericht über seine Amerikareise begonnen zu haben, die, man sehe und staune, vor Veröffentlichung den Herzog von Württemberg zur Durchsicht vorgelegt und danach "verbessert" worden war – wahrscheinlich handelt es sich um eine Auftragsarbeit im Dienste des Fürsten, der dafür Mittelberger die Rückkehr erleichtert haben wird.

Mag Mittelberger auch – vor allem was die eigene Person angeht – eher zur Zuspitzung und Übertreibung denn zum Understatement neigen: In der Schilderung der Zustände in Rotterdam und auf den Überfahrtschiffen wird er von so vielen anderen Quellen bestätigt, dass sein Bericht auf beiden Seiten des Atlantiks (es gibt zwei englische Übersetzungen des Buches) als lesenswertes und wichtiges Zeugnis gilt.

 

Wolfgang Hörner ist Leiter des Berliner Galianiverlags und Herausgeber des Verlags "Das kulturelle Gedächtnis". Für diese Neugründung hat er den Schwaben Gottlieb Mittelberger und seine Flucht nach Amerika neu entdeckt und erstaunliche Parallelen zur heutigen Flüchtlingsdebatte gefunden. Wir drucken sein leicht gekürztes Vorwort ab.

Gottfried Mittelberger: "Reise in ein neues Leben. Ein deutsches Flüchtlingsschicksal im 18. Jahrhundert", 2017, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 112 Seiten, 20 Euro


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 28.04.2017
    Ein deutsches Flüchtlingsschicksal fällt uns auf die Füsse:
    "Frederik Trump, unter diesem Namen lebte Donald Trumps Großvater in den USA. Als er 1869 im pfälzischen Kallstadt das Licht der Welt erblickte, hörte er noch auf den Namen Friedrich Trump, sagt Roland Paul, der ehemalige Leiter des Instituts für pfälzische Geschichte in Kaiserslautern. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, war eines von sechs Kindern einer Winzerfamilie. "Nach dem Besuch der Schule hat er den Beruf des Baders erlernt. Heute würde man Friseur sagen", erklärt Roland Paul. (Der Leiter des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, Roland Paul.)"

    Flüchtlinge zählen meines Erachtens nicht zu den Faulen, Feigen oder Dummen. Sie haben erkannt, dass nur durch die Selbstbefreiung und den mutigen Aufbruch zu neuen Ufern sich die Gesellschaft und ihre Situation verändern, eventuell sogar verbessern lässt.
    Ein schwäbisches Sprichwort besagt: "Net gschosse, isch au gfehlt!"
    Ergo: Auf geht's - wir brauchen nach 500 Jahren wieder eine Reformation:
    Nur wer hinschaut, kann etwas sehen: www.reformation-stuttgart.de
    KONTEXT hat gezeigt wie so etwas geht - gratuliere!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!